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„Revolution der Zärtlichkeit“

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Das neue Paradigma der Weltkirche unter Bischof Franziskus von Rom -

Von PETER BÜRGER, 23. Dezember 2015 - 

Papst FranziskusDer Kurs der römisch-katholischen Weltkirche ab 2005 unter einem Papst aus Deutschland erweckte den Eindruck, als folge er geradewegs den Vorgaben einer neoliberalen Denkfabrik. Das platonische Dogma einer reinen Glaubenslehre, hoch schwebend über allen Abgründen der leibhaftigen Geschichte und ganz im Sinne einer Margaret Thatcher nur dem individuellen „Seelenheil“ zugedacht, erlebte eine Renaissance sondergleichen. Bekräftigt fühlten sich alle Parteigänger eines selbstverliebten Klerikalismus, der sich in Sakralbauten von der Welt absondert. Mit offenen Armen wurden die Traditionalisten vom äußersten rechten Rand zur Rückkehr eingeladen. Der Kriegsverbrecher George W. Bush jun. bekannte im April 2008 in einem TV-Interview, er sehe Gott, wenn er in die Augen des Papstes schaue. Von der Kritik an Kapitalismus und Kriegsmaschine, wie sie der konservative Johannes Paul II. (Karol Wojtyła) noch deutlich vorgetragen hatte, war am Stuhl Petri nicht mehr viel zu hören. Auf die ab 2007 manifeste Finanzkrise antwortete Rom mit einer butterweichen Sozialenzyklika, die den Drahtziehern des „Imperiums der Schande“ kaum weh tun konnte. Passend zum neoliberalen Zeitgeist der Vergeblichkeit verbreitete sich auch im Raum der Kirche ein Klima von Angst und Traurigkeit.

Ein Papst vom anderen „Ende der Erde“

Es folgte im Februar 2013 ein spektakulärer Rücktritt Joseph Ratzingers vom Papstamt. Rein gar nichts deutete daraufhin, es könne sich jetzt eine neue Richtung in der Weltkirche den Weg bahnen. Die Mehrheitsverhältnisse im Kardinalskollegium lenkten alle Spekulationen auf sehr konservative oder gar ausgesprochen reaktionäre Kandidaten. Und dann geschah das Unvorhergesehene: Gewählt wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio, ein Christ vom anderen „Ende der Erde“ und ein Mann aus der Kirche des Südens. Er nannte sich nach dem subversivsten Heiligen der ganzen Kirchengeschichte und sprach alsbald von seiner Sehnsucht nach einer „armen Kirche für die Armen“. Vorbei war die Zeit der roten Lackschuhe, Pelzumhänge und anderer Kinkerlitzchen.

Franziskus fuhr nach Lampedusa und zeigte dem allerchristlichsten Abendland die Schande an seinen Grenzmauern. In den Militärdoktrinen des Westens ist von einer „Abwehr der illegalen Immigration“ die Rede. Franziskus spricht hingegen in gleicher Sache von einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ und stellt ihr unter Berufung auf Jesus von Nazareth eine globale „Revolution der Zärtlichkeit“ entgegen. Auf der Skala der Menschenverachtung gibt es noch etwas Schlimmeres als Ausbeutung, nämlich das nunmehr allgegenwärtige Phänomen, dass Menschen förmlich wie Müll ausgelagert oder entsorgt werden. Mit Augen von einem anderen „Ende der Welt“ betrachtet, sieht Europa auf einmal ganz anders aus.

