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Die Russen waren es!

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… oder der Herdentrieb deutscher Massenmedien -

Von ANDREAS VON WESTPHALEN, 8. Juni 2015 -

Der Aufschrei in der deutschen Medienlandschaft war unisono beeindruckend. Fast ein Jahr nach dem Abschuss des Passagierflugzeuges MH17 am 17. Juli 2014 über dem Osten der Ukraine, der 298 Menschenleben forderte, war offenbar endlich Russland als Lügner ausgemacht, wie die Schlagzeilen vollmundig verkündeten: „Kreml hat Satellitenphotos gefälscht“ (Bild) (1), „Wie Russland die MH17-Beweise manipulierte“ (Spiegel-online) (2), „Kreml manipulierte mit Photoshop“ (Zeit) (3), „Moskau fälschte Satellitenbilder vom MH17-Abschuss“ (Focus) (4), „MH17-Abschuss über Ukraine – Blogger strafen Moskau Lügen“ (Süddeutsche Zeitung) (5), und auch die ZDF-Nachrichtensendung heute stimmte in den Kanon ein „MH17-Absturz: Fotos lügen doch“ (6).  

Anerkannte Experten am Werk
Die endgültige Gewissheit, nachdem man seit fast einem Jahr auf den offiziellen niederländischen Untersuchungsbericht wartet, brachte das Internetportal bellingcat, (7) das dem Leser wahlweise als „unabhängige Investigativjournalisten“ (Zeit), „Forensiker“ (ZDF), „internationale Experten“ (Bild), „zehn Experten“ (Spiegel-online) (8), „Enthüllungsplattform“ (Focus) oder als „zehn Experten des internationalen investigativen Rechercheteams Bellingcat“ ( Süddeutsche Zeitung) präsentiert wurde.

Russische Beweise und Photoshop
Das russische Verteidigungsministerium präsentierte vier Tage nach der Tragödie der MH17 sechs Satellitenbilder, die beweisen sollten, dass ukrainische Einheiten das malaysische Passagierflugzeug abgeschossen hatten. Diese Photos wurden im Internet veröffentlicht, wo sich bellingcat diese herunterladen und zwei davon analysiert hat. (9) Laut dem russischen Verteidigungsministerium soll auf dem ersten Bild, das auf den Tag des Abschusses von MH17 datiert ist, eine ukrainische Luftverteidigungs-Einheit zu sehen sein. Im Gegensatz zu einer Aufnahme, die drei Tage zuvor entstanden sein soll, ist mindestens eines der BUK-Luftabwehrsysteme nicht mehr auf dem Bild. Diese Luftabwehrsysteme werden generell für den Abschuss verantwortlich gemacht. Teile des Satellitenbildes werden von Wolken verdeckt.

Die Analyse von bellingcat kommt zu dem Ergebnis, dass dieses Bild „digital mit der Software Adobe Photoshop CS5 modifiziert wurde. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden Wolken im linken und rechten Bildbereich digital hinzugefügt. Dadurch wurden weitere Details zum Vergleich mit anderen Bildern verdeckt.
Der Vergleich der Bildinhalte mit historischen Satellitenbildern aus Google Earth ergab, dass das Satellitenfoto unzweifelhaft im Zeitraum zwischen dem 1. Juni 2014 und dem 18. Juni 2014 entstanden ist“, also einen ganzen Monat vor dem Abschusstag. (10)

Das zweite Bild soll eine BUK-Batterie der ukrainischen Armee am Abschusstag in dem Gebiet zeigen, in dem die MH17 abgeschossen wurde. Auch dieses Bild sei, so die bellingcat-Analysten,  digital modifiziert worden, mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden Bildbereiche des ursprünglichen Satellitenfotos digital verändert. Hier ergab laut bellingcat der Vergleich mit historischen Satellitenbildern aus Google Earth, dass das Satellitenfoto ohne jeden Zweifel vor dem 15. Juli 2014 entstanden sei.

Wie das ZDF in seiner Nachrichtensendung heute berichtete, „haben bellingcat im Wesentlichen mit drei Standardanalysen gearbeitet, die auch zum grundlegenden Repertoire in jeder Redaktion zählen“. Entsprechend ist die Haltung der meisten deutschen Medien. Oftmals wird schon in der Schlagzeile die bewiesene Manipulation als Tatsache verkündet. Auch in den Artikeln selbst finden sich des öfteren eindeutige Stellungnahmen, wie auf der Webseite der ARD-Tagesschau: „Die Recherchegruppe Bellingcat hat nun nachgewiesen, dass die Fotos manipuliert worden sind.“ (11)

Ein weltweit gefeierter neuer Journalismus
Der Brite Elliot Higgins gründete über ein Crowdfunding letztes Jahr bellingcat als „investigativen Journalismus von und für Bürger“. Bereits 2012 war Higgins mit seiner Arbeitsmethode in Erscheinung getreten. Er sammelt zu einem Ereignis möglichst viele im Internet zugängliche Informationen, von Videos, Photos bis zu Einträgen in sozialen Netzwerken, vergleicht und analysiert sie. So kam er zu dem Schluss, dass in Syrien Streubomben eingesetzt wurden und warf dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad den Einsatz von chemischen Waffen vor. Seine Arbeit erhielt breite Zustimmung und wurde im Guardian, Independent, New Yorker, auf CNN besprochen.
Nach eigener Aussage arbeitet Higgins mit dem US Think Tank Atlantic Council zusammen, (12) was einen gewissen Zweifel an seiner erwähnten Unabhängigkeit aufkommen lassen sollte.

