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"In israelischen Gefängnissen gab es unzählige Foltermethoden"

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Interview mit AFIF HAMUT, 18. Mai 2015 - 

Foltergefängnis Khiam Während der israelischen Besatzung des Südlibanon von 1985-2000 war das Gefängnis von Khiam für tausende Gefangene, die in den meisten Fällen ohne jedes Gerichtsurteil dort inhaftiert waren, die Hölle auf Erden. Es wurde von den Kollaborateuren der Südlibanesischen Armee (SLA) betrieben, welche unter israelischer Anleitung arbeiteten und folterten, von Israel ausgebildet, ausgerüstet und bezahlt wurden. Während der Folter waren regelmäßig israelische Folterer anwesend. Nach dem israelischen Rückzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000, wurde das Camp von der schiitisch-libanesischen Hisbollah zu einem Museum umgestaltet, bis es im Libanonkrieg von 2006 von der israelischen Luftwaffe zerstört wurde. Die Überreste dienen noch heute als Museum. Afif Hamut war 12 Jahre lang Gefangener in Khiam, Willi Effenberger hat ihn für Hintergrund im Libanon getroffen und interviewt.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie in Khiam inhaftiert wurden?

Ich komme aus Kafar Haman, einem Dorf nahe der libanesisch-paläsinensischen Grenze. Dort bin ich groß geworden und dort habe ich gelebt. Nach der israelischen Invasion bin ich nach Beirut gezogen, da mein Dorf besetzt war. Ich habe eine Weile in Beirut gelebt und studiert, bis die israelische Invasion bis nach Beirut vorgedrungen war. Als die Invasion angekommen war, bin ich der demokratischen Jugendfront beigetreten und danach der Kommunistischen Partei Libanons. Wir haben dann angefangen gegen die israelischen Invasoren zu kämpfen. Es gab ein Manifest von George Habbas, dem Generalsekretär der PFLP, darin hieß es: "Wir müssen den Feind von innen bekämpfen."

Zu dieser Zeit hatten die Israelis uns vom Meer und vom Land aus umstellt. Wir sind dann in unser Dorf zurückgekehrt und haben die Genossen versammelt, um nach Gaza zu gehen. Wir haben im Geheimen Widerstand geleistet und angefangen, bewaffnet zu kämpfen. Mal haben wir Bomben gelegt, mal die israelischen Checkpoints angegriffen. Ich wurde in dieser Zeit 21 mal verhaftet und war jedes mal zwischen drei und zehn Tage in Haft.

Das war alles, bevor Sie nach Khiam gebracht wurden?

Ja, bei der letzten Verhaftung bin ich nach Khiam gekommen. Dorthin haben sie dann meine Mutter geholt, um mich unter Druck zu setzen. Sie haben sie vor mir verprügelt und ausgepeitscht und mich natürlich auch vor ihr. Mein emotionalster Moment war, als meine Mutter zu mir gesagt hat: "Oh mein Sohn das ist die Hölle, es brennt wie Feuer." Sie haben meine Mutter sogar gefesselt und gedroht, sie zu vergewaltigen. Die Antwort meiner Mutter hätte mich nicht stolzer machen können. Sie schaute die israelischen Folterer an und sagte: "Was soll ich machen, ich bin gefesselt. Macht was ihr wollt. Wenn ihr mich vergewaltigen wollt, nur zu, vergewaltigt eine hilflose Frau. Hier geht es nicht nur um mich. Ihr habt das palästinensische Volk vergewaltigt, ihr habt Palästina besetzt, ihr habt eine Invasion gegen den Libanon gestartet. Ihr habt tausende Palästinenser und Libanesen ermordet."

In israelischen Gefängnissen gab es unzählige Foltermethoden. Auspeitschen, Fingernägel oder Zähne ziehen, Genitalverstümmelungen und Folter mit Strom. Manchmal haben sie uns nackt an den Händen aufgehängt und mal brühend heißes, mal eiskaltes Wasser über uns gekippt. Sie hängen dir Stromkabel an einen Finger oder an deinen Penis und lassen solange Strom laufen, bis du mit deinen eigenen Augen das Blut fließen siehst. Das soll dich psychisch und physisch zerstören. Du fängst an darüber nachzudenken, dass auch nach deiner Entlassung die Folter Folgen haben wird.

Folterzelle Khiam
Die Hölle auf Erden: Ehemaliger Gefangener in einer etwa 80 Zentimeter hohen Box, die zur Folter verwendet wurde

Manchmal haben sie uns auch über Stunden in eine 80x80x80 Zentimeter kleine Box gesperrt. In dieser Box denkst du die ganze Zeit, dass du stirbst. Du spürst wie es auf deinen gesamten Körper drückt. Es fühlt sich an als würdest du zerquetschst.

