"Die größte Gefahr geht von europäischen Regierungen aus"
Der Einsatz selbst einer kleinen Atomwaffe würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Zerstörung der gesamten modernen Zivilisation führen. Davor warnt der US-amerikanische Physiker Theodore Postol im Interview mit Éva Péli. Darin äußert er sich zur Gefahr eines möglichen Atomkriegs sowie über die westliche Konfrontation gegenüber Russland.
Foto: geralt; Quelle: pixabay; LizenzHINTERGRUND Herr Postol, wie groß sehen Sie die Gefahr eines Nuklearkriegs gegenwärtig? Und wer oder was ist dafür verantwortlich?
THEODORE POSTOL Ich denke, die größte Gefahr liegt in einer Aktion, die einen Aktions-Reaktions-Zyklus in Gang setzt, von dem niemand mehr zurücktreten kann. Meine Vermutung ist, dass die größte Zündquelle im Augenblick die europäische Führung, insbesondere die deutsche, französische und britische, sein könnte. Diese Regierungen sind meiner Einschätzung nach so kriegslüstern und so darauf erpicht, eine militärische Konfrontation mit den Russen zu beginnen, dass dies der wahrscheinlichste Auslöser ist.
Ein Beispiel dafür ist die leichtfertige Rede über das Abschießen russischer Flugzeuge, selbst wenn sich diese nicht im NATO-Luftraum befinden. Das wäre eine enorme Provokation. Bisher war Putins Zurückhaltung angesichts bereits erfolgter, schwerwiegender Provokationen beeindruckend. Es scheint jedoch, dass er unter wachsendem Druck steht, reaktiver zu sein. Ich glaube, er wird dem widerstehen, da er politisch stark, zurückhaltend und intelligent genug ist, die Folgen zu erkennen. Dennoch ist nichts vorhersehbar. Meine aktuelle Einschätzung ist: Ein Funke, ausgelöst durch die Rücksichtslosigkeit der westeuropäischen politischen Führung, könnte das Problem entzünden.
HINTERGRUND Die USA wollen bis 2026 neue Mittelstreckenraketen und Hyperschallwaffen in Deutschland stationieren. Warum geschieht dies, und wie schätzen Sie diese Situation ein?
POSTOL Ich weiß nicht genau, was die US-amerikanische Entscheidung zur Stationierung des sogenannten Dark Eagle motiviert hat. Es geschah jedoch unter der Biden-Administration.Ich schreibe diese hochgradig provokative Entscheidung, die die Vorwarnzeit für die Russen drastisch verkürzen würde, einem Mangel an gesundem Denken oder, genauer, einem Mangel an Verständnis zu. Diese Rakete ist keine Waffe zur Abschreckung, sondern eine Provokation, die die Gefahr eines destabilisierenden Unfalls erhöht. Ein solcher Unfall wäre höchstwahrscheinlich irreparabel, da die Russen reagieren würden, wenn sie sich angegriffen fühlten. Je kürzer die Vorwarnzeit durch die USA und den Westen, desto größer die Gefahr eines Nuklearkriegs durch einen Unfall.
HINTERGRUND Sie warnen seit vielen Jahren vor den Folgen eines Atomwaffeneinsatzes. Warum?
POSTOL Es gibt zwei entscheidende Punkte zu Atomwaffen:
Erstens: Sie sind so zerstörerisch, dass jeder Einsatz immense Verwüstungen anrichtet.
Zweitens: Ihre Zerstörungskraft erzeugt einen militärischen Imperativ auf beiden Seiten, sehr schnell auf jeglichen Einsatz zu reagieren, da der Anreiz enorm ist, die Atomwaffen der Gegenseite anzugreifen, bevor sie gegen das eigene Land eingesetzt werden.
Beide Faktoren führen dazu, dass eine unkontrollierte Eskalation praktisch unvermeidlich ist, sobald die Schwelle zum Atomwaffeneinsatz überschritten wird. Der Einsatz selbst einer kleinen Atomwaffe würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Zerstörung der gesamten modernen Zivilisation führen. Die gesamte Strategie und Doktrin muss darauf abzielen, ihren Einsatz zu verhindern. Wer diese Zusammenhänge nicht versteht und nicht zur wichtigsten Grundlage seiner Politik macht, setzt uns einem ernsthaften Risiko aus.
HINTERGRUND Sie waren Berater des US-Militärs. Welche Erfahrungen und Beobachtungen haben Sie dabei in Bezug auf die Frage der Atomwaffen gemacht?
POSTOL Die meisten Offiziere, mit denen ich zu tun hatte, waren überzeugt, dass ein Nuklearkrieg das Ende der Zivilisation bedeuten würde. Sie verstanden, wie gefährlich es war. Ich habe jedoch auch einen Mangel an Weisheit erlebt. Ein Beispiel ist der Chef der Marine-Operationen, der intelligent war, aber die tiefergehende Einsicht vermissen ließ. Er setzte sich bei Präsident Reagan für die „Strategic Defense Initiative“ (SDI), die Raketenabwehr, ein. Erst später, als ich es ihm erklärte, erkannte er, dass dies eine katastrophale Idee war. Er bedauerte seinen Fehler, hatte aber nicht den politischen Mut, seine Empfehlung zurückzunehmen, und ignorierte mich fortan. In der Politik wird eine falsche, einmal getroffene, folgenreiche Aussage selten aus Mut zurückgenommen.Ich wurde von der Entscheidungsfindung bewusst ferngehalten, als es darum ging, den Präsidenten zu beraten. Meine Rolle sollte lediglich das Informieren sein, um fundierte Entscheidungen zu ermöglichen.
