Zeitfragen

Hitparade der Dämonologie

Von SUSANN WITT-STAHL, 14. Mai 2012 –

In seinem Buch Die Araber und der Holocaust analysiert Gilbert Achcar eines der mythenumwobensten Verhältnisse der jüngeren Geschichte. Am Mittwoch (16.5.) wird er seine Publikation in Hamburg, am Donnerstag (17.5.) in Berlin vorstellen.*

Je stärker der sogenannte Krieg gegen den Terror des Westens entgrenzt wird und infernale Züge annimmt, desto heftiger tobt der Propagandakrieg gegen den Feind: „Den Araber“.  So werden die Menschen im arabischen Kulturraum kollektiv als Nazi-Kollaborateure und blutrünstige Judenmörder stigmatisiert. In der vordersten Linie des ideologischen Kreuzzuges sammeln sich immer mehr Historiker, Politologen und andere Wissenschaftler. Die hetzerische Aussage des von den deutschen Medien hofierten Historikers Götz Aly, „Wer den ,Befreiungskampf des palästinensischen Volkes‘ gerecht und links findet, wird in der Nazi-Welt Geistesverwandte treffen“, lässt erahnen wie weit der seit Anfang der 1990er-Jahre spürbare Niedergang seriöser Wissenschaft und Forschung bereits fortgeschritten ist. Notwendige Differenzierungen und Aufklärung, Erziehung zum Frieden, eine zivilgesellschaftliche Errungenschaft, sind immer weniger gefragt. Demagogie, Kriegstreiberei und Scharlatanerie haben Konjunktur. Gilbert Achcars Buch The Arabs and the Holocaust gehört zu den wenigen Werken, die diese Entwicklung konterkarieren. Der Professor für Entwicklungsstudien und internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies in London weist in seinem Buch der politischen Klasse dienliche Geschichtsfälschungen zurück und zeigt gleichzeitig Wege zum friedlichen Dialog zwischen Juden und Arabern auf. Wer unbequeme Meinungen, wie „die verblendete Ansicht, dass alle Juden Zionisten sind, findet ihr Pendent in der verblendeten Ansicht, dass alle Araber Antisemiten sind“, ausspricht und die Lufthoheit der Neocons über den Kathedern des westlichen Wissenschaftsbetriebs gefährdet, ist Anfeindungen ausgesetzt. So wird Achcars Buch seit seinem Erscheinen heftig attackiert – vor allem von der virulenten Iran-Kriegslobby.   

Es finde zunehmend eine Vermengung von Belangen der Historiographie und aktuellen politischen Interessen statt, die „sehr gefährlich sein kann“, stellt die Leiterin des Berliner Zentrum Moderner Orient, Ulrike Freitag, mit Besorgnis fest. Die Verbreitung des Kampfbegriffs „Islamfaschismus“ in der Wissenschaft lege ein Zeugnis dieser traurigen Tendenz ab. Gilbert Achcars Buch, das 2009 in Französisch, 2010 in Englisch und Arabisch veröffentlicht wurde und kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen ist, könne „hoffentlich dazu beitragen, die Debatte von der Polemik, die sie in ihrer tagespolitischen Form umgibt, zu entfernen und in eine sachliche und akademische Diskussion über historische intellektuelle Entwicklungen zurückführen“.(1) Kann so ein Vorhaben vor dem Hintergrund sich aneinanderreihender militärischer Interventionen des Westens in arabischen Ländern und stetig lauter werdenden Kriegsgeschreis überhaupt noch gelingen? Gilbert Achcar hat zumindest die Weichen dafür gestellt.

„Die Araber“ gibt es nicht

Die beiden Hauptteile seines Buches, „Die Zeit der Shoah“ und die „Zeit der Nakba“, bilden eine detaillierte Studie über das Verhältnis der

Gilbert Achcar
Das Buch Die Araber und der Holocaust von Gilbert Achcar, Professor für Entwicklungsstudien und internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies in London,  ist kürzlich auch in deutscher Übersetzung erschienen. Zur Buchvorstellung wird Achcar im Mai in Hamburg und Berlin sein.

arabischen Welt zu dem größten Menschheitsverbrechen und seinem Narrativ, dem Täter- und dem Opfer-Kollektiv sowie dem Ideologem, mit dem nach einer Legitimierung des Genozids getrachtet wurde: Antisemitismus.

