Kernenergie

EU-Kommission plant Ausbau der Atomenergie

EU-Kommission stellt Strategie für „innovative Nukleartechnologien“ vor / Deregulierung von Genehmigungsentscheidungen und öffentliche Unterstützung für Investoren vorgesehen / Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung: viele Sicherheitsfragen zu Strahlenschutz, Transport und Abfallentsorgung ungeklärt

(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)

Die EU-Kommission plant die „Entwicklung und den Einsatz von kleinen modularen Reaktoren“ (Smal Modular Reactors / SMR) bis Anfang der 2030er Jahre. Dies ist einem Strategiepapier vom 10. März zu entnehmen. Neben der Stromgewinnung könnten die „innovativen Nukleartechnologien“ für die Gewinnung von Wärme, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe verwendet werden, hofft die EU-Kommission. Wegen der erwarteten größeren Flexibilität bei der Stromproduktion verspricht sich die EU-Kommission von SMR eine Ergänzung zu regenerativen Energien. Darüber hinaus gelten der Neubau von großen Atomkraftwerken, Laufzeitverlängerungen und die Kernfusion als erforderlich, wie einer zeitgleichen Mitteilung zum Nuklearprogramm zu entnehmen ist.

Unter dem Begriff der SMR können drei verschiedene Reaktorkonzepte verstanden werden: „Small Modular Reactors“ (SMR) als Leichtwasserreaktoren sollen mit bis zu 300 Megawatt etwa ein Drittel der Leistung herkömmlicher Atomkraftwerke liefern. „Advanced Modular Reactors“ (AMR) verwenden neuartige Brennelemente beispielsweise aus höher angereichertem Uran bis 20 Prozent. Wegen der höheren Betriebstemperaturen werden alternative Kühlmittel wie Flüssigmetalle, Salzschmelze oder Gas eingesetzt. Mikroreaktoren mit weniger als 10 Megawatt Leistung sollen in Fabriken vorgefertigt sowie transportierbar sein und standortnah bei Industrieanlagen, Rechenzentren, Häfen, Flughäfen und militärischen Einsätzen genutzt werden. Zum Flächenverbrauch von SMR gibt es kaum belastbare Angaben, da es bislang nur Planungen und Schätzungen gibt. Er soll bei etwa fünf bis 20 Hektar liegen (gegenüber 200 bis 400 Hektar eines Großkraftwerks), Mikroreaktoren benötigten einen bis fünf Hektar Platz.

In der EU sind Belgien, Bulgarien, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Kroatien, die Niederlande, Polen, Rumänien, Schweden, die Slowakei, Tschechien und Ungarn an neuen Atomkraftwerken interessiert. Die Bundesregierung ist gespalten. Während Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den Wiedereinstieg in die Atomenergie befürwortet, hält Kanzler Friedrich Merz (CDU) am deutschen Atomausstieg fest, obwohl er ihn bedauere. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sagte, SMR seien „saugefährlich“ und müssten „teuer subventioniert“ werden.

Seit einiger Zeit stehen SMR-Projekte in anderen Ländern vor Schwierigkeiten, berichtete das Technikmagazin „Golem“. Das Vorzeigeprojekt des staatlichen US-Unternehmens „NuScale Power“ in den USA sei wegen steigender Kosten eingestellt worden. Die Skalierung vom Pilotprojekt zur Serienfertigung stehe vor technischen Schwierigkeiten. Die EU-Kommission setzt auf Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten sowie „gleichgesinnten Partnerländern auf globaler Ebene“ „in den Bereichen Forschung, Lieferketten, Genehmigungen, Kompetenzen und Finanzierung“. Das geistige Eigentum sowie die Lizenzierung von Reaktordesigns liegen bislang insbesondere bei „NuScale Power“ und beim britischen Unternehmen „Rolls Royce“.

Um das Zeitziel zu erreichen, sieht die Kommission die Deregulierung der Genehmigungsentscheidungen vor. Kostenvorteile von SMR können nur durch Serienfertigung erreicht werden, weshalb die erforderlichen Produktionsmengen von mehreren EU-Staaten aufgebracht werden müssten. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Fanny Böse argumentiert bei der Vorstellung ihrer Forschungsergebnisse: „Erst ab 3000 Reaktoren mit identischem Design ist ein SMR gleich teuer wie heutige AKW“.

Um die Finanzierungsrisiken von privaten Investoren zu senken, sieht die EU-Kommission verschiedene Formen von öffentlicher Unterstützung vor. Dazu gehören die Forschungsförderung im Rahmen des Euratom-Programms, steuerliche Anreize, öffentliche Garantien oder Strombezugsverträge mit Investoren. Das Verbot staatlicher Beihilfen wird insofern außer Kraft gesetzt. Wie die prognostizierten 241 Milliarden Euro für den Neubau von Großreaktoren und Laufzeitverlängerungen aufgebracht werden könnten, bleibt unklar.

Offen ist noch, welche Länder zukünftig als Uranlieferanten in Frage kommen könnten. Uranlieferungen „von unzuverlässigen Partnern“ wie Russland und Niger „müssen“ laut EU-Kommission „schrittweise eingestellt werden.“ Alternativ wird auf das Konzept eines geschlossenen Brennstoffkreislaufs gezählt, bei dem aus der Aufarbeitung von Nuklearabfällen wieder Brennelemente hergestellt werden.

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) verwies Anfang Dezember 2025 in seiner Stellungnahme zur SMR-Strategie auf eine Reihe ungeklärter Sicherheitsfragen bei Strahlenschutz, Transport und Abfallentsorgung von SMR. Die potenzielle Nähe der SMR zu Ballungszentren, Industrieanlagen oder im Bergbau, auf Schiffen oder U-Booten brächten „beispiellose Herausforderungen für den sicheren Betrieb“ mit sich. Die Transportrisiken seien höher, da SMR-Komponenten bereits mit Kernbrennstoff beladen transportiert würden. Für die neuartigen radioaktiven Abfälle gebe es laut BASE-Präsident Christian Kühn „heute keine Entsorgungslösung“.

Drucken

Drucken

Teilen