Nach der Papstmesse in Lampedusa wurde ich als stadtteilbekannter Katholik von jungen Leuten auf der Straße angesprochen. Sie meinten, jetzt komme ja etwas ganz Neues und Aufregendes. Indessen betonten die Nutznießer und Fans des Amtsvorgängers noch lange wie ein Mantra, dass alles beim Alten bleibe. Nach europäischen Maßstäben ist Jorge Mario Bergoglio in der Tat ein konservativer, keinesfalls liberaler Theologe. Ein wirklich neues Programm hat er aber schon am 9. März 2013 im Vorkonklave vorgetragen. Kardinal Ortega, Erzbischof von Havanna, durfte später eine schriftliche Fassung davon der Öffentlichkeit zugänglich machen: „Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen, an die Ränder zu gehen, nicht nur geografisch, auch an die Ränder der menschlichen Existenz. [...] Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um zu evangelisieren, bleibt sie nur bei sich selbst und wird krank. Die Missstände, die sich im Laufe der Zeit in den Institutionen der Kirche gezeigt haben, haben ihren Grund in dieser Selbstbezüglichkeit, in einer Art theologischem Narzissmus.“

Den Weg zu den „Rändern“ und in den Kreis der Armen hat Franziskus schon vor seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires gefunden. Gleichwohl ist er nicht mit einem strahlenden Heiligenschein nach Rom gekommen. Vorwürfe, denen zufolge Bergoglio zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur sogar ein regelrechter Kollaborateur der Faschisten gewesen sein soll, haben sich als unhaltbar erwiesen. Doch trotz der beeindruckenden Zeugnisse von ehemals Verfolgten wird gerade auch von Jesuiten zugegeben, dass Franziskus in seiner Zeit als relativ junger Ordensoberer nicht immer glücklich agiert hat und als Konservativer keineswegs den Helden des Widerstands zugezählt werden kann. Man sollte es nicht überhören, dass der 265. Nachfolger Petri sich selbst als Bedürftigen, als Sünder vorstellt.

Unerhörte Entklerikalisierung

Hoffnung für die Armen
Kirche von unten: Ein Plakat im philippinischen Quezon fordert den Papst auf, den Kampf gegen den Neoliberalismus zu unterstützen.

Als Franziskus sich am 13. März 2013 auf dem Petersplatz ohne Machtinsignien mit einem „Guten Abend!“ als neuer Bischof von Rom vorstellte, verbeugte er sich vor den Menschen und bat sie zuerst um ihr Segensgebet. Dieser Vorgang musste Traditionalisten empören, und er barg – wie wir heute wissen – in sich das Programm einer unerhörten Entklerikalisierung: „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger.“ Hier wird die Kirche, wie es das letzte Reformkonzil wünschte, vom Kopf wieder auf die Füße gestellt.

Anders als wohl viele Kurienfunktionäre ist Franziskus ein ausgesprochener Anhänger der Leutekirche. Unlängst hat er sich zur Messe in eine Bank gesetzt und ist in der Schlange der Gläubigen wie alle anderen zur Kommunion gegangen. Hinter einem solchen Verhalten, das ja längst kein Aufsehen mehr erregt, steht eine prinzipielle Kritik des Klerikalismus. Gezielt greift Franziskus die bei Traditionalisten beliebte Rede von einer „verweltlichten Kirche“ auf und wendet sie gerade gegen jene, die mit vermeintlich frommen Ansprüchen aus der Wirklichkeit der „Welt“ ausziehen wollen und sich in sakralen Sonderbereichen fest einrichten. Selbstverliebte Machtausübung im Bereich von Ritus, Theologie und Kirchendoktrin werden von ihm als „spirituelle Weltlichkeit“ entlarvt. Wer wie die „Mächtigen dieser Welt“ sich selbst feiert und sich von anderen feiern lässt, ist ein „Weltlicher“, auch wenn er noch so heilig tut.

Die Diagnose, die Franziskus zu Weihnachten 2014 vor Kardinälen, Bischöfen und Priestern der Kurie vorgetragen hat, gehört zu den denkwürdigsten Dokumenten der neueren Kirchengeschichte: Mitglieder der Kurie würden an „spirituellem Alzheimer“, „mentaler Erstarrung“ und Verlust von Empathie leiden, hielten sich aber gleichzeitig für unsterblich. Die Rede war nicht nur von Egoismus, Gier und einem schizophrenen Doppelleben, sondern auch von Geschwätz, Tratsch, Rivalität und Eitelkeit. Hier kann man erahnen, mit welchem Grad an Narzissmus und Infantilität mitunter hochkarätige Kleriker-Karrieren einhergehen können. Wohl kaum ohne Grund hat sich Franziskus an eine Weisheit aus der Alten Kirche erinnert, der zufolge man jene zu Bischöfen erwählen soll, die es nicht werden wollen.

