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Kriegsgegner, Flüchtlingshelfer, linker Linker: Papst Franziskus ist ein wahrer Ostermarschierer

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Von RÜDIGER GÖBEL, 25. März 2016 -

Pegida, AfD, CSU und wer sonst noch so meint, Deutschland vor zu vielen Flüchtlingen retten zu müssen – die falschen Retter des christlichen Abendlandes müssen in diesen Ostertagen ganz tapfer sein. Mit einer einfachen wie eindrucksvollen Geste hat Papst Franziskus all denen kontra gegeben, die in Migranten keine hilfebedürftigen Menschen sehen, sondern marodierende Massen, die hinter Maschendrahtzäune gehören.

gruendonnerstag_papst.jpgIn der traditionellen Messe am Gründonnerstag hat Papst Franziskus im größten Flüchtlingsheim Italiens zwölf Menschen demonstrativ die Füße gewaschen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche, der 1,1 Milliarden Menschen angehören, kniete in der Kleinstadt Castelnuovo di Porto nördlich von Rom vor elf Asylbewerbern und einer Mitarbeiterin der Einrichtung nieder und küsste nach der Waschung ihre Füße. Für den 79-Jährigen war es eine „geschwisterliche“ Geste im Angesicht von Krieg und Gewalt – sie soll an die Bibelerzählung erinnern, derzufolge Jesus beim letzten Abendmahl vor seiner Kreuzigung seinen zwölf Aposteln die Füße wusch, sie soll aber vor allem ein Zeichen der Menschlichkeit für die Gegenwart und Zukunft setzen.

Ausgewählt für das österliche Ritual waren vier nigerianische Katholiken, drei eritreische Anhängerinnen des christlich-koptischen Ritus, drei Muslime aus Mali, Pakistan und Syrien, ein Hindu aus Indien sowie eine italienische Helferin. Der Direktor der Asylheims, der Palästinenser Akram Zubaydi, zeigte sich im Interview mit Radio Vatikan euphorisiert: „Für uns ist dieser Tag des Papstbesuches eine sehr starke Botschaft, die er der gesamten Welt gibt: wir sind alle gleich. Wir beten auf verschiedene Arten, aber wir beten immer zum selben Gott. Und das ist ein starkes Signal an alle Völker, dass wir vereint sein müssen – unabhängig von unserer Religion, Nationalität oder Hautfarbe.“
 
„Wir sind alle Brüder und wollen in Frieden leben“, sagte der Papst bei der Messe unter freiem Himmel vor rund 1 000 Flüchtlingen und Helfern. Im Gegensatz zu manch fehlgeleiteter CDU-Politikerin in den vergangenen Tagen fand Franziskus auch die richtigen Worte für den Terror in Brüssel. In einer kurzen, frei gehaltenen Predigt wies der Papst auf zwei Gesten im Evangelium hin: Da sei zum einen die der Fußwaschung, der Geschwisterlichkeit. „Jesus, der dient, der die Füße wäscht … Er, der das Haupt war, wäscht den anderen die Füße, den Geringen“, zitierte Radio Vatikan aus der Papstpredigt. Doch es gebe auch Judas, „der zu den Feinden Jesu geht, zu denen, die keinen Frieden mit Jesus wollen, um das Geld zu holen, für das er ihn verrät, die 30 Silberstücke“.
 
Was haben die Silberstücke und der Judasverrat mit dem Heute, mit dem Hier und Jetzt zu tun? „Wir alle, gemeinsam, Muslime, Hindus, Katholiken, Kopten, evangelische Christen, wir sind Geschwister, Kinder desselben Gottes, und wir wollen in Frieden leben“, so der Papst. Die Geste des Judas, der Verrat, spiegele sich im jüngsten Terrorakt in Brüssel, „eine Geste des Krieges, in einer Stadt Europas, von Menschen, die nicht in Frieden leben wollen“.

