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Wie deutsche Medien ein Flugzeug abschossen

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Kriegspartei statt Berichterstatter: Leitmedien nach dem Abschuss der MH17 - 


Von VIKTOR TIMTSCHENKO, 3. September 2014 -

Bezüglich des malaysischen Flugzeugs, das in der Ukraine abstürzte, gab es von Anfang an nur drei mögliche Interpretationen. Die erste: Es wurde von pro-russischen Separatisten abgeschossen. Die zweite: Es wurde von ukrainischen Regierungstruppen abgeschossen. Die dritte: Wir wissen es nicht. Die dritte kommt für die meisten Medien nicht in Frage: Wie könnte man denn mit solchen Kürzestmeldungen lange Seiten und noch längere Sendungen füllen?

Politiker haben es leichter. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wusste über die Übeltäter bereits Bescheid, als die Trümmer noch vom Himmel prasselten, also wenige Minuten nach dem Abschuss. Ihm folgten auch andere ukrainische Würdenträger. Etwas anderes erwartet man von der ukrainischen Regierung  nicht. Die verheerende Katastrophe mit fast 300 Toten dem Feind anzulasten, ist eine plausible Reaktion.

Dem Präsidenten-Vorsänger schloss sich die gesamte ukrainische Presse an. Sie berichtete von abgehörten Separatisten-Gesprächen, die mutmaßlich über eine abgeschossene zivile Maschine sprachen, über einen „Buk“-Komplex, den die Separatisten angeblich besitzen, und der in der Lage sei, ein Flugobjekt in zehn Kilometer Höhe zu treffen. Als ein „Buk“ für die Argumentation nicht reichte, schoben sie dem ersten „Beweis“ einen zweiten nach, indem sie mit einem Film zu belegen suchten, dass Russen einen „Buk“ über die Grenze schickten, den sie nach dem Abschuss gleich zurück über die Grenze in die Russische Föderation schafften.

Die russische Presse konterte: Die Gespräche von „Separatisten“ seien noch  vor dem Abschuss zusammengeschnitten worden. Zudem zeige der Film nicht Krasnodon auf dem Separatisten-Gebiet, sondern Krasnoarmejsk auf der ukrainischen Seite, was die Frage der Beteiligung der Ukraine an dem Abschuss etwas wahrscheinlicher machte. Die russische Presse legte aber auch nach: Im Unterschied zu bei den Separatisten gängigen PZRK – also tragbaren Luftabwehr-Geräten –, ist „Buk“ ein auf vier Lastwagen stationierter Komplex. Und wenn ein Lehrgang zum Umgang mit PZRK eine Stunde dauern könnte, bedarf eine Qualifikation für „Buk“ – und hier sind sich alle Beteiligten einig – mehrere Jahre. Ein schnell rekrutierter Separatisten-Haufen ist schlicht nicht in der Lage, so einen Komplex zu bedienen. Also waren es vermutlich an den Geräten gut ausgebildete ukrainische Militärs. Zufälligerweise ist so ein ukrainischer Komplex in der in Frage kommenden Zone stationiert, und Russen präsentierten Beweise, dass dessen Radare zur Tatzeit arbeiteten. Russische Medien stellten auch etwas kniffligere Fragen: Wenn ukrainische Machthaber schon viel früher wussten, dass die zu allem fähigen Separatisten über „Buk“ verfügen, warum haben sie nicht den Raum über den betreffenden Gebieten für den zivilen Luftverkehr gesperrt? Wenn sie diesen Raum aber nicht gesperrt haben, spricht das vielleicht dafür, dass Separatisten nie „Buks“ besaßen?

Es gibt noch Dutzende „Pro“ und „Contra“ in diesem Fall, mit denen sich ukrainische und russische Medien austauschen. Das ist auch nichts Ungewöhnliches: À la guerre comme à la guerre, im Krieg ist wie im Krieg. Medien auf beiden Seiten verstehen sich als Kriegsparteien, es werden täglich Tonnen an Lügen, die der Wahrheit ähneln, gedruckt und gesendet. Diejenigen schmächtigen Blätter, die nicht mitmachen, werden zu Vaterlandsverrätern abgestempelt, und wie in Kiew bereits geschehen, vom aufgestachelten Mob angegriffen und geplündert.

„Unparteiische“ Komplizen


Aber Deutschland versteht sich nicht als Kriegspartei, es versteht sich als ehrlicher Makler zwischen den Fronten, und Frau Merkel und Herr Steinmeier blasen sich auf ob ihrer herausragenden Bedeutung bei internationalen Verhandlungen zum Thema. Sind sie es, diese Überparteiischen, die überhaupt makeln dürfen? Oder stehen sie bereits auf einer Seite, geben ihre Parteinahme nicht zu?

