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„Damit unsere Kinder eine Zukunft haben“

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Im Nordosten Syriens nehmen christliche Frauen die Verteidigung ihres Landes und ihrer Familien in die eigenen Hände. Sie haben es nicht nur mit den Kriegern des sogenannten Islamischen Staates zu tun, auch mit der kurdischen YPG gibt es Spannungen -

Von SYLVIO HOFFMANN, 25. Januar 2016 –

Qamischli. In der linken Hand hält sie die Ausweispapiere eines Motorradfahrers, in der rechten ihre Maschinenpistole, Marke AK-47. Die ernst blickende Kontrolleurin trägt eine olivgrüne Uniform, darüber eine dunkle Brustweste, ihr schwarzer Zopf fällt über die linke Schulter. Bahra, so heißt die junge Frau, gehört einer christlichen Fraueneinheit der assyrischen Sicherheitspolizei Sutoro an. Sie schiebt gerade Dienst an einem Checkpoint im Christenviertel von Qamischli, einer nordostsyrischen Stadt an der Grenze zur Türkei. Die Einheit organisiert den Selbstschutz der zwischen die Fronten geratenen christlichen Minderheit. Qamischli wird größtenteils von Truppen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG kontrolliert, kleine Teile hält die Assad-Armee, auch russische Soldaten befinden sich vor Ort.

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Fahrzeugkontrolle an einem Checkpoint

Bahras Mutter Simai ist die Kommandeurin der Fraueneinheit in Qamischli. Die Truppe existiert seit sieben Monaten, Anfang Januar haben sie in der Stadt Stellung bezogen. Knapp fünfzig Kämpferinnen sind hier, 150 weitere in der Stadt Hassakeh stationiert, die knapp neunzig Kilometer südwestlich ebenfalls im Dreiländereck Syrien-Türkei-Irak liegt. Drei christliche Glaubensrichtungen sind vertreten: assyrisch, orthodox und katholisch. Ende des Jahres konnten kurdisch-arabische Rebellengruppen der im Oktober gegründeten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) den Euphrat-Staudamm vom sogenannten Islamischen Staat zurückerobern. Verschiedene christliche Milizen sind Teil dieser Koalition.

Bald geht es für Mutter und Tochter zur Front an den Tischrin-Staudamm, einen weiteren wichtigen strategischen Punkt am Euphrat, neunzig Kilometer östlich von Aleppo. Ergreifende Szenen spielen sich ab, vielleicht sehen sich beide zum letzten Mal. „Ich bin sehr stolz auf Bahra“, sagt die 46-Jährige unter Tränen. „Aber der Kampf ist notwendig, um unsere Familien zu beschützen und damit unsere Kinder eine Zukunft haben.“ Noch dienen die Frauen als Reserve für die Männer, bald könnten sie Kampferfahrung sammeln. „Wir sind glücklich, dass die Frauen kämpfen“, sagt Metamaty, der Anführer einer aus männlichen Milizionären bestehenden Sutoro-Einheit.

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                                                      Sutoro-Milizionärin bei Schießübung

Es ist nicht nur der Daesch, so wird der IS abwertend bezeichnet, der Simai Sorge bereitet. Es gibt auch zwischen den verschiedenen Ethnien und religiösen Gruppen eine Menge Misstrauen. Das Verhältnis zu den anderen Milizen sei zwar gut, betont die Syrerin. „Aber die Lage ist trotzdem angespannt.“ Ein männliches Mitglied einer christlichen Einheit sagt: „Wir stehen zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite ist das Assad-Regime, das uns Zusammenarbeit mit der Opposition unterstellt. Auf der anderen Seite die Opposition, die uns Kollaboration mit Damaskus unterstellt.“ Simai sagt, dass sie nur vereint mit der YPG und anderen Kräften eine Chance haben, den Daesch zu schlagen.

