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Die Zerstörung Jarmuks

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Nach fünf Jahren Krieg in Syrien liegt die „Hauptstadt der Palästinenser außerhalb Palästinas“ in Trümmern -

Von KARIN LEUKEFELD, Damaskus, 19. Februar 2016 -

Zerstörtes JarmukZu den großen Verlierern des Krieges in Syrien gehören die syrischen Palästinenser, wie sie sich selbst nennen. Anfang des Jahres 2011 waren 560 000 in Syrien beim UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) als Nachfahren der Palästinenser registriert, die 1948 und 1967 von israelischen Truppen aus ihrer palästinensischen Heimat vertrieben worden oder geflohen waren. 1947/48 hatten der UN-Teilungsplan und die israelische Staatsgründung Hunderttausende Palästinenser heimatlos gemacht. Sie fanden in Syrien, Jordanien, im Libanon, im Irak und in Ägypten Asyl. Die meisten aber wurden zu Vertriebenen in ihrer eigenen Heimat: 190 000 flohen in den Gazastreifen, 280 000 ins Westjordanland. Der Sechs-Tage-Krieg im Jahre 1967 löste eine neue Fluchtwelle aus. Rund 100 000 syrische Palästinenser flohen vom Golan, der von den israelischen Truppen besetzt und später annektiert wurde, ins syrische Kernland.

Über die Jahrzehnte waren aus den zwölf Lagern für die Palästinenser (Ein el Tal, Homs, Hama, Jaramana, Khan Dunoun, Latakia, Khan Eshieh, Neirab, Qabr Essit, Sbeineh, Yarmouk und Dera'a) Orte und Stadtviertel geworden, in denen auch Syrer lebten. Rechtlich waren die Palästinenser den Syrern weitgehend gleichgestellt und hatten sich ein neues Leben aufbauen können. Sie waren Gäste, nicht „Flüchtlinge“. Sie konnten studieren und alle Berufe ausüben, Häuser bauen und Firmen gründen, sie konnten Syrer oder Syrerinnen heiraten. Nur das Wahlrecht hatten die Palästinenser nicht, und die Männer dienten in einer Palästinensischen Befreiungsarmee, nicht in den syrischen Streitkräften.

Teil der neuen palästinensischen Tragödie ist die innere Zerstrittenheit. Die religiös orientierte Hamas stellte sich an die Seite bewaffneter Gruppen. Die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC) ergriff Partei für die syrische Regierung. Die eine wie die andere Parteinahme wurde von den Palästinensern mehrheitlich abgelehnt, vergebens.

Die katastrophale Entwicklung im Flüchtlingslager Jarmuk (Muchaiyem Jarmuk) – einem südlichen Stadtteil von Damaskus – dürfte beispielhaft für die innerpalästinensischen Konflikte sein, die der Krieg in Syrien zutage förderte. Die Hamas habe ihre brüderlichen Verbindungen zur Muslimbruderschaft, die sich damals in Tunesien, Ägypten, Jordanien und im Jemen als Sieger des „Arabischen Frühlings“ wähnte, „über die gemeinsamen palästinensischen Interessen gestellt“, sagte Anwar Abdul-Hadi, der PLO-Vertreter in Damaskus (im Gespräch mit der Autorin Anfang 2014 in Damaskus). Und so, wie die Einheit der Palästinenser zerstört wurde, erging es auch Jarmuk. Einst die „Hauptstadt der Palästinenser außerhalb von Palästina“, ist Jarmuk heute ein Trümmerfeld.

Partei ergreifen oder neutral bleiben – die Jahre 2011 bis 2012

Der heute 32-jährige Jihad lebt seit seiner Kindheit in Jarmuk. Seine Vorfahren waren im Jahr 1948 aus Haifa geflohen, für ihn war Jarmuk seine Heimat. Als ich ihn 2011 das erste Mal traf, studierte er Journalismus an der Universität Damaskus. Halbtags arbeitete er in einer Bank, der Familie ging es gut. Sein Zuhause war eine gemütliche Wohnung im Herzen von Muchaiyem Jarmuk. Im Sommer boten die engen Gassen Schutz vor der sengenden Sonne, Gäste, die er oft und gern mit nach Hause nahm, wurden von seiner Mutter mit köstlichem, eisgekühlten Fruchtsaft willkommen geheißen.

