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„Der tödliche Status Quo wird von der Bundesregierung verteidigt und gefördert“

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Ein Gespräch mit MAX BLUMENTHAL, 12. November 2014 -

Während die Augen der Weltöffentlichkeit auf den Irak, Syrien oder die Ukraine gerichtet sind, spitzt sich die Lage im „Heiligen Land“ weiterhin zu. Die Unruhen im Westjordanland und in anderen von Israel besetzten Gebieten haben ein neues Ausmaß erreicht. Und zur gleichen Zeit liegt der Gaza-Streifen, den die westliche Berichterstattung schon längst verdrängt hat, immer noch in Trümmern.

Max Blumenthal
Max Blumenthal kam nach Deutschland, um auf einer Vortragsreise seine Sicht der aktuellen Situation in Israel, Gaza und dem Westjordanland darzustellen.

Ein Mann, der über all diese Dinge sprechen will, ist der US-amerikanische Autor und Journalist Max Blumenthal. Blumenthal gehört zu den schärfsten Kritikern der israelischen Politik. Seine Bücher Republican Gomorrah: Inside the Movement that Shattered the Party und Goliath: Life and Loathing in Greater Israel standen auf der Bestsellerliste der New York Times. Max Blumenthals Vater, der Journalist Sydney Blumenthal, gehörte zu den engsten Beratern von US-Präsident Bill Clinton.

Im Sommer dieses Jahres, zur Zeit des letzten Angriffs auf den Gaza-Streifen, war Max Blumenthal in Israel. Während einer Feuerpause reiste er nach Gaza. Vor einigen Tagen kam er zur einer Vortragsreise nach Deutschland. Der Besuch verlief nicht immer reibungslos. Schon im Vorfeld berichteten einige Medien von dem „Israel-Hasser“, der im Bundestag sprechen wolle. Dort kam es dann auch zu einer Konfrontation mit Gregor Gysi, über die seitens der Mainstream-Medien entsprechend berichtet wurde. Emran Feroz hat Max Blumenthal drei Tage vor diesem Vorfall auf einer Veranstaltung des Palästinakomitees Stuttgart getroffen und ihn für Hintergrund interviewt.

Emran Feroz: Sie haben den letzten Angriff der israelischen Armee sowie die Zerstörung in Gaza vor Ort erlebt. Was ist Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Max Blumenthal: Notoperationen mussten in Zahnarztsessel durchgeführt werden, während die Leichen toter Kinder in Eistruhen, die eigentlich für Speiseeis gedacht waren, gelegt wurden. Das waren wohl die prägendsten Szenen, von denen ich gehört habe.

Einige Zeit später haben Sie auf Twitter mit dem Hashtag #JSIL – eine Anspielung auf ISIL (Islamischer Staat) – für Aufmerksamkeit gesorgt. Ein solcher Vergleich ist vor allem in Deutschland ein absolutes Tabu.

Es ist merkwürdig, dass man in Deutschland IS mit der Hamas gleichsetzen oder die gesamte palästinensische Widerstandsbewegung als „Erben der Nazis“ bezeichnen darf, während bei meinem Vergleich eine solche Empörung herrscht. Es ging mir nicht um einen direkten Eins-Zu-Eins-Vergleich, sondern um die Tatsache, warum nur die eine Seite kritisiert wird, während man die andere Seite fördert.

Heißt das für Sie, dass beides in gewisser Weise ähnlich sein muss?

Das ist es auch. Der „Jüdische Staat“, wie sich Israel selbst bezeichnet, beruht auf Grenzen, die international nicht anerkannt sind. Dasselbe betrifft den „Islamischen Staat“. Beide Konstrukte sind entstanden, nachdem die ursprüngliche Bevölkerung teils verjagt und ethnisch gesäubert wurde. Im Fall von Israel war das die palästinensische Urbevölkerung, im Fall des IS sind das Christen, Jesiden oder schiitische Muslime. Beide Staaten berufen sich auf eine religiöse Exklusivität in der Levante. Und beide meinen, alle Muslime bzw. Juden weltweit zu repräsentieren und sie bedienen dadurch islamfeindliche und antisemitische Ressentiments. Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass beide Seiten junge Menschen aus aller Welt anziehen, um diese dann in den Krieg zu schicken. Am Ende sahen dies jedoch selbst die Unterstützer der israelischen Politik ein. Sie benutzten meinen Hashtag und machten daraus „Der Jüdische Staat lebt“ („the Jewish State of Israel lives“).

Die Kämpfer des IS köpfen ihre Opfer und stellen das Ganze dann auf Youtube. Machen israelische Soldaten so etwas auch?

Während des letzten Angriffs auf Gaza wurden Zivilisten von israelischen Drohnen ermordet, was in sozialen Netzwerken ausgiebig gefeiert wurde. Einige Israelis hatte sich auf einem Hügel in der Grenzstadt Sderot versammelt und feierten die Bombardements des Militärs mit Chips und Bier. Ich finde, dass das nicht weniger makaber ist.

Ist religiöser Fundamentalismus in der israelischen Armee präsent?

Ja, das ist er. Eine Hauptfigur der letzten Militäroperation im Gaza-Streifen war Kommandant Ofer Winter, der im Nachhinein von Politik und Medien als „Kriegsheld“ gefeiert wurde. Während des Einsatzes meinte Winter vor seinen Truppen, dass die Palästinenser vor Gott gesündigt hätten und deshalb allesamt bestraft werden müssen. Er hat ihnen also quasi eine Art „Heiligen Krieg“ erklärt. Winters religiöser Extremismus ist allerdings auch schon anders aufgefallen. Als einmal eine israelische Sängerin vor seinen Soldaten auftreten wollte, lehnte er dies ab und meinte, dass eine Frau das nicht dürfe.

