Manova über Überarbeitung

Die Furcht vor der Freizeit

Der deutsche Staat versucht aus finanziellem Eigeninteresse, alle Lebensentwürfe zu delegitimieren, die nicht auf sozialversicherungspflichtige Vollzeitarbeit hinauslaufen.

1777789082

Abo oder Einzelheft hier bestellen

Seit Juli 2023 erscheint das Nachrichtenmagazin Hintergrund nach dreijähriger Pause wieder als Print-Ausgabe. Und zwar alle zwei Monate.

Hintergrund abonnieren

„Gehörst du mir jetzt nicht mit Leib und Seele?“, fragte Simon Legree seinen Sklaven Tom, bekannt aus dem Roman „Onkel Toms Hütte“. Mit heutigen Verhältnissen in Deutschland lassen sich die Zustände in Harriet Beecher-Stowes Roman kaum vergleichen. Dennoch: Aktuelle Politikerreden muten teilweise wie ein Peitschenknallen über den gebeugten Körpern von Arbeitnehmern an. Überall, wo eine Menschenverwertungsmentalität Raum greift, wollen uns die Herren in den obersten Etagen ganz. Da gibt es keine Ausflüchte, kein Schonen der Kräfte, kaum Pausen. Wir sollen möglichst jung sein, wenn wir in den Arbeitsprozess einsteigen, und möglichst alt, wenn wir ihn wieder verlassen. Wir sollen mit eiserner Gesundheit gesegnet sein und uns niemals durch private Bedürfnisse von der Werkbank aufscheuchen lassen. Niemand mehr soll sich von seinem Ehepartner durchfüttern lassen und seine Zeit mit Bügelwäsche und Kindererziehung vertrödeln. Für Letzteres gibt es schließlich Kitas. Die Schlupflöcher werden rar. Teilzeit ist Drückebergertum. Jede und jeder soll nach Möglichkeit in sozialversicherungspflichtiger Arbeit für das Finanzamt rackern. Schließlich sind die Staatskassen klamm. Also doch: Wir sollen mit Leib und Seele fremden Zwecken „gehören“ — nicht mehr uns selbst. Und ausgerechnet die notorischen politischen Minderleister Friedrich Merz und Lars Klingbeil geben über das mediale Megafon den Rhythmus vor: „Hopp! Hopp!“ Unser Lebensweg steht nun in all seiner Ödnis und erschöpfenden Einseitigkeit vor uns: Ganztagsschule. Vollzeitstelle. Halbherzige Pflichterfüllung bis zur Erschöpfung. Steuererklärungen noch im Altenheim. Welche Bedrohung geht offenbar für Politik und Wirtschaft von mehr Freizeit aus, die uns Bürgern zur Verfügung stünde? Oder sind wir es, die mit „zu viel Zeit“ gar nicht so viel anzufangen wüssten?

Die Furcht vor der Freizeit

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel TransitionNews über Geburtenrate Deutschland: Geburtenzahlen auf niedrigstem Stand seit 1946