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Im Stellvertreterkrieg

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Überlegungen zur geostrategischen Rolle des Islamischen Staates -

Von KARIN LEUKEFELD, Damaskus -

IS in Raqqa„Der Islamische Staat im Irak und in Sham (Levante) kommt über Euch aus dem Nichts“. So steht es neuerdings an den Häusern von Christen in Qaryatayn. Die Stadt liegt etwa 150 km östlich von Homs, abseits der Wüstenstraße nach Palmyra. Gut 30 Prozent der  etwa 20 000 Einwohner von Qaryatayn gehören der Syrisch-Katholischen und Syrisch-Orthodoxen Kirche an, einer der ältesten Christengemeinden im Herzen Syriens. Die Schriften an den Mauern erschienen über Nacht, berichtet Pater Jacques Mourad, der das nahe gelegene Kloster Deir Mar Elian leitet. „Als ich neulich früh morgens zur Kirche im Ort kam, war die Schrift noch frisch. Ich nahm Wasser und eine Bürste und schrubbte die Farbe ab, bis sie nicht mehr zu sehen war.“

Doch ‚Daish‘ – so das im Arabischen allgemein benutzte Kürzel der Gruppe, die sich selbst als „Islamischer Staat“ bezeichnet – kommt nicht „aus dem Nichts“. Regionale und internationale Sponsoren stehen hinter ‚Daish‘, der offenbar über unerschöpfliche finanzielle Ressourcen verfügt. Diese Sponsoren benutzen die Kämpfer, um die Nationalstaaten zu zerstören, die vor 100 Jahren in der Levante gegen den Willen der damaligen Bevölkerung geformt worden waren. Damals ging es um die kolonialen Interessen von Großbritannien und Frankreich, heute geht es um die Sicherung von Rohstoffen für die von den USA angeführte westliche Welt. Der Zorn der Golfstaaten auf die unabhängige Politik, die in Syrien verteidigt wird, schlägt sich nieder in der Bewaffnung und Ausbildung von irregulären Kampfgruppen, die von ‚Daish‘ dominiert werden. Der gesellschaftliche Boden, der sie nährt, ist Armut.

„Wir bleiben in unserer Stadt“

Bei Qaryatayn gäbe es ein Nebeneinander der syrischen Streitkräfte und bewaffneter Gruppen, sagt Pater Jacques. Eine der ‚freien Armeen‘ sei ‚Daish‘. Ein lokaler Waffenstillstand halte in der Stadt, sagt er. „Doch außerhalb ist ständig Krieg.“ Zwei Familien im Ort seien bekannt dafür, dass sie ‚Daish‘ unterstützten, meint der Pater.

Angst hat er nicht, obwohl er die nächtlich geschriebenen Parolen an den christlichen Häusern als Einschüchterung versteht. „Sie denken, dass sie uns Angst machen und uns vertreiben können“, aber da hätten die Leute, die das schrieben, sich getäuscht. „Wir sind nicht beeindruckt, wir bleiben in unserer Stadt, in unseren Häusern und machen weiter unsere Arbeit.“ Unterstützung gäbe es von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung in Qaryatayn, so der Priester. „Wir stehen im ständigen Kontakt mit dem Mufti, den (muslimischen) Scheichs und mit der Armee, die uns alle unterstützen.“

Islamischer Staat in Faludscha
Mit Unterstützung aus den Golfstaaten und der Türkei entstand eine Massenbewegung: Dschihadisten demonstrieren im irakischen Falludscha

Die Arbeit der Christen in Qaryatayn sei bekannt, fährt er fort. „Wir sind für die Armen, Kranken, für die Alten und für die Kinder da. Besonders im medizinischen Bereich helfen wir, das wird uns hoch angerechnet.“ Wie in so vielen ländlichen Gebieten in Syrien, gibt es in Qaryatayn und in den umliegenden Dörfern kein Krankenhaus, kaum Ärzte und keine Fachärzte. Die meisten von Armut betroffenen Menschen, seien Muslime, Sunniten, fügt er hinzu. Selbst sei er nicht bedroht worden, doch er wisse, dass es Leute gibt, die die Arbeit der Kirche unterbinden wollen. Für ihn sei klar, was zu tun sei: „Ich mache weiter, ich frage niemanden um Erlaubnis, wenn es darum geht, den Menschen zu helfen.“ Das größte Problem in Qaryatayn sei die Arbeitslosigkeit, es gäbe kein Einkommen. „Die Leute müssen Geld verdienen können, um ihr Leben gestalten zu können. Es ist nicht gut, immer von Spenden abhängig zu sein.“