Kurz und prägnant schlug Franziskus den großen Bogen: Hinter Judas stehen die, die ihm das Geld gäben. „Hinter der anderen Geste sind die Macher und die Händler der Waffen, die Blut wollen, nicht den Frieden; die den Krieg wollen, nicht die Geschwisterlichkeit.“

„Diese Wirtschaft tötet“

Immer wieder hatte der Papst in seiner nun dreijährigen Amtszeit auf das Elend der Flüchtlinge hingewiesen, auf das Elend, das der Kapitalismus gebiert, auf das Elend imperialistischer Kriege. Im Juli 2013 führte ihn seine erste Auslandsreise auf die italienische Insel Lampedusa, den einsamen Außenposten der EU vor der libyschen Küste. Franziskus gedachte der Tausenden Menschen, die bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, gestorben sind: „In dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!“

In seiner Ansprache vor dem Europaparlament in Straßburg gemahnte der starke Mann aus Rom im November 2014 abermals an das Elend der Flüchtlinge: „Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird! Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen.“

Am 1. September 2013, dem Weltfriedenstag, hatte er im Angelusgebet bekräftigt: „Wir wollen Männer und Frauen des Friedens sein, wir wollen, dass in dieser unserer Gesellschaft, die von Spaltungen und Konflikten durchzogen wird, der Friede ausbreche! Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!“ Es ist das Motto, das sich dieser Tage auch durch alle Ostermärsche zieht.

Unvergessen schließlich die Kapitalismuskritik in „Evangelii gaudium“, dem Apostolischen Schreiben des Heiligen Vaters, vom November 2013, das die „Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht“ und Verteilungsungerechtigkeit als „Wurzel der sozialen Übel“ verurteilt: „Ebenso wie das Gebot  ‚Du sollst nicht töten’ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen’ sagen. Diese Wirtschaft tötet.“

Im vergangenen September hatte er den Krieg in Syrien und im Irak als „eines der bedrückendsten Dramen der letzten Jahrzehnte“ bezeichnet. „Die internationale Gemeinschaft scheint nicht in der Lage, angemessene Antworten zu finden, während die Waffenhändler ihre Interessen verfolgen.“

Christ und Sozialist

Während so manche ultrarevolutionäre Linksradikale, wortradikale Autonome und gut geschulte Marxisten-Leninisten die Kirche in Bausch und Bogen verdammen und Religion als „Opium fürs Volk“ abtun, verweist die linke Politikone Oskar Lafontaine auf die große Nähe zwischen der christlichen Botschaft und dem Sozialismus. Im Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur KNA betonte der Vorsitzende der Linksfraktion im Saarländischen Landtag: „Unabhängig von der Frage, ob man gläubig oder nicht gläubig ist, gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass unser Parteiprogramm der katholischen Soziallehre am nächsten kommt. Die Linke ist die einzige Partei in Deutschland, die den Satz von Papst Franziskus unterschreiben kann: Diese Wirtschaft tötet.“

Bei allen Ähnlichkeiten der christlichen Botschaft der Nächstenliebe und den Zielen des Sozialismus habe er sich früher dennoch immer an der Kirche gerieben, so Lafontaine, „weil sie sich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu stark mit den Mächtigen verbündet hat. Ich erinnere mich noch, welche Schrecken mir durch die Glieder gefahren sind, als ich zum ersten Mal Fotos von Bischöfen gesehen habe, die Waffen gesegnet haben. Deswegen ist dieser Papst für mich – gerade in der heutigen Zeit, wo weltweit der Neoliberalismus dominiert – ein Leuchtturm, eine Lichtgestalt. Wenn er fordert, dass die Kirche eine Kirche für die Armen sein muss, sich also für die Opfer dieser Wirtschaftsordnung einsetzen muss, dann kann ein engagierter Linker das nur unterschreiben.“

