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Der Handel mit Arbeitskräften – eine moderne Form der Sklaverei

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Von WALDEN BELLO, 4. Januar 2013 -

Eines der Merkmale des gegenwärtigen Globalisierungsprozesses ist der absolut freie Fluss von Gütern und Kapital. Im Unterschied zur früheren Phase der Globalisierung im 19. Jahrhundert ist dieser Kapital- und Güterfluss jedoch nicht von einer globalen, freieren Bewegung der Arbeit begleitet. Denn im Grunde verhängen die dynamischen Zentren der Weltwirtschaft immer stärkere Einschränkungen für die Migration aus den ärmeren Ländern. Doch der Bedarf an billigen Arbeitskräften wächst in den reicheren Teilen der Welt stetig an. In dieser Situation versuchen mehr und mehr Menschen in den Entwicklungsländern, der wirtschaftlichen Stagnation und Armut zu entkommen, die oftmals das Resultat der gleichen Dynamik des globalen Kapitalismus sind, die den Wohlstand in den entwickelten Ländern erzeugt hat.

Die Anzahl der Migranten wuchs laut Guy Arnold weltweit von 36 Millionen im Jahr 1991 auf 191 Millionen im Jahr 2005. Arnold ist der Autor des Buches Migration. Changing the World, einer der umfangreichsten Studien zum Thema. Die Gesamtzahl sagt allerdings nichts über die entscheidende Rolle aus, die Arbeitsmigranten in den prosperierenden Wirtschaften innehaben. So sind beispielsweise die Länder am Persischen Golf und der saudi-arabischen Halbinsel mit ihren boomenden Ökonomien relativ dünn besiedelt, was die einheimische Bevölkerung anbelangt. Aber sie beherbergen eine beträchtliche Zahl ausländischer Arbeitsmigranten, von denen viele aus Südasien und Südostasien stammen. Ausländische Arbeitskräfte machen einen unverhältnismäßig großen Teil der Bevölkerungen in den Golf-Staaten aus – ein Viertel in Saudi-Arabien, zwei Drittel in Kuwait und über neunzig Prozent in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Katar.

Diese Lücke zwischen steigender Nachfrage und eingeschränktem Angebot hat eine explosive Situation erzeugt. Denn diese Lücke wird gefüllt von einem weltweiten System des illegalen Menschenhandels, das in vielerlei Hinsicht mit dem Sklavenhandel des 16. Jahrhunderts verglichen werden kann.

Am Fall der Philippinen soll die Dynamik des gegenwärtigen Handelssystems mit entrechteten Arbeitskräften aufgezeigt werden. Das Land ist einer der weltweit größten Exporteure von Arbeitskräften. Etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung und 22 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter verdingen sich als Arbeitsmigranten im Ausland. Deren Geldüberweisungen in die Heimat belaufen sich auf mehr als 20 Milliarden US-Dollar im Jahr, was die Philippinen zum viertgrößten Empfänger dieser Finanztransfers macht – nach China, Indien und Mexiko.

Strukturanpassungen und der Export von Arbeitskräften


Die Rolle der Philippinen als Exporteur von Arbeitskräften kann nicht von der Dynamik des neoliberalen Kapitalismus getrennt werden. Der Export von Arbeitskräften begann Mitte der 1970er Jahre unter der Diktatur Marcos’ als vorübergehendes Programm. Eine vergleichsweise geringe Anzahl Arbeiter war betroffen – ungefähr 50000. Das Anwachsen des Programms auf mittlerweile neun Millionen Arbeiter ist zu einem großen Teil Folge der 1980 begonnenen Strukturanpassungspolitik der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) – mit ihren verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt –, der Liberalisierung des Handels durch die WTO und der Priorität des Schuldenabbaus seitens der Regierungen nach Marcos.