In der israelischen Armee sind viele Frauen aktiv.  Wie kann es sein, dass gleichzeitig eine solche Frauenfeindlichkeit existiert?

Was nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass es wahrscheinlicher ist, dass diese Frauen von ihren männlichen Kollegen angegriffen werden als von Palästinensern. Ich denke, dass nur imperialistische Feministen die Meinung vertreten, Frauen könnten sich in Armeen wie der israelischen auf irgendeine Art und Weise emanzipieren. Gute Beispiele für diese Art von Feminismus sind Politikerinnen wie Hillary Clinton, Angela Merkel oder Tzipi Livni, denn ihre Ideologie geht Hand in Hand mit den imperialistischen Interessen der westlichen Großmächte, die wiederum sehr aktiv in muslimischen Ländern sind. Deshalb werden von diesen Protagonisten die dortigen Gesellschaften auch als unzivilisiert und barbarisch dargestellt. Es soll in einem der Eindruck erweckt werden, dass diese Menschen befreit werden müsse.

Beim letzten Angriff auf Gaza wurde auch eine Familie deutscher Staatsbürgerschaft, die Familie von Ibrahim Kilani, getötet. Sein Sohn Ramsis, der in Deutschland lebt, erklärte, dass sich bis heute niemand bei ihnen entschuldigt hat. Seitens der deutschen Regierung gab es keinerlei Reaktion. Wie lässt sich dieses Verhalten erklären?

Das Verhalten der deutschen Bundesregierung zeigt nicht nur das Desinteresse an den Rechten der Palästinenser, sondern auch an deren Leben an sich. Das Leben dieser Menschen ist anscheinend weniger wertvoll. Es ist praktisch gar nicht vorhanden. Gegenteiliges war der Fall, nachdem deutsche Passagiere beim Absturz jenes Flugzeugs in der Ostukraine ums Leben gekommen sind. Da es hieß, die Täter seien womöglich russische Separatisten, war die Empörung groß und erfolgte prompt.

Die deutsche Politik gegenüber Israel und den Palästinensern ist allerdings schon seit Konrad Adenauer zu beobachten. Damals hatte Israel übrigens kein Problem, mit dessen Kanzleramtschef Hans Globke, der im Dritten Reich ein bekannter Nazi gewesen war, zu verhandeln.
Durch diese Art Politik wurden die Palästinenser zu indirekten Opfern des Holocausts gemacht. Jeder Deutsche sollte sich fragen, ob eine solche Politik tatsächlich dazu angetan ist, des Holocausts zu gedenken.

Aussagen wie diese haben vermutlich dazu geführt, dass manche deutschen Politiker Sie nicht hier im Land sehen wollen.

Einige Politiker wie der GRÜNE-Bundestagsabgeordnete Volker Beck hatten eine Kampagne gestartet, um uns – mich und den Journalisten David Sheen – mundtot zu machen. Der Grund hierfür ist die Tatsache, dass sie von einer anderen Version des Judentums nicht wissen wollen. Einer Version, die mit der Ideologie des Zionismus nichts zu tun hat. Diese Haltung fördert den Antisemitismus. Antisemitisch ist, wer Zionismus mit Judentum gleichsetzt. Und jetzt sehen wir, wie deutsche Politiker, die dem links-liberalen Spektrum zuzurechnen sind, genau das machen. Sie setzen Anti-Zionismus mit Antisemitismus gleich. Sie denken, dass eine jüdische Identität und israelischer Nationalismus das Gleiche seien.

Der Gaza-Streifen ist immer noch zerstört. Und im Westjordanland und anderen besetzten Gebieten spricht man schon von einer „Dritten Intifada“. Ist das wirklich der Fall oder handelt es sich hierbei nur um Panikmache?

Die Al-Aqsa-Moschee wurde im letzten Jahr „nur“ acht Mal von israelischen Soldaten gestürmt. Dieses Jahr waren es ganze 76 Mal. Seit 1967 haben die Soldaten die Moschee, die dritt heiligste Stätte des Islams, wieder mit Stiefeln betreten. Radikale Siedler lassen immer wieder verlauten, dass sie die Moschee abreißen wollen, um einen jüdischen Tempel zu errichten. Dadurch würde sich die Situation weiterhin zuspitzen. Der Konflikt würde eine religiös-apokalyptische Dimension erreichen, die verheerend für alle Menschen wäre.

Ich denke, dass die „Dritte Intifada“ tatsächlich vor der Tür steht. Allerdings meine ich, dass dieses Wort – Intifada – die Situation nicht auf den Punkt bringt. Es ist nicht effektiv genug, um zu beschreiben, was tatsächlich vor sich geht. Damals – im Fall der Ersten. und Zweiten Intifada – war dieser Begriff angebrachter. Führende Personen des palästinensischen Widerstands waren nicht verhaftet oder tot, wie es heute der Fall ist. Abgesehen davon wird das Leben der Palästinenser bis auf den letzten Schritt kontrolliert. Unter diesen Umständen wird ein landesweiter Aufstand seitens der Palästinenser unmöglich gemacht. Was wir jedoch gegenwärtig erleben, ist ein sehr begrenzter Widerstand, der landesweit stattfindet. Das wird solange weitergehen, wie der Status Quo erhalten bleibt. Es ist dieser tödliche Status Quo, der von der deutschen Bundesregierung verteidigt und gefördert wird.

Vielen Dank für das Gespräch

 

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