Kriege

Das Ende der Empathie: Warum wir das Handwerk des Friedens verlernt haben

Die Generation der Kriegskinder ist aus den Parlamenten verschwunden – und mit ihr das tiefe Verständnis für das Leid, das militärische Konflikte verursachen. Im Gespräch mit ÉVA PÉLI wirbt der Krisengebiets-Experte und Berater Christoph Polajner für strategische Vernunft, die Wiederentdeckung der europäischen Identität und einen gemeinsamen europäischen Raum.

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Foto: Rozbooy Quelle: Pixabay Lizenz
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HINTERGRUND Die Menschheit ver­fügt über jahrtausendealte Erfahrungen mit Kriegen und Krisen. Warum passiert das immer wieder – trotz all des Leids, des Elends und der Zerstörung? Warum herrscht heute, besonders in Deutschland und Europa, der Eindruck vor, dass Pro­bleme erneut militärisch gelöst werden sollen, während die Diplomatie scheinbar gar keine Rolle mehr spielt?

CHRISTOPH POLAJNER Das ist ein entschei­dender Punkt. Allein im letzten Jahrhun­dert erlitt Europa zwei verheerende Welt­kriege, die kein Land unversehrt ließen. Der Kontinent fiel in seiner Bedeutung weit zurück; selbst die Siegermächte wie Frankreich und Großbritannien verloren mit ihrer Rolle als Weltmächte auch ihre Substanz. Mit der Zerstörung von Alt­städten, Museen und Bibliotheken wurde zudem ein unwiederbringlicher Teil unse­res kulturellen Erbes und unserer Identität ausgelöscht.

Das eigentliche Problem heute: Die Kriegserfahrung verblasst im kollektiven Gedächtnis. In der Nachkriegsära war das Leid noch unmittelbar präsent.

Die damali­gen Entscheidungsträger in Politik, Verwal­tung und Medien hatten das Grauen selbst durchlebt – als Soldaten oder im Wider­stand. Denken wir an Charles de Gaulle, der beides verkörperte, an John F. Ken­nedy, der den Untergang seines Bootes im Pazifik überlebte, oder an Nikita Chruschtschow, der die Schlachten von Stalingrad und Kursk als Frontkommissar miterlebte. Auch Helmut Schmidt kämpfte an beiden Fronten. Selbst wer wie Konrad Adenauer oder Helmut Kohl nicht direkt an der Waffe diente, kannte die Realität der deutschen Trümmerstädte und hatte das unermess­liche Leid der Belagerung von Leningrad (heute Sankt Petersburg) vor Augen, das die politische Atmosphäre dieser Jahre prägte.

Heute fehlt diese erdende Erfah­rung des Schreckens in den Machtzentren fast völlig.

HINTERGRUND Hat dieses persönliche Er­leben die politische Strategie damals direk­ter beeinflusst als heute?

POLAJNER Absolut. Diese Erfahrungen mündeten in einer völlig anderen Grund­haltung: Wer den Zweiten oder gar beide Weltkriege miterlebt hatte, war oft tief ge­prägt, wenn nicht traumatisiert. Krisen wie die Berlin­-Blockade oder die Kuba­-Krise wurden deshalb nicht als abstrakte Macht­ spiele, sondern als unmittelbare, existen­zielle Bedrohung wahrgenommen.

Das geteilte Kriegserlebnis schuf para­doxerweise eine gemeinsame Basis über Systemgrenzen hinweg. Die Gespräche waren schwierig, aber – und das ist der entscheidende Unterschied zu heute – sie wurden geführt. Kennedy und Chruscht­schow wussten um die wahre Natur des Krieges; dieses Wissen war der Schlüssel zur Deeskalation der Kuba-­Krise. Auch Meilensteine wie die Harmel-­Doktrin der NATO oder der Doppelbeschluss von 1979 entsprangen diesem Geist: Sicherheit exis­tiert nur im Zusammenspiel von Abschre­ckung und Dialog.

Heute ist dieses Bewusstsein weit­ gehend erodiert. In Denkfabriken, Par­lamenten und Redaktionen dominieren Generationen, die den Krieg nur noch aus der Theorie kennen. Ich habe das oft nach meiner Rückkehr aus Krisengebieten erlebt: In Diskussionen wird erschreckend leicht­fertig über militärische Optionen debattiert. Für viele sind Konflikte zu einer Abstraktion geworden – ein medialer Konsum, der eher an Videospiele oder die Übertragung eines Fußballspiels erinnert, bei dem man für ein Team »mitfiebert«. Was verloren gegangen ist, ist das Gespür für das reale menschliche Leid und die Einsicht, dass Fehlentschei­dungen auch unser eigenes Land wieder in ein Schlachtfeld verwandeln könnten.

