Zeitfragen

Zum Syrienkonflikt: Rafik Schami wettert gegen „Prominenz-Journalisten“

12. März 2012 –

Am 3. März meldete sich in der tageszeitung der renommierte Schriftsteller Rafik Schami zu Wort. Er warf den Autoren Peter Scholl-Latour und Jürgen Todenhöfer vor, „Vertuschung von Völkermord“ zu betreiben. Thomas Wagner nahm die Äußerungen zum Anlaß, Rafik Schami in einem offenen Brief zu antworten.  –

Sehr geehrter Herr Rafik Schami,

als Schriftsteller sind Sie ein Mann des Wortes, ein Geschichtenerzähler, der sich nicht scheut, auch politisch Stellung zu beziehen. Viele Menschen lieben Ihre Erzählungen und schätzen Ihre Meinung zu den Demokratiebewegungen in der arabischen Welt. Ganz besonders trifft das jetzt zu, wo uns immer neue schreckliche Meldungen aus Syrien erreichen und wir hier in Europa nicht genau wissen, was dort tatsächlich passiert.

Im vergangenen Jahr forderten Sie für das Land einen friedlichen Übergang in die Demokratie, eine Regierung, an der Persönlichkeiten aus dem gesamten politischen Spektrum teilhaben sollten, „auch dem der Assads“. Sie sagten: „Ein friedlicher Übergang hieße, auch die Fähigkeit und den Mut zum Verzeihen zu haben, allerdings ohne die begangenen Verbrechen zu vertuschen. Die Hand zur Versöhnung auszustrecken, das verlangt mehr Mut, als mit dem Gewehr zu kämpfen. Verbrechen müssen von unabhängigen Gerichten gesühnt werden. Aber niemand darf um sein Leben fürchten!“

Ihr Plädoyer für eine friedliche Lösung des Konflikts hat mir imponiert. Hier schien mir ein Schriftsteller zu sprechen, der sich dazu verpflichtet fühlt, die Wahrheit zu sagen. Ein engagierter Autor im besten Sinne, ein Einmischer.

Umso größer dann der Schock, als ich vor einigen Tagen Ihr „Selbstgespräch eines Zornigen“ zu lesen bekam. Darin polemisieren Sie gegen die Autoren Peter Scholl-Latour und Jürgen Todenhöfer. Die beiden seien „Prominenz-Journalisten“, die „eine widerliche Rolle“ spielten. Sie sängen „eine Lobeshymne auf den weisen Baschar al-Assad“, erhofften sich gar von ihm die „Erlösung“. Ich war irritiert. Peter Scholl-Latour kenne ich als eher distanzierten Beobachter, als konservativen Katholiken, dem nichts ferner liegt als irgendeine Form von Messiasbegeisterung. Todenhöfer neigt schon eher zur Begeisterung. Aber sein Herz schlug in den vergangenen Monaten doch eher für die arabischen Demokratiebewegungen. Hatte ich mich da etwa geirrt?

Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und stellte dabei fest, dass zwar nicht alles falsch ist, was Sie über die von Ihnen wenig geschätzten Kollegen schreiben. Vieles aber schon. Zum Beispiel unterstellen Sie, Todenhöfer und Scholl-Latour hegten, „Sympathien für Mörder wie Assad“. Sie werfen ihnen vor, einen Völkermord zu vertuschen und syrische Frauen und Männer zu verachten, „die ihr Leben auf der Straße geben, um die Freiheit zu erkämpfen“.

Woher nehmen Sie das? Ich habe dafür keinen einzigen Beleg gefunden. Weder in den von Ihnen angegebenen Quellen noch sonst irgendwo. In den Texten, die ich las, und auf die Sie selbst verweisen, übt Todenhöfer deutliche Kritik am syrischen Präsidenten. Er sagt, dass Assad für jeden getöteten Zivilisten die politische Verantwortung trage. Wie Sie verabscheut der ehemalige CDU-Politiker jede Gewalt gegen Zivilisten.

Wenn er sich von Assad zum Tee einladen lässt, dann doch nicht, um eine Freundschaft zu pflegen. Er folgt dabei zwei einfachen Leitsätzen. Der erste gehört zum Einmaleins des Journalismus. Er lautet: Wer in einem Konflikt der Wahrheit nahe kommen will, tut gut daran, mit beiden Seiten zu sprechen. Der zweite ist eine Grundregel der Diplomatie: Wer Frieden schaffen will, muss mit seinem Feind verhandeln.

Dass Todenhöfer sich an diese Grundsätze zu halten versucht, ist kein Grund, ihn als einen Freund Assads zu bezeichnen. Ähnlich verhält es sich mit seinem Kontakt zu Augusto Pinochet in den siebziger Jahren. Sie behaupten, der damalige entwicklungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sei „ein bekennender Freund des chilenischen Diktators“ gewesen. Sie schreiben: „Heute lügt Todenhöfer, wenn er sich als einstigen Kritiker des Mörders Pinochet darstellt.“ Die Quelle, mit der Sie diese starke Behauptung belegen wollen, gibt das allerdings nicht her. Im Gegenteil. Der von Ihnen zum Beweis angeführte Spiegel-Artikel „Charakter klarmachen“ (16/14.4.1975) berichtet lediglich, dass der damalige Bonner Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD) versucht habe, Todenhöfer der Sympathie für das Mordregime zu verdächtigen. Dabei habe der junge CDU-Politiker „doch immerhin Pinochet brieflich gebeten“, „die Menschenrechte wieder herzustellen“.“ (1) Man kann sicher kritisieren, dass sich Todenhöfer damals auch für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Pinochets Chile einsetzte, ein Freund des Diktators war er deswegen aber noch nicht.

