Der technokratische Blick auf die Bildung - Von der analogen bis zur digitalen Inbesitznahme von Schulen und Schülern
Bei der Entwicklung des öffentlichen Schulwesens, das im Mittelpunkt der nachfolgenden Betrachtungen stehen soll, ging es nur höchst selten um die Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen.
Foto: Alexandra_Koch Quelle: Pixabay LizenzAnaloge Weichenstellungen
Die ersten öffentlichen Schulgründungen erfolgten im Zuge der einsetzenden Industrialisierung. Anstelle von Bauern und Handwerkern wurden jetzt Arbeiter benötigt, die über Grundkenntnisse in den Kulturtechniken verfügten. Als einzige Ergänzung kam der von Kirchenvertretern erteilte Religionsunterricht hinzu. Der damalige Schulalltag war geprägt von Gewaltexzessen in Form brutaler Prügelstrafen, mit deren Hilfe den Kindern sowohl der Unterrichtsstoff als auch Gehorsam eingebläut werden sollte.1
Im Zuge der 68er-Bewegung wurden möglichst kindgerechte Erziehungs- und Unterrichtsstile erprobt, denen aber in den öffentlichen Schulen nur ein recht kurzes Leben vergönnt war. Schon zu Beginn der 1970er Jahre wurden die Lehrer angehalten, operationalisierte Lernziele zu verfolgen. In der Praxis hieß das, dass die Schüler (S.) am Ende jeder Unterrichtsstunde irgendetwas können mussten. Beispiele: S. müssen Alltagsgegenstände den dazu passenden Oberbegriffen zuordnen können. S. müssen die kennzeichnenden Merkmale unterschiedlicher Dreiecke benennen können.
Einmal abgesehen davon, dass angesichts unterschiedlicher Lernvoraussetzungen niemals alle Schüler einer Klasse die angestrebten Ziele gleichzeitig erreichen können, ist mit der sogenannten Operationalisierung ein Bildungsverständnis zementiert worden, bei dem es nicht um das Erkennen von Zusammenhängen oder ein persönliches Ergriffensein geht, sondern um das stündliche Hervorbringen abfragbarer und/oder schriftlich messbarer Leistungen.
Zu noch viel tieferen Einschnitten in die Unterrichtsgestaltung kam es durch die Übernahme etlicher eigentlich für den Hochschulbereich gedachten Neujustierungen. Die Rede ist von der als Bologna-Prozess bekannten Erklärung der europäischen Bildungsminister von 1999, die eine radikale Neustrukturierung der Studiengänge mit sich brachte.2 Ins Schulwesen übernommen wurde die als Modularisierung bezeichnete Aufteilung der (Unterrichts) Stoffe in voneinander getrennte und somit einzeln abprüfbare Lernblöcke. Insbesondere in den Gymnasien hat sich auch die Vergabe von (oft Credit Points genannten) Leistungspunkten durchgesetzt, obwohl diese ursprünglich nur für die Bemessung quantitativer Studienleistungen gedacht waren.
Dem Bologna-Prozess folgte schon bald die Veröffentlichung der ersten großen PISA-Studie, die auf einem von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) entwickelten Test beruhte und auf einen internationalen Vergleich von Schulleistungen angelegt war. Das Auswertungsergebnis war für Deutschland so niederschmetternd, dass es zu einer großen gesellschaftlichen Diskussion über die daraus zu ziehenden Konsequenzen kam.
Da die nachfolgenden PISA-Ergebnisse nicht sehr viel besser ausfielen, wurde immer dringender eine verstärkte Hinwendung zu den MINTFächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) gefordert. Außerdem setzte an den Schulen ein »learning for the tests« ein, das vor allem von den Schülern als Bulimie-Lernen bezeichnet wurde, da die Überprüfungen oft mit einem »Auskotzen« des zur Testbewältigung erworbenen Wissens endeten. Die schulinternen Überprüfungen wurden ergänzt durch die in den dritten und achten Klassen aller Bundesländer zu absolvierenden Vergleichsarbeiten.
Im Windschatten von PISA und anderer internationaler Vergleichsstudien wurde den öffentlichen Schulen eine Reform nach der anderen übergestülpt. Den Auftakt bildeten die neu zu entwerfenden Schulprogramme, die in Form einer Beratung genannten Evaluation behördliche Überprüfungen der angegebenen Ist und Soll Zustände nach sich zogen.
Die damaligen Reformen erfolgten stets in Absprache mit den aus der Wirtschaft kommenden Interessenvertretern, die schon zuvor einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung des Bildungswesens ausgeübt hatten. Das gilt insbesondere für die BertelsmannStiftung, der es gelang, ein betriebswirtschaftlich orientiertes Bildungsverständnis durchzusetzen. Fortan sollten sich Schulleiter in erster Linie als Geschäftsführer verstehen und in diesem Sinne die ihnen neu zugestandenen personellen und finanziellen Spielräume verwalten.3
Zu den inhaltlichen Reformen gehörte die schon bald nach dem ersten »PISA Schock« vorgenommene Umstellung der Lerninhalte auf den Erwerb von Kompetenzen. Unter dieser Prämisse sollten die Schüler in die Lage versetzt werden, ihr Wissen anwenden zu können. Für die Gymnasien hatte dieser Paradigmenwechsel in einigen Bundesländern zur Folge, dass die Wissensanteile immer kleiner, die Abiturprüfungen dafür aber immer leichter wurden.