Vor der ‚Krise‘, wie die Ereignisse in Syrien genannt werden, hätten alle Leute in Qaryatayn irgendeine Arbeit gehabt und es habe sogar zum Sparen gereicht. „Doch in den letzten vier Jahren haben die Männer ihre Arbeit verloren, die Ersparnisse sind aufgebraucht und alles ist so teuer geworden, dass die Leute nicht weiter wissen.“ Die ökonomische Krise sei nach der Frage der Sicherheit das größte Problem in Syrien.

Ökonomie des Krieges

Der Krieg hat seine eigene Ökonomie hervorgebracht, die ein Ende des Krieges verhindert. Männer, die früher als Bauarbeiter, Fahrer oder Imker arbeiteten, verdienen heute Geld, wenn sie eine Waffe tragen. Das gilt insbesondere für die Badia Syriens, die östlichen Wüstengebiete, die in weiten Bereichen von ‚Daish‘ oder dem selbst ernannten ,Islamischen Staat im Irak und in der Levante‘ (ISIL) kontrolliert werden.

Neben einigen der ältesten christlichen Gemeinden leben in der Wüste und entlang des Euphrats diesseits und jenseits der syrisch-irakischen Grenze Beduinenstämme, die staatliche Strukturen nicht anerkennen. Nicht alle, aber viele dieser Stämme kooperieren mit ‚Daish‘. Als „Grenzgänger“ ziehen sie seit Jahrhunderten mit ihren Viehherden vom Nordirak hinunter auf die arabische Halbinsel, sie dienen manchen und bekämpfen manche Herren. Drusen im Süden Syriens, Tscherkessen auf dem Golan, Bauern im Jordantal haben negative Erfahrungen mit den Beduinen gemacht. Eigentum an Land und landwirtschaftliche Bearbeitung des Bodens ist diesen Stämmen fremd. Auf der Suche nach Nahrung für ihre Viehherden oder deren ungehinderten Durchzug kommt es oft zu Streit und bewaffneten Auseinandersetzungen. Seit der Unabhängigkeit (1946), insbesondere unter dem Präsidenten Hafez al-Assad, versuchte Syrien die Beduinen sesshaft zu machen. Wohnungen, Schulen, Krankenstationen und Arbeitsmöglichkeiten wurden geboten, was teilweise angenommen wurde. Dass die Stammesbindungen insbesondere nach Saudi Arabien schwerer wiegen als die Anerkennung des Staates, hat sich in den letzten vier Jahren deutlich gezeigt. Gegen erhebliche Zahlungen aus den Golfstaaten – offiziell über Geschäftsleute – haben Beduinen in den Grenzgebieten zum Irak und zu Jordanien Waffen und Kämpfer über die Grenzen geschmuggelt bzw. geschleust. Teilweise dienen sie auch beiden Kampfparteien als Nachrichtenzuträger.

Beduinenstämme als Verbündete

Lawrence von Arabien
Der berühmte britische Spion Lawrence von Arabien organisierte während des Ersten Weltkrieges Beduinen als Kampftruppen gegen das Osmanische Reich

Schon während des Ersten Weltkrieges nutzten die Briten die Beduinen, um gegen die mit dem Deutschen Reich verbündeten Osmanen zu kämpfen. Für deren Vertreibung aus der Levante versprachen die Briten den Beduinen und der neu aufkommenden arabischen Nationalbewegung Unabhängigkeit. Der britische Archäologe und Spion T. E. Lawrence (Lawrence von Arabien) wurde beauftragt, die Kampfgruppen der Beduinen vom Hejaz (Saudi Arabien) zu organisieren, zu bewaffnen und anzuleiten – und sie siegten. Die Geschichte zeigt jedoch, dass es mit der Unabhängigkeit für die arabische Nationalbewegung nicht ernst gemeint war. König Feisal wurde aus Syrien von der französischen Mandatsmacht vertrieben und in den – von der britischen Mandatsmacht kontrollierten – Irak abgeschoben.

