Öl- und Gaspreise

Krieg gegen Iran führt zu starkem Anstieg der Öl- und Gaspreise

Nach Sperrung der Straße von Hormus: Öl- und Gaspreise an Energiebörsen nun fast doppelt so hoch wie vor Kriegsbeginn / Bei längeren Ausfällen droht Verdreifachung der Energiepreise / Wirtschaftsinstitut schätzt Schaden für Deutschland im Eskalationsfall im laufenden Jahr auf 22 Milliarden Euro

(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)

Seit dem Beginn des US-amerikanischen und israelischen Angriffskrieges gegen den Iran Ende Februar haben sich die Öl- und Gaspreise an den internationalen Energiebörsen nahezu verdoppelt. Lag der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Marke Brent im Dezember noch bei teilweise unter 60 US-Dollar, stieg er mit dem Beginn des Krieges rapide an und kletterte bis Mitte März auf über 100 US-Dollar. Das letzte Mal hat der Ölpreis diese Marke nach dem Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine durchbrochen. Auch der Gaspreis stieg an der europäischen Energiebörse von im Schnitt 36 Euro je Megawattstunde sprunghaft nach dem Angriff auf den Iran auf bis zu 59 Euro je Megawattstunde an.

Grund dafür ist die faktische Schließung der Straße von Hormus durch den Iran. Die Öl- und Gasproduktion der Golfstaaten sowie der Export dieser Energieträger sind dadurch stark eingeschränkt. Durch die Meerenge vor der Küste Irans wurden vor dem Krieg täglich bis zu 20 Millionen Barrel Rohöl und Mineralölprodukte in die Abnehmerländer transportiert. Dies entspricht einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs von circa 100 Millionen Barrel pro Tag. Die Einschränkung des Exports von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus der Golfregion macht ungefähr elf Prozent des täglichen weltweiten Gasverbrauchs aus.

Hauptabnehmerländer der Ölexporte aus der Golfregion sind China, Indien, Japan, Südkorea und Taiwan. Bis zu 40 Prozent der Öleinfuhren Chinas stammen von den Förderländern am Persischen Golf. Bei den anderen vier genannten asiatischen Ländern ist die Abhängigkeit sogar noch deutlich höher. Hingegen stammen lediglich 13 Prozent der Ölimporte der Europäischen Union (EU) aus dem Nahen Osten. Auch bei den per LNG verschifften Gasexporten aus der Region, die hauptsächlich aus Katar stammen, sind insbesondere Japan, Südkorea, Taiwan und Indien sowie weitere Staaten in Asien betroffen. China produziert hingegen seinen Gasbedarf größtenteils selbst. Die EU bezieht nur sechs bis zehn Prozent ihres Gasimports aus der Golfregion. Die größtenteils von Energieimporten aus dem Nahen Osten unabhängigen Vereinigten Staaten sind so gut wie gar nicht betroffen.

Gleichwohl hat die durch den Irankrieg ausgelöste Energiekrise aufgrund der an den internationalen Energiebörsen auf Basis von Angebot und Nachfrage gehandelten Öl- und Gaspreise große Auswirkungen auf die USA und Europa. Die wirtschaftlich führenden Länder Asiens versuchen die fehlenden große Mengen Öl und Gas aus der Golfregion von anderen Anbietern zu besorgen, was zu einem signifikanten Anstieg der Öl- und Gaspreise führt. Der katarische Energieminister Saad al-Kaabi hat in einem Interview Anfang März davor gewarnt, dass der Krieg im Nahen Osten „die Weltwirtschaft zum Erliegen bringen könnte“. Er prognostizierte, dass alle Energieexporteure am Golf innerhalb weniger Tage ihre Produktion einstellen und den Ölpreis auf 150 US-Dollar pro Barrel treiben könnten. Der iranische Brigadegeneral Ebrahim Jabbari geht sogar von einem Anstieg auf 200 US-Dollar aus.

Al-Kaabi erklärte, dass es selbst bei einem sofortigen Kriegsende „Wochen bis Monate“ dauern würde, bis Katar nach einem mutmaßlichen iranischen Drohnenangriff auf seine größte Flüssiggas-Anlage wieder zu einem normalen Lieferzyklus zurückkehren könnte. Die Investmentbank Goldman Sachs geht bei einem einmonatigen Ausfall von einem Anstieg des Gaspreises auf 74 Euro je Megawattstunde bis Ende März aus, der Preis-Informationsdienst ICIS hält einen Preis von über 90 Euro je Megawattstunde bei einer dreimonatigen Unterbrechung für möglich. Insbesondere das Befüllen der leeren europäischen Erdgasspeicher könnte den Gaspreis aufgrund der Konkurrenz um das Gas mit asiatischen Abnehmern nach oben treiben. Somit könnten sich die Preise für Öl und Gas innerhalb weniger Monate im Verhältnis zum Vorkriegsniveau verdreifachen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht im Eskalationsfall des Irankrieges von einer Halbierung des deutschen Wirtschaftswachstums auf 0,5 Prozent im laufenden Jahr aus. Der Schaden würde demnach bei 22 Milliarden Euro liegen. Die Inflation könnte im Laufe des Jahres zudem auf 2,8 Prozent steigen. Das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) rechnet mit einer ähnlichen Entwicklung der deutschen Wirtschaft im Eskalationsfall. Schon jetzt sind „Preisschocks“ an Tankstellen und beim Heizöl feststellbar, während der Gaspreis für deutsche Endkunden Mitte März noch vergleichsweise stabil ist.

Um die Auswirkungen der Energiekrise auf den Ölpreis abzufedern, haben die USA sowie weitere westliche Staaten beschlossen, einen Teil ihrer strategischen Ölreserve freizugeben. Insgesamt sollen so 400 Millionen Barrel dem Ölmarkt zur Verfügung gestellt werden. Sollte es dem Iran gelingen, die Straße von Hormus weiterhin zu sperren, können diese Reserven den Ausfall jedoch nur für drei Wochen kompensieren. Chinas Ölreserven von 900 Millionen Barrel reichen dem Land für 78 Tage. Zudem erklärte die US-Regierung am 12. März, Öl-Sanktionen gegen Russland „vorübergehend“ zu lockern, um den globalen Energiemarkt zu „stabilisieren“.

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