Wie verhalten sich bei alledem die wichtigsten deutschen Medien, die eine ausgewogene Berichterstattung anstreben sollten? Nehmen wir Kollegen vom Spiegel, sozusagen stellvertretend für die ganze sogenannte „seriöse Presse“, damit uns keiner den Vorwurf macht, wir nähmen irgendein Provinzblatt aufs Korn. Titel auf dem Cover Ende Juli (Nr. 31): „Stoppt Putin jetzt!“.
Zum Verständnis: Zu diesem Zeitpunkt gibt es Argumente gegen Separatisten, es gibt aber auch genug gegen Poroschenko. Die Black-Boxes des Flugzeuges werden noch ausgewertet, die Untersuchungen der Malaysier und stark betroffenen Niederländer dauern an. Die Untersuchungsrichter wagen zu diesem Zeitpunkt kein Urteil und weichen den Fragen der Journalisten aus. Mit gutem Grund: Man will nicht voreilig jemanden beschuldigen.

Zur Erinnerung: Spiegel erscheint in Deutschland, das für „europäische Werte“ angeblich sein Leben hingibt. Einer der Werte ist die Rechtstaatlichkeit, die die Unschuldsvermutung impliziert. Warum muss man, dem Spiegel nach, Putin und nicht Obama oder Poroschenko stoppen? (Natürlich sind Bild mit „Die Welt ächtet Putin“, Frankfurter Rundschau mit „Putin verspielt jegliches Vertrauen“, oder Der Tagesspiegel mit „Putin muss das entwürdigende Treiben sofort beenden“, oder Focus-online mit seinem „Prorussische Milizen sollen Abschuss eingestehen“ nicht besser, weil zu diesem Zeitpunkt sowohl schon mehrere Zeugen aus dem Gebiet als auch ein Fluglotse aus Kiew von ukrainischen Kampfjets in der Nähe der Boeing berichtet haben). Ist das noch Journalismus oder bereits Stimmungsmache?

Der redaktionelle Leitartikel in der besagten Spiegel-Ausgabe – der ohne Unterschrift erschien, und somit nicht die Meinung eines einzigen Journalisten widergibt, sondern der geschlossenen Redaktion – macht mit der Überschrift auf:  „Ende der Feigheit. Europa muss Putin für den Abschuss von Flugzeug MH17 zur Rechenschaft ziehen“. Faktenlage – siehe oben. Aber unparteiische Journalisten fordern bereits Blut. Wenn der Schreibende ein Richter wäre, hätte er Putin bestimmt schon zum Tode durch Erhängen verurteilt. Aber die Journalisten sind keine Richter, ihre Aufgabe ist es nicht, Urteile zu fällen, sondern zu informieren.

Der Spiegel, „das deutsche Nachrichten-Magazin“, so die Selbstbezeichnung, informiert uns: „Niemand im Westen zweifelt noch ernsthaft daran, dass das Flugzeug mit einem „Buk“-Luftabwehrsystem abgeschossen wurde, das die Separatisten höchstwahrscheinlich aus Russland erhalten haben.“ Ich frage nicht nach Formulierungen, ich frage nach dem Nachrichtenwert. „Niemand im Westen zweifelt noch ernsthaft daran“ soll heißen, es gibt einige Zweifler, aber ihre Zweifel sind unernst. So eine Behauptung bedürfte einer repräsentativen Umfrage im ganzen Westen. Sonst würde ich hier und jetzt behaupten, „niemand im Westen zweifelt noch ernsthaft daran, dass der Spiegel „ein Sturmgeschütz der Sanktionspolitik gen Moskau“ ist. So schreibt es jedenfalls der Freitag.

Man sollte dem Hamburger Magazin auch mitteilen, dass es genug Zweifel daran gibt, „dass das Flugzeug mit einem Buk-Luftabwehrsystem abgeschossen wurde“. Einige Projektile legen den Verdacht nahe, dass das Flugzeug mit Bordkanonen zweier Kampfflugzeuge vom Himmel geholt wurde. Ganz abgesehen davon, dass die Ukrainer natürlich auch nur „Buks“ aus der russischen Produktion besitzen. Über die Separatisten, die sie „höchstwahrscheinlich“  - ach was für tolle Beweise! – „aus Russland erhalten haben“, haben wir bereits oben gesagt: Unbewiesen. Nicht einmal die allwissende CIA präsentierte entsprechende Bilder. Woher kommt dann „höchstwahrscheinlich“ und nicht „minderwahrscheinlich“? Einige amerikanische Experten mutmaßen sogar, es gäbe diese Bilder, sie zeigten aber Menschen in ukrainischen Uniformen.

Deshalb ist jetzt eine „präzisierte“ Version des Geschehens in der Ukraine und im Westen im Umlauf: Die FLAK-Soldaten waren zu den Separatisten übergelaufene ukrainische Militärs, die einfach ihre alten Uniformen anbehalten  hatten. Was ist mit den von den ukrainischen Behörden  beschlagnahmten Aufzeichnungen der Gespräche zwischen den Fluglotsen  der ukrainischen Flugkontrolle und der MH17? Wären dort die Separatisten belastende Tatsachen zu hören, wären sie wohl schleunigst veröffentlicht worden.