Auch im Auswärtigen Amt in Berlin lag damals ein Plan zur „alternativen Kriegsführung“ vor. Die Osmanen sollten weltweit den „Heiligen Krieg“ erklären, dann könnte mit den Beduinen eine islamische Revolte „in der Tiefe“ der arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches organisiert werden, um die Kriegsgegner Großbritannien, Frankreich und Russland zu schwächen. Der Autor des Papiers hieß Max von Oppenheim, der 1899 den Siedlungshügel Tell Halaf entdeckt hatte, wo er die prähistorische Halaf-Kultur sowie aramäisch-neuassyrische Stadtreste fand. Oppenheim arbeitete während des Ersten Weltkrieges offiziell in der „Nachrichtenstelle für den Orient“ (Berlin) und in der deutschen Botschaft in Istanbul. Der Plan wurde nie umgesetzt, die Osmanen und das Deutsche Reich verloren den Krieg. Doch vieles, was heute in Syrien und im Irak geschieht, deutet darauf hin, dass die Idee nicht in Vergessenheit geraten ist.

Waffen an Islamisten

Das Bündnis der ,Freunde Syriens‘ hat seit 2011 mit Geheimagenten, privaten Sicherheitsdiensten und Militärspezialisten Gruppen und Stämme bewaffnet und ausgebildet, die gegen die syrische Regierung kämpfen. Die Vorbereitungen dazu haben vermutlich schon vorher begonnen.

Die der syrischen Führung nahe stehende Nachrichten-Webseite Champress (in Damaskus) veröffentlichte im Oktober 2012 einen Plan des (damaligen) saudischen Geheimdienstchefs Bandar bin Sultan und des ehemaligen US-Botschafters im Libanon, Jeffrey Feltman, zur Zerstörung von Syrien. Feltman ist heute Stellvertreter von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, Bandar bin Sultan seit Anfang 2014 im verordneten Ruhestand. Der Plan soll aus dem Jahr 2008 stammen und ein Finanzvolumen von zwei Milliarden US-Dollar umfasst haben. Dabei sollte gesellschaftliche Unzufriedenheit und der Wunsch nach mehr politischer Freiheit und wirtschaftlicher Teilhabe genutzt werden, um einen Aufstand anzustiften und die syrische Führung zu stürzen.

Westliche Medien weisen dies als „Verschwörungstheorie“ zurück, beim US-amerikanischen Think Tank Stratfor hielt man den Plan aber durchaus für real. In Städten, Kleinstädten und Dörfern sollten demnach Netzwerke entstehen und finanziell unterstützt werden. Ausgebildete, arbeitslose junge Leute einerseits, Kriminelle, auch Nicht-Syrer andererseits, dazu junge Leute auf der Basis von ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten sollten zu Protesten ermuntert werden. Ein Mediennetzwerk mit Vertretern der vom Westen unterstützten Zivilgesellschaft sollte entstehen, auch (wohlhabende) Geschäftsleute in Damaskus, Homs und Aleppo sollten mobilisiert werden.

Bei politischem Protest sollte es nicht bleiben. Seit Januar 2012 lieferten Katar, Saudi Arabien und Jordanien nachweislich (New York Times, März 2013) Waffen über die Türkei nach Syrien, die letztlich den extremsten Kampfverbänden – Nusra Front und ISIL – in die Hände fielen. Anfang Oktober 2014 räumte US-Vizepräsident Joe Biden bei einem öffentlichen Vortrag an der Harvard Universität ein, dass „unsere Verbündeten unser größtes Problem waren“. Namentlich nannte Biden „die Türken, die Saudis, die Emirate“, die „so entschlossen waren, den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad zu stürzen und einen Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu initiieren“, dass sie „Hunderte Millionen US-Dollar und Tausende Tonnen Waffen an jeden lieferten, der gegen Assad kämpfen wollte“. Damit hätten sie auch Al-Qaida-Kämpfern und ISIL geholfen. Der Türkei warf Biden zudem vor, jede Menge ausländische Kämpfer über ihre Grenzen nach Syrien ziehen zu lassen. Arabischen Quellen zufolge sollen es allein im September und Oktober 2014 monatlich mehr als 1 000 gewesen sein. Der türkische Ministerpräsident wies die Anschuldigungen zurück und sagte, die Männer seien „als Touristen nach Syrien“ gereist.