Im ersten Teil untersucht Achcar die „arabischen Reaktionen auf den Nationalsozialismus und Antisemitismus“ in den Jahren 1933 bis 1947. Dabei beleuchtet er die damals relevanten politischen und religiösen Strömungen in der arabischen Welt: Die westlich orientierten Liberalen, Marxisten, Nationalisten, rechte und fundamentalistische Islamisten. Die sehr unterschiedlichen, teilweise sich gegenseitig widersprechenden Positionen von Arabern zum Holocaust, die Achcar zutage befördert, belegen die seiner Arbeit vorangestellte These, dass es „die Araber“ gar nicht gibt: „Wie ,die Juden‘ oder ,die Muslime‘ existieren ,die Araber‘ als politisch und intellektuell uniforme Gruppe nur in der Fantasie, die ihren Ursprung in dem verzerrenden Prisma entweder des ordinären Rassismus oder polemischen Fanatismus hat.“(2)

Die überwältigende Mehrheit der westlich orientierten Araber lehnten den Nationalsozialismus kategorisch ab. In der ägyptischen öffentlichen Meinung der 1930er-Jahre galt er als „imperialistische Macht“, „moderner Totalitarismus“ und „Inbegriff für Rassismus“, lautet der Befund von Israel Gershoni, einem Historiker der Universität Tel Aviv, dessen Studien Achcar herangezogen hat.(3) Den palästinensischen Liberalen waren die Nazis auch nicht als Verbündeter im Kampf gegen ihren Hassfeind willkommen: „Palästina braucht weder Faschismus noch Nazismus, um die Gefühle seiner Söhne gegen den Zionismus zu wachzurütteln“, war 1934 in der Tageszeitung Filastīn zu lesen.(4) „Es ist wahr, dass wir gegen den Zionismus kämpfen, aber nicht gegen die Juden als solche. Judentum ist nicht notwendigerweise Zionismus“, pochte die syrische Tageszeitung Alif Bā auf eine unerlässliche Differenzierung und forderte die Araber auf, dem Antisemitismus entschieden entgegenzutreten.(5) Kurz nach der Wannseekonferenz verurteilte die palästinensische Wochenzeitung Al-Akhbār Hitler als „größten Feind der Menschheit“.(6)

Seit den 1990er-Jahren wird die Geschichtsschreibung der Shoah durch antikommunistische Ideologeme entstellt. So behauptet der neokonservative Politikwissenschaftler Stephan Grigat („Israel ist zu liberal“), dass die Palästinensische Kommunistische Partei (PKP) „die Unterstützung“ für den mit den Nazis kooperierenden Großmufti von Jerusalem „propagiert“ habe.(7) Einen Beleg für diese abenteuerliche Behauptung liefert Grigat nicht.

Derartige Darstellungen entlarvt Achcar als Demagogie. Die traditionelle Todfeindschaft der Marxisten gegenüber dem Faschismus als aggressivster Form bürgerlicher Herrschaft und gegenüber seinen Anhängern als Agenten des Kapitals habe sich in dem Verhältnis der arabischen Kommunisten zu den Nazis prolongiert. Achcar verweist auf eine signifikante Menge von Quellen, die belegen, dass arabische Marxisten in den 1930er- und 1940-Jahren manifest Stellung gegen den Judenhass bezogen haben. Anders ihr Verhältnis zum Zionismus, den die meisten palästinensischen Kommunisten als dialektisches Gebilde betrachteten: Als nationale Befreiungsbewegung, „Frucht des Terrors und der Massaker, die gegen die Juden verübt wurden“ (Ridwān al-Hilū, Vorsitzender des ZK der PKP) – aber auch, wie es das Exekutivkomitee der Komintern 1922 formuliert hatte, als einen „Versuch, die jüdischen arbeitenden Massen durch Propaganda vom Klassenkampf abzuhalten, zugunsten eines großangelegten jüdischen Siedlungsprojekts in Palästina, das nicht nur nationalistisch und kleinbürgerlich, sondern in seiner Auswirkung auch konterrevolutionär ist“.(8) Die Ablehnung des Zionismus überwog. Viele palästinensische Kommunisten, denen sich auch jüdische Einwanderer angeschlossen hatten, behaupteten Parallelen zwischen der zionistischen und nationalsozialistischen Ideologie. Manche verabscheuten die Zionisten, weil die Mehrheit aus pragmatischen Gründen mit dem NS-Regime kooperierte, um die Gründung des Judenstaates voranzutreiben.(9) Aber auch weil es unter ihren Protagonisten Anhänger der faschistischen Rassenideologie gab – beispielsweise den Rabbiner und späteren Vizepräsidenten des Jüdischen Weltkongresses Joachim Prinz.(10) Dennoch erklärte Ridwān al-Hilū 1943 in Jaffa, dass der Hauptfeind derzeit nicht der Zionismus, sondern der Nationalsozialismus sei.(11)  

