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„Das ist der Anfang einer wirklichen Bewegung“

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Der Aufstand gegen die Regierung Tayyip Erdogans wird die Türkei verändern. Eindrücke aus einer Gesellschaft im Wandel –

Von THOMAS EIPELDAUER, Istanbul, 7. Juni 2013 -

Wer einige Zeit durch die Straßen Istanbuls geht stellt schon auf den ersten Blick fest, dass in dieser
Istanbul - 6. Juni 2013
Istanbul, am 6. Juni -  die zum Taksim führende Einkaufsmeile. Man kann unmöglich zählen, wie viele Menschen sich an den Demonstrationen insgesamt beteiligen, denn jede Seitenstraße ist voll, es ist ein Kommen und Gehen. Foto: Hintergrund
riesigen Metropole Welten aufeinandertreffen. Glaspaläste und moderne Einkaufszentren stehen neben den kargen Arbeiterwohnblöcken, Moscheen neben Diskotheken. Kräne ragen in den Himmel, überall wird gebaut.

Ministerpräsident Erdogans Vorliebe für ausufernde Bauprojekte war es denn auch, mit der Ende vergangener Woche alles begann. Den Umbau des am Taksim-Platz gelegenen Gezi-Parks wollten viele nicht hinnehmen, die brutale Räumung der Protestierenden brachte das Fass zum Überlaufen. Zehntausende fingen an, sich den Taksim-Platz anzueignen, die Polizei wurde in tagelangen militanten Auseinandersetzungen dazu gezwungen, das Gebiet zu räumen. Dutzende, teils meterhohe Barrikaden aus Steinen, Metallgittern, ausgebrannten Bussen und Polizeifahrzeugen stehen immer noch an den Zufahrtsstraßen zum Taksim und werden von den Platzbesetzern Nacht für Nacht bewacht.

Banner, Fahnen, Transparente


6. Juni Istanbul
Revolutionäre Linke, Kemalisten, Kurden, Alewiten – es scheint so, als sei hier, mit Ausnahme der Anhänger der Regierungspartei AKP, die gesamte türkische Gesellschaft vertreten.. Foto: Hintergrund
Donnerstag Abend versammeln sich in der Istiklal Caddesi, der zum Taksim führenden Einkaufsmeile, Künstler und Kulturschaffende. Erst einige Dutzend, bald schließen sich Hunderte Menschen an, am Ende kommt ein mehrere tausend Menschen zählender Demonstrationszug am Taksim an. „Spring, Spring, sonst bist du Tayyip“ skandieren sie, und keiner bleibt stehen.

Am Platz warten bereits Tausende, überhaupt ist es ähnlich wie bei den Generalstreiks in Griechenland in den vergangenen Jahren: Man kann unmöglich zählen, wie viele Menschen sich insgesamt beteiligen, denn jede Seitenstraße ist voll, es ist ein Kommen und Gehen. Diejenigen, die da am Platz ausharren, kommen meistens aus politischen Initiativen. Hunderte Banner linker, revolutionärer Organisationen zieren die Gebäude um den und die Stände auf dem Platz: Transparente von Halk Cephesi („Volksfront“), der Ezilenlerin Sosyalist Partisi („Sozialistische Partei der Unterdrückten“), der TKP-ML („Türkische Kommunistische Partei – Marxisten Leninisten“), Bilder von Mahir Cayan, Deniz Gezmis und Ibrahim Kaypakkaya, der maßgeblichen historischen Vorkämpfer der kommunistischen Bewegung in der Türkei.

Doch bei Weitem nicht nur die Linke ist da. Man sieht viele Fahnen mit dem Konterfei des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, unzählige Türkei-Fahnen. Revolutionäre Linke, Kemalisten, Kurden, Alewiten – es scheint so, als sei hier, mit Ausnahme der Anhänger der Regierungspartei AKP, die gesamte türkische Gesellschaft vertreten.

„Es geht nicht mehr nur um Bäume“

Istanbul - 6. Juni 2013
Dutzende, teils meterhohe Barrikaden stehen immer noch an den Zufahrtsstraßen zum Taksim und werden von den Platzbesetzern Nacht für Nacht bewacht. Foto: Hintergrund
Dementsprechend vielfältig sind die Gründe, die die Menschen antreiben. „Es geht längst nicht mehr nur um Bäume“, sagt mir A.*, ein Musiker und politischer Aktivist, beim Tee in einem linken Kulturzentrum. Für ihn ist einer der wichtigsten Gründe die prowestliche Außenpolitik der Erdogan-Regierung. Erdogan sei „ganz auf Linie mit den USA und der NATO“, die Bevölkerung allerdings sei in ihrer Mehrheit antiimperialistisch eingestellt.

Hinzu kommt die Stadtumstrukturierung, die ja nicht auf den Gezi-Park begrenzt ist, wie mir N., eine andere Aktivistin erzählt. Sie erzählt mir von vielen Bauprojekten, gegen die es zuvor bereits punktuell Widerstand gegeben habe, etwa den Abriss eines beliebten Kinos oder den Neubau eines protzigen Einkaufszentrums.

Für viele ist zudem der Versuch Erdogans, die türkische Gesellschaft, die ja auf eine lange säkulare Tradition zurückblickt. langsam aber sicher zu islamisieren, untragbar. Die geplante Verschärfung des Alkoholverbots, der Versuch, Zärtlichkeitsbekundungen wie Händchenhalten oder Küssen aus der Öffentlichkeit zu verbannen – für die jungen urbanen Bürger Istanbuls eine Zumutung.

„Erdogan tritt zurück“

Als die Künstlerdemo am Taksim-Platz ankommt, spricht die Schauspielerin Pelin Batu. „Ich glaube,
6. Juni Istanbul
Ein gemeinsames gesellschaftliches Projekt? Die Unterschiede zwischen den Aktivisten aus kurdischer Bewegung, Kemalisten und revolutionäen Linken sind zu tief.  Foto: Hintergrund
das ist der Anfang einer wirklichen Bewegung“, sagt sie. Im Hintergrund tönt aus den Lautsprechern „El pueblo unido“. Ähnlich wie sie meinen viele, jetzt breche eine neue Zeit an, und das Ende Erdogans und der AKP-Regierung sei nah. Dass das jedoch eintritt, ist mehr als zweifelhaft. Denn diejenigen, die hier zusammen unter dem Slogan „Erdogan istifan“ („Erdogan tritt zurück“) marschieren, können sich wohl kaum – auch nur kurzfristig – auf ein gemeinsames gesellschaftliches Projekt einigen. Zu tief sind die Unterschiede zwischen kurdischer Bewegung, Kemalisten und revolutionären Linken.

Dennoch wird diese Bewegung die Türkei verändern. „Die Leute waren schon lange Zeit wütend. Doch sie haben geschwiegen, weil sie Angst hatten. Diese Angst ist jetzt weg“, sagt A. Dieser Sieg über die eigene Angst ist das, was den protestierenden Menschen in der Türkei jetzt schon keiner mehr nehmen kann.



*Alle Namen von Aktivisten zum Schutz der Personen abgekürzt
 

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