Anfangs war Jihad optimistisch und glaubte, „das syrische Volk würde die Führung übernehmen und sich von einer totalitären, tyrannischen Diktatur befreien, die alle Teile des öffentlichen Lebens bestimmte“. Doch nachdem er an einigen Demonstrationen teilgenommen hatte, änderte er seine Meinung: „Die Parolen, die dort gerufen wurden, entsprachen nicht meiner Meinung. Beispielsweise forderten einige Leute eine ‚Flugverbotszone‘, eine ausländische Intervention, und es kam mir so vor, als kopierten sie das, was in Libyen passiert war.“ Doch Libyen habe sich nicht auf Syrien übertragen lassen, so Jihad: „Zu dem Zeitpunkt hatte die Regierung keine Kampfjets oder Panzer oder schwere Artillerie eingesetzt.“ Er hatte den Eindruck, „dass das syrische Volk von anderen Kräften benutzt wurde. Zum Beispiel von diesem Syrischen Nationalrat oder der Nationalen Koalition, die später daraus entstanden war. Es ging um den Machthunger dieser Leute, nicht um Freiheit und Demokratie für die Syrer“. Die Syrer hätten für sich wirklich etwas erreichen wollen, doch die seien „aus dem Ausland aufgestachelt“ worden. Die Exil-Opposition habe sie aufgefordert, zu demonstrieren, zu den Waffen zu greifen und gegen die Regierung zu kämpfen, so Jihad bei einem der Treffen (mit der Autorin). „Sie haben mit dem Blut der Syrer gehandelt, und es ging ihnen nur um Autorität und Posten.“ Der Griff zu den Waffen sei der größte Fehler gewesen, so Jihad. Beide Seiten hätten viel Schuld auf sich geladen, doch „alle diese Menschen müssen in der Zukunft zusammenleben“, er wisse nicht, ob das noch möglich sein werde.

Ähnlich wie bei den Syrern entwickelte sich auch unter den syrischen Palästinensern eine heftige Debatte darüber, wie man sich bei dem innersyrischen Konflikt verhalten solle. Jihad beschrieb den Konflikt sehr detailliert: „Die eine Meinung war, dass die Palästinenser sich raushalten und nicht einmischen sollten, weil sie hier im Land Gäste sind, Flüchtlinge. Sie sollten nicht Teil der Auseinandersetzungen werden. Die zweite Meinung war, dass die Palästinenser im Laufe ihrer Geschichte verschiedene Male Teil von Auseinandersetzungen in einem Gastland geworden waren und dass die Auswirkungen immer sehr negativ waren. Das war so in den Jahren 1970 bis 1971 während des Schwarzen September in Jordanien, 1975 im Libanon und 1991 in Kuwait. Aus Kuwait waren 750000 Palästinenser in einer Nacht deportiert worden (weil sie den Einmarsch der irakischen Truppen begrüßt hatten, Anm. kl). Die dritte Meinung war, dass die Palästinenser sich einmischen sollten, weil sie in Syrien seit 1948 leben, also ungefähr seit Beginn der syrischen Unabhängigkeit. Wir haben alles Mögliche hier im Land erlebt, wir haben uns am Aufbau des Landes beteiligt, darum haben wir auch Rechte in diesem Land und sollten Teil von allem sein, was hier geschieht.“ Doch wenn man sich einmischen sollte, war noch immer die Frage, ob aufseiten der Regierung oder aufseiten der Opposition. Es gab unterschiedliche Meinungen.

