Kritiker warnen vor „Ende des Privaten“ durch EU-App zur Altersüberprüfung
Digitalrechtler: Jugendschutz sei Vorwand zur Etablierung von „Regierungs-App“ für das Internet / Von der Leyen: „Prinzip“ und „Modell“ des Covid-19-Zertifikats für „jeden Bürger“ / Anwendung bereits kurz nach Veröffentlichung gehackt
(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)
Die EU-App zur Altersüberprüfung von Internetnutzern ist bereits kurz nach ihrer Präsentation in die Kritik geraten. Patrick Breyer, ehemaliger EU-Abgeordneter der Piratenpartei und auf digitalrechtliche Fragen spezialisierter Jurist, warnte am 16. April gegenüber der „Berliner Zeitung“ vor einem „Ende des Privaten“. Die App sei kein Jugendschutzmechanismus sondern vielmehr „ein Schritt dahin, dass man sich daran gewöhnt, nur noch mit einer Regierungs-App überhaupt Internetdienste benutzen zu können“. Die technischen Barrieren der Anwendung gewährten lediglich eine „Scheinsicherheit“, da sie etwa durch „Virtual Private Networks“ (VPN) umgangen werden könnten. Website-Betreibern sei es zudem trotz aller Sicherheitsvorkehrungen möglich, anhand von Metadaten Verhaltensmuster und Verhaltensprofile von Nutzern zu erstellen.
Die Europäische Kommission hatte eine App entwickeln lassen, die EU-weit zur Altersverifikation für den Zugriff auf soziale Online-Netzwerke („Social Media“) eingesetzt werden kann. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) verkündete die Fertigstellung der bereits seit Juli vergangenen Jahres geplanten Anwendung auf einer Pressekonferenz am 15. April. Von der Leyen sagte, der „harmonisierte europäische Ansatz“ zum Schutz vor „schädlichen und illegalen Inhalten“ folge in „Prinzip“ und „Modell“ den Covid-19-Zertifikaten, die im Zuge der Corona-Krise mit einem „enormen Erfolg“ eingesetzt worden seien.
Mit der bislang nur als Beta-Version verfügbaren App sollen EU-Nutzer den Nachweis erbringen können, um auf altersbeschränkte Webseiten-Inhalte „wie Pornografie, Glücksspiele, den Kauf von Alkohol und andere“ zugreifen zu können. Die Kommission betont, das Programm sei ein „wichtiger Schritt“ bei der Umsetzung des Gesetzes über digitale Dienste („Digital Services Act“). Für die Umsetzung der App zeichnen das schwedische Unternehmen Scytáles und die Deutschen Telekom im Rahmen eines Joint Ventures namens „T-Scy“ verantwortlich. Die Telekom war von der Kommission zusammen mit dem Softwaredienstleister SAP bereits mit der Entwicklung der Covid-19-Zertifikats betraut worden.
Das Portal „Netzpolitik“ hatte den Nutzen der neuen App für Kinder und Jugendliche noch am Tag der Pressekonferenz als „fraglich“ bezeichnet und zudem auf ein Werbevideo der Kommission vom Oktober 2025 verwiesen, wonach auch ein biometrischer Gesichtsscan Teil der Altersüberprüfung sein soll, den von der Leyen bei der Pressekonferenz jedoch ausgeschlossen habe. Eine technische Lösung zur Regulierung von „Social Media“ für Minderjährige mittels digitaler Brieftasche hatte „Netzpolitik“ aufgrund einer drohenden „flächendeckenden Überwachung“ bereits im Zuge der Debatte um ein Social-Media-Verbot in Deutschland kritisiert.
Einen Tag nach Veröffentlichung der App gab der britische Sicherheitsberater Paul Moore an, einen Fehler im App-Design ausgenutzt zu haben, um die Altersverifikation per Ausweisdokument zu umgehen. Moore sprach von einem drohenden „enormen Datenleck“. Telegram-Gründer Pawel Durow kommentierte auf „X“, der seiner Ansicht nach nur scheinbar „überraschende Hack“ habe der EU ein zusätzliches Argument dafür geliefert, „um unsere Freiheit auszuhöhlen“.
Die Tageszeitung „taz“ hatte die Einführung der App als „Kapitulation vor der Realität“ bezeichnet, da Plattformanbieter durch den „Digital Services Act“ ohnehin gesetzlich zur Altersprüfung verpflichtet seien. Das Nachrichtenportal „Nius“ warnte in Zusammenhang mit der expliziten Bezugnahme von der Leyens auf das Covid-19-Impfzertifikat davor, nach der gesellschaftlichen Teilhabe nun auch die „Meinungsfreiheit“ unter Vorbehalt zu stellen. Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen wolle mit der App und weiteren Gesetzen die „neue Medienwelt“ des Internets, „die zur ultimativen Bedrohung für alte, überkommene Macht geworden ist, unter ihre Kontrolle bringen“, kritisierte „Nius“.