Historisch versagt, kritisiert Achcar, hätten die moskautreuen unter den arabischen Kommunisten, als sie sich nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes 1939 „neutral“ verhielten und ihre antifaschistischen Aktivitäten temporär auf Eis legten – obwohl sie ihn als „Allianz mit dem Teufel“ betrachteten. Darüber hinaus hätten sie versäumt, eine internationale Kampagne ins Leben zu rufen, die die Forderung nach Öffnung der Grenzen europäischer Staaten und der USA für die vor den Nazi-Häschern fliehenden Juden möglicherweise hätte durchsetzen können.(12)

Im Lager der damals noch stark vom Sozialismus beeinflussten nationalistischen Kräfte in der arabischen Welt fanden sich Nazi-Anhänger. Laut Achcar bildeten sie aber eine Minderheit.
Die von dem Libanesen Antun Saadeh, einem Christen, gegründete Syrian Social Nationalist Party sei die einzige Partei gewesen, die eine Art Abziehbild der NSDAP war. Der aggressivste Antisemit sei aber der unter irakischen Nationalisten verhasste Premierminister des Königreichs Irak, Nūri al-Sa’īd gewesen, ein Verbündeter der Briten.(13) Die Mehrheit der Nationalisten waren Nazi-Gegner – beispielsweise der syrische Mitgründer der Baath-Partei und Nasser-Anhänger Michel Aflaq. Verbreitete gegenteilige Behauptungen bezeichnet Achcar als „komplett falsch“. Als Belege führt er Aufsätze von Aflaq an, in denen der Nationalsozialismus als „rassistische Herrschaft“ und „Kolonialismus“  gegeißelt werden.(14)   

Unstreitig ist die Judenfeindschaft des fundamentalistischen Islam: In den späten 1920er-Jahren findet sich dort eine Adoption der von den Nazis verbreiteten antisemitischen Lehren. Die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion, die Theorie von der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ fanden Eingang in den arabischen Kulturraum  – „ein Resultat“ der sich zuspitzenden arabisch-jüdischen Konflikte in Palästina, kommentiert Achcar. Eine tragende Rolle spielte der vom Reformdenker zum islamistischen Hardliner gewendete Muhammad Rashīd Ridā, der Koran-Verse mit Versatzstücken der NS-Ideologie mischte.(15) Ähnliches gilt für seinen Schüler Shakib Arslan, einem drusischen Emir, der wie Ridā aus dem Libanon stammte, Verbündeter der Saudis war und 1938 im Auftrag von Goebbels Propagandaministerium Hitlers „Mein Kampf“ ins Arabische übertragen sollte (das Projekt scheiterte aus Kostengründen) und Artikel für das Nazi-Organ Barīd al-Sharq verfasste.(16)

Großmufti
Der Großmufti von Jerusalem im Kreis führender Nationalsozialisten. Mit derartigen Propagandabildern wollen neokonservative Historiker die Existenz eines „Islamfaschismus“ belegen.

Der Nazi-Kollaborateur

Welche Rolle spielte Amin al-Husseini – die Galions- und Schlüsselfigur der NS-Propaganda im Nahen Osten? Der 1921 von dem Hochkommissar des britischen Völkerbundmandats für Palästina Herbert Samuel zum Großmufti von Jerusalem ernannte Husseini verband mit dem NS-Staat vor allem eines: Die Ablehnung der Teilung Palästinas. Er wurde zum Komplizen der Nazis. Er rekrutierte und organisierte bosnisch-islamische Wehrmachtseinheiten und Waffen-SS-Divisionen, allerdings mit geringem Erfolg (viele liefen zu den jugoslawischen Partisanen über, andere rebellierten während ihres Frankreich-Einsatzes).(17) Nachgewiesen ist auch, dass Husseini spätestens seit seinem Besuch bei dem Reichsführer der SS Heinrich Himmler im Sommer 1943 Mitwisser des Genozids an den Juden in Osteuropa war und diesen unterstützte.(18) Seine Religiosität verbat Husseini eine Identifikation mit der säkularen NS-Ideologie. Aber er bewunderte und teilte ihre antisemitische Doktrin, die keinen Unterschied zwischen Juden und Zionisten machte und, so Achcar, „mit dem fanatischen Antijudaismus des Pan-Islamismus kompatibel war“ – einer selektiven und tendenziösen Neuinterpretation des Islam, der über viele Jahrhunderte eine friedliche Koexistenz mit dem Judentum gepflegt hatte.    

