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Der Nord-Stream-Anschlag und das organisierte Schweigen

Am 26. September 2022 wurden die Erdgasleitungen Nord Stream 1 und 2 gesprengt. Nur eine der vier Röhren überstand den Anschlag. Ein Blick auf das Geschehen und die Zusammenhänge.

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Foto: WiR_Pixs, Quelle: Pixabay, Lizenz
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Über Jahre war Nord Stream (1 und 2) Gegenstand intensiver Debatten im Bundestag: Die Regierung verteidigte das Projekt als Beitrag zur Versorgungssicherheit, Kritiker warnten vor Abhängigkeit von Russland und vor sicherheitspolitischen Risiken.1 Der Bundestag diskutierte auch wiederholt die US-Sanktionen gegen Nord Stream 2; große Teile des Hauses (auch Union und SPD) sahen darin einen unzulässigen Eingriff in deutsche und europäische Energiesouveränität.2

Was den Anschlag betrifft, so gibt es Motive und einzelne politische Aussagen (z. B. Joseph Bidens »We will bring an end to Nord Stream 2«), aber bis heute keine forensische Spur, die sie nachweislich mit der konkreten Operation verbindet.3

Wenige Tage nach dem 26. September 2022, als vier Explosionen in der Ostsee drei der vier Röhren der Nord-Stream-Pipelines zerstörten, sprach die Bundesregierung von »Lecks« und »Explosionsereignissen« – nicht von einem Terroranschlag. In den frühen Meldungen der Leitmedien war von »mysteriösen Beschädigungen« und »Gasblasen« die Rede, während seismologische Daten bereits eindeutig auf Sprengsätze hindeuteten.

Ich ordnete die Vorgänge von Beginn an anders ein. Für mich handelte es sich um »Unterwasseranschläge zum Schaden Deutschlands«4 – einen konzertierten Terror- beziehungsweise Sabotageakt mit hochspezialisierter Sprengtechnik und Tauchern der Extraklasse, der eine neue Stufe im Konflikt zwischen den USA und Russland markierte.

Ich verwies sofort auf den zeitlichen Zusammenhang mit der Eröffnung der »Baltic Pipe« und der energiepolitischen Neuorientierung Europas und interpretierte den Anschlag als strategische Neuordnung zulasten Deutschlands und Russlands mit weitreichenden politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen für Europa. Ich sah »erhebliche geopolitische Folgen« vor allem darin, dass Europa energiepolitisch noch stärker von den USA abhängig und sich der Konflikt mit Russland vertiefen werde. Die zentrale Frage zieht sich seither durch jede ernsthafte Analyse: Warum darf dieser Angriff politisch und medial nicht als das genannt werden, was er technisch und völkerrechtlich ist – ein terroristischer Gewaltakt gegen kritische Zivilinfrastruktur eines Verbündeten?

Eine kriminalistische Bestandsaufnahme

Technisch ist der Fall erstaunlich klar. Vier Explosionen wurden seismologisch registriert, die Schäden an den Leitungen liegen in 70–80 Metern Wassertiefe.5 Unabhängige Sprengstoffexperten und Unterwasserteams kamen übereinstimmend zu dem Schluss, dass relativ kleine, aber präzise platzierte Ladungen von außen an die be- tonummantelten Stahlrohre angebracht worden sein müssen.

Die Rahmenbedingungen – Tiefe, Kälte, Strömung, Dunkelheit, mehrere Ziele, synchrone Zündungen – schließen eine improvisierte Aktion von Hobbytauchern praktisch aus. Ein solcher Einsatz erfordert militärisch ausgebildete Spezialkräfte, komplexe Tauchprofile, Spezialausrüstung, logistische Planung und nachrichtendienstliche Vorbereitung.