Die strukturellen Anpassungen resultierten in einer Deindustrialisierung und dem Verlust vieler Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe. Handelsliberalisierungen drängten viele Bauern aus der Landwirtschaft heraus – und viele davon direkt ins Ausland. Und mit dem Vorrang des Schuldenabbaus – jährlich werden zwanzig bis vierzig Prozent des Budgets für die Schuldenbedienung aufgebracht – bemächtigte sich die Regierung jener Ressourcen für Investitionen, die als Motor wirtschaftlichen Wachstums dienen könnten. Der durch die Strukturanpassungen und den liberalisierten Handel in den Philippinen erzeugte Druck auf die Arbeitskräfte, ins Ausland abzuwandern, ähnelt der Situation in Mexiko. Das spanischsprachige Land gehört ebenfalls zu den größten Exporteuren von Arbeitskräften.

Für die Regierungen beider Länder erfüllt der massive Export von Arbeitskräften auch eine andere Funktion: als Sicherheitsventil, durch das der soziale Druck abgelassen werden kann, der sich sonst in einheimischen, radikalen Bewegungen für politische und soziale Veränderungen entladen würde. Diejenigen, die ins Ausland abwandern, gehören oftmals zu den Kühnsten, Agilsten und Scharfsinnigsten innerhalb der mittleren und unteren Klasse. Also zu denjenigen, die exzellente Kader und Mitglieder progressiver Bewegungen abgeben würden. Zusammen mit der Krise der Sozialisation von Kindern, deren Mütter im Ausland arbeiten, ist dies eines der schädlichsten Vermächtnisse der massiven Auswanderung philippinischer Arbeitskräfte: Es erlaubt den Eliten, längst überfällige Strukturreformen zu ignorieren.

Entrechtete Arbeit im Nahen Osten

Der Export von Arbeitskräften ist ein großes Geschäft, das eine Menge parasitärer Institutionen hervorgebracht hat, die nun ein eigennütziges Interesse daran haben, diesen Export aufrechtzuerhalten und zu erweitern. Dieses transnationale Netzwerk umfasst Anwerber und Schleuser von Arbeitern, Regierungsbehörden und große Dienstleistungsunternehmen wie den US-Konzern Aramark. Der illegale Handel mit Arbeitskräften hat sich so stark ausgeweitet, dass er schon so profitabel ist wie der Sex- und Drogenhandel. Die Ausbreitung der freien Lohnarbeit wird oftmals mit der Expansion des Kapitalismus assoziiert. Aber was gegenwärtig im Rahmen des neoliberalen Kapitalismus geschieht, ist die Expansion und Institutionalisierung eines Systems entrechteter Arbeit. Ein Prozess, der der Ausbreitung der Sklavenarbeit während der frühen Phase der kapitalistischen Expansion im 16. Jahrhundert ähnelt, wie ihn beispielsweise der Soziologe Immanuel Wallerstein beschrieben hat.

Dieses expandierende System, das die entrechtete Arbeit erzeugt, aufrechterhält und fördert, lässt sich am besten anhand des Nahen Ostens illustrieren. Die Kulturanthropologin Atiya Ahmad vom Center for International and Regional Studies in Doha schreibt: „Mit dem Boom der von den Öleinnahmen angetriebenen Wirtschaften in den Golf-Staaten, der Anfang der 1970er Jahre einsetzte, gingen Initiativen der Regierungen sowie sozialer und politischer Institutionen einher, die darauf abzielten, die ausländische Bevölkerung in der Region zu maßregeln und zu kontrollieren. In diesem Rahmen wurde für die ausländischen Einwohner die Kategorie des ‚temporären Arbeitsmigranten‘ konstruiert.“ Diese von der Elite vorangetriebene Konstruktion einer migrantischen Identität fördert einen Prozess der Internalisierung: Die Arbeitsmigranten verinnerlichen den Status als sozial Untergeordnete, die über keinerlei politisches Mitspracherecht verfügen. Von ihnen wird erwartet, sich aus der Politik des Gastgeberlandes herauszuhalten – was sie zum größten Teil auch tun –, selbst wenn ein Wind des politischen Wandels über diese Länder hinwegfegt.

Im Jahr 2009 gingen 64 Prozent der philippinischen Arbeitsmigranten in den Nahen Osten. Die meisten von ihnen Frauen, die als Haushaltskräfte oder Dienstmädchen arbeiten.

