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Irak: Das große Schweigen

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Von NEIL CLARK, 2. Oktober 2013 -

Bei den jüngsten Gewaltakten wurden 54 Menschen getötet und über einhundert verletzt. Allein im Juli gab es über eintausend Tote und mehr als 2 300 Verwundete.

Sie denken wahrscheinlich, die Rede sei von Syrien. Doch ich spreche vom Irak. Das Land, das George W. Bush und Tony Blair im Jahr 2003 „befreit“ hatten. Uns wurde gesagt, die westliche Militärintervention würde eine Ära der Demokratie, der Freiheit und der Menschenrechte einleiten. Stattdessen war es der Beginn eines Jahrzehntes schrecklicher, blutiger Auseinandersetzungen, die das Land zu einem der gefährlichsten auf der Welt gemacht haben und seine Bevölkerung dazu zwingt, einen lebendig gewordenen Alptraum alltäglich ertragen zu müssen.

Das Schweigen der Pro-Kriegs-Fraktion angesichts des fortwährenden Blutvergießens im Irak ist äußerst aufschlussreich. Dieselben Angehörigen der westlichen Elite, die noch 2002 und Anfang 2003 nicht aufhören konnten uns einzutrichtern, was für eine schreckliche Bedrohung  Saddam Husseins „Massenvernichtungswaffen“ darstellen würde, und dass wir in den Krieg gegen das arabische Land ziehen müssten, um dessen bösen Diktator zu entwaffnen und das Volk zu „befreien“, üben sich nun im Schweigen über die anhaltende Verwüstung und das fortwährende Blutvergießen, ausgelöst von der illegalen Invasion.

Im Vorfeld der Invasion im März 2003 konnte man in Großbritannien und den USA keine Nachrichtensendung im Fernsehen einschalten, bei der nicht ein Neokonservativer oder ein „liberaler Interventionist“ wie besessen gegen den Irak  Stimmung machte. Damals heuchelten diese großen „Humanisten“ ihre Besorgnis über das missliche Leben der Iraker unter der Diktatur Saddam Husseins – aber heute zeigen sie nur wenig oder überhaupt kein Interesse an der Notlage der Iraker, die regelmäßig und beinahe täglich von Bomben in Stücke zerrissen werden.

Es gibt keine Aufrufe seitens der „üblichen Verdächtigen”, die sonst nach westlichen „humanitären” Interventionen schreien, das Töten im Irak zu stoppen. Dieselben Leute, die vor elf Jahren nicht müde wurden über den Irak zu reden, können heute nicht damit aufhören, über Syrien zu sprechen – und heucheln dabei auf dieselbe Weise ihre Besorgnis über die Not der Syrer, wie sie schon Anfang 2003 Krokodilstränen über das Leid der Iraker vergossen hatten.

Wenn es um die Opferzahlen geht, dann können uns die Pro-Krieg-Politiker interessanterweise genau sagen, wie viele Menschen in Syrien seit Ausbruch der Gewalt 2011 gestorben sind, (und natürlich gehen alle Toten auf das persönliche Konto von Präsident Assad). Wenn es aber um den Irak geht, und um die Frage, wie viele Menschen dort seit März 2003 getötet wurden, sind die Aussagen äußerst vage.

„Wir zählen nicht die Leichen anderer Leute“, erklärte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im November 2003. Die seit dem März 2003 getöteten Iraker – Zahlen variieren von 174 000 bis zu über eine Million – sind für unsere politische Elite nicht existent, es sind „non-people“. Im Jahr 2013 zählen nur tote Syrer (insoweit deren Tod den Regierungskräften angelastet werden kann), aber nicht tote Iraker.

Weil der Irak als „Non-Story“ betrachtet wird und unsere politischen Führer nicht über die dortige Situation reden, ist es keine Überraschung, dass die öffentliche Wahrnehmung der Anzahl der Toten weit unter den selbst konservativsten Schätzungen liegt. In einer in diesem Jahr durchgeführten Umfrage schätzten 66 Prozent der Briten, dass infolge der Invasion 2003 zwanzigtausend oder weniger Iraker gestorben seien. Donald Rumsfeld wäre zweifellos entzückt das zu hören.

Würden sie über irgendein Schamgefühl verfügen, dann würden die Leute, die den Irak zerstört haben, zumindest den Anstand haben, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Aber die neokonservativen und die liberalen Imperialisten kennen weder Scham noch Gewissensbisse. Dieselben Falken und „humanitären“ Interventionisten, die auf die Invasion des Irak drängten, haben die letzten beiden Jahre damit zugebracht, einen Angriff auf Syrien zu propagieren.

Diese manischen Kriegstreiber wollen, dass wir uns vom Irak abwenden, um uns auf das nächste Land des Nahen Osten zu konzentrieren, das auf ihrer Abschussliste steht. Doch wir sollten uns niemals vom Irak abwenden, solange diejenigen nicht auf der Anklagebank sitzen, die das Land zerstört haben. Das Chaos und Blutvergießen, das wir heute im Irak erleben, ist eine direkte Konsequenz der destabilisierenden und zerstörerischen Neocon-Politik der USA und Großbritanniens. Diejenigen, die für das schwerste internationale Verbrechen, das Führen eines Angriffskrieges gegen einen souveränen Staat, verantwortlich sind, müssen für das enorme Ausmaß menschlichen Leidens zur Verantwortung gezogen werden, das sie verursacht haben.

Übersetzung und Bearbeitung: Hintergrund

Der Artikel erschien im Original am 1. Oktober 2013 unter dem Titel Iraq: The Greatest ‘Non-story’ of the Modern Era bei Information Clearinghouse.

Der britische Journalist und Autor Neil Clark schreibt regelmäßig unter anderem für den Guardian, den Morning Star und den Daily Express. Er ist Mitbegründer und Präsident der „Campaign for Public Ownership“, die sich für eine Umkehr der in Großbritannien während der letzten Jahrzehnte betriebenen neoliberalen Privatisierungspolitik einsetzt. Clark betreibt das preisgekrönte Blog http://www.neilclark66.blogspot.de/ .

 

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