Ricarda Lang: Corona-Besuchsverbote in Hospizen waren „grausam“ und „unmenschlich“
Grünen-Politikerin in Interview: Auch lange Kita- und Schulschließungen waren „falsche Entscheidung“ / Lang: Untersuchungsausschuss zur Corona-Politik wäre falsch, weil er „aufdecken“ wolle, was Politiker „verbrochen“ hätten / Trotz vorhandenem Pandemieplan: Politik habe ohne „Blaupause“ handeln müssen
(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)
Die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Ricarda Lang, hält die Besuchsverbote in Hospizen während der Corona-Zeit nachträglich für „grausam“ und „ziemlich unmenschlich“. Im Podcast „ungeskriptet“ von Benjamin Berndt sagte sie, man hätte die betroffenen Personen selbst eine „Risikoabwägung“ treffen lassen sollen, „wenn es darum geht, eine Frau, einen Vater, ein Kind im Sterben zu begleiten“. Eine weitere „falsche Entscheidung“, die sie im Rückblick belaste, seien die „im Vergleich zu anderen Ländern“ langen Kita- und Schulschließungen. Lang verwies auf die Zunahme kommunikativer und psychischer Probleme wie etwa Depressionen bei Kindern.
Anders als Schulen seien Fabriken und Büros „ehrlicherweise“ nicht geschlossen worden, weil man der Ansicht gewesen sei, dort werde „irgendwie Wert geschaffen“, erklärte Lang. Mit einer ähnlichen Argumentationslogik forderte seinerzeit die Initiative „Zero Covid“ einen „solidarischen europäischen Shutdown“, der nicht nur die Schließung von Schulen, sondern auch von „Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen“ umfassen sollte. Die Initiatoren wollten so Gesundheitsschutz „gegen die Interessen der Wirtschaft und großer Teile der Politik erkämpfen“.
Linke Stimmen warfen den Lockdownbefürwortern damals vor, die gesamte Coronakrise politisch und ökonomisch misszuverstehen. Die Historikerin Tove Soiland schrieb etwa: „Ökonomisch gesehen lohnt es sich offenbar für die private Kapitalakkumulation, ab und zu einen Lockdown zu finanzieren, und dafür das öffentliche Gesundheitswesen weiterhin kaputtzusparen.“ Der marxistische Theoretiker Fabio Vighi erläuterte wiederum, die Lockdowns hätten geholfen, eine Hyperinflation zu vermeiden. Eine solche habe gedroht, weil die kollabierenden Finanzmärkte im September 2019 mit „riesigen Summen Geld“ geflutet worden seien. Die Corona-Maßnahmen seien somit im Dienste des Finanzkapitalismus und nicht per se gegen die Interessen der Wirtschaft erfolgt.
Im Gespräch verteidigte Lang die Corona-Enquete-Kommission im deutschen Bundestag gegenüber einem Untersuchungsausschuss. Letzterer wolle „aufdecken“, was „verbrochen“ oder „böswillig falsch gemacht“ worden sei. Ein solches „Scherbengericht“ sei „nicht die richtige Herangehensweise“. Lang wies eine umfassende Verantwortung ihrer Partei indirekt von sich: „Wir waren damals gar nicht in der Regierung. Wir waren in der Opposition“, sagte sie. Auch der spätere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sei „noch gar nicht im Regierungsamt“ gewesen, „während der Großteil der Maßnahmen erfolgt ist“. Die Debatte um die allgemeine Impfpflicht war während des Podcasts kein Diskussionspunkt. Sowohl Lang als auch Lauterbach stimmten im April 2022 dafür, wie zuvor auch schon für die einrichtungsbezogene Impfpflicht.
Lang betonte, die verantwortlichen Politiker hätten „möglichst viele Infektionen“ und damit „auch möglichst viele Tote“ verhindern wollen. Sie halte das „nach wie vor für ein legitimes Ziel“. Für die Zukunft müsse man „daraus lernen“, denn „das Risiko von solchen Pandemien nimmt zu“. Während der Corona-Krise hätten weitreichende Entscheidungen „sehr kurzfristig“ und „auf Basis von sehr schnell gefundenen wissenschaftlichen Erkenntnissen“ getroffen werden müssen. „Es gibt keine Blaupause, wie man handelt“, sagte sie.
Tatsächlich hatte das Robert Koch-Institut (RKI) bereits 2012 im Auftrag des Bundesinnenministeriums ein Pandemieszenario erstellt. Zudem lag zu Beginn der Coronakrise ein „Nationaler Pandemieplan“ vor, der zuletzt 2016 und 2017 überarbeitet worden war. Der ehemalige Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler bezeichnete den Pandemieplan in einem Interview 2025 nach wie vor als „ausgezeichnet“. Gleichzeitig räumte er ein, dass die einflussreiche Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) laut Pandemieplan „nicht vorgesehen“ gewesen sei und diesen „quasi ausgehebelt“ habe.
Der AfD-Sachverständige der Corona-Enquete-Kommission, Stefan Homburg, veröffentlichte jüngst ein Thesenpapier „zur Bewertung der Gefahrensituation im März 2020“. Er bezieht sich darin auf amtliche Datenbanken und Protokolle des RKI, die „zweifelsfrei“ belegen würden, „ dass Grenzschließungen, Lockdowns, Kita- und Schulschließungen, Maskenzwang und Kontaktverbote politische Entscheidungen“ gewesen seien. Sie hätten in „eklatantem Widerspruch“ zu der im März 2020 vorliegenden klinischen Lage gestanden und „ebenso in Widerspruch zu den Empfehlungen des RKI“.