Stärker sind jedoch die Zweifel, die Richard Lloyd und Ted Postol vom anerkannten Massachusetts Institute of Technology (MIT) an Higgins Arbeit haben. Sie werfen ihm vor, dass er jedes Mal seine Fakten ändert, sobald neue technische Informationen seiner Schlussfolgerung über den Einsatz von chemischen Waffen in Syrien widersprechen. Zudem würden die Teile seiner Arbeit, die korrekt sind, alle vom MIT stammen, die sie ihm gegeben hatten. Im Gegensatz zu Higgins erweist sich die Arbeit des MIT als ergebnisoffen. So änderten sie ihre Einschätzung und kommen nach der ursprünglichen Schlussfolgerung, der syrische Präsident sei für den Giftgasangriff auf Goutha verantwortlich, bei der Analyse neuerer Informationen zu der Schlussfolgerung, dass dies technisch nicht möglich gewesen sein kann. (13)

„Wie man eine Analyse nicht machen sollte“
Der Vorwurf des MIT, dass Higgins und bellingcat nicht ergebnisoffen arbeiten würden, bildet auch eine der Grundlagen dafür, dass die  bellingcat-Photoanalyse einer Kritik nicht standhält. Der Hamburger Bild-Forensiker Jens Kriese betont, dass das von bellingcat benutzte Verfahren der Fehlerstufenanalyse „nicht streng wissenschaftlich und subjektiv“ ist. „Aus diesem Grund gibt es keinen einzigen Fachaufsatz, der sich mit dieser Methode befasst. Anders als bellingcat behauptet, liefert die Error Level Analyse keine eindeutigen Ergebnisse. Die Schlussfolgerung hängt immer vom Blickwinkel des Menschen ab, von seiner Interpretation.“ (14) Auch die Anleitung der von bellingcat benutzten Software weist ausdrücklich darauf hin, die Interpretation der Fehlerstufenanalyse alleine sei nicht genügend aussagekräftig und man solle deswegen weitere Analysetechniken und –verfahren heranziehen. (15) Daher kritisiert Jens Kriese: „Bellingcat betreibt Kaffeesatzleserei. Die Error Level Analyse ist eine Hobby-Methode.“ (16)

Erschreckend ist aber vor allem, dass die Erkenntnis, die Satellitenphotos seien bearbeitet worden,  als zentrales Argument für den Manipulationsvorwurf verwendet wird. Natürlich haben die Russen die Aufnahmen bearbeitet, sie mussten es sogar, um die Infrarotbilder auf ihrer Webseite präsentieren zu können. Daher wurde das Datenformat gewandelt, der relevante Teil ausgeschnitten,  die Größe geändert, eventuell Kontraste verändert, um zentrale Bildinhalte besser erkennbar zu machen, Rahmen und Textbausteine wurden als Erklärungen für die Öffentlichkeit eingefügt. (17) Mithin wird etwas Selbstverständliches als Manipulationsvorwurf verwendet.
Was die weitere Analyse anbetrifft, sei stellvertretend Dr. Neal Krawetz zitiert, der die von bellingcat für die Photoanalyse verwendete Software entwickelt hat. Er kritisiert bellingcats Arbeit als „Anleitung dafür, wie man eine Bildanalyse nicht machen sollte.“ (18) Für Technikaffine verweist er auf den Blogeintrag eines „Myghty“, den er für eine „exzellente entlarvende Analyse“ hält. (19)


Die Alarmglocken hätten nicht nur bei der zweifelhaften Verwendung des Arguments, die Photos seien bearbeitet, sondern auch bei einem anderen grundlegenden Gedanken klingeln müssen. Niemand hatte Russland gezwungen, Satellitenaufnahmen vorzulegen. Weshalb hätten sie daher manipulierte Bilder präsentieren sollen, die mit Hilfe einer frei erhältlichen Software als Lügen entlarvt werden konnten? Weshalb haben westliche Geheimdienste nicht seit einem Jahr auf diese Lüge hingewiesen? Und nicht zuletzt, wie Jens Kriese betont, hätte ein Geheimdienst ganz andere Möglichkeiten, Photos zu manipulieren.

