Corona-Aufarbeitung

Brandenburger Corona-Enquete-Kommission: Schulschließungen waren Fehler

Mediziner: Kinder keine „Treiber der Pandemie“ / Früherer Sprecher des Landeselternrates: Während Corona fehlte wissenschaftlicher Diskurs / Ehemaliger Leiter des Gesundheitsamts: Politische Corona-Entscheidungen durch „Angst“ geleitet

(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)

Die staatlich angeordneten Schulschließungen während der Corona-Krise waren Fachleuten zufolge unverhältnismäßig und verursachten lang andauernde psychosoziale Schäden für Kinder und Jugendliche. Diese Schlussfolgerungen erläuterten Experten auf der 9. Sitzung der Brandenburgischen Enquete-Kommission zur Corona-Aufarbeitung. Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, Tobias Tenenbaum, sagte (Aufzeichnung ab 00:11:50), es fehle jegliche Evidenz dafür, dass Kinder „Treiber der Pandemie“ gewesen seien. Das Gegenteil war jedoch während der Corona-Krise etwa durch Vertreter von Lehrerverbänden regelmäßig behauptet worden.

Tenenbaum zufolge ergaben Monitoring-Studien unter seiner Leitung, dass „größtenteils Erwachsene“ das Infektionsgeschehen bestimmten. Bei Kindern und Jugendlichen sei sowohl eine „geringere Symptomatik“ als auch eine geringere Viruslast festzustellen gewesen als in der Altersgruppe der 20 bis 70-Jährigen. Vor diesem Hintergrund sei die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen „in Frage zu ziehen“, erklärte der Kinderarzt. Das Argument einer unzureichenden Studienlage, das in der Sitzung auch vom damaligen Leiter des brandenburgischen Gesundheitsamts Michael Zaske für die Schulschließungen herangezogen wurde, sei spätestens ab dem zweiten Lockdown im Winter 2020 nicht mehr haltbar gewesen. Tenenbaum kritisierte, dass bei der damaligen Debatte um Schulschließungen „klinischer Sachverstand nicht in ausreichendem Maß gehört worden“ sei.

Die frühere Familienministerin Kristina Schröder (CDU) betonte in der Sitzung, dass es sich bei den Schulschließungen nicht um einen „Rückschaufehler“ handele (ab 01:01:00). Stattdessen habe man die nun beklagten Schäden, die „mit grundlegendem pädiatrischem und psychologischem Wissen absehbar“ gewesen seien, „bewusst in Kauf genommen“. Der Anschluss zu sozialen Gruppen etwa, der als „entwicklungspsychologisch entscheidend“ gelte, sei „mit staatlicher Autorität unterbunden“ worden. Ein „Nutzen für Kinder und Jugendliche“ sei demgegenüber „kaum vorhanden“ gewesen. Vielmehr seien diese „als Mittel für die Zwecke anderer“, und „nicht als Zweck an sich“ behandelt worden. Diese „Verzweckung“ sei unvereinbar mit dem Menschenwürde.

Schröders Ausführungen, dass etwa das Bundesverfassungsgericht in diesem Punkt entsprechende „Klarheit“ habe vermissen lassen, stützte auch Nicola Brandt von der Vereinigung „Initiative Familien“ (ab 01:13:50). Brandt kritisierte, dass die „mangelnde Eignung“ der Schulschließungen von Gerichten bei entsprechenden Klagen nicht geprüft worden sei. Schröder zufolge seien die „Eindimensionalität in der Zielbetrachtung“ und der „unmenschliche Rigorismus“ das Ergebnis eines „gesellschaftlichen Resonanzraums“, dem neben den Medien auch die Kirche, Sozialverbände sowie Ethikrat den Boden bereitet hätten. Insofern trage die Politik zwar „maßgeblich“, aber nicht „ausschließlich“ die Verantwortung.

Schröder verwies in ihrem Vortrag zudem auf eine Sonderrolle Deutschlands im innereuropäischen Ländervergleich. So habe Schweden während der gesamten Krise die Schulen bis Klasse 9 offengehalten. Andere Länder wie die Niederlande und Dänemark hätten in der Corona-Frühphase zwar einen strikten Kurs der Schließung verfolgt, anschließend aber im Gegensatz zu Deutschland die Beschränkungen zunehmend aufgehoben. Mit Verweis auf eine Studie des „ifo-Instituts“ hielt Schröder fest, dass Deutschland neben Polen das europäische Land sei, dass die Schulen mit 183 Tagen am längsten geschlossen gehalten habe – etwa im Vergleich zu Spanien, für das die ifo-Studie 45 Tage angibt.

Der ehemalige Sprecher des Landeselternrates, René Mertens (ab 00:40:00), berichtete von einer „angstgetriebenen Debatte“, bei der die Maßnahmen als „alternativlos“ dargestellt worden seien und ein „wissenschaftlicher Diskurs“ gefehlt habe. Die „Nebenwirkungen“ der Schulschließungen seien für die Schüler schlimmer gewesen als Corona, betonte Mertens. Ludwig Bilz, Professor für Pädagogische Psychologie an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, sagte, die psychotherapeutischen Praxen seien bereits im Jahr 2021 infolge der psychologischen Belastungen der Corona-Maßnahmen „vollgelaufen“. (ab 00:48:20) „Bei fast allen Indikatoren der Gesundheit, des Gesundheitsverhaltens und der Gesundheitsdeterminanten zeigen sich bei Kindern und Jugendlichen in Brandenburg 2022 ungünstigere Ausprägungen als vier Jahre zuvor.“ Dies deckt sich mit den Schilderungen des Direktors der Grundschule Seelow, Karsten Handrick (ab 00:25:50).

Der ehemalige Leiter der Abteilung Gesundheit im Ministerium für Gesundheit und Soziales des Landes Brandenburg, Michael Zaske, erklärte: „Man war damals der Meinung, dass Kinder sehr stark zum Infektionsgeschehen beitragen würden“. (ca 02:35:40) Schüler seien als „Superspreader“ (extreme Virusverbreiter) bezeichnet worden. Die „Studienlage von heute“ habe damals noch nicht vorgelegen, „Schulschließungen mit dem Wissen, was wir heute haben, würden sicherlich anders bewertet“. Später ergänzte Zaske, „die Angst“ habe entsprechende Entscheidungen geleitet (03:23:40).

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