Achcar beschreibt Husseini als einen Nazi-Kollaborateur, der nicht, wie einige andere arabische Führer, unter dem Motto „meines Feindes Feind ist mein Freund“ mit den Deutschen gegen den britischen und zionistischen Kolonialismus agierte, sondern als „Advocatus Diaboli“.

Neocon-Historiker übernehmen Nazi-Propaganda

Nicht zuletzt sei er ein „Größenwahnsinniger“ gewesen, der sich als Führer der ganzen islamischen Welt präsentiert hat“.(19) Genau an dieser Stelle wittern viele neokonservative Wissenschaftler und andere Apologeten der gegenwärtigen NATO-Angriffskriege ihre Chance, die Historiographie für ihre Zwecke zuzurichten:  Sie berufen sich vorwiegend auf Husseinis Selbstreflexion und bemühen die Nazi-Propaganda als Lieferanten von angeblichen Beweisen, dass „die Araber“ von heute und damals als seine „willigen Helfer“ fungierten und fungieren. Für Stephan Grigat ist die Aussage eines von der angeblichen Pogrom-Stimmung „unter den Arabern“ begeisterten „nationalsozialistischen zeitgenössischen Beobachter“ offenbar eine seriöse Quelle.(20) Der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel präsentiert „das NS-Regime“ als Kronzeugen, das Husseini „in Biographien, Filmen, Bildserien und Aufsätzen als das lebende Beispiel für die deutsch-arabische Verbundenheit im antijüdischen Kampf“ gewürdigt“ habe. Diesen „antijüdischen Kampf“ möchte Küntzel als transhistorischen verstanden wissen – geführt vom dem von ihm herbeifabulierten ewigen Araber, der gar nicht anders kann als die Juden zu hassen: „Man braucht sich nur die massenhafte Haltung der arabischen Welt gegenüber Hitler und den Nazis anzuschauen“, meint der engagierte Iran-Kriegslobbyist und kommt endlich zu seinem eigentlichen Anliegen – der Ausstellung eines Freibriefs für vergangene, gegenwärtige und zukünftige Handlungen israelischer Regierungen: „Wenn man Deutsche auch heute noch in Beirut, Damaskus oder Amman mit Komplimenten für Hitler begrüßt, liegt dies schwerlich an Israel.“ Der gemeine Araber lasse sich von seinen antisemitischen „Wahnvorstellungen“ nicht abbringen – „egal, was eine israelische Regierung tut oder lässt. Die Haltung des Iran, der Hisbollah und der Hamas nach dem israelischen Rückzug aus Gaza stellte dies ausdrücklich unter Beweis.“(21) Und sein Gesinnungsgenosse, der Bahamas-Autor Gerhard Scheit weiß sogar, dass vom radikalen Islam „die Wiederholung von Auschwitz droht“.(22)

Architekt der Nakba

Viele Mythen über den Einfluss des Mufti im arabischen Kulturraum gelingt es Achcar, mit Hilfe von Originalquellen sowie Verweisen auf die Forschungsergebnisse renommierter Kollegen zu neutralisieren. „Selbstverständlich hatte Husseini Anhänger“, meint Achcar, aber ihre Anzahl und sein Einfluss seien weitaus geringer gewesen als neokonservative Propagandisten behaupten. Husseinis Stern in der arabischen Welt, den er in der Zeit erobert hatte, als er noch als traditioneller Führer der Palästinenser auftrat, sank bereits in den 1930er-Jahren. So wurde Husseini, nachdem das 1936 durch seine Initiative gegründete Arab Higher Committee (HAC) – es rekrutierte sich vorwiegend aus Günstlingen, aber auch einigen seiner politischen Gegner – 1937 verboten worden war, von vielen Araber als „Feigling“ verachtet, weil er ins Exil geflohen war.(23) Auch dass Husseini, im Gegensatz zu den anderen HAC-Mitgliedern, das „white paper“, das Angebot Großbritanniens von 1939, auf eine Teilung Palästinas zu verzichten, eine limitierte Zuwanderung von Juden zuzulassen und dort einen Staat mit einer von Arabern und Juden paritätisch besetzten Regierung zu errichten, rigoros abgelehnt hatte, haben ihm viele Araber nicht verziehen.(24) Der zionistische Geheimdienst stellte fest, dass er kaum Boden für seine deutschen Freunde gewinnen konnte. Den Agenten des NS-Staates, die sich in Palästina aufhielten, sei es nicht gelungen, eine einzige arabische Organisation als fünfte Kolonne für die Nazis zu rekrutieren.(25) Auch die geringe Zahl von 6.000 Arabern, die im Zweiten Weltkrieg für Hitler-Deutschland kämpften, bestätigt diesen Eindruck.(26) Allein die Zahl der Palästinenser, die in der britischen Armee im Kriegseinsatz waren, überbot jene mit 9.000 Mann um ein Drittel. In Nordafrika zogen rund 250.000 Araber auf Seiten der Alliierten gegen die Achsenmächte zu Felde.(27) Nach dem Krieg schwand die Macht Husseinis und seiner Gefolgsleute weiter. „Das HAC genoss keinen großen Rückhalt in der Bevölkerung, und als der Mufti von Jerusalem infolge der UN-Resolution [der Gründung des Staates Israel] nach Freiwilligen rief für seine Armee des Heiligen Krieges, hat die Mehrheit der Palästinenser nicht reagiert“, zitiert Achcar den israelischen Historiker Simha Flapan – der auch behauptet, die kategorische Weigerung des ersten Premierministers Israels, Ben Gurion, die Gründung eines palästinensischen Staates zuzulassen, habe jegliche arabische „Opposition gegen die Mord-und-Totschlag-Politik des Muftis unterminiert“.(28) Schließlich habe diese Politik dazu geführt, ergänzt Achcar, dass Husseini auch als „Architekt der Nakba“ in das arabische Kollektivgedächtnis eingegangen sei.