Und so funktioniert das System des illegalen Handels mit Arbeitskräften: Ein Anwerber aus einem Golf-Staat kontaktiert seinen Kontaktmann auf den Philippinen. Dieser begibt sich daraufhin in entlegene Provinzen und wirbt dort junge Frauen mit dem Versprechen an, sie bekämen ein Monatsgehalt in Höhe von 400 US-Dollar – was dem von der philippinischen Regierung festgelegten Mindestgehalt entspricht. Begibt sich eine angeworbene Arbeiterin zur Abreise zum Flughafen, bekommt sie dort einen weiteren, oftmals auf Arabisch formulierten Vertrag, der besagt, dass sie nur die Hälfte oder weniger des ursprünglich vereinbarten Einkommens erhalten soll. Am Zielort angekommen, erhält sie vom Anwerber aus dem Golf-Staat eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung. Diese wird aber zusammen mit ihrem Pass von ihrem Arbeitgeber oder dem Anwerber einbehalten.

Dann wird die Frau zu einer Familie gebracht, wo sie unter sklavenähnlichen Bedingungen 18 bis 20 Stunden am Tag arbeiten muss. Sie wird von den anderen philippinischen Arbeitsmigranten isoliert. Über ihre Kommunikation mit der Außenwelt entscheidet der Arbeitgeber, dem sie sich nicht entziehen kann, da er ihre Papiere einbehalten hat. Sollte sie jedoch weglaufen und sich an ihren Anwerber wenden, wird sie an eine andere Familie „verkauft“, wo sie manchmal sogar für einen noch geringeren Lohn als zuvor arbeiten muss.

Da sie das Land ohne die nötigen Dokumente nicht verlassen kann, endet ihre Flucht oftmals damit, dass sie von ihrem Anwerber von einer Familie zur nächsten verkauft wird. Wenn sie Glück hat, findet sie eventuell den Weg zur philippinischen Botschaft, die als Zufluchtsstätte für „Ausreißer“ dient. Aber es kann Monate oder gar Jahre dauern, bis die Botschaft die notwendige Erlaubnis erhält, sie wieder nach Hause zu bringen.

Wie die Reglementierung unterlaufen wird

In dem Bemühen, diesen freien Markt praktischer Sklaverei einzudämmen oder Arbeiter daran zu hindern, in besonders gefährliche Länder wie Afghanistan oder den Irak zu gehen, hat die philippinische Regierung für manche Länder ein Beschäftigungsverbot verhängt. Zudem muss jeder Arbeiter eine Genehmigung der Regierungsbehörden erhalten, um das Land verlassen zu können.

Die Anwerber, die häufig unter einer Decke mit Arbeitgebern aus dem Nahen Osten, dem US-Verteidigungsministerium und privaten US-Unternehmen stecken, haben jedoch Mittel und Wege gefunden, diese Reglementierungen zu umgehen.
Im Verborgenen operierende Netzwerke schmuggeln Arbeiter aus den südlichen Philippinen zu ihren Zielorten in den Nahen Osten. Eine Gruppe weiblicher Hausangestellter, die vor einigen Wochen in Damaskus interviewt wurde, berichtete davon, wie sie aus der südphilippinischen Stadt Zamboanga mit einem kleinen Boot nach Sabah in Malaysia gebracht worden war. Von dort wurden die Frauen mit einem größeren Boot nach Singapur geschifft, wo sie dann über Land zu einem Ort in der Nähe Kuala Lumpurs transportiert wurden. In Kuala Lumpur wurden sie gezwungen, die nächsten sechs Wochen für ihre Verpflegung zu arbeiten. Erst nach zwei Monaten wurden sie dann schließlich von Kuala Lumpur nach Dubai verfrachtet und von dort nach Damaskus.

Angesichts solcher transnational operierenden Schleppernetzwerke schätzt die philippinische Botschaft, dass sich neunzig Prozent der in Syrien arbeitenden Philippiner illegal im Land aufhalten, da sie über keine gültigen Ausreisepapiere verfügen. Es war daher sehr schwierig, sie ausfindig zu machen und zu kontaktieren, nachdem Manila im Januar dieses Jahres die Anweisung an die Botschaft gab, alle philippinischen Arbeiter aus Syrien zu evakuieren.