Klägliche Medienlandschaft
Obwohl der gesunde Menschenverstand dem vorgelegten Ergebnis stirnrunzelnd gegenübersteht und obwohl bellingcat keine unabhängige und kompetente Untersuchungskommission ist, werden deren Ergebnis in den Medien zum Großteil als objektive Tatsachen präsentiert. Das lässt jegliche journalistische Zurückhaltung und zumindest ein Minimum eigenständiger journalistischer Arbeit vermissen, um die Qualität der Photoanalyse wirklich einschätzen und entsprechend dem Leser vermitteln zu können. Das Resultat ist ein beeindruckendes Beispiel massenmedialem Herdentriebs.

Einige wenige positive Ausnahmen gab es. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellt die Ergebnis von bellingcat dar, übt sich aber in betonter Zurückhaltung, (20) ebenso die Welt, die fragt: „Wem ist nun zu trauen?“ (21) Einzig Spiegel-online veröffentlichte einen Tag nachdem sie mit zwei einseitigen Artikel die bellingcat-Untersuchung gewürdigt hatten ein Interview mit Jens Kriese. Auf die beiden Artikel des Vortages setzte die Redaktion einen Hinweis mit dem deutlichen Zweifel an der bellingcat-Analyse. Kurz darauf veröffentlichte Spiegel-online zudem einen Artikel, der das eigene journalistische Verhalten bei diesem Thema sehr selbstkritisch betrachtet. (22)

Leider wird aber diese Art des Widerrufs den Weg der meisten Richtigstellungen gehen. Nachdem eine gewaltige Medienwelle die Schuld Russlands in die öffentliche Wahrnehmung transportiert hat, ist der Anteil jener, die den Widerruf lesen und entsprechend ihre Meinung ändern, deutlich geringer.

Aus dem Gesagten folgt nicht, dass die „russischen Beweise“ nicht gefälscht sind, man kann darüber derzeit keine Aussage treffen. Was in der Diskussion jedoch nicht untergehen sollte, ist die Tatsache, dass Russland nicht das einzige Land ist, das über Satellitenbilder verfügt, aber das einzige, das diese vorgelegt hat. Warum legen die Ukraine oder die USA ihre Bilder nicht vor? Und warum reklamieren die Massenmedien diese Zurückhaltung von Beweisen nicht?

 


Quellen:
(1)http://www.bild.de/politik/ausland/flug-mh-17/internationale-experten-bestaetigen-was-bild-vor-einem-monat-schrieb-41176898.bild.html
(2)     http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh17-wie-russland-satellitenfotos-faelschte-a-1036489.html
(3)     http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-06/mh17-absturz-bericht-bellingcat-manipulation
(4)     http://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/flug-mh17-so-faelschte-russland-satellitenbilder-des-mh17-abschusses_id_4719262.html
(5)      http://www.sueddeutsche.de/politik/mh-abschuss-ueber-ukraine-blogger-strafen-moskau-luegen-1.2502698
(6)     http://www.heute.de/mh17-absturz-waehrend-ukraine-krise-fotos-von-russischer-seite-gefaelscht-38693228.html
(7)     https://www.bellingcat.com/news/uk-and-europe/2015/05/31/mh17-forensic-analysis-of-satellite-images-released-by-the-russian-ministry-of-defence/
(8)     http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh17-wie-russland-satellitenfotos-faelschte-a-1036489.html
(9)     https://www.bellingcat.com/wp-content/uploads/2015/05/Forensic_analysis_of_satellite_images_DE.pdf
(10)     https://www.bellingcat.com/wp-content/uploads/2015/05/Forensic_analysis_of_satellite_images_DE.pdf
    S. 18.
(11)     http://www.tagesschau.de/ausland/mh17-ukraine-russland-bellingcat-101.html
(12)     https://twitter.com/EliotHiggins/status/599900813486592000
(13)     http://www.lrb.co.uk/v36/n10/letters#letter1
(14)     http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh17-satellitenbilder-bellingcat-betreibt-kaffeesatzleserei-a-1036874.html
(15)     Vgl. https://hogymag.wordpress.com/2015/06/02/bellingcat-analyse-mh-17-so-unserios-wie-bild-und-spon/
(16)     http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh17-satellitenbilder-bellingcat-betreibt-kaffeesatzleserei-a-1036874.html
(17)     http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh17-satellitenbilder-bellingcat-betreibt-kaffeesatzleserei-a-1036874.html
    https://hogymag.wordpress.com/2015/06/02/bellingcat-analyse-mh-17-so-unserios-wie-bild-und-spon/
(18)     https://twitter.com/hackerfactor/status/605227247482470400
(19)     http://life.lanzone.eu/?p=30
    http://life.lanzone.eu/?p=53
    https://hogymag.wordpress.com/2015/06/02/bellingcat-analyse-mh-17-so-unserios-wie-bild-und-spon/
(20)     http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/russland-soll-satellitenbilder-zu-mh17-abschuss-gefaelscht-haben-13623466.html
(21)     http://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_politik/article141777288/Beweise-per-Mausklick.html
(22)     http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelblog/bellingcat-bericht-zu-mh17-was-wir-lernen-a-1037135.html

 

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