Ständig neue „Hitler“ ersinnen

Diese Fakten sind in den vom Neokonservatismus dominierten politischen Kulturen der westlichen Welt nicht willkommen. Nicht ohne Grund „steht Muhammad Amin al-Husseini mit an der Spitze der aktuellen Hitparade der Dämonologie“ und werde „sein Fall überdimensional aufgebläht“, betont Achcar. Denn die Vision des Mufti vom Islam bilde die lang erwünschte „Harmonie“ mit den islamophoben Anschauungen, die den Islam als „genuin rassistische Religion“ interpretiert wissen möchten. So wird Husseini als ideologische Multifunktionswaffe für Hasskampagnen eingesetzt, die „die Araber“ als verbrecherische Entität diskreditierten. Seine Biografie dient als angeblicher Beweis für die Existenz eines „Islamfaschismus“, durch den israelische Kriege als – das jüdische Kollektiv endgültig vor der Vernichtung bewahrende – „letzte Schlachten des Zweiten Weltkriegs“ (Achcar) legitimiert werden sollen. Um den kategorischen Imperativ „Nie wieder Auschwitz!“ für die Durchsetzung neoimperialistischer Interessen des Westens instrumentalisieren und störende Elemente dem Feindstrafrecht ausliefern zu können, müssen ständig neue „Hitler“ von Bagdad, Tripolis, Damaskus, Teheran etc. ersonnen werden – je nach aktueller geopolitischer Lage und bündnispolitischem Bedarf (das ist vermutlich auch der Grund, warum die damalige Kooperation des derzeit treuesten arabischen Verbündeten des Westens, der saudischen Monarchie, mit den Nazis von den Neocon-Historikern oftmals vernachlässigt wird). Und Kommunisten und anderen Linke, die sich der aus ideologischen Gründen voran getriebenen falschen Identifizierung von Judentum mit Zionismus verweigern, sollen als „Aufklärungsverräter“ (Stephan Grigat) angeprangert werden – die angeblich bis 1945 die europäischen Faschisten an der Macht unterstützt, später weiter mit ihnen sympathisiert und den Völkermord an den Juden  geleugnet hätten.

David Dalin und John Rothmann wollen in ihrem, wie schon der Titel Icon of Evil (Ikone des Bösen) indiziert, im George-Bush-Neuspech verfassten Buch den Unterschied zwischen PLO und NSDAP nicht erkennen und „eine ununterbrochene Kette des Terrors“ von Adolf Hitler über Yassar Arafat bis Mahmud Ahmadinedschad ausgemacht haben – die transatlantische und mittlerweile sehr verbreitete Spielart der Holocaust-Relativierung. Noch gewagter die Behauptung von Meir Litvak und Esther Webman von der Universität Tel Aviv, die gesamte „Palästinensische Nationalbewegung“ habe aus „Kollaborateuren des Holocaust“ bestanden.(29)  