Reizende Schlussfolgerung des Blattes: „Die Indizienkette ist eindeutig.“ Diejenigen, die diese Kette für nicht ganz „eindeutig“ halten, verweist das Blatt auf die weiterführende Seite 68. Wir blättern fleißig, welche Beweise werden dort angeführt, die es rechtfertigen, „Stoppt Putin jetzt!“ zu fordern? In dem drei Seiten langen Artikel stößt man dann auf einen Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: „Wie man jetzt so gut wie sicher weiß, wurde Flug MH17 mit Raketen aus russischen Beständen abgeschossen, die ohne Billigung Putins wohl kaum in die Ukraine gelangt wären.“ (Anm.: Hervorh. d. Verf.)

Ach so! Jetzt sind wir  viel schlauer! Aber was ist mit den ukrainischen  „Buks“, die ebenfalls aus russischer Produktion stammen? Was ist mit den Einschusslöchern an dem Cockpit der Boeing? Auch in der Reportage aus dem Abschussgebiet kommt Spiegel-Autor Christian Neef nicht viel weiter. Als Beweis für die militärische Fähigkeit der Separatisten, Flugzeuge abzuschießen, bringt er das unschlagbare Argument, sie hätten in vergangenen Wochen bereits vierzehn Maschinen vom Himmel geholt. Dabei verschweigt der Reporter das Besondere an der malaysischen Maschine: Ihre Flughöhe betrug 10 000 Metern. Ukrainische Militärflugzeuge fliegen jedoch viel niedriger, deshalb brauchen Milizen, um sie abzuschießen, keinen „Buk“. Trotzdem schreibt der Nachrichtenmann: „Die Last der Indizien ist erdrückend, dass sie ebenfalls für den Boeing-Abschuss verantwortlich sind“, und untermauert hinterher seine Schlüsse mit Zitaten ausschließlich aus russischen prowestlichen Medien. Aber die in dem Heft angeführten „Indizien“ sind erstens rar gesät und zweitens eher Behauptungen als harte, wenn auch nicht direkte, Beweise. Oder ist das eine neue Art des modernen Suggestiv-Journalismus, bei dem Fakten nicht mehr nötig sind?

Ein gewisser Gebrauchswert ist dem Spiegel-Heft jedoch nicht abzusprechen. Es enthält eine  gute Analyse über die Nutznießer des Abschusses: „Zum mitunter zynischen Geschäft politischer Experten gehört, eine solche Tragödie (...) einen „game changer“ zu nennen. (Anm. d. Verf.: Solche sakrale Opfer als „game changer“ gab es schon in der Ukraine, als mehr als hundert Menschen auf dem Maidan durch mysteriöse Scharfschützen getötet wurden, just als eine friedliche Lösung in greifbare Nähe rückte; der Vorfall wurde bis heute nicht aufgeklärt, die Bemühungen der ukrainischen Regierung in dieser Richtung bleiben praktisch aus.) Jenen Moment, der den Lauf einer Krise in „vorher“ und „nachher“ teilt, weil Öffentlichkeit und Politik gemeinsam den Atem anhalten und sich neu besinnen.“

„Vorher“ zögerten  die EU-Länder noch, dem  Verlangen der USA nachzugeben, für beide Seiten schmerzhafte Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verhängen. Dann wurde MH17 abgeschossen. Und siehe da: „Am Ende der vergangenen Woche kam Europa im Nachher an“, stellte der Spiegel fest. „Der ‚game changer‘ hatte gewirkt.“ Der Abschuss hat die Lage radikal geändert, gibt das Blatt unverhohlen zu.

Cui bono, wem nützt es? Dem Russland, das jetzt Strafmaßnahmen unterworfen wird? Den Rebellen, die endgültig aus dem Verhandlungsprozess ausgeschlossen bleiben? Oder den US-Amerikanern, die einen Riesenabsatzmarkt (z. B.) für ihr überflüssiges Fracking-Gas in Europa bekommen wollen?

Insolvenzerklärung eines Journalisten


Ich weiß auch nicht, wer das Flugzeug abgeschossen hat. Es könnten Russen, Ukrainer, Amerikaner oder wer auch immer sein. Es übersteigt die Möglichkeiten eines Journalisten oder selbst eines mächtigen Mediums, so einen Fall aufzuklären. Aber egal wie die politischen Sterne stehen, die Aufgabe eines Berichterstatters ist es, unabhängig zu bleiben. Die, die parteiisch werden, haben die Berufsbezeichnung „Journalist“ nicht verdient. Sie werden damit zur Kriegspartei, zu Propagandisten und Hetzern, zu Brandstiftern und tragen dementsprechend eine Mitschuld für weitere Morde.

Stellen Sie sich einmal vor, die belastbaren Untersuchungen würden Russland entlasten… Eine erste Schwalbe, die noch keinen Sommer macht, ist bereits da: Vor Kurzem beschuldigte ausgerechnet die malaysische Presse die ukrainische Regierung, Flug MH17 abgeschossen zu haben.

 

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