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Auschwitz-Gedenken: Kein Platz für Putin

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Von SEBASTIAN RANGE, 27. Januar 2015 -

Die heutige internationale Gedenkfeier im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Polen zum 70. Jahrestag der Befreiung sollte ganz im Zeichen der Überlebenden stehen, doch sie wird belastet von geschichtsrevisionistischen Äußerungen polnischer und ukrainischer Regierungsvertreter.

Stellvertretend für die rund dreihundert zur Gedenkfeier angereisten Überlebenden ergriffen drei ehemalige Auschwitz-Häftlinge das Wort. Als einziger Politiker sprach der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski bei der Zeremonie, zu der sich Staats- und Regierungschefs sowie Regierungsmitgliedern aus rund vierzig Ländern eingefunden hatten, darunter Bundespräsident Joachim Gauck – Russlands Präsident Wladimir Putin war nicht anwesend.

Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee der Sowjetunion die rund 7500 noch im Lager verbliebenen Häftlinge befreit, die die SS zurückgelassen hatte, als sie Zehntausende Gefangene auf die Todesmärsche in den Westen zwang. Das Lager im Süden des besetzten Polen war das größte Vernichtungslager der Nazis. Mindesten 1,1 Millionen Menschen fanden hier ihren Tod. Die allermeisten Opfer waren Juden. Aber auch Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Polen, Homosexuelle und politische Häftlinge wurden in Auschwitz getötet.

Die Sowjetunion trug die Hauptlast im Kampf gegen Nazi-Deutschland. Schätzungsweise zehn Millionen Rotarmisten verloren dabei ihr Leben, rund drei Millionen davon in deutscher Kriegsgefangenschaft. Hinzu kommen etwa   15 Millionen getötete Zivilisten.

Überschattet wird der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz von Versuchen Warschaus, das Gedenken vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise für politische Zwecke zu missbrauchen – die polnische Regierung gilt als einer der engsten Verbündeten Kiews.  

Für erheblichen Unmut in Moskau sorgte Warschaus Entscheidung, Waldimir Putin nicht zur Gedenkzeremonie in Auschwitz einzuladen. Zum 60. Jahrestag hatte er noch als höchster Vertreter des Nachfolgestaates der Sowjetunion, und damit als Repräsentant der Befreier, eine Rede auf der Gedenkfeier in Auschwitz  gehalten.

Seine Einladung zur heutigen Zeremonie galt noch vor Wochen trotz des angespannten Verhältnisses zwischen Moskau und dem Westen als diplomatische Selbstverständlichkeit – schließlich soll das Gedenken an jenem Ort, der wie kein anderer für die Gräueltaten der Nazis steht, über alle aktuellen politischen Dispute hinweg erhaben sein.  

Wenn jemand es verdient habe, an der Befreiungszeremonie teilzunehmen, dann Wladimir Putin, kritisierte Efraim Zuroff  vom Simon-Wiesenthal-Zentrum die Entscheidung der polnischen Regierung: „Immerhin war es die Rote Armee, die Auschwitz befreite und dem Massenmord in dem Lager ein Ende bereitete.“ Putins Anwesenheit bei der Zeremonie in Auschwitz wäre mit der Erinnerung an die Identität der Befreier verbunden gewesen, „eine Tatsache, die die osteuropäischen EU-Mitglieder am liebsten vergessen würden“, so Zuroff. (1)

Mit irritierenden Äußerungen versuchte Polens Außenminister Grzegorz Schetyna die historisch unbestrittene Identität der Befreier im Vorfeld des Jahrestages anzuzweifeln. Vor einer Woche antwortete er im polnischen Rundfunk auf die Frage, warum der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zur Gedenkfeier nach Auschwitz geladen wurde, jedoch nicht der russische Präsident, dass das Konzentrationslager schließlich von Ukrainern befreit worden sei,  da „die Operation von den Kräften der 1. Ukrainischen Front durchgeführt wurde“. „An jenem Januar-Tag haben ukrainische Soldaten das Lagertor geöffnet und die Häftlinge befreit.“ (2) Nun müsste auch Polens Außenminister klar sein, dass sich die Bezeichnung „1. Ukrainische Front“ nicht auf die Nationalität der ihr angehörenden Soldaten bezieht, sondern auf ihre geographische Lage – ursprünglich war sie nach der russischen Stadt Woronesch benannt. Nachdem die Woronescher Front ostukrainische Städte, darunter Charkow, befreit hatte, wurde sie im Oktober 1943 zur „1. Ukrainischen Front“.  

