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Einstweilige Verfügung gegen den NDR

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Eine Medienanalyse von SABINE SCHIFFER, 30. Oktober 2015 -

Am 9. Oktober sendete der Norddeutsche Rundfunk im Rahmen der Nachrichtensensung NDR-Aktuell um 14 Uhr den 1 ½ minütigen Beitrag „Meinungsmache gegen Flüchtlinge im Internet“. Die Redaktion des Landesfunkhauses Schwerin liefert damit ein Musterbeispiel suggestiver Nachrichtenproduktion. (1) Unter anderem wird nahegelegt, den Autor der NachDenkSeiten, Albrecht Müller, bzw. dessen Buch in einem negativen Kontext zu sehen. Müller hat inzwischen gegen die Veröffentlichung und die Bereitstellung des Films in der NDR-Mediathek eine Einstweilige Verfügung erwirkt, weshalb der Beitrag derzeit nicht abrufbar ist. (2)
Das Format, das für die Region Norddeutschland produziert wird, setzt sich kritisch mit der Hetze gegen Flüchtlinge auseinander und weist auf die sich in „sozialen“ Online-Netzwerken verbreitenden Gerüchte hin. Sabine Schiffer zeigt anhand dieses Beispiels einige Techniken auf, die jenseits von seriösem Journalismus geeignet sind, die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Der sehr informative und aufklärende Beitrag in Sachen Internetmythen über Flüchtlinge arbeitet an einigen Stellen einige Zusatz-Botschaften auf der bildlichen Ebene in die Gesamtaussage ein. Zunächst beginnt ein Kameraschwenk von einem Bücherstapel neben einem Laptop aus und endet hinter einer Person, die etwas in den Laptop eingibt. Unglücklicherweise ist dieser PC-User auch noch Glatzenträger, womit hier eine in den Medien häufig benutzte Symbolsprache bedient wird, die Glatzköpfige stereotyp als Repräsentanten des rechten Nazi-Spektrums darstellt. Da es sich bei dem Darsteller der nachgestellten Szene jedoch um einen Journalisten des NDR handelt, ist von einer so intendierten Sicht nicht auszugehen.

Vielmehr bekundet der NDR auf Nachfrage: „Die von Ihnen angesprochene Szene zeigt die Inszenierung eines fiktiven Autors von Falschmeldungen im Netz. Der Mann ist von hinten gefilmt und sitzt im Halbdunkel; die Sequenz soll das Thema Anonymität im Netz symbolisieren. Die dargestellte Person ist, so die Intention, bewusst nicht erkennbar.“

Zu unterscheiden ist in einer Analyse immer die mögliche Intention eines Autors von dem Wirkpotential der bildlichen Darbietung. Da die Erwartungshaltung des Publikums unter Ausschöpfung von Bekanntem, also einer weit verbreiteten Kollektivsymbolik, zum großen Teil automatisch und unreflektiert vonstattengeht, ist der hier mögliche Schluss, der (ausschließlich) NAZIs als Verursacher der Internethetze imaginiert, durchaus naheliegend, wenn auch nicht zwingend.

Sinn-Induktionsphänomene in Bild und Wort

Die im Beitrag gezeigten Bücher unterliegen natürlich der gleichen Logik, dass zwischen Intention und Wirkpotential unterschieden werden muss – wenn auch hier von einem bewussten Akt der Auswahl ausgegangen werden muss. Die zugrunde liegende (Wahrnehmungs-)Technik entspricht einer Anwendung im Bereich der Filmproduktion: der Montage. (3) Der sogenannte Sinn-Induktionsschnitt, der mehrere Filmszenen zusammenschneidet, legt Zusammenhänge zwischen den einzelnen Einstellungen nahe, die zu einer Interpretation des Gesehenen führen. So wird etwa bei einem Experiment, das dasselbe Gesicht einmal mit einem leeren Teller Suppe kombiniert und einmal mit einer attraktiven Frau, dieses Gesicht von Betrachtern einmal als Ausdruck von Hunger und einmal als Begierde ausdrückend wahrgenommen. (4) Die Bilder färben also aufeinander ab. Zunutze macht man sich hier die Eigenschaft des Menschen, Dinge, die zusammen wahrgenommen werden, auch füreinander relevant zu halten – mehr oder weniger unbewusst. Aus psychologischer Sicht liegt der Mechanismus des klassischen Konditionierens zugrunde. (5)

