Zeitfragen

Kriegslüsterner Selbstdarsteller: Bernard-Henri Lévy will in Syrien militärisch eingreifen

Von THOMAS WAGNER, 1. Juni 2012 –

Hat der französische Autor Bernard-Henri Lévy (63) seine Regierung erneut auf Kriegskurs gebracht? Fest steht: Nur wenige Stunden nachdem er am Dienstag seinen frisch gewählten Präsidenten François Hollande in einem offenen Brief (1)  zur militärischen Intervention in Syrien aufforderte, brachte dieser erstmals den Einsatz von Kampftruppen als westliche Option ernsthaft ins Spiel. „Eine Militärintervention ist nicht ausgeschlossen“, sagte Hollande in einem Interview des Fernsehsenders France 2. Voraussetzung sei allerdings die Vereinbarkeit mit dem Völkerrecht und ein Mandat des UN-Sicherheitsrats.

Ob es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den beiden Vorgängen gibt oder sich die beiden Männer gar abgesprochen haben, um die Öffentlichkeit ihres Landes nach Libyen auf einen erneuten Kriegseinsatz in einem arabischen Land einzustimmen, ist nicht bekannt. Manche Kommentatoren vermuten, dass sich Hollande ein besseres Ergebnis für seine Sozialistische Partei bei den anstehenden Wahlen zur Nationalversammlung am 10. und am 17. Juni verspricht, wenn er sich außenpolitisch als Mann der Tat präsentiert. Seinem konservativen Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy war das mit dem Kriegseinsatz in Libyen gelungen.  

Fest steht aber auch, dass es in den vergangenen zwanzig Jahren kaum einen Konflikt gegeben hat, bei dem der ehemalige 68er und heutige Mitbesitzer der Tageszeitung Libération, Bernard-Henri Lévy, nicht versucht hätte, weltpolitischen Einfluss zu nehmen. In Afghanistan versuchte er Nordallianz-General Ahmed Scheich Massud zu einem Besuch in Paris zu bewegen. „Aber weder Mitterrand noch Chirac waren interessiert.“ (2) Im Bosnien-Konflikt setzte er sich für ein Eingreifen des Westens ein. 1994, als er Präsident François Mitterrand überzeugte, den bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic in Paris zu empfangen, hat er laut Tagesspiegel damit „eine Wende in der Haltung Frankreichs zum Bürgerkrieg in Jugoslawien“ ausgelöst. (3) Später prangerte er die EU dafür an, sich während des Georgienkonflikts nicht noch deutlicher auf die Seite des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili gestellt zu haben, der einen Krieg mit Russland angezettelt hatte. (4)

Während des Libyen-Kriegs knüpfte er enge Kontakte zu den Aufständischen und brachte sie mit Sarkozy in Kontakt. Die dann folgende militärische Intervention, die mehr als 50.000 Tote und ein völlig zerrüttetes Land hinterließ, „wäre vielleicht nie zustande gekommen, wenn es BHL nicht gelungen wäre, Präsident Sarkozy dazu zu überreden“, schreibt die taz. (5) Der Krieg verschaffte beiden das, was sie wollten. „Lévy ermöglichte Sarkozy den größten außenpolitischen Erfolg seiner Amtszeit. Und der Präsident ließ Lévys alten Wunsch wahr werden, die Weltpolitik zu beeinflussen.“ (6) Die Männer kennen sich seit 1983. Sie sind freundschaftlich verbunden, seit Sarkoy im Pariser Reichenvorort Neuilly, in dem Lévy wohnte,  Bürgermeister wurde. (7)

Immer gibt sich der Selbstdarsteller als engagierter Anwalt der Menschenrechte. Von geostrategischen oder ökonomischen Interessen Frankreichs oder der NATO-Staaten ist in seinen öffentlichen Interventionen fast nie die Rede. Stattdessen fordert er den Westen auf, Frauen und Kinder, in Syrien nun gar ein ganzes „Volk zu retten“. (8)

Dass sich die Konfliktparteien nicht so leicht in „gut“ und „böse“ unterteilen lassen, (9) wie es die westliche Propaganda gerne hätte und unabhängige Beobachter immer wieder von Greueltaten berichteten, die von den Rebellen verantwortet wurden, (10) ficht den Bellizisten nicht an. Er versucht noch nicht einmal den Anschein zu erwecken, als ob es ihm um eine objektive Analyse der komplizierten Lage ginge.

Er „sieht Öffentlichkeit als ein Schlachtfeld, auf dem nicht die Wahrheit oder auch nur das bessere Argument zählen, sondern gelungene Kampagnen und Manöver“, lobte ihn Springers politisches Flaggschiff Die Welt, (11) für die der „als Philosoph und Schriftsteller eingeführte Selbstdarsteller“ (12) heute eine wöchentliche Kolumne schreibt. Der Mann ist so eitel, dass er seine verheerende Rolle im Libyen-Krieg als Heldengeschichte selbst verfilmt hat „Das Opus („Le serment de Tobrouk“) wurde vor wenigen Tagen auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt – wie übrigens schon 1994 sein Film „Bosna!“ über den Bosnien-Konflikt.“ (13)

Der ehemalige Linksintellektuelle hat sich zu einem der gefährlichsten Scharfmacher des neuen Imperialismus gemausert.


(1) http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106392747/Bitte-retten-Sie-Syrien-Monsieur-Hollande.html

(2) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-84631776.html

(3)http://www.tagesspiegel.de/meinung/bernard-henri-levy-im-portraet-das-blut-wuerde-die-fahne-bespritzen/3974838.html

(4)  http://www.hintergrund.de/20091009510/globales/kriege/eu-bericht-bestaetigt-dass-georgien-2008-den-krieg-mit-russland-begann.html

(5) http://www.taz.de/Bernard-Henri-Lvy/!94343/

(6) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-84631776.html

(7)ebd.

(8) http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106392747/Bitte-retten-Sie-Syrien-Monsieur-Hollande.html

(9) http://www.hintergrund.de/201202101922/politik/welt/die-scharfmacher-syrische-exilpolitiker-draengen-auf-humanitaere-intervention.html

(10)  http://www.hintergrund.de/201203221975/globales/kriege/die-unbequeme-wahrheit-der-syrische-widerstand-foltert-und-mordet.html

(11) http://www.welt.de/kultur/article5485287/Houellebecq-verteidigt-Egoismus-und-Feigheit.html

(12) http://www.tagesschau.de/kommentar/hollandesyrien100.html

(13) http://www.taz.de/Bernard-Henri-Lvy/!94343/

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