In ihr dienten „Russen, Ukrainer, Tschetschenen, Georgier, Tataren und viele andere“, korrigierte Russlands Außenminister Sergeij Lawrow die Sichtweise seines polnischen Amtskollegen. „Der Versuch, mit nationalistischen Gefühlen in dieser Situation zu spielen, ist absolut frevelhaft und zynisch“, empörte sich Lawrow. Unbeirrt von historischen Tatsachen und der Kritik aus Moskau hält Schetyna an seiner Darstellung fest. „Ich habe die Wahrheit gesagt“, betonte der Minister am vergangenen  Freitag im polnischen Rundfunksender Radio Zet. „Der erste Panzer, der das Tor von Auschwitz durchbrochen hat, wurde von dem Ukrainer Igor Gawrilowitsch Pobirtschenko kommandiert.“ In der Roten Armee habe es keine „sowjetische Nationalität“ gegeben, so Schetyna.

„Wenn ein Mensch zwischen der 1. Ukrainischen Front und der Nationalität der Soldaten nicht unterscheiden kann, die an dieser Front gegen den Faschismus kämpften, so hat er entweder nicht einmal die Schule beendet oder er ist bereit, um der politischen Konjunktur willen alles zu vergessen, was ihm in der Schule beigebracht wurde“, bezog daraufhin der Chef des Auswärtigen Ausschusses des russischen Föderationsrates, Konstantin Kossatschow, Stellung gegen die Uminterpretation der Geschichte durch den polnischen Außenminister. (3) Russland sieht sich im Zuge des Ukraine-Konflikts nicht nur vom Westen als „Aggressor“ an den Pranger gestellt, sondern nun obendrein um seine historischen Verdienste gebracht. Moskau wirft vor allem der von der EU unterstützten ukrainischen Regierung vor, die gegenwärtige Krise für eine beispiellose Geschichtsklitterung zu missbrauchen.

So hatte Kiews Regierungschef Arseni Jazenjuk vor Wochen in einem ARD-Interview eine Parallele zwischen dem Krieg in der Ostukraine und dem Zweiten Weltkrieg gezogen: „Wir erinnern uns alle sehr gut an die sowjetische Invasion in der Ukraine und in Deutschland.“ Vorwürfe, die Nazis zu Opfern und die Rote Armee zu Tätern zu stilisieren, kamen daraufhin nicht nur aus Russland. Tschechiens Präsident Milos Zeman warf Jazenjuk nach dessen ARD-Auftritt Geschichtsfälschung vor. Nachdem sich herausstellte, dass Waldimir Putin der Gedenkfeier in Auschwitz fernbleiben wird, lud Zeman den russischen Präsidenten zu einer am selben Tag angesetzten Gedenkzeremonie im ehemaligen Konzentrationslager  Theresienstadt ein. Die polnische Regierung gab sich keine Blöße, auch Putins dortige Teilnahme zu torpedieren. Polens Ministerpräsident habe bei seinem tschechischen Amtskollegen diesbezüglich interveniert, berichteten polnische Medien. Offenbar mit Erfolg, denn Putin zog es vor, an diesem geschichtsträchtigen Datum an einer Gedenkfeier im Jüdischen Museum in Moskau teilzunehmen.

Der ukrainische Präsident wurde hingegen von Polens Regierungschefin Ewa Kopacz bei ihrem Besuch in Kiew Präsident persönlich nach Auschwitz eingeladen. Die an Poroschenko adressierte Offerte bei gleichzeitiger Nicht-Einladung des russischen Präsidenten kommt einer Verhöhnung der NS-Opfer gleich. Denn Kiew fühlt sich nicht jenen Ukrainern verbunden, die in den Reihen der Roten Armee gegen den Faschismus kämpften, sondern derer, die unter Führung des Nationalisten Stephan Bandera mit den Nazis kollaborierten und die einmarschierende Wehrmacht als Befreier begrüßten.

Mit der Ermordung von über einhunderttausend Juden, Polen und Kommunisten ebnete die von Bandera geführte Ukrainische Aufständische Armee dem Vernichtungsprogramm der Nazis in der Ukraine den Weg. Die Parole der Bandera-Faschisten – „Ruhm der Ukraine - den Helden Ruhm", das Pendant zum deutschen „Sieg Heil“ – wurde zum identitätsstiftenden Schlachtruf der Maidan-Aktivisten und der aus dem Putsch vom 22. Februar 2014 hervorgegangen Regierung. Auch Präsident Poroschenko bedient sich gern dieser Parole bei öffentlichen Anlässen. Damit mag er lediglich der nationalistischen Stimmung opportunistisch Rechnung tragen. Befremdlich ist jedoch, dass er mit Oleg Machnizk einen Funktionär und Mitbegründer der faschistischen Swoboda zu einem seiner Berater auserwählte – jene Partei, die regelmäßig Gedenkmärsche zur Ehrung der Waffen-SS organisiert, und deren Chef Oleh Tjahnybok 2012  vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in die jährliche „Top Ten“ der Antisemiten gewählt wurde.


 

Anmerkungen

(mit dpa)

(1) http://www.i24news.tv/en/opinion/57693-150114-putin-should-be-invited-to-auschwitz

(2) http://de.sputniknews.com/politik/20150121/300716326.html

(3) http://de.sputniknews.com/politik/20150123/300755048.html

 

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