Selenski: Ukraine kann nur noch ein Drittel des Strombedarfs decken
Russische Angriffe auf Energieinfrastruktur betreffen gesamte Bevölkerung / Landesweite Strom- und Heizausfälle bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad / Trump: Selenski verzögert Friedensschluss
(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)
Seit Anfang Januar greifen die russischen Streitkräfte vermehrt die Rüstungsindustrie und die Energieinfrastruktur der Ukraine mit Langstreckendrohnen und ballistischen Raketen an. Die Zerstörungen haben bei Außentemperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius erhebliche Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. In mehreren Regionen der Ukraine hatten die Raketen- und Drohnenschläge auf Umspann-, Heizkraft- und Wärmekraftwerke langfristige Strom- und Heizausfälle zur Folge. Der ukrainische Präsident Wolodomir Selenski erklärte am Freitag (16.1.), das Land könne nur noch ein Drittel seines Strombedarfs decken. Er rief den Notstand für den gesamten Energiesektor aus und ordnete Energieimporte an.
Mit der Konzentration der russischen Angriffe auf die rund 3.500 Umspannwerke des Landes, sei die „verfügbare Erzeugungskapazität“ laut der ukrainischen Nachrichten-Webseite „Euromaidan Press“ stark gesunken und zwinge die Fabriken insbesondere an kalten Tagen zu „Notabschaltungen“. So sei es bei den russischen Drohnenangriffen am 7. und 8. Januar zu einem „fast vollständigen Stromausfall“ in den Regionen Saporischschja und Dnipropetrowsk gekommen. Saporischstal, der einzige verbliebene „Vollzyklus-Stahlproduzent“ des Landes, habe daraufhin den gesamten Betrieb eingestellt.
Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew, forderte nach einem Angriff in der Nacht zum 9. Januar die Einwohner auf, die Stadt zu verlassen, da die Hälfte der Gebäude ohne Heizung sei. Die Ausfälle der Strom- und Wärmeversorgung hätten ein Ausmaß erreicht, das in den vier Jahren des Krieges „noch nie zuvor zu beobachten“ war, erklärte Klitschko. Die „Washington Post“ berichtete von einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Selenski. Dieser warf den Kiewer Behörden demnach vor, zu wenig getan zu haben, um den Energienotstand zu bewältigen. Klitschko wehrte sich gegen die Kritik und bezeichnete den Kommentar des Präsidenten als „nichts als Hass“. Die Auseinandersetzung unterstreiche, so die Zeitung, die politischen Unruhen im Land. Die durch Korruptionsvorwürfe geschwächte Regierung versuche offenbar, Punkte gegen ihre politischen Rivalen zu sammeln.
Neben Kiew waren von weiteren nächtlichen Luftangriffen hauptsächlich die Städte Charkiw, Dnipro, Saporischschja, Krywyj Rih und Odessa im Süden und Osten des Landes betroffen. Auch dort kam es zu längerfristigen und weiträumigen Stromausfällen. Angegriffen wurden auch Orte in der Region Tschernihiw sowie die Stadt Lwiw im Westen der Ukraine. Nach russischen Angaben soll der Drohnenanschlag auf den Wohnsitz von Russlands Präsident Wladimir Putin in Waldai Ende Dezember aus der Region Tschernihiw erfolgt sein. Der Angriff mit der ballistischen Mittelstreckenrakete vom Typ „Oreschnik“ auf ein Flugzeugreparaturwerk in Lwiw wurde vom russischen Verteidigungsministerium als Vergeltung für den Anschlag bezeichnet und international als Warnung an den Westen gewertet.
Derweil erklärte US-Präsident Donald Trump gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass nicht Russland, sondern die Ukraine ein mögliches Friedensabkommen verzögere. Putin sei „bereit für ein Abkommen“, den Krieg zu beenden, die Ukraine hingegen sei „weniger bereit dazu“. Auf die Frage, warum die Verhandlungen noch nicht zu einem Friedensschluss geführt hätten, antwortete Trump: „Selenski“.