Passend zum völlig umgekrempelten Bildungsverständnis wurden die Schulen mit vielen neuen und oft englischsprachigen Begriffen überschwemmt. Zusätzlich mussten ganz neue Aufgaben wie die An fertigung schriftlicher Bildungsberichte erledigt werden. Neu war aber auch die Gründung zahlreicher Institute, die beispielsweise für internationale Bildungsvergleichsforschung, für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen oder für den Aufbau ländereigener Qualitätsmanagementsysteme zuständig waren.4
Die hinter diesen (längst noch nicht vollständig aufgezählten) Schritten stehende Logik besagt, dass auf der Grundlage stark ausgeweiteter und regelmäßiger Überprüfungen ein schulischer Wettbewerb sowohl national als auch international möglich sei, der eine den Schülern zugute kommende deutliche Verbesserung der Bildungsqualität mit sich brächte. Dieses Versprechen bezog sich insbesondere auf die sogenannten benachteiligten Schüler. Inzwischen steht fest, dass beispielsweise die Zahl der Schulabbrecher kaum gesunken ist und dass die Lernerfolge der nicht benachteiligten Schüler eher ab- als zugenommen haben.
Zwischenfazit
Trotz der relativ knappen Schilderung der im Schulbereich vollzogenen Umwälzungen dürfte deutlich geworden sein, dass die Bildungspolitik bereits im »analogen Zeitalter« immer stärker auf die Hervorbringung mess- und ver gleichbarer Leistungen ausgerichtet war. Nicht zuletzt an der Vielzahl der neu ein geführten Maßnahmen lässt sich ablesen, dass den öffentlichen und privaten Schul- und Hochschulgestaltern die Durchsetzung eines technokratischen Bildungsverständnisses flächendeckend gelungen ist.
Die in den Schulen immer stärker zum Zug gekommene kapitalistische Logik hat vor allem bewirkt, dass die den Kindern eigentlich angeborene Lernfreude oft schon im Laufe des ersten Schuljahres abstirbt und sich mit den bescheidenen Alternativ angeboten (TheaterAGs oder Projektwochen) nicht dauerhaft wiederbeleben lässt. Aber auch das entspricht den Interessen derjenigen, die der Schule die Heranbildung eines arbeitsmarkttauglichen Nachwuchses als Hauptaufgabe zuweisen. Schließlich geht es ihnen nicht um die Förderung selbstbestimmten Handelns und Denkens, sondern um die Entwicklung einer funktionsbereiten Grundeinstellung.
Digitale Weichenstellungen
Für die Computer-Industrie waren in der Corona-Zeit angeordneten schulischen Lockdowns ein Geschenk des Himmels. Unterricht musste plötzlich in Form eines Distanzunterrichts oder als »Homeschooling« erteilt werden, und es herrschte schnell Einigkeit darüber, dass diese Aufgabe nur durch eine deutlich vermehrte Anschaffung digitaler (End) Geräte und Anschlüsse bewältigt werden konnte. Die breite Zustimmung beruhte auch auf der im Auftrag der Tech-Giganten bereits viel früher gestarteten Lobbyarbeit. Diese war so erfolgreich, dass die Mehrheit der Eltern schon vor Beginn der Corona-Jahre davon überzeugt war, dass ihre Kinder nur dann echte Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, wenn sie sich im Umgang mit Computern auskannten.
Aber auch vielen Lehrern konnte es gar nicht schnell genug mit den Anschaffungen gehen, weshalb es bereits im Mai 2020 zu einer von IT- und Lehrerverbänden gemein sam gestarteten »Offensive Digitale Schultransformation« kam.
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MAGDA VON GARREL hat als Sonderpädagogin und Diplom-Politologin in sehr unterschiedlichen Berufsfeldern gearbeitet. Auf diese Weise erhielt sie schon früh Einblicke in die Fragwürdigkeit (bildungs-)politischer Wei- chenstellungen, mit denen sie sich in zahlreichen Artikeln und Buchbeiträgen sowohl kritisch als auch konstruktiv auseinandergesetzt hat. Seit Beginn der Corona-Jahre befasst sich die Autorin auch mit weitergehen- den politischen Fragestellungen, bei denen es insbesondere um eine Bewusstmachung der auf Weltherrschaft abzielenden Transformationsprojekte der (Geld-)Eliten geht. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
1 Sehr interessant ist ein durchgängig illustriertes Buch zur Bildungsgeschichte: 6 Horst Schiffler und Rolf Winkeler, Tausend Jahre Schule. Eine Kulturgeschichte des Lernens in Bildern, Belser-Verlag, Stuttgart 1985 und 2011
2 In Deutschland hat es keinen größeren Widerstand gegen die in Bologna gefassten Beschlüsse gegeben. Ein vergleichsweise kritischer Artikel ist von der 7 Bundeszentrale für politische Bildung am 31. März 2015 online veröffentlicht worden: Martin Winter, »Bologna – die ungeliebte Reform und ihre Folgen«
3 Mit diesem Thema hat sich die Autorin schon vor knapp zehn Jahren noch viel 8 ausführlicher auseinandergesetzt: Magda von Garrel, »Schulen im Würgegriff. Überlegungen zur staatlichen und privatwirtschaftlichen Umklammerung des öffentlichen Schulwesens«, https://www.nachdenkseiten.de/wp-print.
php?p=35027 (16.09.2016) 9
4 Aus dieser Zeit stammt ein aus GEW-Sicht (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) verfasster Artikel: Marianne Demmer, »Der Schulpolitik fehlt der
Rückhalt«, in: PädF 2/2013, S. 48–51