Die Hamas unterstützte den bewaffneten islamistischen Aufstand, der von der Muslimbruderschaft – vor allem in Deraa, Idlib und Aleppo – vorangetrieben wurde. Anfang 2012 wurde das Zentralkomitee der Hamas aufgefordert, Damaskus zu verlassen. Die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC) ergriff auch Partei und machte aus ihrer Unterstützung aufseiten der Regierung kein Geheimnis. So standen sich zwei gegensätzliche Pole in Jarmuk direkt gegenüber. Alle anderen palästinensischen Parteien und Organisationen in Damaskus lehnten eine Einmischung in den innersyrischen Konflikt ab und wollten die Palästinenser und ihre Strukturen heraushalten. Vergebens.

Die südlichen Vororte von Damaskus und Jarmuk – Haj al Aswat, Babila, Al Khadam oder Tadamoun – wurden zu Stützpunkten bewaffneter Gruppen. Sie erhielten Zulauf und Nachschub aus Jordanien und von anderen, teilweise aufgegebenen Frontabschnitten im Land und begannen, Jarmuk mit zunächst noch selbstgebauten Raketen, Mörsergranaten und Autobomben anzugreifen.

Monatelang hielten die Angriffe an, um die Bevölkerung zur Parteinahme gegen die Regierung zu zwingen. Im November 2012 schließlich ermöglichten „Verbündete“ der PFLP-GC dem syrischen al-Qaida-Ableger, der Nusra-Front, den Zugang in das Lager. Vermutlich sei Geld im Spiel gewesen, meinte Jihad. „Wie überall, wo die Menschen zu den Waffen griffen.“ Innerhalb von 24 Stunden flohen 150 000 der in Muchaiyem Jarmuk registrierten palästinensischen Flüchtlinge. Die Mehrheit der rund 700 000 Syrer – die ebenfalls in Jarmuk gelebt hatten – war schon seit 2011 aus dem Viertel geflohen.

Auch Jihad, seine beiden Schwestern und die Eltern mussten fliehen. „Es war eine Tragödie, und wir durchlebten noch einmal, was 1948 geschehen war. In nur einem Tag mussten 80 Prozent der verbliebenen syrischen Palästinenser das Lager verlassen. Autos waren nicht erlaubt, und da war diese endlose Schlange von Leuten, die gerade das Nötigste zusammengepackt hatten und die Straße entlang liefen. Kinder, Frauen, alte Leute, es war eine Katastrophe.“ Jihads großer Traum war, sein Studium in Kanada oder in Großbritannien abzuschließen. Doch die Ereignisse in Syrien haben sein Leben verändert. Ende 2014 wagte er mit der Mutter und zwei Schwestern den gefährlichen Weg über die Türkei und das Mittelmeer nach Europa. Sie sind angekommen und hoffen auf einen Neuanfang.

Alles verloren – die Jahre 2012 bis 2015

Jarmuk
Rücksichtslose Kämpfe, verwüstete Wohngebiete: Blick in die völlig zerstörte Al-Kharbouch-Straße

Die Armee riegelte die Zu- und Ausgänge des Lagers ab, um zu verhindern, dass die Kampfgruppen von Jarmuk her durch Al Zahira, Midan bis zum Zentrum von Damaskus gelangen konnten. Rund 20 000 Menschen blieben im Lager. Die Gründe dafür waren sehr verschieden. Manche waren alt und krank, andere hatten kein Geld, um außerhalb des Lagers eine Wohnung zu mieten, oder sie hatten keine Familie, bei der sie wohnen konnten. Wieder andere gehörten einer oppositionellen Gruppe an und hatten Angst vor der Festnahme, und dann gab es solche, die mit den Kampfgruppen familiär oder ideologisch-religiös verbunden waren. Etliche Männer hatten bei den Milizen einen neuen Job gefunden: den Dienst an der Waffe.

Während die Menschen anfangs noch zum Einkaufen in die benachbarten Viertel fahren oder laufen konnten, wurde auch das im Sommer 2013 unterbunden. Eine Hungerblockade begann. Ab und zu konnten Hilfsorganisationen wie die UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten) oder der Palästinensische oder Syrische Arabische Rote Halbmond (SARC) Lebensmittel und Medikamente im Lager verteilen. Nach einer Vereinbarung zwischen der syrischen Regierung und der PLO stehen sämtliche Lager der Palästinenser unter eigener Kontrolle. Also versuchten die palästinensischen Parteien und die PLO in unzähligen Verhandlungsrunden mit Kämpfern im Lager und/oder ihren Unterstützern außerhalb einen Rückzug der bewaffneten Kräfte aus Jarmuk zu erreichen. Ohne Erfolg.