Türkei: Unterstützung für die Muslimbruderschaft

Die Absichten der türkischen Regierung haben sich seit Beginn der Umwälzungen im Mittleren Osten und in Nordafrika (2010/2011) nicht geändert. Ermuntert von den USA, EU und NATO sah die AKP-Regierung sich – im Bündnis mit der arabischen Muslimbruderschaft – als führende muslimische Nation im Mittelmeerraum. Die türkische Adalet ve Kalkinma Partisi (AKP, Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) ist eine Schwesterpartei der Muslimbruderschaft, die wiederum in den meisten arabischen Ländern als Terrororganisation verboten ist. Ankara veränderte seine bis dahin sehr offene, auf gute Nachbarschaft und wirtschaftliche Beziehungen bedachte Syrien-Politik radikal und drängte auf eine politische Anerkennung seiner „syrischen Brüder“ und deren Machtbeteiligung in Damaskus. Als man sich dort die Einmischung verbot, wurden Waffen geliefert und Kampfgruppen unterstützt, die vor allem in den Provinzen Idlib und Aleppo, aber auch in Dar’ā Unterstützung fanden. Dort befinden sich langjährige geheime und in den letzten Jahren auch halboffene Strukturen der al-Ikhwan al-Muslimūn, der Muslimbruderschaft.

Die syrische Muslimbruderschaft, genauer gesagt deren Idlib-Aleppo-Zweig, hatte 1979/82 einen blutigen Aufstand gegen die führende Baath-Partei organisiert. Der Damaskus-Zweig der Organisation war moderater und wenig angetan von einer politischen Rolle der Organisation. Der Aufstand endete 1982 mit dem „Massaker von Hama“, Tausenden Toten, Zehntausenden Gefangenen und dem Verbot jeder Tätigkeit für die Muslimbruderschaft bei Todesstrafe. Vermutlich aus anti-kommunistischen Ressentiments gegen Syrien, das damals als blockfreier Staat eng mit der Sowjetunion und der DDR verbunden war, hatte die Führung der syrischen Muslimbruderschaft nach 1982 in Europa, insbesondere in Deutschland Zuflucht gefunden. Die bis heute engen Kontakte der Bundesregierung zu der Führung der Muslimbruderschaft und der Einfluss der Organisation auf die wirtschaftlichen und religiösen Strukturen der Muslime in Deutschland dürfte ein wesentlicher Grund für das enorme deutsche Engagement bei den „Freunden Syriens“ sein.

IS
"Bewaffneter Arm der AKP"? Die türkische Regierung hat ein fragwürdiges Verhältnis zu den Militanten des Islamischen Staats

Die Türkische Republik feiert im Jahr 2023 ihr 100-jähriges Bestehen. Die AKP-Führung will dafür mit der „Vision 2023“ einen ehrgeizigen Plan umsetzen und die zehntstärkste Wirtschaftsmacht in der Welt werden. Um die eigene Ökonomie ungehindert auszudehnen, muss das wirtschaftlich aufstrebende Entwicklungsland Syrien zerschlagen werden. Die Türkei beansprucht Zugriff auf die Gasfelder im östlichen Mittelmeer, auf den kurdischen Nordirak (mit den Ölfeldern von Kirkuk), auf Transitrouten für Öl und Gas sowie auf Nordsyrien, für das Ankara die Einrichtung einer „Schutzzone“ fordert. Das Gebiet, das von ISIL im Osten Syriens unter Kontrolle gebracht worden ist, hat Öl- und Gasvorkommen. Das gestohlene Öl wird von ISIL ungehindert über die Türkei verkauft, während der syrische Staat durch EU-Sanktionen am Ölexport gehindert wird.

Zu den weiteren Zielen der „Vision 2023“ gehören auch der Anstieg der Exporte (500 Milliarden US-Dollar) und des Außenhandels (eine Billion US-Dollar), Ausbau der Windenergie und Energiegewinnung durch Erdwärme sowie der Bau von drei Atomreaktoren. Auch der Ausbau der Gesundheitsversorgung und des Tourismussektors stehen auf der AKP-Wunschliste für 2023.