HINTERGRUND Es gibt seit 2017 den Atomwaffenverbotsvertrag der UNO, unterzeichnet von 122 Ländern, außer den Atommächten. In den 1950er Jahren schlug die Sowjetunion ein Verbot aller Atomwaffen und von deren Besitz vor, was die USA ab- lehnten. Welche Chancen dafür sehen Sie heute?
POSTOL Absolut keine Chance. Die Vereinigten Staaten sind vollkommen auf Atomwaffen festgelegt. Die Russen glauben nichts, was die Vereinigten Staaten ihnen sagen. Und ich möchte klarstellen: Ich glaube, es ist gerechtfertigt, den USA aufgrund der Lügen keinen Glauben zu schenken. Das ist eine historische Tatsache.
Unter solchen Bedingungen würde ich, wenn ich Russe wäre, meine Atomwaffen sicherlich nicht aufgeben wollen. Wenn ich mir die US-amerikanischen Atomstreitkräfte ansehe – und ich möchte hier die technischen Merkmale betonen –, ist ganz klar, dass sie für die Führung eines Nuklearkriegs konzipiert sind. Ich habe bereits betont, dass die Führung eines Nuklearkriegs nur dann einen Sinn ergibt, wenn eine gewisse Möglichkeit des Sieges besteht. Und obwohl ich betone, dass es keinen Sieg in einem Nuklearkrieg gibt, muss jemand, der Atomwaffensysteme für den Kampf konzipiert, zwangsläufig – ob er es zugibt oder nicht – eine Doktrin haben oder zumindest die Hoffnung hegen, kämpfen und gewinnen zu können.
Die Russen haben darauf angemessen reagiert. Sie haben beispielsweise das „Tote Hand“-System (Dead Hand) eingeführt und bekannt gemacht. Es ist so konzipiert, dass die russischen Atomwaffen gestartet werden, falls die Führung durch einen Enthauptungsschlag getötet werden sollte. Dieses System ist automatisiert. Das ist keine gute Sache, da Unfälle innerhalb des Systems zu einem Start führen könnten. Die Russen sind natürlich sehr vorsichtig und hochentwickelt in ihrem Denken. Ich bin mir also sicher, dass das System so sicher wie möglich konzipiert wurde. Aber da es ein automatisches Startsystem ist, kann man sich nicht sicher sein, dass etwas Automatisiertes nicht etwas tun wird, das man nicht erwartet, selbst bei größtem Aufwand. Es ist also keine gute Vorkehrung.
Die Russen bauen derzeit auch eine neue Klasse von Waffen, das unbemannte Unterwasserfahrzeug namens Poseidon. Dieses Roboter-U-Boot-Fahrzeug wiegt meiner Schätzung nach wahrscheinlich 30 oder 40 Tonnen. Die Konstruktionsmerkmale erlauben es, einen 100-Megatonnen- Sprengkopf an seiner Front zu montieren. Ich vermute, dass der Sprengkopf nur 50 Megatonnen haben würde. Der Grund dafür ist, dass ein 50-Megatonnen-Sprengkopf fast den gleichen Schaden anrichtet wie ein 100-Megatonnen-Sprengkopf. Der Großteil des Schadens wird nämlich durch die enorme Menge an Licht und Hitze verursacht, und die Reichweite, in der Brände entstehen können, wird letztendlich durch die Absorption des Lichts in der Atmosphäre begrenzt, nicht durch die Spreng- kraft der Waffe. Wenn die Waffe größer ist – zum Beispiel doppelt so groß –, erhält man nicht viel zusätzliche Reichweite. Daher ist es am effizientesten, sie auf 50 Megatonnen auszulegen.
Wir sprechen hier von einer Waffe, die Brände bis 50 Kilometer vom Detonationspunkt entfernt auslösen könnte. Wenn man damit in einen Hafen eindringt – und dafür ist sie ausgelegt – oder die Waffe kurz vor der Küste detonieren lässt, würde sie riesige Gebiete zerstören. Die Annahme, sie solle Tsunamis oder Flutwellen erzeugen, ist falsch. Aus Gründen, auf die wir hier nicht eingehen müssen, ist diese Waffe nicht effizient für die Erzeugung von Tsunamis. Da es sich um eine „Weltuntergangswaffe“ handelt, richtet man viel mehr Schaden an, indem man sie einfach in den Hafen oder in Hafennähe steuert und zur Detonation bringt.
Das vollständige Interview mit Theodore Postol lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 1/2 2026 unseres Magazins, das im Bahnhofsbuchhandel, im gut sortierten Zeitungschriftenhandel und in ausgewählten Lebensmittelgeschäften erhältlich ist. Sie können das Heft auch auf dieser Website (Abo oder Einzelheft) bestellen.
Der Physiker THEODORE A. POSTOL (Jg. 1946) ist emeritierter Professor für emeritierter Professor für Wissenschaft, Technologie und nationale Sicherheitspolitik am Massachusetts Institute of Technology (USA). Seine Fachgebiete sind Kernwaffensysteme, darunter U-Boot-Kriegsführung, Anwendungen von Kernwaffen, Raketenabwehr und ballistische Raketen im Allgemeinen. Bevor er von der Stanford University zum MIT kam, arbeitete er als Analyst im Office of Technology Assessment und als wissenschaftlicher und politischer Berater des Chefs der Marineoperationen. Im Jahr 2016 erhielt er den Garwin-Preis der Federation of American Scientists (FAS) für seine Arbeit zur Bewertung und Kritik der Behauptungen der Regierung zum Thema Raketenabwehr.