HINTERGRUND Können Sie ein Beispiel für diese »Leichtfertigkeit« nennen, die Ihnen begegnet ist?

POLAJNER Ich erinnere mich an eine Berli­ner Debatte über den liberalen Interventio­nismus – die gewaltsame Demokratisierung fremder Staaten durch Militäreinsätze. Als ich auf das daraus resultierende Elend hin­ wies, lautete die lapidare Antwort: »Das ist eben der Preis der Freiheit, den wir auch im Zweiten Weltkrieg zahlen mussten.« Diese Haltung ist an Arroganz kaum zu überbieten. Sie trivialisiert das Sterben der Menschen im damaligen Bombenkrieg ebenso wie das Schicksal derer, die heute dem westlichen Interventionismus zum Opfer fallen.

In ebenso negativer Erinnerung ist mir ein Diskussionsformat zum Ukraine­Krieg aus dem Jahr 2022 geblieben. Ein Teilneh­mer äußerte geradezu hämische Freude darüber, wie russische Soldaten aus der kilometerlangen Kolonne vor Kiew »her­ ausgeschossen« wurden.

Diese Entmensch­lichung ist erschreckend.

Auch gegenüber russischen Sicherheits­interessen oder erklärten »roten Linien« – sei es die NATO­-Osterweiterung, die Ver­handlungsvorschläge vom Dezember 2021 oder aktuell die Debatten um Taurus­-Lieferungen und NATO­-Präsenz – dominiert eine gefährliche Leichtfertigkeit. Warnun­gen werden oft mit der herablassenden Begründung abgetan, »der Russe« habe le­diglich das Ende der Sowjetunion nicht ver­kraftet. Da bisherige Grenzüberschreitun­gen keine direkten Konsequenzen für uns hatten, wiegt man sich in der trügerischen Sicherheit, Warnungen grundsätzlich igno­rieren zu können. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, befeuert durch einen Mangel an his­torischer Tiefe und realer Empathie.

HINTERGRUND In Ihrer Arbeit beraten Sie Unternehmen und Organisationen dabei, Brücken über jene tiefen Gräben zu schla­gen, die unsere Zeit aufgerissen hat. Doch blickt man auf die aktuelle Sanktionspoli­tik und die fortschreitende Entkoppelung von Russland, stellt sich eine fundamen­tale Frage: Ist die Vision eines gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraums über­haupt noch realistisch? Oder müssen wir uns dauerhaft auf eine »Festung Europa« einstellen – einen Kontinent, der sich tech­nologisch und energetisch zunehmend iso­liert, um vermeintliche Sicherheit durch Abschottung zu erkaufen?

POLAJNER In der hiesigen Debatte wird »Europa« oft fälschlicherweise mit der EU gleichgesetzt. Doch Europa ist weitaus mehr. Es ist ein Subkontinent, der untrennbar mit Asien zum Doppelkontinent Eurasien ver­woben ist. Die Idee Europas wurzelt im anti­ken Griechenland; bereits Herodot entwarf eine geografische Vision, die unserer heuti­gen verblüffend nahekommt. Da die Grenze zu Asien keine naturgegebene Trennlinie, sondern eine Konvention ist, erstreckt sich der europäische Kulturraum weit darüber hinaus – von Lissabon bis Wladiwostok.

Die Zukunft dieses Raumes entschei­det sich jetzt, in einer Phase globaler Neu­ordnung: Wird er erneut in einem großen Krieg versinken, dauerhaft geteilt bleiben oder wieder zusammenwachsen, um als eigenständiger Akteur in einer multipola­ren Welt zu bestehen?

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CHRISTOPH POLAJNER, Jahrgang 1979, verbindet strategische Geopolitik-Beratung mit praktischer Erfahrung. Er ist Experte für die Regionen EU, Russland und China. Er hat lange für internationale Organisationen in unterschiedlichen Teilen der Welt gearbeitet, unter anderem in China, der Ostukraine und Afghanistan. Seine Analysen speisen sich sowohl aus dem unmittelbaren Dialog mit Akteuren in Krisengebieten als auch aus dem direkten Austausch mit Entscheidungsträgern in Peking, Berlin, Brüssel und Moskau.

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