Den größten Beitrag zur Entklerikalisierung leisten übrigens ungewollt jene Konservative, die durch Drohungen Reformen bezüglich der obligaten Ehelosigkeit aller Priester im lateinischen Ritus verhindern. Der Priestermangel ist bereits so dramatisch, dass geweihte Amtsträger in zahllosen Ortsgemeinden einfach gar nicht mehr in Erscheinung treten.

Jesus versus platonisches Dogma

Gegner haben das Gerücht in die Welt gesetzt, Franziskus sei in intellektueller Hinsicht ein kleines Licht und könne seinem Vorgänger nicht das Wasser reichen. Noch im Frühjahr dieses Jahres hat Glaubenspräfekt Kardinal Gerhard Müller, ehedem Bischof von Regensburg und profilierter Kämpfer gegen Laienrechte, von der Notwendigkeit gesprochen, das gegenwärtige Pontifikat über seine Behörde „theologisch zu strukturieren“.

Durch Dreistigkeiten dieser Art soll verschleiert werden, dass in Wirklichkeit derzeit zwei höchst unterschiedliche Theologien aufeinanderprallen: nämlich eine bestimmte europäische Geheimwissenschaft des philosophisch-spekulativ präsentierten Dogmas und die Art, wie man in der lateinamerikanischen Kirche der Armen den Glauben auslegt. In beiden Richtungen steht eine Menschwerdung Gottes im Zentrum. Doch in der Theologie, die auf dem Kontinent der ehemaligen Kolonialisten betrieben wird, wollen die besonders hochqualifizierten Experten den Menschgewordenen am liebsten möglichst schnell wieder in einen fernen Himmel abschieben. Diese Tendenz findet man zum Beispiel auch in den päpstlichen Jesus-Büchern von Joseph Ratzinger, die nur wenig von einem leibhaftigen Leben spüren lassen und auf viele Liebhaber des Jesus von Nazareth geradezu langweilig wirken.

Kardinal G. Müller, von Joseph Ratzinger acht Monate vor seinem schon länger geplanten Amtsverzicht vorsorglich als neuer Glaubenspräfekt eingesetzt, gibt sich nun aber als ein Freund der Befreiungstheologie. Er scheint jedoch nicht zu verstehen, dass diese Theologie keineswegs eine erweiterte kirchliche Soziallehre ist, sondern Dogma und Befreiung aufs Engste zusammenschaut. Wer Müllers „Katholische Dogmatik“ (1995) gelesen hat, weiß, warum dieser konservative und bisweilen arrogante Theologe ganz sicher nicht in der Lage sein wird, das Pontifikat von Franziskus irgendwie „theologisch zu strukturieren“.

Franziskus predigt nämlich, das Entscheidende sei die Botschaft Jesu und die Kirche berühre in der Begegnung mit Elenden und Flüchtlingen (auf Augenhöhe!) hier unten auf der Erde das „Fleisch Christi“. Den platonischen Spekulationen der abendländischen Dogmatik vermögen selbst die meisten Priester und Kirchgänger nicht mehr zu folgen. Die Geschichte von Jesus, so es die „Geschichte eines Lebenden“ ist, geht hingegen mit einer Theologie einher, die auch nach zweitausend Jahren nicht veralten kann. Wer sich darauf einlässt, wird den geschützten Hochhausturm der Platoniker verlassen.