Dieses Grundprinzip menschlicher Wahrnehmung lässt sich in Darstellungen auf vielfältigen Ebenen ausschöpfen. Neben Bild-Bild-Kombinationen sind ebenso Text-Bild-Kombinationen möglich, so wie es in dem hier untersuchten Beitrag vorliegt: Dem Text des Sprechers wird das Bild des Glatzkopfes unterlegt – und dadurch findet eine Zuweisung der beschriebenen Problematik auf diesen oder – möglicherweise verallgemeinernd – auf die Glatzköpfe statt.

Eine bizarre Buchauswahl, ihre Stapeltechnik und die Hetze im Internet

Der Kameraschwenk zu Beginn des kurzen Beitrags startet bei dem kleinen Bücherstapel rechts neben dem Laptop auf einem ansonsten leeren Tisch. Die Bücher liegen also nicht zufällig da. Könnte es sich um eine Lektüreauswahl des anonymen Internetusers handeln? Ebenso wenig auf Zufall deutet die Art und Weise hin, wie die Bücher abgelegt sind. Das obere und untere des Dreierstapels liegt jeweils mit der Nase nach unten, so dass man Autoren und Titel auf den Buchrücken gut lesen kann. Obenauf liegt am besten sichtbar das Buch Meinungsmache des Mitherausgebers der NachDenkSeiten, Albrecht Müller. Das dunkle und eingerückte in der Mitte ist schwer erkennbar. Das untere ist das Buch Der Kampf um die Mitte von Hans-Olaf Henkel. Eine bizarre Auswahl, da die beiden Autoren weit voneinander entfernt im politischen Spektrum anzusiedeln sind. Das dunkle, historische Buchcover zwischen den beiden genannten entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Adolf Hitlers Mein Kampf. (6)

Hier werden Sinn-Induktionen nahegelegt, unterstützt durch die Alliteration in Reihung der Anfangsbuchstaben der Hauptwörter auf den Buchtiteln: Meinungsmache, Mein Kampf, Kampf um die Mitte. Die Frage ist nur, welche semantischen Effekte (Bedeutungseffekte) die hier angebotene Zusammenwahrnehmung der drei Titel erzeugen – denn Interpretationen sind immer individuell oder kollektiv anerzogen. Dass es sich hier um eine Art Schleichwerbung handelt, ist aufgrund des negativ konnotierten und eigentlich verbotenen Mein Kampf eher unwahrscheinlich. Dass diese Bücher allesamt von Rechtsextremisten gelesen werden, weil die Inhalte vergleichbar seien, könnte ein Bedeutungseffekt der Buchkombination sein. Dass sich Nazis sehr plural mit unterschiedlichen Meinungen auseinandersetzen, könnte ebenso ein Effekt dieser Darstellung sein – scheint mir aber aufgrund der vorhandenen Einstellungsforschung geschlossener Weltbilder im rechten Milieu eher unwahrscheinlich. Vielleicht wollte der Macher – und hier geht es nun wirklich einmal um die Frage der Intention – aber vor allem originell sein, indem er das Buch mit dem gleichen Titel wie sein Beitrag „Meinungsmache“ obenauf legte – wenn das auch noch nicht die Auswahl der anderen beiden Titel erklären kann.

Es bleibt eine Vermengung der Autoren Müller, Hitler und Henkel und ihrer Buchtitel übrig, die aufgrund sinn-induktiver Effekte diffamierend wirkt – mindestens durch die Einfügung von Hitlers Mein Kampf in die sichtbare Literaturauswahl. Zwar ist – wie gesagt – bei der Analyse genau zwischen der Frage nach einer möglichen Absicht des NDR und der des davon unabhängigen Wirkungspotentials einer Darstellung zu unterscheiden, hier liegt jedoch durchaus nahe, dass dieses Arrangement mit Bedacht gewählt wurde.