Fest steht auch: Es handelte sich eindeutig nicht um eine Havarie. Dänemark, Schweden, Deutschland und die EU gehen offiziell von vorsätzlich herbeigeführten Sprengungen aus. Unklar bleibt bis heute, wer die Operation befohlen hat und welche Dienste, Flottenverbände oder Spezialkräfte im Detail beteiligt waren. Die Ermittlungsbehörden der betroffenen Staaten berufen sich auf laufende Verfahren und Staatswohlgründe, wenn es um konkrete Erkenntnisse zu Tätern, Mitteln und möglichen staatlichen Hintermännern geht, und schweigen beziehungsweise mauern.

Jede kriminalistische Untersuchung beginnt mit der Frage: Wer hatte Motiv, Mittel und Gelegenheit? Auf den Nord-Stream-Anschlag übertragen heißt das: Wer verfügte 2022 über die technische Fähigkeit, solch eine Operation durchzuführen, wer hatte Zugriff auf den Operationsraum Ostsee – und wem nützt die dauerhafte Zerstörung der russisch-deutschen Energieverbindung?

Russland wird in einem Teil der westlichen Öffentlichkeit als möglicher Täter geführt. Als Motive werden eine »False- Flag«-Operation oder die Beseitigung einer politisch wertlos gewordenen Infrastruktur genannt. Dem steht entgegen, dass Nord Stream für Moskau bis zuletzt ein wichtiges Druckmittel gegenüber Europa war – ökonomisch durch günstige Gaspreise, politisch als Spaltinstrument innerhalb der EU. Sich selbst dieses Hebels zu berauben, ist nur in sehr konstruierten Szenarien rational.

Die Ukraine hingegen hatte ein offenkundiges strategisches Motiv. Nord Stream war aus Kiewer Sicht die zentrale russische Energiewaffe: Über die Leitung konnte Moskau Europa erpressen und zugleich die Bedeutung der ukrainischen Transitpipelines untergraben. Eine irreversible Zerstörung nimmt Russland diese Option, erschwert jeden späteren »Gas-Deal« über den Kopf der Ukraine hinweg und bindet Europa dauerhaft an alternative Lieferanten. Deutsche und internationale Medienberichte zeichnen seit 2023/24 das Bild einer »ukrainisch geführten Operation« mit militärisch ausgebildeten Tauchern und gefälschten Pässen, möglicherweise mit Duldung oder Teilkenntnis westlicher Dienste.

Die USA schließlich hatten seit Jahren offen gegen Nord Stream agiert. Sanktionen, Drohungen, der öffentlich geäußerte Satz Bidens »We will bring an end to Nord Stream 2« – die politische Motivation, dieses Projekt zu stoppen, ist dokumentiert. Nach der Sprengung steigen die US-LNG-Exporte nach Europa massiv, amerikanische Energie- und Rüstungsunternehmen profitieren, und Washington gewinnt größeren Einfluss auf die europäische Energiearchitektur. Es gibt bisher keine gerichtsfeste Spur, die eine direkte US-Beteiligung beweist, aber die Kombination aus Motiv und Nutzen ist offensichtlich.

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WOLFGANG EFFENBERGER, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete »atomare Gefechtsfeld« in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaften sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem recherchiert und publiziert er zur deutschen Geschichte und US-Geopolitik und engagiert sich national als auch international aktiv für den Frieden. Mit seinen Analysen ist er gefragter Gesprächspartner internationaler Medien, darun- ter chinesischer Staatsmedien. So veröffentlichte der chinesische Sender CCTV am 19. März 2023 ein Interview zum Nord-Stream-Anschlag mit ihm.

1 https://www.bundestag.de/resource/blob/710610/aec70e041144d78838e80199e 01b753a/protokoll.pdf
2 https://www.deutschlandfunk.de/eu-politiker-david-mcallister-cdu-eine- politische-frage-ob-100.html
3 https://www.wsws.org/en/articles/2023/02/24/jukk-f24.html
4 Wolfgang Effenberger, »Eine neue Stufe im Konflikt zwischen USA und Russland?
Unterwasseranschläge zum Schaden Deutschlands«, in: NRhZ-Online-Flyer,
Nr. 799, 19.10.2022
5 https://www.deutschlandfunk.de/nord-stream-pipelines-anschlag-100.html

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