„Diese Wirtschaft tötet“

Eben dies hat Franziskus in einer Weise getan, die nun keinesfalls Beifall in allen Teilen der Gesellschaft findet. In seinem Apostolischen Rundschreiben Evangelii gaudium vom 24. November 2013 sagt er über die herrschende Wirtschaftsreligion der Geldvermehrung und Konkurrenz: „Ebenso wie das Gebot ‚du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“

Deutlich benennt der Bischof von Rom in einem Interview vom 19.6.2014 auch den Zusammenhang zwischen dem „Götzendienst des Geldes“ und der Militärreligion: „Es ist bewiesen, dass wir mit der Nahrung, die übrig bleibt, die Hungernden ernähren könnten. [...] Die Wirtschaft wird nur vom Bestreben in Gang gehalten, immer mehr zu haben. [...] Wir schließen eine ganze Generation aus, um ein Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten, das nicht mehr zu ertragen ist. Ein System, das Krieg führen muss, um zu überleben, wie es die großen Imperien immer getan haben. Aber weil man keinen Dritten Weltkrieg führen kann, führt man eben regionale Kriege. Und was bedeutet das? Dass Waffen produziert und verkauft werden. Dadurch wird offenbar die Bilanz der Götzendienst-Wirtschaft saniert, so sanieren sich die wichtigsten Wirtschaftsblöcke der Welt, die dem Götzen Geld den Menschen als ein Opfer vor die Füße legen.“

Da Franziskus bei zahllosen Gelegenheiten die wirklichen, menschenverachtenden Verhältnisse auf dem Globus ins öffentliche Licht rückt, versuchen neoliberale Medienmacher, ihn als einen gutmütigen, ökonomisch aber völlig inkompetenten Philanthropen zu verniedlichen. Indessen ist die Entlarvung der Religion des Kapitalismus bei Franziskus auf der Höhe dessen, was in den globalen sozialen Bewegungen, im Ökumenischen Weltrat der Kirchen und nicht zuletzt im kritischen interreligiösen Dialog erarbeitet wird. Hierzu haben Franz Segbers und Simon Wiesgickl das schier unverzichtbare Buch Diese Wirtschaft tötet vorgelegt, das auf der Internetseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung auch als kostenloses Digitalisat abgerufen werden kann. Das „Institut für Theologie und Politik“ in Münster hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf seiner Website Texte aus Rom zu erschließen, die in den großen Medien so gut wie keine Berücksichtigung finden.

Franziskus legt präzise Analysen vor, doch er entwickelt keine systematische Theologie der Befreiung und sieht sich nicht berufen, fertige Gesamtkonzepte für eine andere Wirtschaftsordnung im Dienst des Lebens vorzulegen. Die Armen sind in seinen Augen nicht nur Opfer, sondern auch Akteure des Widerstands. Einige orthodoxe Linke mit reflexartigem „Anti-Kirche-Standort“ und wenig Sinn für die Fetischismus-Kritik von Karl Marx finden keinen Zugang zur Revolution der Empathie, sprechen gar von einem alten Wein in neuen Schläuchen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Anhänger linker Dogmen nicht in ähnlicher Weise einer toten Rechthaberei anhängen wie die Traditionalisten im kirchlichen Bereich. Nicht die wissenschaftliche Konstruktion eines neuen Totalkonzepts, sondern eine weitere Vernetzung der vielfältigen Suchbewegungen auf dem Globus steht an. Zuhören lernen tut Not, denn die Agitation für eine „reine Wahrheit“ ist nachweislich gescheitert. So viel können wir wissen: Eine nur „wissenschaftlich“ angetriebene Revolution ohne Eros und Zärtlichkeit wird es nicht geben.

Der heilige Franziskus
Franziskus von Assisi (1181–1226), Leitgestalt einer Kirchenrevolte an der Seite der Armen (auf Holz gemalt von Peter Bürger)

Den Aufbruch zu einer Kirche der Armen zeigen keineswegs allein apostolische Schreiben und Ansprachen an. Ein neues, geradezu bahnbrechendes Verständnis von Heiligkeit ist in diesem Jahr im Zusammenhang mit der Seligsprechung des salvadorianischen Erzbischofs Oscar Romero (1917-1980) kirchenamtlich geworden. Die orthodoxe Doktrin der langjährigen Blockierer dieser „Beatifikation“ besagt, als Märtyrer könne nur gelten, wer aus erwiesenem Hass gegen den Glauben ermordet wird. In El Salvador hatte man 1980 aber nichts zu befürchten, wenn man die „Zwei Naturen Christi“ und die „Dreieinigkeit der göttlichen Personen“ gemäß Katechismus öffentlich bekannte. Ermordet wurde hingegen, wer sich unter Berufung auf Jesus an die Seite der Armen und Verfolgten, der lebendigen Ebenbilder Gottes stellte. Für alle Zukunft ist nun geklärt, dass hier eine authentische Form des Martyriums vorliegt.

