Analysten: Krieg gegen Iran schwächt geopolitischen Einfluss der USA
USA gehen wichtige Verbündete in der Golfregion und Europa verloren / Prognose: Weltwirtschaft wird sich an China orientieren / BRICS-Staaten rücken näher zusammen
(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)
Mehrere namhafte geopolitische Analysten gehen davon aus, dass der Krieg gegen Iran den weltpolitischen Einfluss der USA mittel- und langfristig schwächen wird. So vertritt der US-amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer die Ansicht, dass Russland und China „enorme Anreize“ hätten, dem Iran zu helfen und alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass die Vereinigten Staaten im Iran eine „demütigende Niederlage“ erleiden. Insbesondere China werde sich Mearsheimer zufolge immer stärker in die Politik des Nahen Ostens einbringen.
Zudem gebe es Anzeichen, dass sich die Golfstaaten aufgrund des mangelnden Schutzes vor den iranischen Angriffen von den Vereinigten Staaten abwendeten und die USA – und nicht den Iran – als größte Bedrohung für ihre Sicherheit ansähen. Für Israel sieht der US-Politologe eine „düstere“ Zukunft, da der Iran nach dem aktuellen Überfall stärker danach streben werde, eigene Atomwaffen anzustreben. Ein derartiges Bedrohungsszenario könnte viele Israelis dazu bewegen, ihr Land zu verlassen.
Der deutsche Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders erklärte, der Iran wehre sich gegen den Angriff der USA und Israels, indem er nicht allein Militärstellungen der beiden Länder in der Region angreife, sondern gleichzeitig auch die Öl- und Energieinfrastruktur in den arabischen Golfstaaten. Die Golfmonarchien seien eng mit den USA verbunden und dem „Irrglauben erlegen“, dass Washington ihnen im Verteidigungsfall beistehe. Stattdessen hätten die Vereinigten Staaten ihre wichtigen Verteidigungsanlagen nach Israel verlagert, obwohl die Golfstaaten dreistellige Milliardenbeträge für die Unterstützung der USA in Form des Einkaufs von militärischem Gerät ausgegeben hätten. Es sei kein Wunder, dass die Golfstaaten sich dadurch „veräppelt“ vorkämen, sagte Lüders.
Lawrence Wilkerson, pensionierter Oberst der US-Armee und Stabschef des ehemaligen US-Außenministers Colin Powell, betonte ebenfalls, dass Donald Trump wichtige Verbündete aufgrund seines Vorgehens verärgere. Die Golfstaaten habe er bereits verloren. Auch europäische Staaten würden sich gegen die US-Regierung stellen. Die Isolation der USA in der Welt könne jedoch aus Sicht des ehemaligen Stabschefs des US-Außenministers noch viel weiter gehen. Denn China könne eine „bedeutende Wirtschaft“ ohne die Vereinigten Staaten aufbauen, auch wenn es dies gar nicht anstrebe. Auf den Absatzmarkt der 340 Millionen Menschen in den USA könne Peking „verzichten“, erklärte Wilkerson.
Der ehemalige britische Diplomat und Geheimdienstmitarbeiter Alastair Crooke machte ebenfalls darauf aufmerksam, dass sich China wirtschaftlich „neu orientiert“. Das habe „enorme Konsequenzen“, da sich aufgrund der Wettbewerbsfähigkeit des Landes die ganze Weltwirtschaft in Richtung China orientieren werde. Das vorrangige iranische Ziel sei es, einen weiteren Folgekrieg zu verhindern, erklärte Crooke. Zudem strebe das Land die „vollständige Aufhebung der Sanktionen“ und die „Rückgabe eingefrorener Vermögenswerte“ an. Ein Nebenziel sei es, die feindlichen Streitkräfte der US-Stützpunkte „vollständig aus der Region zu entfernen“. Ein weiteres sekundäres Ziel bestehe darin, den Iran „für die Sicherheitsarchitektur am Persischen Golf“ und für die „Architektur der Korridore sowohl für die Energieversorgung als auch für den Energietransport“ verantwortlich zu machen. Dies bedeute eine „ziemlich bedeutende strategische Wende“ in der Region, sagte der ehemalige britische Diplomat.
In diese Richtung zielt auch ein Kommentar von Mohammad Marandi, Inhaber des Lehrstuhls für Amerikakunde an der Universität Teheran sowie Berater der iranischen Regierung. So bestehe das Geschäftsmodell der Golfstaaten darin, Öl gegen US-Dollar zu verkaufen, um damit westliche Waffen zu erwerben und an der US-Börse zu investieren. Derzeit würden sie aufgrund der faktischen Sperrung der Straße von Hormus jedoch kein Öl mehr verkaufen. Dadurch ließe sein Land die Region erkennen, dass sie nicht länger als „Plattform für Aggressionen gegen den Iran“ dienen könne. Wer den USA militärische Stützpunkte und seinen Luftraum zur Verfügung stelle, um den Iran anzugreifen, könne nicht „neutral“ sein. Der Iran müsse „vollständig entschädigt“ werden, und seine Rechte als souveränes, unabhängiges Land, ein friedliches Atomprogramm zu betreiben, müssten uneingeschränkt respektiert werden, erklärte Marandi.
Der ehemalige US-Botschafter in Saudi-Arabien Chas Freeman weist darauf hin, dass der Krieg im Nahen Osten die BRICS-Staaten und insbesondere Russland und China näher zusammenrücken lässt. Die russische Gasversorgung Chinas über die geplante, aber bisher nicht gebaute „Power of Siberia“-Pipeline werde nun Realität, da Peking seine „Abhängigkeit von maritimen Lieferketten“ weiter verringern wolle. Der Irankrieg sei für Russland auch in Bezug auf den Ukraine-Krieg „ein Segen“, erklärte der ehemalige US-Diplomat weiter. Denn die Erschöpfung der US-Waffenvorräte bedeute, dass europäische Nato-Länder keine US-Waffen mehr für die Ukraine kaufen könnten. US-Präsident Donald Trump spalte somit die Opposition gegen Russland und schwäche gleichzeitig die globale Macht, die moralische Autorität und die Führungsrolle der USA, betonte Freeman.