Außenpolitisch will die Türkei zwar in der „Vision 2023“ Konflikte lösen, tut allerdings aktuell das Gegenteil. In einem klaren Verstoß gegen die UN-Sicherheitsratsresolutionen gegen ISIL und andere terroristische Gruppen in Syrien (Nr. 2170 und Nr. 2178) lässt Ankara ISIL wie den „bewaffneten Arm der AKP“ in Syrien agieren, hieß es (Mitte November) in der libanesischen Zeitung As Safir. Die zunehmende Sorge der NATO-Staaten vor der Rückkehr der Gotteskrieger in ihre Heimatländer nutzt Ankara als Druckmittel, um die NATO auf den Kampf gegen die syrische Armee und Präsident Bashar al-Assad zu verpflichten. Noch ist die US-Administration zumindest offiziell dazu nicht bereit.

Schiitischer und sunnitischer Machtbogen  

Der Golfstaat Katar ist einer der wenigen arabischen Staaten, die der Muslimbruderschaft gegenüber wohlgesinnt sind. Seit den Umwälzungen in Tunesien und Ägypten hat Doha keine Mühen gescheut, um die Muslimbruderschaft in Amt und Würden zu bringen. Großzügige Finanzhilfen gab es für Präsident Mohammed Mursi an das hoch verschuldete Ägypten. Mediale und politische Unterstützung liefert der Nachrichtensender Al Jazeera, einst Flaggschiff der modernen arabischen Fernsehsender, bis heute. Finanziell bietet Doha syrischen Oppositionellen großzügige Unterstützung und Aufenthalt in Katar an, sofern sie sich auf deren politische Linie verpflichten. In der Nationalen Koalition (Etilaf) kommt es regelmäßig zu einem Kräftemessen mit Saudi-Arabien, wenn Doha die Vertreter der Muslimbruderschaft stärken will. Katar lieferte mehr Waffen und Geld als jeder andere Staat in der Region, gleichzeitig spendet das Emirat großzügig für Flüchtlingslager, um die Folgen seiner indirekten militärischen Operation gegen Syrien abzufedern.

Bandar bin Sultan
Der saudische Geheimdienstler Bandar bin Sultan bin Abdulaziz Al-Saud griff diese Ideen wieder auf. Er bewaffnete und unterstützte Mudschaheddin in Syrien gegen Assad

Die Politik des Königreichs Saudi-Arabien zeichnet sich in den letzten vier Jahren durch einen Schlingerkurs aus. Verunsichert durch die offene politische und militärische Hilfe für die Muslimbruderschaft durch die USA, Europa und Katar, den superreichen Däumling am Persisch-Arabischen Golf, hielt Riad sich zunächst zurück, lieferte allerdings Waffen und Geld. Mit dem Geheimdienstchef Bandar Bin Sultan wurden jedoch alle Register gezogen, Waffen und Geld flossen in Strömen an die Kampfverbände in Syrien. Etliche Kampfverbände unterstanden seinem direkten Kommando. Kurz vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi (2014) besuchte der von arabischen Kritikern auch als „Prinz der Mudschahidin“ bezeichnete saudische Prinz Bandar Bin Sultan Moskau, um Putin ein Geschäft vorzuschlagen. Saudi Arabien würde Russland große Mengen Waffen abkaufen, wenn Moskau im Gegenzug seine Unterstützung für den syrischen Präsidenten einstellen würde. Putin lehnte ab. Das Eigenleben der Kampfverbände und die unübersichtliche Zellteilung der Gruppen, die von den Geldströmen der „Geschäftsleute vom Golf“ ihren Anteil abhaben wollten, wuchsen Prinz Bandar schließlich über den Kopf. König Abdullah entließ ihn Anfang 2014 nicht zuletzt auf Druck der US-Administration.

