Kriege

Karzais Vorwürfe gegen die USA: Zusammenarbeit von CIA und Taliban

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Von EMRAN FEROZ, 17. März 2013 –

Der afghanische Präsident Hamid Karzai fiel in der Vergangenheit immer wieder durch abwegige Äußerungen auf. Von den USA wurden diese meistens ignoriert, doch im jüngsten Fall ist es anders. Karzai erhob schwere Vorwürfe gegen die USA und sprach von einer Verbindung zwischen den Taliban und der CIA. Anstatt jedoch dezidiert auf diese Anschuldigung einzugehen, zogen es die meisten Medien vor, die Aussagen Karzais als „lächerlich“ oder gar als „Verschwörungstheorie“ zu bezeichnen.

Hamid Karzai, der „Bürgermeister von Kabul“, wie er spöttisch genannt wird, kam 2001 durch die USA an die Macht. Seitdem sorgte er vor allem dafür, dass sich seine Familienmitglieder, korrupte Kriegsverbrecher und Drogenbarone die Taschen füllen konnten. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Mann mit der Karakulmütze beim afghanischen Volk alles andere als beliebt, „amerikanische Puppe“ wird er genannt. Auch wenn vieles für diese Abhängigkeit spricht, erhärtet sich in letzter Zeit der Eindruck, dass die USA mehr und mehr die Kontrolle über ihre Puppe verlieren.

In den letzten Monaten hat Karzai des Öfteren während seiner Reden die USA und den Westen kritisiert. So hat er sie unter anderem für die massive Korruption am Hindukusch verantwortlich gemacht (1). Auch die Luftangriffe auf Zivilisten verurteilte Karzai immer wieder scharf. Damit will der afghanische Präsident womöglich dem Volk, das ihn verachtet, näher kommen und Sympathiepunkte sammeln. Obwohl das Verhältnis Karzais zu Barack Obama angespannt ist, reagierten die US-Amerikaner bislang relativ gelassen auf seine Bekundungen, ignorierten sie zumeist.

Doch seit dem vergangenen Sonntag sorgt Karzai international für Schlagzeilen. Der Hintergrund: Nur wenige Stunden nachdem US-Verteidigungsminister Chuck Hagel am Abend des 8. März zu einem nicht angekündigten Besuch in Kabul eingetroffen war, detonierte am nächsten Morgen vor dem Eingang des afghanischen Verteidigungsministeriums eine Bombe. Der Anschlag forderte zehn Todesopfer und 13 Verletzte. Ein Selbstmordattentäter hatte sich in die Luft gesprengt – und kurz darauf bekannten sich die Taliban zu dem Anschlag.  

Am folgenden Tag (Sonntag, 10. März), behauptete Karzai, die Taliban würden viel mehr den fremden Besatzern dienen, als gegen sie zu kämpfen. Damit wollen sie Afghanistan weiterhin instabil halten. Er fügte hinzu, dass die Taliban Zivilisten „zum Nutzen Amerikas“ töten würden. Damit soll die Präsenz der US-Soldaten am Hindukusch für weitere Jahre gesichert werden. Der Präsident brachte seine Thesen mit den aktuellen Anschlägen in Kabul und in der Provinz Khost, wo ebenfalls am Sonnabend bei der Explosion einer Autobombe acht Kinder und ein Polizist getötet worden waren, in Verbindung und meinte, dass diese nur als Rechtfertigung für einen viel späteren Abzug der US-Truppen dienen würden. (2)

Dieses Mal hatten Karzais Aussagen Konsequenzen. Obamas neuer Verteidigungsminister Chuck Hagel sagte eine Pressekonferenz mit Karzai ab, betonte jedoch zugleich dessen „schwierige Lage“ zu verstehen. Die US-Regierung bezeichnete Karzais Vorwürfe als „kategorisch falsch“. Die westlichen Medien, unter anderem auch deutsche, fielen über den Präsidenten regelrecht her. So stellte zum Beispiel Der Spiegel fest, dass Karzais Behauptungen „sonderbar“ seien und degradierte diese zu „Verschwörungstheorien“, ohne genauer darauf einzugehen. (3)

