Zeitfragen

Das Statistische Bundesamt – ein Fall gewollten Staatsversagens?

Unabhängige Statistik oder politisch gewollte Zahlentrickserei – diese Frage steht beim Blick auf das, was das Statistische Bundesamt der Öffentlichkeit vorlegt.

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Foto: geralt; Quelle: pixabay; Lizenz
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Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast lautet ein dem früheren britischen Premier Winston Churchill zugeschriebenes Zitat. Und der deutsche Philosoph Michael Andrick prägte in der Corona-Krise den Satz: „Die Verfassung wurde vom gesamten Staatspersonal verraten, nicht nur von Politikern.“ Bildet man die Schnittmenge aus diesen beiden Aussagen, dann landet man unweigerlich beim Statistischen Bundesamt (destatis), einer staatlichen Behörde, die seit der Corona-Krise mehrfach mit fragwürdigen statistischen Manövern aufgefallen ist, und zwar zugunsten der jeweiligen Regierung und zulasten der Allgemeinheit. Beispiele dafür sind die Erstellung der Sterbestatistik in der Corona-Krise, die Ermittlung der Wachstumszahlen zu Zeiten der Ampel-Regierung und nun auch noch die geänderte Methodik bei der Armutsmessung.

Aufgabe des Statistischen Bundesamtes (destatis) ist es, Daten über gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge zu erheben, zu sammeln und aufzubereiten. Damit ist die Wiesbadener Behörde so etwas wie der zentrale Informationsbeschaffer für die gesamte Republik. Gegenwärtig werden dort rund 390 Statistiken erstellt. Hier findet sich nahezu alles, was im gesellschaftlichen Leben von Belang ist, von der Inflationsrate über die Bautätigkeit bis hin zum Bestand an Baumschulen. Geregelt ist all dies im Bundesstatistikgesetz von 1953. Dort ist auch niedergeschrieben, dass in der amtlichen Statistik die Grundsätze der Neutralität, Objektivität und fachlichen Unabhängigkeit gelten sollen.1 Dass die Wiesbadener Statistiker diesen Grundsätzen heute noch nachkommen, wird aber immer öfter angezweifelt.

Wachstumszahlen geschönt?

In diesem Sommer etwa sah sich die Behörde dem Verdacht ausgesetzt, bei der Ermittlung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geschummelt zu haben, also ausgerechnet bei jener Kennziffer, die die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft misst und die in der politischen Debatte eine herausragende Rolle spielt. Dass es dabei möglicherweise zu Unregelmäßigkeiten kam, wurde Ende Juli deutlich, als destatis die revidierten BIP-Zahlen für die vergangenen vier Jahre veröffentlichte.2 Dabei kam heraus, dass die Behörde die Schwere des Wirtschaftseinbruchs lange Zeit massiv unterschätzt hatte. So ist das BIP 2023 tatsächlich um 0,9 Prozent gesunken und nicht um 0,3 Prozent, wie ursprünglich gemeldet wurde. Und 2024 betrug das Minus 0,5 Prozent und nicht 0,2 Prozent. Der eigentliche Skandal liegt jedoch in der Darstellung des BIP-Wachstums auf Quartalsbasis.

 

Der Ökonom Heiner Flassbeck, der die publizierten BIP-Zahlen schon früh anzweifelte, hat sich auf seinem Blog „Relevante Ökonomik“ eingehend dazu geäußert. Für ihn ist die hohe Diskrepanz zwischen den alten und den neuen Daten „entweder das Ergebnis einer Manipulation oder das Ergebnis eines grandiosen sachlichen Versagens“.4 Das Vorgehen des Amtes bezeichnete er als „wirtschaftspolitisch extrem gefährlich“. Und weiter schrieb er: „Wenn man die Fehlurteile nachliest, die von Seiten der Politik wegen der falschen Daten abgegeben wurden, und sich die darauffolgenden falschen wirtschaftspolitischen Entscheidungen vor Augen hält, weiß man, dass die Fehleinschätzung des Amtes enorme Kosten für die gesamte Gesellschaft mit sich gebracht hat.“5

Sterbestatistik manipuliert?

Die Wiesbadener Statistiker sind hier jedoch nicht zum ersten Mal mit fragwür- digen Manövern aufgefallen. Bereits in der Corona-Krise wurden sie von dem Datenanalysten Marcel Barz, der auch unter dem Namen „Der Erbsenzähler“ bekannt ist, verdächtigt, die Sterbestatistik im Jahr 2020 manipuliert zu haben. Barz hatte sich die Rohdaten bei destatis besorgt und anschließend ausgewertet. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass das Sterbegeschehen zu Beginn der Corona-Krise alles andere als bedrohlich war. „Die Rohdaten des Statistischen Bundesamtes bestätigen zweifelsfrei, dass die ersten acht Monate der Pandemie das historische Minimum im Sterbegeschehen darstellen“, schrieb der Datenanalyst in einem Beitrag für das Nachrichtenmagazin Hintergrund.6

Dieser Befund steht freilich in eklatantem Widerspruch zu den öffentlichen Verlautbarungen von destatis in jener Zeit. „Die Corona-Wellen haben in Deutschland zu einer Übersterblichkeit geführt“, erklärten die Statistiker etwa in der Pressemitteilung vom 9. Dezember 2021.7 Und weiter hieß es: „Eine erhöhte Sterblichkeit zeigt sich sowohl für die isolierte Betrachtung des Kalenderjahres 2020 als auch für die ersten zwölf Monate seit Pandemiebeginn von März 2020 bis Februar 2021.“ Die Krux dabei: Die Behörde hatte zuvor die Berechnungsmethode geändert. Während Barz – wie in der Branche üblich – die Sterberaten (Sterbewahrscheinlichkeiten) errechnete, zog destatis nun die absoluten Todesfallzahlen heran und führte die Übersterblichkeit als neue Kennzahl ein. Das Problem dabei: Absolute Todesfallzahlen sind für Zeitvergleiche denkbar ungeeignet, allein schon weil sie die Alterung der Gesellschaft ignorieren. Barz spricht deswegen auch von einem „Meisterstück gezielter Manipulation“.

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THOMAS TRARES ist Diplom-Volkswirt. Er hat an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studiert. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur „vwd“. Seit 2004 arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.

1 www.gesetze-im-internet.de/bstatg_1987/BStatG.pdf 2 www.destatis.de/DE/Presse/
Pressemitteilungen/2025/07/PD25_278_811.html 3 www.destatis.de/DE/Presse/
Pressemitteilungen/2025/02/PD25_069_811.html 4 www.relevante-oekonomik.com/2025/08/04/
bundesamt-keine-neubewertung-der- wirtschaftlichen-entwicklung-nur-die-laengste- rezession-aller-zeiten-uebersehen/
5 www.relevante-oekonomik.com/2025/07/31/ statistisches-bundesamt-was-kuemmert-mich- mein-geschwaetz-von-gestern-oder-die-rezession- die-keine-sein-durfte/
6 www.hintergrund.de/magazin/heft-1-2-2025/ 7 www.destatis.de/DE/Presse/
Pressemitteilungen/2021/12/PD21_563_12.html

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