So unterschiedlich die Interessen der Golfstaaten und der Türkei gegen Syrien sind, so einig scheinen sie sich zu sein, Syrien zerschlagen und Präsident Bashar al-Assad stürzen zu wollen. Ziel ist, die engen geographischen und strategischen Beziehungen von Damaskus mit der libanesischen Hisbollah einerseits, dem Irak und Iran andererseits zu durchbrechen. Der angebliche „schiitische Machtbogen“ (Hisbollah/Libanon, Damaskus, Bagdad, Teheran) soll durch einen „sunnitischen Machtbogen“ (Riad, Damaskus, Ankara) zerstört werden. Diese Aufgabe wird derzeit von ‚Daish‘ ebenso erfüllt wie von der Nusra Front, der Islamischen Front und allen Kampfverbänden, die im regionalen und internationalen Auftrag unterwegs sind. Das Durchbrechen der angeblichen „schiitischen Allianzen“ ist im Interesse Israels und im Interesse von dessen westlichen Partnern in Europa und in den USA. Tatsächlich handelt es sich bei der sogenannten „schiitischen Allianz“ um eine von wirtschaftspolitischen und geostrategischen regionalen Interessen geleitete Allianz gegen westliche (und israelische) Einmischung und Dominanz.

Für die Regionalmächte Saudi-Arabien (Golfstaaten) und Türkei kämpft ‚Daish‘ stellvertretend einen geostrategisch wichtigen Nachbarn nieder und schwächt damit gleichzeitig eine andere Regionalmacht, Iran. Das kommt den geostrategischen Interessen der internationalen Allianz unter Führung der USA entgegen. ‚Daish‘ soll aber zumindest vom Irak ferngehalten werden, besonders von den Ölfeldern in Kirkuk. Das grausame Auftreten von ‚Daish‘ und die Tatsache, dass die gut finanzierte Truppe rund 3 000 Kämpfer allein aus europäischen Staaten angezogen hat, darunter ehemalige Soldaten, geht den Sponsoren allerdings zu weit. Darum soll ‚Daish‘ perspektivisch durch „moderate“ Kämpfer ersetzt werden. In diesem Sinne werden Stellvertreter wie die kurdischen Peschmerga im Nordirak bewaffnet und sogenannte „moderate Kämpfer der syrischen Opposition“ zu Tausenden ausgebildet.

Die ,Freunde Syriens‘ suchen nicht nach einer einvernehmlichen politischen Lösung mit allen Staaten der Region, sondern sie verschärfen einen regionalen Stellvertreterkrieg vor der Haustür Irans und Russlands. Die NATO ist in den Krieg involviert, in der Türkei soll die Ausbildung der Ersatztruppe, die ‚Daish‘ ablösen soll, auf der Militärbasis Kırşehir erfolgen. Als politischer Arm der neu aufgestellten Truppe fungiert die von den ,Freunden Syriens‘ als legitime Vertretung der Syrer anerkannte Nationale Koalition (Etilaf). Die wiederum wird von den Interessen Saudi-Arabiens und Katars dominiert. Nach dem Vorbild des Iraks (1991-2003) fordert Etilaf die Einrichtung von „Schutzzonen“ in Syrien südlich des 33. Breitengrades und nördlich des 35. Breitengrades. Eine dritte „Schutzzone“ soll das Qalamun-Gebirge an der Grenze zum Libanon von Syrien abtrennen. Die Zonen dürften weniger dem „Schutz der Syrer“ als dem „Schutz der Kampfverbände“ dienen, die stellvertretend für die ,Freunde Syriens‘ Syrien zerschlagen sollen.

Ende November 2014 befasste sich das Anti-Terror-Komitee des UN-Sicherheitsrates mit der „Wirtschaftskraft“ von ISIL. Bis zu 45 Millionen US-Dollar soll die Gruppe allein im Jahr 2014 durch Entführungen erpresst haben. Millionen verdiente ISIL zusätzlich durch den Verkauf gestohlenen syrischen Öls (über die Türkei) und durch international organisierten Antikenraub. Das Unterstützungsnetz der Gotteskrieger ist inzwischen weit über die Türkei, den Irak, Jordanien und den Libanon hinaus gespannt. Ihre Sponsoren könnten sich eines Tages selbst darin verfangen.

# Der Artikel erschien zuerst in Hintergrund, Heft 1-2015. Zu bestellen gibt es die Printausgaben von Hintergrund hier.

 

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