Die Krönung war jedoch ein Artikel in dem US-Nachrichtenmagazin The Daily Beast mit dem Titel „To Hell with Karzai“. Der Autor Leslie H. Gelb, ehemaliger Korrespondent der New York Times, entfacht darin eine Kriegshetze, mit der er offensichtlich die zahlreichen Ethnien Afghanistans gegeneinander ausspielen will (4). Gelb schreibt: „Die Nicht-Paschtunen, die etwa sechzig Prozent der afghanischen Bevölkerung ausmachen (diese Aussage ist im Übrigen falsch, bis jetzt kam es zu keiner Volkszählung in Afghanistan, allerdings sind viele der Meinung, dass die Paschtunen 50 Prozent + in Afghanistan ausmachen!, Anm. Red.), stellen sich mehrheitlich auf die Seite der Amerikaner. Am liebsten würden die Nicht-Paschtunen nur dabei zusehen, wie die Amerikaner für ihr Land und gegen ihre paschtunischen Feinde kämpfen, das ganze Jahrhundert über. Für die Afghanen im Norden sind wir die beste Garantie gegen eine paschtunische Machtübernahme, welche das letzte wäre, was sich die Nicht-Paschtunen wünschen.“  Zahlreiche Afghanen sind darüber empört und üben in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook scharfe Kritik. (5)

Es stellt sich die Frage, was es mit Karzais Behauptungen auf sich hat. Wären sie so abwegig wie mitunter in der Vergangenheit, hätten die USA die Äußerungen in gewohnter Manier ignorieren können. Doch diesmal liegt der Fall offensichtlich anders: Für Kontakte zwischen CIA und Taliban gibt es eine Reihe Indizien.

Die Taliban wurden von Beginn an, nachdem sie in den 1990er Jahren während des Bürgerkrieges in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung getreten waren, von US-amerikanischen und pakistanischen Geheimdienstkreisen unterstützt. Sowohl ideologisch, als auch finanziell. Dies spielte im afghanischen Bürgerkrieg eine bedeutende Rolle, denn die Taliban bekämpften jene Warlords, die dem Iran oder Russland nahestanden. Die USA hatten bereits damals ein großes Interesse, ihre Erzfeinde in der Region so weit wie möglich zu isolieren oder unschädlich zu machen. Unterstützt wurden die Taliban zum großen Teil von den Saudis. Der saudische Prinz Turki al-Faisal, Teilnehmer der letzten Münchner Sicherheitskonferenz, rüstete seinerzeit die Taliban ebenso militärisch auf wie er heute für die Bewaffnung der Aufständischen in Syrien sorgt. (6)

Aber auch Pakistan spielt in Hinblick auf die Taliban eine wichtige Rolle. Der ehemalige Chef des afghanischen Geheimdienstes, Amrullah Saleh, hat vor Kurzem erneut betont, Pakistan betrachte Afghanistan als eine Art Hinterhof, in dem keine Stabilität erreicht werden darf (7). Währenddessen beherbergt die Regierung in Islamabad die komplette Führung der Taliban in ihrem Land. Man geht davon aus, dass sich Mullah Omar und seine Funktionäre mit Wissen und Duldung der pakistanischen Regierung in Quetta an der afghanisch-pakistanischen Grenze aufhalten. Auch die CIA unterhielt dort ein geheimes Büro (8). Der US-amerikanische Journalist Bob Woodward  spricht in seinem Buch Obamas Kriege  von Operationen einer im Wesentlichen aus Afghanen bestehenden 3 000 Mann-Privatarmee der CIA, die in Afghanistan und im pakistanischen Grenzgebiet operiert.  (9)

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Was also wäre angesichts dieser Tatsachen näherliegend, als zwischen Taliban und CIA eine enge Verbindung zu vermuten?


(1) http://derstandard.at/1355460439990/Karzai-macht-Auslaender-fuer-Korruption-in-Afghanistan-verantwortlich
(2) http://www.huffingtonpost.com/2013/03/10/karzai-taliban-us-afghanistan-2014_n_2847487.html
(3) http://www.spiegel.de/politik/ausland/karzai-unterstellt-usa-kooperation-mit-den-taliban-a-888171.html
(4) http://www.thedailybeast.com/articles/2013/03/12/to-hell-with-karzai.html
(5) http://stream.aljazeera.com/story/201303132048-0022611?fb_action_ids=177238045757834&fb_action_types=og.likes&fb_source=aggregation&fb_aggregation_id=288381481237582
(6) http://www.greenleft.org.au/node/23860
(7) http://www.rferl.org/content/afghanistan-spy-chief-attacks-pakistan/24927930.html
(8) im Buch „Obamas Kriege“ von Bob Woodward nachzulesen
(9) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/Andruck/1367061/

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