Mers-Forschung und Corona-Laborursprung: Drosten untersucht möglichen Zusammenhang
Ausgangspunkt: Bioinformatiker Andreas Lisewski entdeckte Ähnlichkeit der Sars-CoV-2-Furinspaltstelle zu Mers-Laborvirus / Drosten: Studienergebnisse stützen Hypothese nicht, dass Sars-CoV-2 von Mers-Laborvirus stammt / Lisewski: Studienautoren verfehlen Frage nach Ursprung von Mers-ähnlicher Corona-Virus-Sequenz
(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)
Ein Wissenschaftlerteam um den Virologen Christian Drosten hat in einer Ende Juni veröffentlichten Studie untersucht, inwiefern es einen Zusammenhang geben könnte zwischen der Forschung mit Mers-Viren und einem möglichen Laborursprung des Coronavirus. Ausgangspunkt der Studie ist eine Entdeckung von Andreas Lisewski, Hochschullehrer und Forscher im Bereich Bioinformatik an der privaten Constructor University in Bremen. Er fand heraus, dass eine Sequenz der Furinspaltstelle von Sars-Cov-2 eine auffällige Ähnlichkeit zu einer Sequenz eines Mers-Virus aufweist, das 2017 in einem Labor hergestellt worden war. In einem im Dezember 2024 veröffentlichten und begutachteten („peer-reviewed“) wissenschaftlichen Artikel identifizierte er diese Mers-Furinspaltstelle als „präzise molekulare Blaupause für SARS-CoV-2“.
Das Team um Drosten geht in der nun veröffentlichten Studie der Fragen nach, ob sich eine „genetische Beziehung“ zwischen den Mers- und Sars-CoV-2-Sequenzen nachweisen lässt. Hierfür untersuchten die Forscher in einem ersten Schritt einen Datensatz von über 17 Millionen Sars-CoV-2 Genomen. Sie fanden im Erbgut von „früh zirkulierenden“ Sars-CoV-2-Viren keine Zwischenformen, die von dem Mers-Laborvirus stammten. Die Mers-ähnliche Sequenz sei der Genomanalyse zufolge über drei Jahre „ab dem Beginn der Pandemie“ „sporadisch aufgetaucht und verschwunden“. Das Auftreten sei zudem „immer zeitlich und räumlich begrenzt“ gewesen.
In einem zweiten Schritt führte das Team um Drosten ein virologisches Experiment durch und baute die entsprechende Furinspaltstellen-Sequenz aus dem Mers-Laborvirus künstlich in Sars-CoV-2 ein. Sie beobachteten dann, wie sich dieses Viruskonstrukt in Zellkulturen in vitro (das heißt „im Glas“, zum Beispiel auf Petrischalen) entwickelte. Im Ergebnis sei das Viruskonstrukt weniger durchsetzungsfähig gewesen und es hätten sich in der entsprechenden Sequenz Mutationen ergeben, die nicht der Mers-ähnlichen Codierung in Sars-CoV-2 entsprachen.
Insgesamt würden die Ergebnisse nicht für eine „frühe Zirkulation“ von Sars-CoV-2-Viren mit von dem Mers-Laborvirus stammenden Sequenzen in der Furinspaltstelle sprechen. Die Resultate des Experiments würden außerdem die These einer „direkten Entwicklung“ der Sars-CoV-2-Furinspaltstelle aus der entsprechenden Mers-Laborvirus-Sequenz „entkräften“. Die Autoren weisen allerdings auf „mehrere Einschränkungen“ ihrer Studie hin. So könnten die virologischen Laborexperimente die „Komplexität in natürlichen Populationen“ nicht abbilden. Zur Genomanalyse schreiben die Forscher, der untersuchte Datensatz umfasse weniger als 0,5 Prozent aller Sars-CoV-2-Genome. Aufgrund eines „generellen Mangels“ an Sequenzdaten aus der „präpandemischen Phase“ sei es „unmöglich, die Existenz hypothetischer Sequenzen vor dem Auftauchen des bestehenden Virus formal auszuschließen“.