Trotz all des Leidens im Gefängnis habe ich nie meinen Mut verloren und war entschlossen, mich nicht brechen zu lassen. Dieser Mut und diese Entschlossenheit kam aus der Einsicht, dass wir einen Gegner bekämpfen den wir besiegen können und dass wir in der Zukunft frei sein können.

Im Gefängnis gibt es natürlich auch Verhöre. Die haben manchmal bis zu drei Monate gedauert. In der gesamten Zeit des Verhörs bist du vollständig von deinen Mitgefangenen isoliert. Danach geht es wieder in die Gruppenisolation.

Was muss man sich unter "Gruppenisolation" vorstellen? Können Sie die Zellen und deren Zustand beschreiben?

Die Gefangenen in den Gruppenzellen sind sehr heterogen. Von sehr jung bis sehr alt. Der jüngste bei uns war zwölf Jahre alt und der älteste 83. In jeder Zelle sind sechs Menschen untergebracht, die Zellen sind 1,80 Meter mal zwei Meter groß. Es gibt dort nur einen Eimer, mit dem macht man alles. Du benutzt ihn als Toilette und du holst in ihm auch das Wasser, um dich zu waschen. Außerdem gibt es 2 Liter Wasser pro Tag für die gesamte Zelle. Das Wasser ist sowohl zum Waschen als auch zum trinken. Wir haben bloß ein paar Tropfen auf unsere Handflächen gemacht und penibel darauf geachtet nichts zu verschütten, um uns wenigstens die Augen zu waschen. In den Zellen mussten wir natürlich alle zusammenhalten und uns gegenseitig helfen. Die Kleidung haben wir auch nicht ordentlich waschen können. Wir haben sie ins Wasser getunkt, trocknen lassen und wieder angezogen. Das ganze Blut und der Dreck geht dabei natürlich nicht weg. Das Essen war natürlich auch nicht ausreichend, wir haben sehr wenig bekommen und das wurde uns auf einer Plastiktüte unter der Tür durchgeschoben.

Man schafft es nur, daran nicht zu zerbrechen, wenn man sehr entschlossen und bestimmt zusammenarbeitet. Wir wussten, dass das der Preis ist, den wir für unseren Kampf zahlen mussten. Wir haben sie angegriffen und getötet und sie haben uns angegriffen und getötet.

Ich war vom 5. Januar 1986 bis 26. August 1998 in Khiam. Ich meine, wir hatten ja nichtmal eine Matratze zum schlafen. Wer Glück hatte, hat ein Stück Pappe gefunden. Bettdecken oder Kissen gab es natürlich auch nicht. Es gab überhaupt keine Regeln in diesem Gefängnis. Manchmal mussten wir zwei Monate auf die Erlaubnis warten, uns waschen zu dürfen. Manchmal hat es eineinhalb Monate gedauert, bis man an die frische Luft durfte. Dann durfte man raus, hat sich sofort eine Zigarette angezündet und sobald man aufgeraucht hatte, musste man wieder in die Zelle.

War das über die gesamte Zeit Ihrer Haft so?

Die Lage hatte sich ein wenig verbessert, als das Komitee des Internationalen Roten Kreuzes kam, das war 1996. Damals wurden dann jeweils zwei Zellen zu einer zusammengelegt, sie waren also doppelt so groß,

Khiam
Kleine Zellen, kaum Nahrung oder Wasser: Gefangenentrakt in Khiam

aber wir waren dann auch doppelt so viele. Es gab auch eine Wasserleitung zur Zelle, aber der Wasserhahn war außerhalb der Zelle. Wir waren immer auf die Gnade der Wachen angewiesen. Wir wurden nur dann gut behandelt, wenn das Rote Kreuz das Gefängnis inspiziert hat. Sobald die wieder weg waren, haben sie uns wieder behandelt wie immer. In ihrer Gegenwart haben sie sogar mit uns gegessen und uns Nachrichten aus der Heimat erzählt, das war ein großes Schauspiel.

Das klingt nicht nach einem Ort, an dem die "Haftstrafe" irgendwann "abgesessen" ist. Wie sind Sie frei gekommen?

Ich kam durch einen Gefangenenaustausch zwischen den Ansarikommandos und Israel frei. 25 Gefangene sollten freigelassen werden und die Israelis haben die Körper, manchmal auch nur Körperteile, von gefallenen Soldaten erhalten. Im jüdischen Glauben kann ein Mensch nicht bestattet werden, wenn sein Körper nicht vollständig ist. Nur deswegen hat dieser Austausch funktioniert. Außerdem wurden 125 Märtyrer die auf gegnerischem Gebiet gefallen sind, an uns übergeben. Meine Freiheit ist jedoch nicht vollständig, bevor alle politischen Gefangenen befreit sind. Aus dem Libanon, aus Palästina, der Türkei und Guantanamo. Erst wenn die Isolation auf der gesamten Welt beendet ist, kann ich mich frei fühlen.

 

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