Der zivilisatorische Ernstfall

Mit seiner epochalen Enzyklika Laudato si’ vom 24. Mai 2015 wendet sich Franziskus an jeden Menschen auf dem Planeten. Die Ökologische Frage wird von ihm als ein so nie dagewesener zivilisatorischer Ernstfall verstanden. Wir seien als die Ersten vor die dramatische Herausforderung gestellt, „der Menschheit, die nach uns kommen wird, einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen“. Noch gebe es die Fähigkeit zur globalen Zusammenarbeit. Der gleichberechtigte Dialog aller Bewohner des Planeten, gleich welcher religiösen, kulturellen oder weltanschaulichen Tradition sie verbunden seien, müsse sich auf die „Schonung der Natur, die Verteidigung der Armen und den Aufbau eines Netzes der gegenseitigen Achtung und der Geschwisterlichkeit“ ausrichten. Grundlegend ist das Prinzip der einen Menschheit: „Wir müssen uns stärker bewusst machen, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind. Es gibt keine politischen oder sozialen Grenzen und Barrieren, die uns erlauben, uns zu isolieren, und aus eben diesem Grund auch keinen Raum für die Globalisierung der Gleichgültigkeit.“ Die Erde sei dem ganzen Menschengeschlecht geschenkt worden, damit sie alle seine Mitglieder ernähre. Deshalb könne „das Recht auf Privatbesitz niemals als absolut und unveräußerlich anerkannt“ werden. Zur Sprache kommen auch die Gefahr neuer Kriege und die verheerenden Auswirkungen der Militärmaschinerie auf die Umwelt: „Es ist vorhersehbar, dass angesichts der Erschöpfung einiger Ressourcen eine Situation entsteht, die neue Kriege begünstigt, die als eine Geltendmachung edler Ansprüche getarnt werden.“

Folgende Aspekte dieser Enzyklika sind besonders bemerkenswert: Konsequent wird der Ansatz des partnerschaftlichen Dialoges, der gemeinsamen Suche und der globalen Zusammenarbeit verfolgt. Die römische Kirche, der immerhin eine Milliarde Menschen angehören, erhebt hier keinerlei Führungsanspruch oder übergeordnete Kompetenz. Dem lähmenden Angstkomplex „Apokalypse“ wird an keiner Stelle zugearbeitet. Bei der Darstellung des menschengemachten Klimawandels, die den einschlägigen Lobbyisten gar nicht passt, sind hochkarätige Wissenschaftler aus der ganzen Welt beteiligt worden. Verfolgt wird im Rahmen einer neuen, ganzheitlichen Ökologie eher eine Perspektive des Südens als eine europäische Sicht. Die Kirchen der Armen sind sich schon seit Langem bewusst, dass die Folgen des Raubbaus der Industrienationen zuerst ihre Kontinente bedrohen werden. Sie verfügen auch über die weitaus größeren Erfahrungen im Widerstand gegen die von Konzernen betriebene Zerstörung ihrer Umwelt.

Das zweischneidige Schwert der Familiensynode

Schon 2011 hat John L. Allen die Prognose gewagt, die Kirche der Zukunft werde nach innen noch strikter einem traditionalistischen Paradigma folgen, gleichzeitig jedoch nach außen entschiedener eine vorrangige Option für die Armen vertreten. Nur gut, mochte vielleicht mancher Linkskatholik meinen, so erledigt sich die Sache mit der bürgerlichen Wohlfühlkirche von selbst. Indessen ist es kaum vorstellbar, dass eine Kirche, die ihre inneren Widersprüche – etwa im Bereich der Sexualethik – unter den Teppich kehrt, einen irgendwie heilsamen Auftrag im Weltgeschehen wahrnehmen könnte.