Auch gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ betonte Drosten, man könne nicht „die absolut irrsten Zufälle ausschließen“. Sein Team sei jedoch „so ziemlich zum Äußersten geschritten“, um Belege zu finden. Dabei sei „keinerlei Unterstützung für diese Hypothese“ herausgekommen, dass Sars-CoV-2 aus dem Mers-Laborvirus hervorgegangen sein könnte. Dieser Interpretation widerspricht Lisewski auf Anfrage von Multipolar. Die Arbeit von Drostens Team zeige insbesondere, dass sich eine zum Mers-Laborvirus analoge Furinspaltstelle in Sars-CoV-2 „evolutionsbiologisch weitestgehend unabhängig von der Wuhan Evolutionslinie entwickelte“. Wenn die Furinspaltstelle aufgrund der Vorlage aus dem Mers-Laborvirus „technisch“ eingefügt worden wäre, so würde man genau die von Drostens Team „beschriebene Unabhängigkeit von der der natürlichen Evolution erwarten“.
Lisewski kritisiert, in der Studie fehle „die wichtige Frage nach dem Ursprung“ der frühen Mers-ähnlichen Sars-CoV-2-Sequenzen, die „prä-pandemisch bis März 2020“ zirkulierten. Diese Sequenzen seien „allesamt weit außerhalb von China isoliert“ worden, im Mittleren Osten, in Europa und in Amerika. Diese Sequenzen seien im Vergleich zur Wuhan-Variante „ursprünglicher“. Die dementsprechende älteste bekannte Sars-CoV-2-Sequenz sei bereits am 15. Dezember 2019 in Italien, in der Lombardei, isoliert worden. Lisewski schreibt, Drostens Team würde sich „genau da irren“, indem sie diese Sequenz „erst nach Wuhan“, im Jahr 2020, ansetzten. Er hält eine „global punktuelle Zoonose in der Stadt Wuhan zum Jahresende 2019“ für „unwahrscheinlich“ und verweist auf frühe Studien zu einem möglichen „Doppelursprung“ von Sars-CoV-2 in Europa und China.
Lisewski betont gegenüber Multipolar, es sei „überaus wichtig, dass sich führende Virologen wie Drosten weiterhin mit der Ursprungsfrage von SARS-CoV-2 wissenschaftlich beschäftigen“. Aus seiner Sicht ist es nach wie vor plausibel, dass der Mers-Laborvirus-Sequenz „womöglich eine Schlüsselrolle als eine molekulare Vorlage für die Furinspaltstelle in SARS-CoV-2“ zukommt. Die Ergebnisse von Drostens Team würden „keineswegs“ seine Arbeit vom Dezember 2024 „widerlegen“, sondern eher die Möglichkeit einer von der natürlichen Evolution unabhängigen Verwendung der Mers-Vorlage unterstützen.
In einem Interview mit Multipolar betonte im vergangenen Jahr auch der Rechercheur Dirk Gerhardt die Bedeutung von Lisewskis Entdeckung mit Blick auf die Eigenschaften von Sars-CoV-2. Bereits zuvor hatte der US-Forscher Jim Haslam einen Gastbeitrag eines „besorgten, aber anonymen Wissenschaftlers“ auf seiner Seite veröffentlicht. Gegenstand der Besorgnis war der Forschungsverbund RAPID (Risk Assessment in Pre-pandemic Respiratory Infectious Diseases), den Drosten koordiniert. Eines der Forschungsprojekte habe sich zwischen 2017 und 2022 mit Mers-Gain-of-Function-Forschung und der „Erprobung von Pandemiepotenzialen“ beschäftigt. Ferner seien Forschungsarbeiten in Kooperation mit einer „Spezialeinheit für infektiöse Erreger“ („Special Infectious Agents Unit“) am King Fad Medical Research Center in Saudi-Arabien durchgeführt worden. Der Gastbeitrag warf unter Verweis auf Lisewskis Arbeit die Frage auf, ob diese Forschungsarbeiten in einem Zusammenhang zur Corona-Krise stehen könnten. Drosten wies das damals auf Multipolar-Anfrage zurück.