Peinliche Entlarvungen und wütende Reaktionen

Dass dieses Repertoire kruder Thesen wenig Bezug zur Wahrheit hat, belegen historische Quellen wie eine Ende der 1960er-Jahre in hoher Auflage verbreitete Broschüre, in der die linke Popular Democratic Front for the Liberation of Palestine den Nationalsozialismus wegen seines Antisemitismus, Rassismus und Kolonialismus verurteilte.(30) Wie dieses sind viele historische Dokumente, die Achbar für seine Studie herangezogen hat, in arabischer Sprache erschienen. Die neokonservativen „Experten für Islam-Fragen“, kritisiert der Sozialwissenschaftler senegalesisch-libanesisch-französischer Herkunft, den Mangel an wissenschaftlicher Redlichkeit bei den Kollegen aus dem rechten Lager, verstünden kaum kein Wort Arabisch. Sie hätten sich auch nicht um Übersetzungen bemüht, sondern es vorgezogen, ihre „auf Fantasie basierenden Narrative“ aus Sekundärquellen und Berichten aus dritter Hand „zusammenzukleistern“.

Die peinliche Bloßstellung von Geschichtsklitterung und wissenschaftlicher Stümperei hat auf Seiten der Neocons wütende Gegenreaktionen hervorgerufen. So wird Achcar als Israel-Hasser diffamiert, der dem Judenstaat das Recht auf Selbstverteidigung abspreche. Er wird der Parteinahme für den Islamismus bezichtigt, und ihm wird vorgeworfen, mit der Hisbollah, Hamas und den Machthabern des Iran zu sympathisieren.(31) Für den guten Zweck der Rufschädigung Achcars wird nach allen Regeln der Kunst manipuliert. Ein Beispiel: „Die Leugnung in der arabischen Welt … begann mit der Invasion des Libanon im Jahr 1982“, zitieren Mathias Küntzel und sein Gesinnungsgenosse Colin Meade aus einem Interview, das Achcar der israelischen Tageszeitung Jedioth Ahronoth gegeben hatte.(32) Aber aus der langen Passage, die die Rezensenten einfach rausgeschnitten hatten, geht eindeutig hervor, dass Achcar gesagt hatte, ein signifikantes Anwachsen der Instrumentalisierung des Holocaust durch israelische Regierungen habe 1982 begonnen, nicht seine Leugnung in der arabische Welt.(33) An einer anderen Stelle des Interviews erklärte Achcar: „In meinem Buch verurteile ich palästinensische und arabische Holocaust-Leugner, deren Zahl in den letzten 30, 40 Jahren zugenommen hat, scharf.“ Auch diesem Zitat ist zu entnehmen, dass Achcar keineswegs behauptet, es habe keine Shoah-Leugnung vor 1982 gegeben. Er stellt lediglich fest, dass ihre wachsende Enttabuisierung im politischen Zusammenhang mit Israels Aggression gegen den Libanon, seinen Bemühungen, diese als „Verteidigungskrieg“ zu verbrämen und den arabischen Feind als Wiedergänger der SS-Totenkopfverbände zu dämonisieren, betrachtet werden muss.(34)

Historisch-materialistische Methodik

Achcar nimmt eine differenzierte Sichtweise ein. Und er erweist sich keineswegs als blind für den Rechtsruck der palästinensischen Befreiungsbewegung und die damit verbundene Hinwendung zum islamischen Fundamentalismus. Was Achcar jedoch grundlegend von reaktionären „Islamkritikern“ unterscheidet, ist, dass er diese Phänomene mit historisch-materialistischer Methodik, also im Kontext ökonomischer, (geo)politischer und sozialer Entwicklungen, analysiert – statt einer (kultur)rassistischen Metaphysik des arabischen Bösen das Wort zu reden, wie es Küntzel & Co tun, und hinter jeder Kritik an den USA und Israel eine muslimisch-bolschewistische Verschwörung zu vermuten.  

Titel Araber - HolocaustAls marxistischer Wissenschaftler fragt Achcar, inwieweit – und beschleunigt durch welche politischen Entwicklungen – islamischer Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sowie die Leugnung des Holocaust durch Araber und seine Instrumentalisierung durch jüdische Israelis in einer Wechselwirkung stehen? Oftmals sei, so Achcar, zumindest die Relativierung der Shoah eine ignorante Reaktion der unterdrückten Palästinenser auf die  Selbstviktimisierung ihrer Unterdrücker – ein Phänomen, das von jüdischen Intellektuellen, innerhalb und außerhalb Israels, immer wieder vehement kritisiert wird.(35) Übersehen dürfe auch nicht werden, meint Achcar, dass der exzessive Araber-Hass zunehmend als ideologischer Kitt in der israelischen Gesellschaft fungiere.  Regierungsmitglieder fordern offen ein araberfreies Israel und somit die Ausbürgerung von rund 1,5. Millionen Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft. Israelische Medien verbreiten „kontinuierlich negative Stereotype von Arabern im Allgemeinen und Palästinensern im Besonderen“, das Kollektivbewusstsein der jüdischen Israelis würde „blinden Patriotismus, Bellizismus, Selbstgerechtigkeit, Dehumanisierung der Palästinenser und Gefühllosigkeit für ihr Leiden charakterisieren“, zitiert Achcar Ergebnisse von Studien israelischer Wissenschaftler.(36)  

