Nach Aufruhr gegen Zwangsrekrutierung in Lemberg: Politik und Justiz wollen gegen Protestierende vorgehen
Hunderte Zivilisten in gewalttätiger Auseinandersetzung mit staatlichen Rekrutierungsbeamten / Selenski: Haltung gegenüber Militärpersonal in ukrainischer Bevölkerung „sehr schlecht“ / Menschenrechtsbeauftragter: System der Zwangsrekrutierung muss reformiert werden
(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)
Nach einem gewalttätigen Massenaufruhr gegen staatliche Wehrdienstkontrolleure in der westukrainischen Großstadt Lemberg (Lwiw) haben ukrainische Politiker Ermittlungen gegen die Protestierenden angekündigt aber auch Kritik an den Rekrutierungsmethoden des Militärs geäußert. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski habe sich laut dem Sender „TSN“ sogar „zum ersten Mal zu diesem viel diskutierten Thema“ gewaltsamer Rekrutierungen geäußert. Bei dem Protest dagegen in Lemberg handele es sich um einen „sehr schlimmen Vorfall“, sagte Selenski vor Journalisten in Kiew. Die Haltung gegenüber Militärangehörigen sei in der ukrainischen Bevölkerung „sehr schlecht“, erklärte er weiter. „So darf es nicht sein.“ Das Innenministerium werde sich um die Protestierenden „im Rahmen der geltenden Gesetzgebung“ kümmern, kündigte Selenski an.
In Lemberg hatten laut Polizei mehr als 200 Menschen am Abend des 8. Juli gegen die Zwangsrekrutierung eines 30-jährigen Mannes protestiert und dabei Mitarbeiter des regionalen Rekrutierungszentrums (TZK) auf der Straße umzingelt, körperlich angegriffen und Autos der Behörde zerstört. Auch Schüsse waren gefallen, mehrere Menschen waren verletzt worden. Zuvor sollen die Rekrutierer Augenzeugen zufolge einen Zivilisten verprügelt und in einen Kleinbus der Behörde gedrängt haben, woraufhin sich Anwohner versammelten, um dem Mann zu helfen.
Die Lemberger Stadtverwaltung hatte wegen des Aufruhrs, der sich ihr zufolge über rund sechs Stunden hinzog, eine Krisensitzung einberufen. Der Lemberger Bürgermeister hatte das Verhalten der Protestierenden als „beschämend“ bezeichnet. Es sei „inakzeptabel, Soldaten an der Ausübung ihrer Dienstpflichten zu hindern, Eigentum zu zerstören oder das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen“. Der Aufruhr nütze nur Russland. Die Einwohner der Stadt sollten nicht vergessen, wer der „wahre Feind“ sei.
Mehrere hochrangige ukrainische Politiker und Militärverantwortliche hatten die Proteste der Anwohner ebenfalls kritisiert. Kyrylo Budanow, Leiter des Präsidialamtes und früherer Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, schrieb zum Vorfall in Lemberg, er erwarte eine „angemessene Reaktion der Strafverfolgungsbehörden“. Weiter betonte er an die Lemberger Bevölkerung gerichtet: „Wenn ihr heute einem Soldaten eurer eigenen Armee die Kleidung vom Leib reißt und ihn schlagt, dann denkt daran, wer euch morgen vor der feindlichen Armee schützen wird, die euch genauso schlagen und die Kleidung vom Leib reißen wird.“ Der Generalstab der ukrainischen Armee teilte mit, der Angriff auf die TZK-Rekrutierer sei eine „direkte Bedrohung für die Verteidigungsfähigkeit des Landes“. Ukrainische Soldaten an der Front müssten darauf vertrauen können, dass der Staat „Recht und Ordnung“ im Hinterland gewährleiste.
Ukrainische Politiker äußerten jedoch auch Kritik am Verhalten der Wehrbehörden. Selenski selbst betonte, auf eine geplante Reform der Mobilmachung anspielend, das Verteidigungsministerium müsse „alles tun, was es versprochen habe“. Im Januar 2026 hatte er den ukrainischen Verteidigungsminister Michailo Fedorow beauftragt, das Problem der umgangssprachlich so bezeichneten „Bussifikazija“ zu lösen. Hierbei handelt es sich um gewaltsame Festnahmen wehrfähiger ukrainischer Männer, die von bewaffneten TZK-Angehörigen auf offener Straße überwältigt und in Kleinbusse geworfen werden, um sie zu Mobilmachungszentren der ukrainischen Armee zu bringen. Auch in Deutschland wurde zuletzt in Medien öffentliche Kritik an den Rekrutierungsmethoden in der Ukraine geäußert.
Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments Dmitro Lubinets erklärte, der Fall zeige eine „tiefgreifende Vertrauenskrise gegenüber den Mobilisierungsprozessen“. Die faktische Straffreiheit der TZK-Rekrutierer führe zu „wachsenden gesellschaftlichen Spannungen und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen“ in der Ukraine. Recht und Gesetz müssten auch für Rekrutierungsbeamte gelten. Das Verteidigungsministerium müsse die Mobilisierung sofort transparent reformieren.
Militärombudsfrau Olga Reschetilowa sagte, die Verantwortung für den Aufruhr trügen die Regierung, die militärisch-politische Führung sowie die Kommunalverwaltung. Der Leiter der Lemberger Regionalverwaltung Maxim Kositzki forderte, dass Mobilisierungsmaßnahmen „rechtmäßig, gerecht und unter Achtung der Würde der Bürger der Ukraine“ erfolgen müssen. Der Generalstab der ukrainischen Armee ordnete eine dienstliche Überprüfung der Handlungen der TZK-Mitarbeiter an. Sie würden „bestraft“, falls „Verstöße“ ihrerseits festgestellt werden sollten.
Auch in sozialen Online-Netzwerken äußerten ukrainische Leser, dem Sender „TSN“ zufolge, massive Kritik an den Methoden der ukrainischen Rekrutierungsbehörde. Regierung und Justiz sollten besser die TZK-Rekrutierer bestrafen. Diese seien keine „Soldaten“, die die Ukraine verteidigen, sondern „Unmenschen in Sturmhauben“, die Menschen „entführen“. Sie greifen regelmäßig Zivilisten mit Reizgas an und nähmen nicht mal Rücksicht auf Ehefrauen und Kinder, heißt es weiter in Kommentaren. Regelmäßig kommt es zu Todesfällen im Zusammenhang mit Zwangsrekrutierungen in der Ukraine. Im November 2025 starben in der südukrainischen Stadt Mykolajiw neun Menschen, darunter sieben TCK-Männer bei einem Feuergefecht mit einem wehrpflichtigen Mann und dessen Großvater.