Unter den Bedingungen des klerikalen Männerbundes muss hier an erster Stelle die Frauenfrage ins Blickfeld kommen. Wo in so unterschiedlichen Ländern wie Brasilien oder Deutschland kein allmächtiger Priester mehr das lokale Kirchenschiff lenkt, übernehmen wohl in mehr als zwei Drittel aller Fälle Frauen die Leitungsaufgaben in den Gemeinden. Zweifellos sind Frauen für das kirchliche Leben vor Ort bedeutsamer als Männer. Dennoch zeigt man sich im Vatikan noch immer nicht bereit, ein ideologisches Verständnis von Geschlechterrollen infrage zu stellen. Die guten Gesten von Franziskus in dieser Sache überzeugen nicht, solange wir in der obersten Leitungsetage der Kurie immer noch keine Frau finden und der vollständige Ausschluss der Frauen von allen Weiheämtern weiterhin wie ein Dogma behandelt wird.

Besonders mit mehreren unverkrampften Interview-Aussagen über Lesben und Schwule hat Franziskus längst deutlich gemacht, dass er die seit den 1980er Jahren in Rom waltende Homophobie nicht teilt. Doch auch in dieser Frage zeigte sich die Männerkirche, um deren homosexuellen Schatten alle Welt weiß, bei der außerordentlichen Bischofssynode im Oktober 2014 unbeweglich. Bahnbrechendes hatten manche aufgrund der neuen, angstfreien Diskussionskultur in der Kirche erwartet. Am Ende blieb das Schlussdokument sogar noch hinter dem Weltkatechismus von 1993 zurück. Es geht nicht nur um die Ungerechtigkeit gegenüber den vielen schwulen Priestern, ohne die in manchen Städten die Seelsorge zusammenbrechen würde, und um die zahllosen Leidensgeschichten homosexueller Katholiken. Schwule sind in der Kirche nicht nur Opfer, sondern oftmals auch Teil eines neurotischen Klerikal-Systems. Wer sich selbst ob seiner sexuellen Orientierung nicht annehmen konnte, entwickelte in der Vergangenheit leicht einen kompensatorischen Konservatismus der Anpassung und präsentierte sich dann nach außen als Homofeind. Gerade in Netzwerken, die der Sicherung von klerikalen Privilegien dienen, konnten sich Lebensentwürfe mit einer doppelten Buchführung etablieren. Diesem ganzen Spuk könnte nur ein klares Wort der Akzeptanz ein Ende bereiten. Dem jedoch stehen einstweilen nicht nur die höchst ungleichzeitigen „Kulturverhältnisse“ in der Weltkirche entgegen, sondern auch die mangelnde Courage jener Bischöfe, die längst zu neuen Einsichten gelangt sind.

Einstweilen wird mit Blick auf die Weltbischofssynode vom 4. bis 25. Oktober 2015 nur noch die zarte Hoffnungspflanze einer Wiederzulassung der nach Scheidung Wiederverheirateten gegossen. In dieser Sache gibt es keine schwerwiegenden dogmatischen oder biblischen Probleme. Auch Kirchengeschichte, ökumenische Praxis (Ostkirche) sowie die mehr als eindeutigen Umfrageergebnisse unter den Gläubigen sprechen zwingend für eine Revision der hartherzigen Bestimmungen. Nicht unbedeutsam ist, ob Glaubenspräfekt G. Müller wenigstens an dieser Stelle einen Friedenskurs einschlägt. Denn gerade auch in den oberen Etagen der Weltkirche haben sich Parteigänger einer geistlosen „Orthodoxie“ zu einer Kampffront formiert und sorgen für Stillstand. Ihre Strategie ist durchsichtig: Wenn im ersten Anlauf selbst kleine pastorale Zugeständnisse, die das geschlossene System der „Lehramts-Wahrheiten“ gar nicht berühren, blockiert werden können, wird man mit Sicherheit nicht ans Eingemachte gehen. Die eigentlichen Herausforderungen für eine christliche Dogmatik im 3. Jahrtausend stehen übrigens bislang noch gar nicht auf der Tagesordnung.