Ähnlich ist die Lage in Afghanistan und im Irak. Auch dort gibt es keine genauen Zahlen darüber, wie viele Philippiner als Dienstleistungskräfte für das Pentagon in den US-Militärbasen beziehungsweise für die dort tätigen privaten Auftragnehmer arbeiten. Zehntausend dürfte eine eher konservative Schätzung sein. Im Falle Afghanistans stellen die Machenschaften der Schlepper, der US-Regierung und der privaten US-Unternehmen eine große Herausforderung für den schwachen philippinischen Staat dar.

Sexueller Missbrauch: Die allgegenwärtige Bedrohung


Unter den in den Nahen Osten geschmuggelten Arbeitern befinden sich hauptsächlich Frauen. Sexuelle Übergriffe ihnen gegenüber sind weitverbreitet. In diesem System überschneiden sich der Sex- und der Arbeitskräftehandel zunehmend. Ein Auszug aus dem Bericht des Committee on Overseas Workers des philippinischen Repräsentantenhauses, der erstellt wurde, nachdem einige Mitglieder des Komitees im Januar 2011 Saudi-Arabien besucht hatten, verdeutlicht diese Tendenz:

„Vergewaltigung ist das allgegenwärtige Gespenst, das die philippinischen Arbeiterinnen in Saudi-Arabien verfolgt. Vergewaltigung und sexueller Missbrauch geschehen häufiger, als es die Rohdaten in der Statistik der Botschaft anzeigen. Laut diesen melden ungefähr 15 bis 20 Prozent des weiblichen Dienstpersonals Übergriffe. Da sich viele von ihnen illegal in dem Land aufhalten, lässt sich der exakte Anteil nicht beziffern. Aber ausgehend von den gemeldeten Fällen und unter Einbeziehung einer entsprechenden Dunkelziffer, muss man zu der Schlussfolgerung kommen, dass sexueller Missbrauch und Vergewaltigung von Migrantinnen, die als Hausangestellte arbeiten, üblich sind.“

Man könnte noch weiter gehen und sagen, dass der Handel mit philippinischen Arbeitsmigrantinnen generell ein starkes Element des Sexhandels enthält, da viele Haushalte in den Golf-Staaten erwarten, dass sich die Frauen als Teil ihrer Dienstleistung für sexuelle Handlungen mit dem Hausherrn zur Verfügung stellen. Das Ergebnis ist eine unerträgliche Situation. Nicht nur, weil Verweigerung häufig mit Schlägen verbunden ist, sondern auch, weil es die Arbeiterin in einen Konflikt mit der Ehefrau des Hausherrn bringt. Tatsächlich werden in vielen Fällen die Arbeitsmigrantinnen an Verwandte „verliehen“, nicht allein, um deren Häuser zu reinigen, sondern auch, um den männlichen Verwandten als Sexspielzeug zu dienen.

Es wird gesagt, Sklaverei sei eine Sache der Vergangenheit. Die Dynamik des globalen Kapitalismus hat jedoch ein weltweites repressives System entrechteter Arbeit erzeugt, das durch den legalen wie illegalen Handel mit Arbeitskräften bedient und aufrechterhalten wird. Weibliche Hausangestellte befinden sich dabei an Orten wie dem Nahen Osten am unteren Ende der sozialen Hierarchie unter den Migranten. Ihre Arbeitsbedingungen, die häufig Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch beinhalten, sind praktisch von Sklaverei nicht zu unterscheiden. So wie es damals bei der traditionellen Sklaverei im 18. und 19. Jahrhundert der Fall war, muss die Abschaffung des heutigen Unterdrückungssystems ganz oben auf der Agenda des 21. Jahrhunderts stehen.


Der Artikel erschien in deutscher Übersetzung zuerst in Hintergrund, Heft 4, 2012.

Walden Bello, geb. 1945 in Manila, ist Professor für Soziologie an der Staatsuniversität der Philippinen. Als Globalisierungsgegner war er Gastredner bei den G8-Protesten in Rostock im Jahr 2007. Der Artikel erschien im Original unter dem Titel „Labor Trafficking: Modern-day Slave Trade“ bei Foreign Policy in Focus (http://www.fpif.org).