Wenige Tage vor dem Interview mit der Kommandeurin starb ein junger Sutoro-Kämpfer durch die Kugel eines YPG-Mitglieds. Die Einheit des Getöteten hatte einen Checkpoint im Christenviertel von Qamischli errichtet, ohne sich mit der örtlichen YPG abzustimmen. Als die Kurden, denen die christlichen Milizen meist unterstellt sind, die Räumung des Checkpoints forderten, kam es zum tödlichen Schusswechsel. Bei der Beerdigung betonte der Gemeindevertreter, ein Bindeglied zwischen Kirche und Miliz, dass die Christen selbst für ihre Sicherheit sorgen und ihre Stadtviertel eigenständig kontrollieren wollen.

Einen Tag vor Silvester hatte ein schweres Bombenattentat auf das Café Miami im Christenviertel der Stadt neun Menschenleben gefordert. Wenig später erschütterte eine zweite Explosion ein weiteres Café. Seitdem herrscht viel Unsicherheit in der Gemeinde. Offiziell wird der IS für die Tat verantwortlich gemacht. Hinter vorgehaltener Hand behaupten einige, das Assad-Regime sei in Wahrheit dafür verantwortlich – um Unruhe in den kurdischen Gebieten zu stiften und um Zwietracht zwischen den Bevölkerungsgruppen zu schüren.

sutoro wohnhaus
Kämpferinnen der christlichen Miliz vor einem Wohnhaus

Am vergangenen Wochenende explodierten erneut zwei Bomben in dem christlichen Viertel. Bei den Anschlägen auf ein Café und eine Bäckerei starben mindestens drei Menschen, über ein Dutzend wurden verletzt. Der „Islamische Staat“ soll sich zu den Anschlägen bekannt haben. Kurdische Sicherheitskräfte machen hingegen örtliche Pro-Regierungsmilizen verantwortlich. (1)

Trotz allen Misstrauens betont Simai, dass das Hauptquartier der Miliz offen für alle Menschen sei. „Jeder, der sich dem Kampf gegen den IS anschließen will, ist hier willkommen“, sagt die Kommandeurin.

Eine weitere christliche Frauen-Miliz, die im Nordosten Syriens aktiv ist, heißt HSBN, die „Bethnarins Women Protection Forces“. Die HSBN und die weiblichen Sutoro-Einheiten arbeiten zusammen, beispielsweise bei den Kontrollen an den Checkpoints. Afra, eine Kommandeurin, ist gerade 18 Jahre alt. Sie sieht ihren Kampf als alternativlos an. „Wer soll uns beschützen?“, fragt die großgewachsene Jugendliche mit den dunklen gelockten Haaren. „Wir Christen sind ein unterdrücktes Volk und viele junge Männer haben das Land verlassen. Darum müssen nun wir Frauen die Sache in die Hand nehmen“. Sie wolle der Welt zeigen, dass auch Frauen für ihre Heimat und ihr Volk kämpfen können. „Wir setzen unser Leben aufs Spiel –  wie die Männer“, sagt Afra. „Wer uns töten will, den töten wir zuerst.“

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     Fahne der „Bethnarins Women Protection Forces“ (HSBN)

Für die Frauen ist der Krieg zu ihrem neuen Alltag geworden. Manche haben ihren Beruf aufgegeben, andere ihre Rolle als Mutter und Hausfrau. Simai versucht, das Leben einer Soldatin mit dem einer fürsorglichen Mutter von fünf Kindern unter einen Hut zu bekommen. Ihre älteste Tochter lebt in Deutschland, die zweitälteste kämpft ebenfalls bei den Sutoros. Afra meint, es sei jeder Frau selbst überlassen, ob sie Kinder haben möchte oder kämpfen wolle. „Wir wollen frei sein“, sagt sie. „Wie können wir frei sein, wenn wir anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben?“

Freiheit – das ist letztlich der Grund, warum die Frauen in den Kampf gegen den IS ziehen wollen.

(Erschienen unter Mitarbeit von Thomas Fritz)


 

Anmerkungen

(1) https://now.mmedia.me/lb/en/NewsReports/566527-syria-kurds-blame-pro-assad-militia-for-qamishli-blasts

 

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