Wer der reaktionären Minderheit unter dem Vorzeichen eines faulen Friedens entgegenkommt, hat schon verloren. Die ganze innere Reformdebatte ist zutiefst zweischneidig. Die Medien berichten lieber bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag über kirchliche Sexualkomplikationen, wenn sie auf diese Weise von der Kritik an einer Wirtschaft, die tötet, ablenken können. Man denke nur an Papst Paul VI., der ein entschiedener Anwalt der Armen auf dem Globus war und dann doch nur als „Pillen-Paul“ im öffentlichen Bewusstsein hängen blieb.

Über den zum Teil organisierten Widerstand von rechts hat Marco Politi ein Buch geschrieben mit dem deutschen Titel Franziskus unter Wölfen. Falls Franziskus, wie er selbst mutmaßt, nur ein kurzes Pontifikat beschieden ist, müssen wir jetzt nicht mehr befürchten, dass „Wölfe“ das Ruder übernehmen werden. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie lange noch wird man es den nicht sehr zahlreichen, aber durchaus machtbewussten Anhängern einer Doktrin der Angst erlauben, so viele Energien in der Kirche zu verschleißen und per Veto endlose Vertagungen schon bei vergleichsweise kleinen Fragestellungen durchzusetzen?

Der Glaubenssinn der Katholiken, dessen Beachtung Franziskus ausdrücklich einfordert, liegt bei vielen Themen nachweislich meilenweit von der römischen Doktrin entfernt. Einen naheliegenden, sehr gravierenden Einwand zum Schlingerkurs der weltkirchlichen Moral- und Familiendiskurse hat vor Kurzem der Jesuit Klaus Mertes vorgetragen, der sich seit 2010 ohne Maulkorb immer wieder zur Vertuschung der sexualisierten Gewalt – vornehmlich gegen Kinder – im Raum der Kirche zu Wort meldet: „Man muss ganz klar sagen: In der Glaubenskongregation sitzen Täter.“ Mertes vermutet, dass die Bischöfe sich ihres Glaubwürdigkeitsverlustes gar nicht bewusst sind, wenn sie sich auf der anstehenden Familiensynode „zu Themen wie Familie, Sexualität, Ehe, Gender etc.“ äußern.

Keine neue Leidenschaft in der deutschen Kirche

Die Anhänger von feudalistischen Kleidermoden und barockem Firlefanz sind entsetzt über verbeulte, schmutzige – aber ehrliche – Kirche, die Franziskus bevorzugt. Konservative Intellektuelle und Ästheten sehen das Papstamt schon auf das Format eines Dorfpastors herabgedrückt, was sie schlimm finden. Aber die allermeisten Menschen lieben Franziskus ob seiner Offenheit und immer wieder zutage tretenden „Unprofessionalität“. Das allgegenwärtige Lob über den „Papst der Gesten“ führt leicht in die Irre. Die Gesten sind vielfach nicht rückgängig zu machende „neue Wirklichkeiten“, und sie sind Aussagen! Ein Mann ruft Franziskus auf dem Petersplatz zu: „Du bist einmalig, es gibt keinen zweiten wie Dich!“ Franziskus antwortet: „Und du bist einmalig, so sind wir schon mal zwei.“ Wer die Gesten ins Bild setzt und von den oben skizzierten Botschaften dieses Christen schweigt, lügt.

Papst Franziskus
Den Elfenbeinturm verlassen: Papst Franziskus hat die Kirche aufgerufen, „aus sich selbst herauszugehen“.

