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Es darf geschossen werden

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Israel bombardiert Gaza: Bild, Welt und taz sind schon auf Kriegskurs -  

Ein Kommentar von HANS BERGER, 16. Juli 2014 -

Demo in LondonTaz-Redakteurin Sonja Vogel ist empört, denn sie hat etwas Ungeheuerliches herausgefunden: "Liebhaber der simplen Welterklärung hatten es in den letzten Tagen sehr schön. Aus Zeitung, Hörfunk und TV konnten die Landsleute erfahren, wie simpel der 'Nahostkonflikt' doch ist. Strippenzieher, Angreifer und agierendes Übel: Israel." Die Berichterstattung hiesiger Presseorgane treibt die ansonsten im Kulturressort wirkende Schreiberin dazu, sich nun auch an Außenpolitischem zu vergehen. "Die Deutschen haben ein Herz für die Verlierer in dieser komplexen Welt, für die Opfer Israels und Amerikas als Agenten des bösen Kapitals. David, nein Siegfried gegen Goliath! Hüben die hochgerüstete Militärmaschine, die maßlose Moderne. Drüben die Steinschleudern, ungezügelte Natur", schreibt sie.

Was Sonja Vogel so aufregt, ist, dass es Menschen gibt, die sogar behaupten, Israel hätte irgendetwas mit der gegenwärtigen Eskalation in und um Gaza zu tun. "Wenn drei Jugendliche ermordet werden und aus Gaza Raketen abgeschossen werden, dann hat Israel einen Krieg angefangen. Geht's noch?" (1)  

Zumindest ein Medienkonzern aber könnte das Ansehen der heimischen Journalistenzunft in Frau Vogels Augen retten: Der des "deutschen Patrioten Axel Springer", wie ihn Sven Felix Kellerhoff gerne nannte. Denn Springer hatte sein Haus zwar unter Mitwirkung von einstigen Nazipropagandisten und Antisemiten aufgebaut (2), es dann aber in seinen "Unternehmensgrundsätzen" auf immerwährende transatlantische Freundschaft zu den Vereinigten Staaten und grundsätzliche Israelsolidarität verpflichtet.

Gut und Böse

Und diesen Grundsätzen gemäß wird auch heute noch geschrieben, bei der Bild und der Welt. Erstere ist derzeit "embedded", und zwar in Israel. Anne Merholz berichtet aus Aschkelon. Ein Foto zeigt die Bild-Reporterin zusammengekauert, sie "sucht Deckung an einer Mauer", auf einem anderen ist sie mit Kindern in einem Luftschutzbunker zu sehen. "Diese israelischen Kinder sind unter Dauerbeschuss, leben in der süd-israelischen Stadt Aschkelon, nur fünf Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt. Und seit die Hamas mehr als 1000 Raketen auf Israel schießt, leben sie meist im Bunker. Ein Leben in Bleistift-Grau statt in fröhlichen bunten Finger-Farben." (3)

Wie es den Kindern in Gaza geht, erfährt man in dem emotionalisierenden Bericht nicht. Und auch in keinem anderen. Die Rollenverteilung bei Bild ist klar: Gaza ist ein Hort des Terrorismus, sonst nichts. "Kampf gegen Hamas-Raketen-Terror", "Der tägliche Raketenwahnsinn", "Hamas-Terror. Diese Kinder weinen bei jedem Luftangriff", "Hier fliegt die Terrordrohne der Hamas" - so lauten die immer gleichen Schlagzeilen. Das einzig Berichtenswerte aus Gaza sind Terrorangriffe auf Israel. Vorgeschichte, Kontext, Versuch einer Darstellung aus Perspektive der Palästinenser sind überflüssig.

Israel dagegen "reagiert" grundsätzlich immer. Es ist nie Akteur, sondern immer in Verteidigungsposition und muss, umgeben von diabolischen Mächten, um seine Existenz bangen. Unter der Überschrift "Terror gegen Israel. Explodiert der Nahe Osten?" wird zunächst die Hamas beschrieben: "Die Hamas ist akut der gefährlichste Gegner Israels. Erklärtes Ziel: Auslöschung Israels, Bildung eines islamischen Staats." Dann skizzieren zwei Drittel des Artikels die unglaubliche militärische Bedrohung, der sich Israel gegenübersieht. Die Anzahl der Raketen, ihre Reichweite und mögliche Ziele werden erörtert, von Israels Bombardements, den zu diesem Zeitpunkt bereits mehreren Dutzend Toten keine Spur. Dann, in den letzten Zeilen des Textes, sehen sich die beiden Autoren dann doch noch gezwungen, die toten Palästinenser wenigstens noch zu erwähnen, natürlich nicht, ohne immer und immer wieder zu betonen, dass Israel nur reagiert und gar nicht anders kann: "Das Land ist in Aufruhr, Menschen sind verängstigt, Bomben-Alarm fast im Minutentakt. Die Menschen suchen Schutz. Israels Luftwaffe reagiert, griff bis zum Abend 550 Ziele im Gaza-Streifen an – meist Abschuss-Stellen für Raketen und Hamas-Kommandozentralen. Mehr als 40 Palästinenser starben." (4) Es ist ein manichäisches Weltbild mit klaren Konturen, gut und böse sind klar verteilt, es darf geschossen werden.