Lafontaine hält es mit der Formel von Adolf Grimme: „Ein Sozialist kann Christ sein. Ein Christ muss Sozialist sein.“ Und doch dürften mit Papst Franziskus eher so manche kirchlichen Würdenträger Probleme haben als Mitglieder der Linkspartei – der Protzbischof von Limburg und die Militärpfarrer lassen grüßen. Lafontaine: „Die katholische Kirche in Deutschland ist natürlich noch sehr stark mit den gegenwärtigen Macht- und Herrschaftsstrukturen verbunden. Insofern habe ich immer wieder den Eindruck, dass die Aussagen des Papstes etlichen kirchlichen Würdenträgern große Probleme bereiten. Ich spitze das zu auf die Formulierung: Dieser Papst ist seit langem mal wieder jemand, der die Bibel gelesen hat und die Botschaft der Bibel vertritt.“

Er wünsche sich, so Lafontaines Seitenhieb in die eigene Partei hinein, „dass immer mehr Mitglieder in der Linken noch mehr diese grundsätzlich kritische Einstellung des Papstes zur Wirtschaftsordnung teilen“. Franziskus würde in der Linken zum linken Flügel gehören, ist sich der Saarländer sicher.

Meint es dieser Franziskus wirklich ernst? Folgt man Andreas Englisch, kann das nur bejaht werden. Der Vatikankenner schildert in seinem Bestseller Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg den nachgerade revolutionären Kampf des Argentiniers gegen die verkrusteten Verhältnisse in der katholischen Kirche, gegen mafiöse Strukturen und raffgierige Kardinäle. Sie seien Egozentriker und Karrieristen, gottlose Bürokraten, die den Kontakt zum lebendigen Christentum verloren hätten, wirft Franziskus den purpurnen Kirchenoberen in seiner Weihnachtsansprache 2014 vor. Er spricht von Hochmut und Habgier, diagnostiziert bei ihnen gar „spirituellen Alzheimer“.

Wird sich Papst Franziskus als Kriegsgegner, Flüchtlingsfreund und linker Linker durchsetzen können, wird er grundsätzliche Änderungen im Vatikan etablieren können? Autor Englisch, der finstere Intrigen der Reaktionäre bis hin zu Mordplänen enthüllt, den Hass in der Kurie auf Jorge Mario Bergoglio, den „Papst vom anderen Ende der Welt“, ist zuversichtlich. „Gott steh dir bei, alter Mann“, ruft er ihm zu. „Es ist ein harter Kampf, den du noch vor dir hast gegen eine verkrustete und arrogante Kirche, die tief in der Krise steckt und zu oft die Ärmsten und Schwächsten vergessen hat. Es wird nie einfach sein. Noch gibt es zu viele, die all das vergessen machen wollen, was du angestrengt hast. Ich weiß auch bei dir nicht, ob du das tust, was Gott gefällt, aber ich sehe, dass auch du mit allem, was du aufbringen kannst, für das kämpfst, woran du glaubst, jeden einzelnen Tag – und deswegen bete ich: Stehe Gott dir bei.“

Ganz unabhängig von Gott steht Franziskus nicht allein. Zahlreiche Bischöfe und Pfarrer folgten seinem Beispiel, demonstrierten am Vorabend des Karfreitag Solidarität und wuschen Marginalisierten wie Migranten symbolisch die Füße. Und ganz praktisch helfen täglich mehr Menschen Flüchtlingen als auf den Plätzen von Dresden oder Dortmund gegen sie hetzen.

In Castelnuovo di Porto wurde der Mann aus Rom, der „eine arme Kirche, eine Kirche für die Armen“ will, am Donnerstag religionsübergreifend gefeiert und mit großem Applaus begrüßt. Auf einer riesigen Flagge hatten Muslime, Christen, Hindus und Atheisten „Herzlich willkommen“ in ihren Heimatsprachen geschrieben und eine Friedenstaube gemalt.


 

Lesetipp gerade für Nichtkirchenkenner
Andreas Englisch: Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg. Bertelsmann-Verlag München 2015. 384 Seiten, 19,99 Euro

 

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