Corona-Aufarbeitung

Studie: Übersterblichkeit während Grippewelle Ende 2022 höher als in allen COVID-19-Wellen

Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des Gesundheitsministeriums ausgewertet / Auch Zahl der Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte sowie Auslastung der Intensivbetten während Grippewelle höher als während aller Corona-Wellen / Forscherin: „kein auffallend großes Infektionsgeschehen“ während Corona-Krise

(Diese Meldung ist eine Übernahme von Multipolar)

Die Grippewelle in Deutschland Ende 2022 stand in Zusammenhang mit einer Übersterblichkeit, die höher war als in jeder der sieben vorangegangenen COVID-19-Wellen. Das ist das Ergebnis einer begutachteten („peer-reviewed“) und Mitte Juni veröffentlichten Studie zweier deutscher Wissenschaftler, die Zahlen des Statistischen Bundesamtes ausgewertet haben. Fast die Hälfte der überzähligen Todesfälle in Deutschland im Jahr 2022 habe sich demnach in den letzten Wochen des Jahres ereignet. Dieser Befund sei aufgrund der bisherigen Fokussierung auf COVID-19 „übersehen“ worden. Zudem zeigten die Überwachungsdaten des Bundesgesundheitsministeriums, dass in der Grippewelle Ende 2022 die Zahl der Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte aufgrund von Atemwegserkrankungen „bei weitem am höchsten war“ und „die Auslastung der Intensivbetten höher war als während der gesamten SARS-CoV-2-Pandemiejahre und -Wellen – bis heute“, schreiben die Autoren der Studie.

Die Forscher – Ursel Heudorf, Professorin für Hygiene, Umweltmedizin und öffentliches Gesundheitswesen sowie ehemalige stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes Frankfurt am Main, und Professor Bernd Kowall, Lehrbeauftragter am Universitätsklinikum Essen – haben die Übersterblichkeit auf Basis der Todesfallzahlen des Statistischen Bundesamtes ermittelt. Das Ergebnis und der Zusammenhang der Übersterblichkeit Ende 2022 mit einer europaweiten Grippewelle seien „robust“ – selbst unter Berücksichtigung eines Anstiegs der Lebenserwartung.

Die Forscher verweisen unter anderem auf eine Schweizer Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass die 30-Tage-Sterblichkeitsrate bei hospitalisierten COVID-19-Patienten zwischen Anfang 2022 und Anfang 2023 nicht höher lag als bei hospitalisierten Grippepatienten im Zeitraum Ende 2018 bis Anfang 2023. Allerdings habe diese Rate laut weiterer Studien in der ersten Phase der Corona-Krise (2020 bis Januar 2021) bei hospitalisierten COVID-19-Patienten um das 2,3– bis 2,9-Fache höher gelegen als bei Patienten, die wegen einer Influenza im Krankenhaus behandelt wurden. Demnach waren die ersten Corona-Varianten im Vergleich zu Influenza gefährlicher, die Omikron-Variante wies jedoch ähnliche Sterblichkeitsraten bei Hospitalisierten auf wie Influenza.

In einem Interview mit dem Schweizer Nachrichtenportal „Infosperber“ kritisierte Heudorf, Hauptautorin der Studie, die politischen Entscheidungen in der Corona-Krise. Sie habe angesichts der Zahlen „überhaupt nicht den Eindruck, dass da ein besonders gefährliches Atemwegsvirus in Deutschland grassierte“. Die bewährten Überwachungsinstrumente Grippeweb (Daten aus der Allgemeinbevölkerung), ärztliche Sentinel-Praxen (Daten aus Haus- und Kinderarztpraxen) und ICOSARI (Daten aus Krankenhäusern) hätten gezeigt, dass während der Corona-Krise im Vergleich mit den Vorjahren „kein auffallend großes Infektionsgeschehen“ festzustellen gewesen war. Die Daten seien „während der ganzen Pandemie erhoben und wöchentlich veröffentlicht“ worden, aber sie seien weder der Bevölkerung kommuniziert worden, noch hätten sie die politischen Entscheidungen beeinflusst, erklärte Heudorf.

Des Weiteren stellte die Forscherin im Interview die Frage, ob in der Corona-Krise Maßnahmen sinnvoll waren, die weit über die Empfehlungen des Pandemieplans hinausgingen. Der Pandemieplan sei zu Beginn der Corona-Krise mit Blick auf SARS-CoV-2 aktualisiert und im März 2020 veröffentlicht, aber nicht umgesetzt worden. Wie viele andere Länder sei auch Deutschland vom eigenen Pandemieplan abgewichen und habe weitreichende Einschränkungen des täglichen Lebens und der Freiheiten verhängt, „ohne die Evidenz, mögliche negative Auswirkungen, das Kosten-Nutzen-Verhältnis oder den Ressourcenverbrauch klar zu bewerten“. Schweden habe hingegen seinen bestehenden Pandemieplan umgesetzt, der weitgehend auf Empfehlungen beruhte – und habe bis 2022 die niedrigste kumulative Übersterblichkeit in allen westlichen Ländern gehabt.

Es lägen keine belastbaren Belege dafür vor, dass das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit und in der Allgemeinbevölkerung sowie das Massentesten die Virus-Übertragungen, die Infektionen oder die Sterblichkeit reduziert haben, ergänzte Heudorf gegenüber „Infosperber“. Weder das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit noch die Massentests seien im Pandemieplan vorgesehen gewesen. Gegen den Rat von Fachleuten habe Deutschland allein für das Testen von Schülern 960 Millionen Tests pro Jahr gebraucht, etwa 5,7 Milliarden Euro dafür ausgegeben und 960 Millionen Tonnen Abfall produziert. Bei einer Inzidenz von zehn Testpositiven pro 100.000 Einwohner habe dies zu Ausgaben von 350.000 Euro für ein einziges positives Testresultat geführt – ohne sicher zu sein, dass die betroffene Person ansteckend war. Die definierten Schwellenwerte bei den regionalen „7-Tage-Inzidenzen“ seien oft allein dadurch erreicht worden, dass man Schüler dreimal pro Woche testete, erläuterte die Medizinerin.

Bereits 2023 hatte Heudorf die Abweichung der Corona-Maßnahmen vom Pandemieplan und den Umgang mit Kritikern öffentlich bemängelt sowie eine Aufarbeitung der Corona-Krise gefordert. Sie hätte sich zudem gewünscht, dass sich gerade Experten aus dem Öffentlichen Gesundheitsdienst mit fachlicher und juristischer Kompetenz während der Corona-Krise „offensiver kritisch zu Wort gemeldet hätten“. Es seien eher Rentner wie sie gewesen, die sich kritisch geäußert hätten, „wenn sie überhaupt eine Möglichkeit zur Veröffentlichung erhielten“. Heudorf berichtete auch davon, dass viele Mitarbeiter im Öffentlichen Gesundheitsdienst intern die „Sinnlosigkeit und Fragwürdigkeit“ der „immer weiter ausufernden Aufgaben“ fachlich kritisiert hätten. Jedoch hätten diese kritischen Betrachtungen aufgrund von „Loyalitätspflichten“ nicht nach außen dringen dürfen. „Wenn es doch geschah“, so Heudorf, „lief man Gefahr, entlassen oder versetzt zu werden“.

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