Weihnachtliche Gedanken

Jesus von Nazareth hätte das Schwert geschwungen

Jesus war der Che seiner Zeit, und wenn er heute leben würde, würde er in den Reihen des palästinensischen Widerstands kämpfen.

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Geertgen tot Sint Jans: Geburt Christi (National Gallery, London)
Foto: The York Project Lizenz: GNU Free Documentation, Mehr Infos

In seinem klassischen antiken Werk „Der Jüdische Krieg“ (Bellum Judaicum) schreibt der Schriftsteller und Teilnehmer am jüdischen Aufstand von 66-73 n. Chr., Flavius Josephus, dem römischen Befehlshaber Titus die folgenden Worte zu, als er sich an seine Männer wandte, bevor er in die Schlacht gegen die jüdische Rebellenarmee bei Tiberias zog.

Titus:

Denkt daran, dass ihr in voller Rüstung gegen Männer kämpft, die keine haben, dass ihr zu Pferde seid und sie zu Fuß, dass ihr Führer habt und sie führerlos sind.

Es wäre schwierig, eine genauere und treffendere Darstellung des aktuellen Konflikts im Gazastreifen zu finden als diese, wenn wir den Generalstabschef der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, Herzi Halevi, anstelle von Titus und den Merkava-Kampfpanzer anstelle des Pferdes in dem obigen Zitat einsetzen.

So wie die Juden des antiken Galiläa zu ihrer Zeit den weit überlegenen Streitkräften des römischen Kaisers Vespasian und seines Sohnes und Erben Titus gegenüberstanden, so stehen ihre Entsprechung – die Palästinenser von Gaza – derzeit den Streitkräften des römischen Kaisers von heute gegenüber, nämlich US-Präsident Joe Biden und seinem eigenen König Herodes in der Person des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu.

Die Geschichte ist viel schlauer und subtiler als wir selbst. Ihr langer Bogen hält sich nicht an die faulen Kategorisierungen, die Ideologen, falsche Propheten und die Diener des Imperiums vornehmen. So ist die Vorstellung falsch, dass die Juden des alten Galiläa, die sich zur Zeit des Josephus gegen Rom erhoben, irgendeine Verbindung – ethnisch, historisch, geistig oder politisch – zu den Soldaten der IDF haben, die derzeit Gaza verwüsten. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall, d. h. der palästinensische Widerstand ist der eigentliche historische Nachfolger dieser alten jüdischen Rebellenarmee.

Flavius Josephus: Jüdischer Krieg: Antiochos IV. erobert Jerusalem, seine Soldaten töten die Bevölkerung.
Foto: Französische Nationalbibliothek Lizenz: Source gallica.bnf.fr / BnF, Mehr Infos

Dies bringt uns zum Leben und zur Zeit von Jesus von Nazareth, einem „Mann“, dessen Vermächtnis im Namen des religiösen Obskurantismus nicht nur verzerrt, sondern regelrecht entstellt worden ist. Jetzt, wo Weihnachten vor der Tür steht, lohnt es sich, die unbequeme Wahrheit, dass Jesus ein palästinensischer Jude und Revolutionär war, im Zusammenhang mit dem verzweifelten Kampf des einheimischen Volkes gegen seine brutalen Besatzer, der jetzt tobt, erneut zu betrachten.

So zitiert der Apostel Matthäus Jesus mit dem Satz:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. (Matthäus 10, 34)

Dies sind nicht die Worte eines wohlwollenden Wanderhippies, sondern die Worte eines Mannes, der sich gegen die Besetzung des alten Palästina auflehnen wollte. In diesem Zusammenhang sind wir gezwungen, einen kurzen Umweg zu machen, um mit einer lange verbreiteten Unwahrheit aufzuräumen.

Dieser Irrtum will uns glauben machen, dass der Name „Palästina“ eine römische Erfindung ist. In Wahrheit taucht das Land Palästina in historischen Aufzeichnungen erstmals im 12. Jahrhundert v. Chr. auf, lange bevor es unter seinen verschiedenen jüdischen Bezeichnungen – Galiläa, Judäa, Samaria – bekannt wurde und Jahrhunderte bevor Jesus und die Römer auf den Plan traten.

Die Erkenntnis, dass das frühe Christentum eher ein revolutionäres als ein religiöses Glaubensbekenntnis war, ermöglicht es uns, die Geschichte auf ihre Füße und sie damit auf soliden Boden zu stellen, wo sie wirklich hingehört.

Dann sagte er (Jesus) zu ihnen: „Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben.“ (Lukas 21, 10)

Die völlig entrückte Darstellung des Lebens und der Zeit Jesu wurde von den Römern nach dem Motto „Wenn du sie nicht schlagen kannst, schließe dich ihnen an“ entwickelt. In diesem Prozess wandelte sich sein Vermächtnis zu einem Bremsklotz statt zum Ansporn zur menschlichen Emanzipation, die damit im Namen eines völlig fiktiven Jenseits verhindert wird.

Viel näher an der Realität ist, dass Jesus der Che Guevara seiner Zeit war, ein Mann, der sich voll und ganz für die Ausgebeuteten und Unterdrückten einsetzte. In dieser Hinsicht hat er alles umgestoßen. Er berührte Aussätzige, sagte den Ersten, dass sie in Wirklichkeit die Letzten sind, und den Letzten, dass sie in Wirklichkeit die Ersten sind. Er aß mit den sozial Ausgestoßenen und erklärte sie damit für gleichberechtigt.

Die jüdische Revolte von gestern ist die palästinensische Revolte von heute. Jesus von Nazareth wäre mittendrin gewesen, hätte damals ein Schwert gegen die römische Besatzungsmacht unter Titus und heute eine Panzerfaust gegen die israelische Besatzungsmacht unter der Führung der IDF geschwungen.

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Der Artikel spiegelt die Meinung des Autors wider. Die Redaktion tritt bei Konflikten stets für eine friedliche Verhandlungslösung anstelle militärischer Eskalation ein.

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Der Artikel erschien am 20. Dezember 2023 auf Englisch bei John Wight Medium unter dem Titel “Jesus was the Che of his time, and if alive today would be fighting in the ranks of the Palestinian resistance“. Übersetzung: Hintergrund.

 

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