Zusätzlichen Zündstoff liefere die Rezeption der palästinensischen Katastrophe in Israel. Die nicht selten vor allem von Arabern vorgenommene Gleichsetzung der jüdischen Shoah mit der palästinensischen Nakba, der massenhaften Vertreibung der arabischen Bevölkerung ab 1947, verbiete sich, so Achcar, weil sie eine Verharmlosung des Völkermords an den Juden darstelle. Dennoch sei die Nakba für die palästinensischen Araber ein großes Übel und bis heute ein kollektives Trauma. Statt dieses Faktum anzuerkennen, leugnet der dafür verantwortliche Staat die Nakba nicht nur offiziell, sondern belegt ihre öffentlich praktizierte Erinnerungskultur sogar mit Sanktionen. Der zionistische Staat sei ein Januskopf, resümiert Achcar. Das eine seiner beiden Gesichter sei ausschließlich auf die Shoah, das andere ausschließlich auf die Nakba gerichtet. Wollten Israelis, Palästinenser und andere Araber jemals wieder in einen „echten Dialog“ treten, müssen sie zusammen in beide Gesichter sehen.(37)

Den größten welthistorischen Widerspruch lösen

Mit seiner Studie ermutigt Achcar die progressiven Kräfte in beiden Lagern, die bellizistischen Hardliner und vorläufigen historischen Sieger wieder in die Schranken zu weisen und deren Hass-Propaganda zum Verstummen zu bringen. Es gibt eine kleine Hoffnung – Gesten des Verständnisses und der Empathie: Seit 2002 versucht der israelische Verein Zochrot (Erinnern) der jüdischen Bevölkerung die Vertreibungsgeschichte der Palästinenser nahezubringen.(38) 2009 hat das im Brennpunkt der Auseinandersetzungen um den Segregationszaun (zwischen dem israelischen Kernland und den besetzten Gebieten) stehende palästinensische Dorf Ni’lin am Internationalen Holocaust Gedenktag eine Ausstellung über die Shoah eröffnet.  

Achcars Aufklärungsarbeit trägt auch objektiv dazu bei, endlich wieder einen Horizont zu erhellen, der durch den von reaktionären Kulturkämpfern versprühten ideologischen Nebel verhangen ist. Sein Buch wirft ein Licht auf die beinahe in Vergessenheit geratene Tatsache, dass der größte welthistorische und unbedingt zu lösende Widerspruch nicht im Konflikt zwischen Judentum und Islam zu suchen ist. Vielmehr gilt für das Verhältnis zwischen Juden und Arabern, was der marxistische Philosoph Max Horkheimer kurz vor dem Anbruch „der Nacht der Menschheit“ (des deutschen Faschismus) über das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen sagte: „Der jüdische Kapitalist opfert vor der Gewalt, ebenso wie sein ,arischer‘ Klassenkollege, zuerst den eigenen Aberglauben, dann das Leben anderer und ganz zuletzt sein Kapital. Der jüdische Revolutionär setzt in Deutschland, wie der ,arische‘, für die Befreiung der Menschen das eigene Leben ein.“ Würde diese unterdrückte Wahrheit eines Tages zu ihrem Recht kommen, könnten vielleicht vergangene Katastrophen endlich mit wahrhaft emanzipativer Emphase bewältigt und zukünftige verhindert werden.


Der Artikel erschien in einer gekürzten Fassung in Hintergrund, Heft 2 / 2012.  Die  deutsche  Übersetzung  sämtlicher  Zitate aus dem Buch erfolgte vor Fertigstellung der deutschen Buchausgabe durch die Autorin, sie kann dementsprechend geringfügig von der Übersetzung des Verlages abweichen.