In Wirklichkeit war Todenhöfers Engagement für die politischen Gefangenen in Chile noch sehr viel größer, als aus dem zitierten Spiegel-Artikel hervorgeht. In Briefen an Pinochet, die mir in Kopie vorliegen, erklärt Todenhöfer ausdrücklich, die Politik der chilenischen Regierung nicht zu befürworten. „Ich möchte Sie vielmehr mit Nachdruck bitten – ohne mich in die innenpolitischen Geschehnisse in Chile einmischen zu wollen – die in ihrer Grundsatzerklärung Anfang 1974 erklärten Ziele in die Tat umzusetzen. (…) Im Sinne dieser Erklärung bitte ich Sie dringend, die Menschenrechte wieder herzustellen, das Verbot der politischen Parteien aufzuheben und die politischen Gefangenen freizulassen, denen keine kriminellen Handlungen nachgewiesen werden können“, schrieb Todenhöfer in einem Brief vom 5.12.1974. Er erneuerte seine Forderungen in einem Gespräch mit Pinochet im März 1975. Am 7.9.1976 forderte er den Diktator auf, die Verwirklichung seiner Versprechen „nicht mehr länger zu verzögern“.

Nun kann man natürlich fragen, wie vielen inhaftierten und gefolterten chilenischen Oppositionellen Todenhöfers Interventionen damals tatsächlich geholfen haben. Aber eines ist klar: Viele Angehörige und engagierte Menschenrechtler hatten damals keinen Zweifel daran. Das zeigen die Dankesbriefe, die der ansonsten politisch gar nicht genehme CDU-Politiker damals von verschiedenen Amnesty-International-Gruppen erhielt.

Sehr geehrter Herr Rafik Schami, nicht nur im Falle Todenhöfers nehmen Sie es nicht so genau mit der Wahrheit. Auch das, was Sie über einige Politiker der Partei die Linke schreiben, hat mit den Tatsachen wenig zu tun. So behaupten Sie, einige Linkspartei-Abgeordnete „wollen Assad bis zum letzten Syrer verteidigen“. Sie nennen die Politiker auch beim Namen. Es soll sich um Dieter Dehm, Annette Groth, Heike Hänsel, Ulla Jelpke, Eva Bulling-Schröter und Sevim Dagdelen handeln.

Dabei haben diese Abgeordneten einen Aufruf unterzeichnet, in dem sie „jeglichen Staatsterror, so auch den iranischer Mullahs und den des Assad-Regimes“ scharf verurteilen. Die Politiker warnen jedoch vor einem Krieg gegen Syrien. Die Regierung Assads zu unterstützen, liegt ihnen allerdings fern.

Warum verschweigen Sie diesen Sachverhalt? Dass Sie die friedenspolitische Position der Linken und die Meinungen von konservativen Autoren wie Peter Scholl-Latour oder Jürgen Todenhöfer nicht teilen, ist Ihr gutes Recht. Aber wie kommen Sie eigentlich dazu, zu suggerieren, diese Menschen agierten gemeinsam als „Teil einer globalen Politik“, die von Russland ausgehe, als eine Art fünfte Kolonne Moskaus?

Auch Ihren Rassismusvorwurf gegenüber Todenhöfer halte ich für abwegig. Sie begründen ihn damit, dass der heutige Buchautor Analysen über die arabischen Aufständischen vorlege, ohne selbst arabisch zu sprechen. Die Abhängigkeit von Übersetzern ist sicher nicht unproblematisch, aber was das mit Rassismus zu tun haben soll, erschließt sich mir überhaupt nicht.

Sehr geehrter Herr Schami, Sie sind ein Schriftsteller. Jemand, dessen Beruf es ist, Worte mit Bedacht zu wägen. Ihr Text in der Wochenendausgabe der taz vom 3./4. März lässt davon nicht viel erkennen. (2) Er ist kaum mehr als ein erschreckend plumpes Propagandapamphlet.

Thomas Wagner

Berlin, 9. März 2012



Thomas Wagner
(geb. 1967) ist Kultursoziologe und freier Autor. In zwei Büchern befasst er sich mit engagierter Literatur:

Die Einmischer. Wie sich Schriftsteller heute engagieren. Hamburg, Argument Verlag 2010
(als Herausgeber): Im Rücken die steinerne Last. Unternehmen Sisyfos. Die Romantetralogie von Erasmus Schöfer. Mit Textauszügen auf einer CD gesprochen von Rolf Becker. Berlin, Dittrich Verlag 2012


Anmerkungen:

(1) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41558881.html

(2) http://www.taz.de/!88869/

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