Die syrische Armee und die mit ihr verbündete Hisbollah begannen mit militärischen Operationen rund um Jarmuk, und es gelang ihnen, Nachschubwege der Kampfgruppen zu unterbrechen. Westliche Hilfsorganisationen und andere aus den Golfstaaten setzten ihre Unterstützung für die im Lager verbliebenen Zivilisten und dortige Projekte fort und nutzten dafür die Schmuggelpfade, die von den Kampfgruppen kontrolliert wurden. Aus der anhaltenden Unterstützung leiteten Kampfgruppen weiter ihre Legitimation ab, sich nicht auf einen Waffenstillstand einzulassen. Es entstanden Spannungen zwischen den Gruppen im Lager. Die einen wollten den Waffenstillstand, die anderen wollten ihn nicht.

Nach einem endlos scheinenden Kreislauf aus Kämpfen, Verhandlungen, Hilfslieferungen, Kämpfen, Verhandlungen, Evakuierungen und so weiter schienen die Kampfgruppen müde geworden zu sein. Nach dem Einmarsch einer Gruppe des selbst ernannten „Islamischen Staates im Irak und in der Levante“ (ISIS, arabisch: Daesh) Anfang April 2015 reagierten westliche Hilfsorganisationen und die UNO alarmiert. Jarmuk sei „die Hölle“ oder auch „die Vorhölle“, sagten ihre Vertreter aus London, Frankfurt oder Washington den Medien, obwohl sie vermutlich nie einen Fuß in das Lager Jarmuk gesetzt hatten. „Als ISIS ins Camp eindrang, warf Assad 50 Fassbomben“, erzählt ein evakuierter ehemaliger Bewohner des Lagers der BILD-Zeitung. Im „Horror von Syrien“ sei „Jarmuk der innerste Kreis der Hölle“, so der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Tatsächlich gelang es dem UNRWA, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und dem Arabischen Roten Halbmond auch während dieser Krise, an bestimmten Verteilstellen Lebensmittel, Medikamente und Tabletten für die Wasserreinigung in Jarmuk zu verteilen. Wiederholt wurden sie – wie schon in den Monaten zuvor - von Scharfschützen der Kampfgruppen angegriffen. Die Hilfsorganisationen wichen aus und richteten entlang der Palästinastraße, im Osten des Lagers, neue Verteilstellen ein. Rund 1 000 Familien (etwa 8 000 Personen) wurden im April 2015 aus Jarmuk evakuiert und in angrenzenden Stadtteilen untergebracht.

Viele palästinensische Männer meldeten sich zu den Waffen. Trotz aller ideologischen Differenzen wollten sie an der Seite der PFLP-GC und mit Unterstützung der syrischen Armee gegen den Vormarsch der Islamisten in Jarmuk kämpfen. Khalid (Name von der Autorin aus Sicherheitsgründen geändert), der im Frühsommer 2013 nicht mehr in sein Haus in Jarmuk hatte zurückkehren können, sagte: „Daesh ist gekommen, um mich zu töten. Da hilft kein Verhandeln, ich muss mich mit der Waffe verteidigen.“ Hier habe er das gleiche Ziel wie die syrische Armee: „Wir wollen Jarmuk von den Kämpfern befreien, damit wir endlich zurückkehren und wieder aufbauen können.“

Ein Angriff gegen Daesh und die Nusra-Front gemeinsam mit der syrischen Armee sei wohl die einzige Lösung, die noch bliebe, meinte ein palästinensischer Familienvater, der seit Ende 2012 mit seiner Familie in einem kleinen Hotel im Damaszener Zentrum wohnt. „Sie müssen alles zerstören, um es zu befreien, so sieht es aus“, resümierte er bitter. 15 Jahre hatte der Mann in einem Golfstaat gearbeitet, um sein Haus in Jarmuk zu bauen und Startkapital für ein Geschäft zu haben. Alles wurde durch die Kämpfe zerstört.