Mit anderen Katholiken mache ich die Erfahrungen, dass gerade kirchenferne Leute mit wachem Sinn für das Weltgeschehen uns immer wieder zu diesem Papst beglückwünschen. Und wie sieht es im kirchlichen Innenraum aus? Jesus soll seine Zeitgenossen mit einem Vergleich folgendermaßen charakterisiert haben: „Sie sind Kindern gleich, die auf einem Marktplatz herumsitzen und einander zurufen [...]: Auf der Flöte haben wir für euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt.“ (Lukas-Evangelium 7, 32) Die neuen Melodien, die in Rom aufgespielt werden, sind nicht mehr zu überhören. Doch im Establishment der deutschen Kirche, die über ein staatskirchliches Steuersystem sehr privilegiert finanziert ist, hat bislang noch niemand das Tanzbein geschwungen. Meine eigenen Beobachtungen und Rückfragen bei hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern ergeben ein trauriges Bild. Nur wenige betagte Bischöfe, die schon in ihrer Jugend vom Frühling des II. Vatikanischen Konzils aufgewühlt waren, lassen so etwas wie Leidenschaft für den neuen Aufbruch erkennen. „Derzeit scheint es so zu sein, dass viele Bischöfe aus aller Welt den Wunsch hegen, in bequemen Gepflogenheiten und Machtpositionen zu überwintern.“ (Kurt Appel)

Während in der Weltkirche drängende Zivilisationsfragen auf der Tagesordnung stehen, geht die Deutsche Bischofskonferenz hunderte Paragraphen einer neuen Mitarbeiterordnung durch. Solche Aufgaben kann man offenbar nicht delegieren. Wen wundert es, dass in so vielen kirchlichen Amtsstuben der Schlaf der Gerechten munter weitergeht. Bedeutsamer als der Konfessionsunterschied ist in globaler Hinsicht allerdings die Differenz zwischen den Christentümern des Südens und des Nordens. Beide Großkirchen in Deutschland repräsentieren in erster Linie jene gut versorgten Wohlstandsbürger, die in ihnen auch das Sagen haben. Sie sind reiche Kirchen für Reiche in einem reichen Land. Offenbar ohne Bewusstsein für das eigene Totalversagen in zwei Weltkriegen schweigen sie zur Remilitarisierung der deutschen Politik. Sozialpolitisch bleibt man weit hinter dem gemeinsamen Kirchenwort von 1997 zurück. Eine Tuchfühlung mit Armen, Marginalisierten und Verzweifelten erfolgt weitgehend über die institutionalisierte „Caritas“ bzw. „Diakonie“. Ansonsten will sich kaum jemand durch den Umkehrruf des Bischofs von Rom in seinen Alltagsgeschäften stören lassen und eigene Privilegien infrage stellen.

Die vatikanische „Senilhierarchie“, so meint Eugen Drewermann, sei unter den gegebenen Bedingungen nur von oben aufzubrechen. Hierbei riskiere der Reformer, dass das „System des Zentralkomitees“ zusammenbricht. Somit wäre man dann wenigsten wieder angelangt bei (nicht zentralistischen) Strukturen, wie sie in der Kirche vor Kaiser Konstantin bestanden haben. Eine „fromme Revolte von oben“, gar päpstlich initiiert, muss jedoch ins Leere laufen, wenn sie nicht mit einer „frommen Revolte von unten“ einhergeht. Bezogen auf die ganze Weltkirche gibt es noch keinen zuverlässigen Überblick darüber, welche Energien diesbezüglich unter Franziskus freigesetzt worden sind.

Hierzulande ist der kirchliche Traditionsabbruch längst vollzogen. Ein Ende der Kirchenaustrittswelle ist nicht in Sicht. Das Sterben der Leutekirche geht – unter den Augen ratloser Oberhirten – selbst in den kleinen Dörfern sehr viel schneller vonstatten als gedacht. Muss das Alte erst mit Gewalt gegen die Wand gefahren werden, damit ein neuer Aufbruch möglich wird? Vielleicht ist die Frage falsch gestellt und Europa tritt in der Weltkirche schon bald nur noch als Provinz mit nachgeordneter Bedeutung in Erscheinung.

Der Artikel erschien zuerst in Hintergrund – Das Nachrichtenmagazin, Heft 4/2015.

 

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