Der Mythos vom ewigen Opfer  

Ebenfalls nach dem Geschmack der taz-Kulturredakteurin könnte ein Kommentar in Springers Welt sein. "Israel muss sich wehren", fordert da Richard Herzinger, ganz so, als ob es das nicht auch ohne seine Aufforderung täte. Auch er weiß: "An der Eskalation in Nahost sind nicht beide Seiten gleich schuld." Und auch er meint nicht Besatzungsregime, Mauer, Abriegelung des Gaza-Streifens, extrem ungleiche Reichtums- und Ressourcenverteilung und Militärterror, sondern die Toleranz der Palästinenser gegenüber ihren eigenen "Extremisten". Die Weltöffentlichkeit falle immer wieder "auf den Mythos von Palästina als dem ewigen Opfer" herein.

Das "Pendel im Propagandakrieg" schlage auch dieses Mal wieder zuungunsten von Israel aus, beschwert sich der Welt-Autor. Vor allem, "sollte Israel seine massiven Luftangriffe auf Hamas-Stellungen zu einer Bodenoffensive in Gaza ausweiten". Das aber sei unausweichlich, weiß Herzinger. "Doch welche Wahl bleibt dem Land?" Frieden sei sowieso eine "Illusion", ein "weltfremder Wunschtraum".

Die Vollendung der Verteufelung des palästinensischen Widerstands gelingt Welt-"Chefkommentator" Jacques Schuster. Er hat nämlich erkannt, dass die Hamas "den Tod der eigenen Leute wünscht". Ihr Ziel sei es, "den Tod möglichst vieler Palästinenser in die Nachrichten zu bringen, um Israel damit weltweit als Mörderstaat verurteilt zu sehen." (6)

Kein Kontext

Die Legende Sonja Vogels ist durch nichts begründet. Auch wenn die Springer-Medien der äußerste rechte Rand der Israel-Berichterstattung sind, ist eine allgemeine proisraelische Tendenz bei den großen westlichen Medien kaum zu verkennen. Das beginnt bei der Sprache: Militante Palästinenser (und das betrifft keineswegs nur die Hamas, sondern auch andere, zum Teil säkulare Gruppen) werden grundsätzlich "Terroristen" genannt, israelische Angriffe sind immer "Reaktionen" oder "Vergeltung", palästinensische dagegen nie.

Dazu kommt der oft eklatante Mangel an Kontextualisierung. "Wenn Sie die Besatzer als Opfer, und die unter Besatzung Lebenden als Aggressoren darstellen, würden wir Sie gerne daran erinnern, dass der Widerstand gegen Okkupation ein international verbrieftes Recht ist. Und wir würden sie gerne daran erinnern, dass Israels Besatzung, Belagerung und kollektive Bestrafung Gazas keines ist", heißt es in einem offenen Brief von vergangener Woche an die britische BBC. Die mittlerweile 45 000 Unterzeichner - darunter prominente Politiker, Intellektuelle und Journalisten wie Noam Chomsky, John Pilger, Ken Loach, Andy Slaughter, Katy Clark, Brian Eno and Jeremy Hardy - fordern, bei der Berichterstattung zum Nahen Osten die Vorgeschichte des Konflikts nicht auszublenden. (7)

Ein solches Vorgehen könnte auch für taz-Redakteurin Vogel hilfreich sein. Dann müsste sie nicht so tun, als ob mit dem Mord an drei israelischen Jugendlichen und dem jetzigen Raketenbeschuss der Konflikt in der Region begonnen hat.

Sie könnte sich dann zum Beispiel die Statistiken der israelischen Nichtregierungsorganisation B´Tselem ansehen. Nach der Operation "Gegossenes Blei", dem letzten großen Angriff auf Gaza, also zwischen Januar 2009 und Mai 2014, sind von israelischen Sicherheitskräften 565 Palästinenser getötet worden, davon 84 Minderjährige und 19 Frauen. (8) Wollte man eine ähnlich populistisch verkürzte Formulierung finden wie die taz, könnte man also sagen: Wenn Israel palästinensisches Land besetzt und belagert und 84 Jugendliche tötet, dann haben die Palästinenser einen Krieg angefangen. Geht´s noch?


 

Anmerkungen

(1) http://www.taz.de/!142248/
(2) http://www.jungewelt.de/2012/03-23/021.php?sstr=Springer
(3) http://www.bild.de/politik/ausland/israel/bild-reporterin-bei-kindern-im-bunker-so-malen-sie-den-krieg-36831044.bild.html
(4) http://www.bild.de/politik/ausland/israel/terror-gegen-israel-explodiert-der-nahe-osten-36749408.bild.html
(5) http://www.welt.de/debatte/kommentare/article129936877/Israel-muss-sich-wehren.html
(6) http://www.welt.de/debatte/kommentare/article130182400/Die-Hamas-wuenscht-den-Tod-der-eigenen-Leute.html
(7) http://act.palestinecampaign.org/petition/bbc
(8) http://www.btselem.org/statistics/fatalities/after-cast-lead/by-date-of-event

 

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