* Nähere Informationen: http://www.edition-nautilus.de/programm/politik/buch-978-3-89401-758-3.html



Quellen und Anmerkungen:

(1) http://www.publicsolidarity.de/2010/5/13/gilbert-achcar-am-11-mai-2010-in-berlin
(2) Gilbert Achcar, The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War of Narratives, New York 2010, S. 33. Deutsche Übersetzung aller Zitate: Susann Witt-Stahl. Die deutsche Ausgabe ist vor wenigen Tagen bei Edition Nautilus erschienen: Gilbert Achcar, Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen, Hamburg 2012.
(3) Ebda, S. 37
(4) Ebda, S. 44
(5) Ebda, S. 40
(6) Ebda, S. 45
(7) Stephan Grigat, Mit dem Mufti gegen den Zionismus – mit Gromyko für Israel. Auf der Frühgeschichte der israelischen und palästinensischen Kommunistischen Partei. In: Transval, Zeitschrift für Jüdische Studien, 2/2009, S. 108.
(8) Gilbert Achcar, The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War of Narratives, New York 2010, S. 54, S. 57
(9) Ebda, S. 52, S. 307f.
(10) Ebda, S. 52, vgl. auch Joachim Prinz, Wir Juden, Berlin 1934
(11) Gilbert Achcar, The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War of Narratives, New York 2010, S. 54
(12) Ebda, S. 52f., S. 59
(13) Ebda, S. 103
(14) Ebda, S. 70f., http://www.publicsolidarity.de/2010/5/13/gilbert-achcar-am-11-mai-2010-in-berlin
(15) Ebda
(16) Gilbert Achcar, The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War of Narratives, New York 2010, S. 124f.
(17) Ebda, S. 147f.
(18) Ebda, S. 152f.
(19) Ebda, S. 130
(20) Stephan Grigat, Mit dem Mufti gegen den Zionismus – mit Gromyko für Israel. Auf der Frühgeschichte der israelischen und palästinensischen Kommunistischen Partei, in: Transval, Zeitschrift für Jüdische Studien, 2/2009, S. 108.
(21) http://www.matthiaskuentzel.de/contents/das-erbe-des-mufti
(22) http://lizaswelt.net/2011/08/02/die-methode-breivik/
(23) Gilbert Achcar, The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War of Narratives, New York 2010, S. 142
(24) Ebda, S. 143f.
(25) Ebda, S. 46
(26) Ebda, S. 145f.
(27) Ebda, S. 145f.
(28) Ebda, S. 161
(29) Ebda, S. 165f.
(30) Ebda, S. 288f., S. 168f.
(31) Ein Beispiel: http://www.campus-watch.org/article/id/11855
(32) http://www.matthiaskuentzel.de/contents/in-der-zwangsjacke-des-antizionismus-teil-ii
(33) Die Passage aus der deutschen Übersetzung des Interviews von Eldad Beck, das am 27. April 2010 in Jedioth Ahronoth erschienen ist, in voller Länge: „In der arabischen Welt entspringt die Leugnung in manchen Strömungen der öffentlichen Meinung – nach wie vor einer Minderheit – einem Gefühl der Wut und Frustration angesichts der eskalierenden israelischen Gewalt. Hinzukommt die zunehmende Tendenz seitens Israels, den Holocaust zu instrumentalisieren. Das begann mit dem Einmarsch in den Libanon 1982. Menachem Begin missbrauchte die Erinnerung an den Holocaust auch im israelischen innenpolitischen Diskurs. Das hat manche in der arabischen Welt zu einer äußerst dummen Reaktion verleitet, indem sie sagten: Wenn Israel versucht, sein Vorgehen durch den Verweis auf den Holocaust zu rechtfertigen, dann ist der Holocaust eine Übertreibung oder eine Erfindung der Propaganda“; http://www.islinke.de/pdf/interview_achcar0410.pdf. Küntzel und Meade geben als Quelle eine überarbeitete englische Version an, die am 2. Mai desselben Jahres in Socialist Worker erschienen ist. Aber auch daraus geht nichts anderes hervor;  http://socialistworker.org/2010/05/20/arab-attitudes-to-the-holocaust
(34) Beispielsweise hatte der damalige israelische Ministerpräsident Begin gesagt, die einzige Alternative zu einer Invasion in den Libanon sei Treblinka.
(35) Vgl. Moshe Zuckermann, Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus, Bonn 2009, S. 125ff.; Moshe Zuckermann, „Antisemit!“ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Wien 2010
(36) Gilbert Achcar, The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War of Narratives, New York 2010, S. 288
(37) Ebda, S. 291
(38) http://zochrot.org/en

Der Großmufti von Jerusalem im Kreis führender Nationalsozialisten. Mit derartigen Propagandabildern wollen neokonservative Historiker die Existenz eines „Islamfaschismus“ belegen.

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