Ukraine-Krieg

Analysten werten russischen „Oreschnik“-Angriff auf Lwiw als Warnung an den Westen

New York Times: Bereitschaft zu Entsendung europäischer Truppen in die Ukraine Hauptgrund / Russisches Verteidigungsministerium: Ziel war ukrainisches Flugzeug- und Drohnenwerk / Luftwaffenexperte: Hyperschallrakete „Oreschnik“ zielt auf Nato-Luftwaffenstützpunkte in Europa

(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)

Mehrere internationale Medien haben den russischen Angriff mit der ballistischen Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ am 9. Januar auf die westukrainische Großstadt Lwiw (Lemberg) als Nachricht an den Westen gewertet. In einem Beitrag der „New York Times“ wird der Angriff mit der Hyperschall-Rakete, die über eine Reichweite von bis zu 5.000 Kilometern verfügt, unter Bezugnahme auf Äußerungen russischer Analysten als „Warnung an Europa“ bezeichnet. Der Angriff mit der atomwaffenfähigen Rakete, die in der Westukraine – 60 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt – in einem Flugzeugwerk einschlug, sei eine Antwort auf die Bereitschaft der europäischen Verbündeten der Ukraine gewesen, Truppen in das Land zu entsenden. Diese würden „höchstwahrscheinlich“ in dem Gebiet stationiert werden, das Russland getroffen habe, erklärt die US-amerikanische Tageszeitung.

Die britische Nachrichtenagentur „Reuters“ sieht neben der geplanten Entsendung europäischer Streitkräfte einen weiteren Zusammenhang des Angriffs mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro sowie die Beschlagnahmung eines Öltankers unter russischer Flagge im Nordatlantik durch US-Streitkräfte. Der Raketenschlag sei ein „Signal an die Vereinigten Staaten und die Europäer“ hinsichtlich der militärischen Fähigkeiten der russischen Armee, zitiert die Agentur den österreichischen Politikwissenschaftler Gerhard Mangott.

In einer ersten Stellungnahme des russischen Verteidigungsministeriums hieß es, der Angriff auf Lwiw mit der Hyperschall-Waffe sei Teil der Antwort auf den „Terroranschlag“ des „Kiewer Regimes“ auf die Residenz des russischen Präsidenten in der Region Nowgorod Ende Dezember gewesen. Der ukrainische Präsident Wolodomir Selenski hatte den Drohnenangriff zunächst gänzlich abgestritten. Der US-Auslandsgeheimdienst „CIA“ räumte später jedoch ein, der ukrainische Angriff habe stattgefunden, jedoch nicht dem Sitz des russischen Präsidenten, sondern einer „Militäranlage“ in dessen „Nähe“ gegolten.

Über das genaue Ziel des Oreschnik-Einsatzes herrschte zunächst Unklarheit. In der ersten Stellungnahme des russischen Verteidigungsministeriums hieß es, die Ziele seien „Einrichtungen zur Herstellung von Drohnen“ sowie „Energieinfrastrukturen“ gewesen, die den Betrieb des „militärisch-industriellen Komplexes der Ukraine“ unterstützen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) meldete knapp eine Woche nach dem Angriff, der „Hauptschlag“ habe dem Bezirk Stryi bei Lwiw gegolten, wo die „unterirdische Gasspeicheranlage Bilche-Volytsko-Uherske“ getroffen wurde – „die größte in der Ukraine und von strategischer Bedeutung für ganz Europa“. In einer weiteren Mitteilung nannte das russische Verteidigungsministerium als Ziel jedoch nur ein „staatliches Flugzeugreparaturwerk“ in Lwiw, das F-16- und MiG-29-Kampfflugzeuge gewartet und unbemannte Langstrecken-Kampfflugzeuge (UAV) hergestellt haben soll. Zudem sei die Infrastruktur des zugehörigen Fabrikflugplatzes getroffen worden.

Hinsichtlich der Zerstörung, welche der Oreschnik-Einsatz zur Folge hatte, finden sich allenfalls Spekulationen. Bilder zu den Schäden an den angegriffenen Einrichtungen in der Ukraine sind nicht öffentlich verfügbar. Der militäranalytische Youtube-Kanal „Millennium 7“ erklärt, dass der Angriff auf das Flugzeugreparaturwerk aufgrund der Auswertung der wenigen Aufnahmen des Ereignisses durch Sicherheitskameras am wahrscheinlichsten sei. Hinsichtlich der Zerstörungskraft geht der Kanal davon aus, dass ein Oreschnik-Schlag selbst mit „Dummy“-Sprengköpfen allein aufgrund seiner kinetischen Energie 23 US-Marschflugkörpern vom Typ „Tomahawk“ oder 40 Prozent der Bombennutzlast eines US-Langstreckenbombers vom Typ „B-2“ entspricht. Aus diesem Grund seien ukrainische Meldungen zu lediglich geringen Zerstörungen durch die Rakete „nicht glaubhaft“.

Die russische Hyperschall-Waffe eigne sich, um weit entfernte Ziele wie Häfen, Eisenbahnknoten, Industriekomplexe, Raffinerien, Treibstofflager sowie Luftwaffenstützpunkte und logistische Zentren anzugreifen, berichtet „Millennium 7“ weiter. Die großen Nato-Luftwaffenstützpunkte in Europa könnten möglicherweise mit einem halben Dutzend Oreschnik-Raketen ausgeschaltet oder schwer beschädigt werden. Zwar könnten die ballistischen Raketen grundsätzlich mit US-Raketenabwehrsystemen wie THAADAegis Ashore oder SM-3 Interceptor abgefangen werden. Da eine Oreschnik-Rakete jedoch insgesamt 36 Streusprengköpfe sowie möglicherweise auch zusätzliche Täuschkörper beinhalte, stelle die Waffe mit Herstellungskosten von geschätzten drei Millionen Dollar pro Stück eine kostengünstige Möglichkeit dar, die Arsenale teurer Abfangraketen des Gegners zu erschöpfen, heißt es in dem Bericht.

Der geopolitische Analyst Alexander Mercouris wertet den Drohnenanschlag auf Putins Residenz als Grund für die vermehrten Angriffe der russischen Streitkräfte auf die Energieinfrastruktur sowie die logistische Infrastruktur der Ukraine seit Anfang des Jahres. Die russische Regierung fokussiere nun mehr auf den Krieg und weniger auf Diplomatie. Informationen des Analysten zufolge werde im russischen Parlament die Verhandlungstaktik des US-Präsidenten Donald Trump als „Scharade“ betrachtet.

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