Die PLO-Vertretung in Damaskus unterstützte das militärische Vorgehen und erklärte, die Palästinensische Befreiungsarmee solle in Kooperation mit den syrischen Streitkräften „Daesh und die Nusra-Front aus Jarmuk“ zurückdrängen. Die PLO-Führung in Ramallah dagegen wies die Entscheidung zurück. Man halte an dem Prinzip der Nicht-Einmischung in die Angelegenheiten eines „Gastlandes“ (Syrien) fest, hieß es in deutlicher Abgrenzung zu der Entscheidung der Palästinensergruppen vor Ort. Gegen den Willen der PLO-Führung in Ramallah gelang es den Gruppen in Jarmuk schließlich, ISIS und die Nusra-Front zurückzudrängen. Selbst in den Reihen der bewaffneten Hamas in Jarmuk – Aqnaf al Mekdis – entschied man sich, gegen den IS anzutreten.

„Möge Allah uns beschützen“ – April 2015

Als ich in diesen Tagen vom Militär in Damaskus die Genehmigung erhalte, den nördlichen Teil von Muchaiyem Jarmuk zu besuchen, treffe ich – zusammen mit einem kroatischen Kollegen – vor dem Lager zunächst den zuständigen General der syrischen Streitkräfte. „Herzlich willkommen, wir freuen uns, dass ausländische Journalisten hierher kommen. Wir wünschten, Sie würden berichten, was hier wirklich geschieht“, meint der General und führt uns in ein karg eingerichtetes Büro am Batikah-Platz, dem Eingang von Muchaiyem Jarmuk. Die Lage sei noch unübersichtlich, einige Hamaskämpfer hätten ihre Waffen abgegeben. Die Nusra-Front (al-Qaida) sei die stärkste der Kampfgruppen. 14 palästinensische Organisationen hätten Kämpfer aufgestellt, um die Islamisten zu vertreiben. Schätzungsweise 6 000 Zivilisten im südlichen Teil des Lagers lehnten eine Evakuierung ab.

„Sagen Sie Frau Merkel, dass wir den Deutschen immer vertraut haben“, sagt er dann direkt zum Mitschreiben. „Sie standen an der Seite der Menschen, die Hilfe brauchten, auf der Seite des Gesetzes. Warum will Deutschland unsere Regierung mit diesem Krieg verändern? Was würde Frau Merkel sagen, wenn jemand das in ihrem Land tun würde? Warum unterstützt Deutschland die bewaffneten Gruppen? Warum will Deutschland Syrien spalten, wo es sich selbst doch wieder vereinen konnte?“

Jarmuk
Leben inmitten der Ruinen. Zwischen Trümmern haben die Milizen einen kleinen Garten angelegt. Für die zu Besuch gekommenen Söhne eines Milizionärs gehört der Schrecken zum Alltag, einer gießt die Sonnenblumen

Palästinensische Kämpfer lassen uns nur ein kurzes Stück durch die Ali-Al-Kharbouch-Straße laufen. Verkohlte Hauswände, zerborstene Scheiben, durch die wir in das Innere der dicht aneinander gebauten Häuser sehen können. Die Kampfgruppen hatten sich den Weg von einem Haus zum nächsten gebahnt, indem sie große Löcher in die Wände schlugen. Weit lässt man uns nicht gehen, es sei zu gefährlich wegen der Scharfschützen, lautet die Begründung. Gesichter von Kämpfern tauchen in den Ruinen auf und blicken uns neugierig hinterher. Zweierpatrouillen, das Gewehr im Anschlag, laufen an uns vorbei. Manche sind im Studentenalter, andere haben weiße Haare.

