Kritik an Kirchen wegen Einbindung der Seelsorge in Kriegsvorbereitungen
Pax Christi: „Rahmenkonzept“ der evangelischen und katholischen Kirche übernimmt „unhinterfragt sicherheitspolitische Annahmen der Bundesregierung“ / Einbindung der Seelsorge in militärische Befehlskette gefährdet Unterstützung für Deserteure / Theologin: Konzept enthält „erschreckend konkrete Einzelheiten, als finde der Krieg bereits statt“
(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)
Die großen christlichen Kirchen in Deutschland werden von mehreren Seiten für ihre Einbindung der Seelsorge in Kriegsvorbereitungen kritisiert. Im Zentrum der Kritik steht insbesondere ein „internes Arbeitspapier“, das die evangelische und katholische Kirche gemeinsam im März veröffentlicht haben. Es trägt den Titel: „Ökumenisches Rahmenkonzept: Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“. Die deutsche Sektion von Pax Christi startete am 5. Mai unter der Überschrift „Seelsorge bleibt zivil! Nein zur Militarisierung kirchlicher und diakonischer Dienste!” eine Petition, die bisher rund 390 Mal unterzeichnet wurde. Adressiert ist die Petition an die Evangelischen Landeskirchen und die katholischen Diözesen. Pax Christi ist laut Selbstbeschreibung eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie entstand am Ende des Zweiten Weltkrieges in Frankreich.
In der Petition heißt es, das „Rahmenkonzept“ konkretisiere „Handlungsstrategien, wie sie der geheime ‚Operationsplan Deutschland‘ wohl für Religionsgemeinschaften und deren Seelsorge vorsieht“. Die Bundesvorsitzende von Pax Christi, Birgit Wehner, sagte auf Anfrage von Multipolar, das „Rahmenkonzept“ übernehme „unhinterfragt sicherheitspolitische Annahmen der Bundesregierung im Blick auf die militärische Bedrohung und gewaltsame Konflikte.“ Es fehle eine friedensethische Reflexion der Rolle der Kirchen und ihrer Mitglieder zur Verhinderung eines Krieges. Das Konzept bereite den Krieg sprachlich und gedanklich mit vor.
Laut Wehner war Militärseelsorge bereits in der Weimarer Reichsverfassung enthalten. Heute basiere sie auf besonderen Verträgen zwischen dem Staat und den Religionsgemeinschaften, für die Katholische Militärseelsorge sei etwa ein Abkommen mit dem Heiligen Stuhl maßgeblich. Militärseelsorge helfe Soldaten, ihr Recht auf freie Religionsausübung zu verwirklichen. Sie dürfe kein Instrument militärischer Führung sein und nicht deren Oberbefehl unterstehen. Bisher seien Militärseelsorger unabhängig in seelsorglichen Fragen sowie in Bezug auf ihre organisatorische Einbindung in das System Bundeswehr: „Mit dem Ökumenischen Rahmenkonzept würde es sich anders verhalten“, warnt Wehner. Seelsorge und seelsorgliche Dienste würden in die militärische Befehlskette eingebunden. Daraus könnten sich „neue Dilemmata“ ergeben. Es sei beispielsweise fraglich, ob hilfesuchende Deserteure noch unterstützt werden könnten.
Auch die ehemalige evangelisch-reformierte Pastorin Horsta Krum kritisierte am 20. Mai in einem Gastbeitrag für das „Neue Deutschland“, das „Rahmenkonzept“. Es enthalte „erschreckend konkrete Einzelheiten, als finde der Krieg bereits statt“, schreibt Krum. Als Beispiel nennt sie unter anderem, dass getötete Soldaten als „Gefallene“ bezeichnet werden – „genau wie in der militaristischen Vergangenheit Deutschlands, als getötete Soldaten besonders geehrt wurden, zivile Opfer des Krieges dagegen weniger Aufmerksamkeit erfuhren.“
Die Kirchen würden „wie zur Beruhigung“ betonen, dass sie „auf solche Ausnahmezustände durch ihre lange Erfahrung der Notfallseelsorge sehr gut vorbereitet“ seien; es wären lediglich eine Ausweitung und Anpassung der Kapazitäten nötig. Krum kritisiert, die Kirchen „wollen sich offenkundig gerade unverzichtbar machen“ und sich „freiwillig“ an der „allgemeinen Einstimmung auf Kriegszeiten“ beteiligen. Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg sagte im Interview mit dem „Bayerischen Rundfunk“, das „Rahmenkonzept“ sei aufgrund einer Anfrage des Bundesverteidigungsministeriums entstanden. Felmberg wird mit den Worten zitiert: „Weil wir genau wissen, wie wenig Personal die Militärseelsorge hat, haben wir daraus auch geschlossen, dass wir besser aufgestellt sein müssen.“
Die Deutsche Bischofskonferenz war auf Nachfrage von Multipolar nicht zu einer Stellungnahme bereit. „Wir kommentieren Petitionen grundsätzlich nicht“, hieß es von der Pressestelle. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), teilte auf Multipolar-Anfrage mit, sie äußere sich nicht öffentlich zu Petitionen. Man wolle lediglich den Hintergrund des ökumenischen Rahmenkonzepts einordnen. Dazu erklärte ein EKD-Sprecher: „Das Rahmenkonzept ist eine Orientierungshilfe für Verantwortliche für Seelsorge in extremen Krisenlagen.“ Die Kirchen blieben ihrer „friedensethischen Linie“ treu, hieß es weiter. Gewaltfreie Konfliktlösung habe Vorrang. „Gleichzeitig wollen wir in allen Situationen da sein, wo Menschen Beistand und Trost brauchen, sei es bei Naturkatastrophen, Unfällen oder, im schlimmsten Fall, bei einer militärischen Auseinandersetzung.“