Text-Bild-Montage als Krönung der Verschwörungstheorie

Darüber hinaus ist bei einer zweiten Einstellung in der Mitte des Beitrags, als der kleine Bücherstapel erneut ins Blickfeld gerückt wird, ein weiterer sinn-induktiver Effekt auszumachen. Diesmal handelt es sich um eine Text-Bild-Verknüpfung, als der Sprecher aus dem Off sagt: „Meldungen, die ins Weltbild von Asylkritikern passen, verbreiten sich in Windeseile […] in sozialen Netzen.“ Was kann sich hier auf das gesehene Bild – die Bücher sind ja nun bekannt – übertragen? Als semantisch starke Hauptwörter stehen sowohl „Weltbild“ als auch „Asylkritiker“ zur Verfügung. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass es wohl kein Zufall ist, dass das Buch Albrecht Müllers am besten sichtbar oben auf dem Stapel liegt. Hier wird eine Sinn-Induktion, die einen Widerspruch überdeckt, angeboten. Wer die Arbeit Albrecht Müllers und der Website NachDenkSeiten kennt, kann sich über eine solche thematische Zuweisung nur wundern. Einerseits wird nahegelegt, dass die Problematik der Hetze gegen Minderheiten allein auf das Internet reduziert werden kann, während man die nachgewiesene Meinungsmache der Mainstreammedien ausblendet. Andererseits findet, während übertüncht wird, dass Müller genau diese Medien für ihre Manipulationen und Hetzkampagnen kritisiert, eine Gleichsetzung mit Henkel statt, der als langjähriger AfD-Abgeordneter gerade zu denjenigen gehört, die derlei Ressentiments schüren. Sinn-induktiv findet hier eine Unterstellung statt, dass nämlich Albrecht Müllers Buch die Diffamierungskampagnen von Menschenfeinden unterstütze. Die suggestive Zuweisung, sowie das Wie ihres Zustandekommens, sind hier eindeutig nachweisbar.

Es handelt sich insgesamt um eine subtile Querfront-Unterstellung, wie sie derzeit in dieser Form in Mode ist. (7) Die fundierte linke Medienkritik à la Albrecht Müller wird in den Kontext von Agitateuren am rechten Rand gestellt. Dies ist eine den Intentionen des Rundfunkstaatsvertrages widersprechende Diffamierung jener Zeitkritiker, die in einer echten Demokratie so dringend gebraucht werden.


 


(1)    http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_aktuell/NDRAktuell-1400-,ndraktuell29028.html
(2)    „Einstweilige Verfügung gegen den NDR“ www.nachdenkseiten.de/?p=28045 ; Link,  unter dem der Beitrag in der Mediathek aufrufbar war www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_aktuell/Meinungsmache-gegen-Fluechtlinge-im-Internet,ndraktuell29018.html
(3)    www.uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/filmanalyse/arb_stud/agbeyegbe/ade12.htm
(4)    http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=238
(5)    https://books.google.de/books?id=rtfvBgAAQBAJ&pg=PA275&lpg=PA275&dq=klassisches+Konditionieren+zimbardo&source=bl&ots=9Urmq4QIBD&sig=UEMI-Ir1UvNfyo6akqtPGJFeDHI&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=klassisches%20Konditionieren%20zimbardo&f=false; Schiffer, Sabine (2005): Die Darstellung des Islams in der Presse – Sprache, Bilder, Suggestionen. ERGON-Verlag.
(6)    www.militaria-depot.de/media/catalog/product/cache/1/small_image/450x450/9df78eab33525d08d6e5fb8d27136e95/i/m/imgp8924_2.jpg
(7)    www.medienverantwortung.de%2Fwp-content%2Fuploads%2F2009%2F11%2F20150821_IMV-Schiffer_Querfront-Studie-ohne-Querfront.pdf

 

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