Zurück aus den Ruinen von Muchaiyem Jarmuk treffen wir am Batikah-Platz einen alten Mann, der uns ein dicht beschriebenes Stück Papier mit vielen Stempeln entgegenhält. Das sei sein Bericht, den er bei der Polizei abgegeben habe, sagt er und stellt sich vor: „Ahmed Jousef Jabali. Geboren 1943 in Haifa, Palästina. 1948 kam ich mit meinen Eltern nach Damaskus, Jarmuk.“ Alles, was er besessen habe, sei zerstört und gestohlen worden. „Hoffentlich wird alles eines Tages wieder gut“, murmelt er. „Möge Allah uns beschützen.“

Ein Leben als Kämpfer – September 2015

Im September bin ich erneut in Muchaiyem Jarmuk. Dieses Mal begleitet mich Mohamed, ein syrischer Übersetzer, der früher hier wohnte. Hier habe er die zehn schönsten Jahre seines Lebens verbracht, erinnert er sich, während wir durch die verbrannten Gassen laufen. Hier habe er mit seiner jungen Frau erstmals eine eigene Wohnung bezogen, weil es bezahlbaren Wohnraum gab. In Jarmuk wurden ihre Kinder geboren. Mohamed versucht sich nichts anmerken zu lassen, doch immer wieder ringt er nach Luft: „Ich versuche etwas wiederzuerkennen, aber alles ist zerstört.“

"Der Einfluss der Parteien ist zurückgegangen"

Interview mit Fahed Sleiman, Mitglied im Politbüro der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas 

(zum Lesen auf das Foto klicken)

Interview

Dieses Mal lassen uns die palästinensischen Milizen bis zur Jarmuk-Straße gehen, deren nördlichen Teil sie den islamistischen Kampfgruppen wieder abgetrotzt haben. Begleitet werden wir von „Abu Kifah“, das bedeutet: „Vater des Kampfes“. Er vertritt die PFLP-GC, die diesen Teil der Front kontrolliert. Immer wieder seien verhandelte Vereinbarungen gebrochen worden, berichtet Abu Kifah. Die letzte Vereinbarung im März 2015 habe den Rückzug aller Kämpfer aus Jarmuk vorgesehen. Dann sei Anfang April der „Islamische Staat“ in Jarmuk eingerückt und habe alle, die das Abkommen unterzeichnet hatten, ermordet. Nun herrsche Stillstand an der Front. Außer einigen Scharmützeln geschehe wenig.

Große Planen sind quer über die Jarmuk-Straße gespannt, zum Schutz vor Scharfschützen. Nicht weit von hier ist die Lubia-Straße, einst Zentrum der jungen Damaszener Modeszene. Über eine der Planen stolziert übergroß eine schöne Frau in festlich glitzernder Abendrobe – ein Werbetransparent, das nun als Schutzplane dient. Hinter hoch gestapelten Munitionskisten ist ein Besprechungsraum eingerichtet. An den provisorischen Wänden aus Planen und Holzplatten hängen Bilder und Fahnen.

In diesen späten Nachmittagsstunden haben sich die meisten Kämpfer in die Ruinen zurückgezogen. Anders als im April haben sie Bänke, Sofas und Tische, manchmal sogar große Plastikpflanzen zwischen den Ruinen aufgestellt. An einem kleinen Platz steht eine Plastikwanne mit Wasser, in der Vögel und Enten herumplantschen. Hühner spazieren herum, ein Kämpfer hat sogar ein Blumenbeet mit Sonnenblumen angelegt, das er mit dem gerade gelieferten frischen Wasser bewässert.

Er winkt seinen vielleicht zehnjährigen Jungen heran, der an diesem Samstagnachmittag mit seinem älteren Bruder den Vater an der Front besuchen darf. Ist das nicht zu schwer für die Kinder, die ganze Zerstörung des Ortes zu sehen, wo sie früher gespielt haben und zur Schule gingen? „Zerstörung und Vertreibung gehören seit 1948 zu unserem Leben“, sagt der Vater. „Besser, sie lernen es früh, damit sie sich auf ein Leben als Kämpfer vorbereiten können. So wie auch wir Kämpfer werden mussten.“


Der Artikel erschien zuerst im Hintergrund-Magazin 1, 2016.


 

 

 

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