Wirtschaftsexperten: Militarisierung des Dollars Grund für fortschreitende „Entdollarisierung“
Bericht: Staaten des globalen Südens entwickeln „finanzielle Fluchtwege“ aus US-dominiertem Finanzsystem / Studien: Verstärkte Zusammenarbeit der BRICS-Staaten ausschlaggebend für Reformation des globalen Zahlungssystems / Unterschiedliche Motive der BRICS-Staaten zur Abkehr vom Dollar
Die abnehmende Nutzung des Dollars in der Weltwirtschaft geht auf den seit Jahren andauernden Einsatz der US-Währung durch Washington als „Waffe eines imperialen Systems“ zurück. Zu dieser Erkenntnis gelangt das Nachrichtenportal „Zero Hedge“ in einem Artikel, der Fachbeiträge aus Russland, Deutschland und China zusammenfasst. Die USA hätten Russland von westlichen Finanzkanälen abgeschnitten, den Iran mit Sanktionen „erstickt“ sowie zahlreiche weitere Länder mithilfe des Dollars zu „Geiseln der US-Außenpolitik“ gemacht, heißt es in dem Beitrag. Demnach hätten dadurch Regierungen weltweit erkannt: Kein Land könne Souveränität für sich beanspruchen, wenn „eine andere Macht seinen Handel einfrieren, seine Banken lahmlegen und seine Zahlungen kontrollieren“ könne.
Dies alles habe einen „Großteil des Globalen Südens“ dazu veranlasst, eigene „finanzielle Fluchtwege“ zu erschließen. „Entdollarisierung“ sei nunmehr keine „Fantasievorstellung“ der inzwischen zehn BRICS-Staaten – darunter Brasilien, Russland, Indien, China und Iran –, heißt es in dem Bericht weiter. Sondern diese Entwicklung nehme bereits konkrete Gestalt an unter anderem durch zunehmenden Handel in Landeswährungen, durch souveräne Zahlungssysteme oder durch Entwicklungsfinanzierung, die die Abhängigkeit von westlich kontrolliertem Kapital verringert.
Yang Lyu von den „China Institutes of Contemporary International Studies“ in Peking stellt fest, dass der Anteil des US-Dollars an den globalen Devisenreserven bis Ende 2024 auf unter 58 Prozent gesunken ist, sein Anteil am grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr auf 42,6 Prozent. Treiber dieser Entwicklung seien einerseits die wachsende Wirtschaftskraft der BRICS-Länder, andererseits die zunehmende Verwendung des Dollars als Waffe im Rahmen westlicher Sanktionen – etwa der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System. Er empfiehlt den BRICS-Staaten die einzigartige Rolle Hongkongs bei der Förderung der Zusammenarbeit im Bereich des digitalen Zahlungsverkehrs voll auszuschöpfen. Als einziges globales Finanzzentrum der BRICS-Staaten habe sich Hongkong zu einem führenden „Kryptowährungs-Hub“ im asiatisch-pazifischen Raum entwickelt, erklärt Yang.
Jörg Mayer, früherer leitender Referent für Wirtschaftsfragen der Vereinten Nationen, sieht in seinem Fachartikel neben dem technologischen Wandel den Vertrauensverlust in den Dollar sowie die Anfälligkeit der makroökonomischen Autonomie der Länder für US-Zinspolitik und globale Finanzzyklen als Motivation für die „Entdollarisierung“. Der wahrscheinlichste Weg dahin sei die technologische Transformation der Zahlungsinfrastruktur. Hierunter fallen aus seiner Sicht insbesondere die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) wie beispielsweise Blockchain sowie Großbetragszahlungen in digitalem Zentralbankgeld, eine technische Weiterentwicklung des Zentralbankgelds. Die verbesserte Zahlungsinfrastruktur verspreche vor allem Ländern mit schwächeren Währungen erhebliche Vorteile: mehr makroökonomische Autonomie, geringere Reservekosten und stärkere finanzielle Inklusion.
Die russischen Autorinnen Anastasia Podrugina und Violetta Romanowa von der Moskauer Universität „Higher School of Economics“ weisen darauf hin, dass aufgrund der Sanktionen bereits über 90 Prozent des russischen bilateralen Handels mit China und Indien in nationalen Währungen abgewickelt werden. Seit Anfang 2023 übersteige der Yuan den Dollar zudem als dominante Währung im chinesischen Außenhandel. Die Motivation der einzelnen BRICS-Mitglieder zu Abkehr vom Dollar sei jedoch sehr unterschiedlich. China verfolge „geopolitische Ambitionen“, Russland suche „Sanktionsumgehung“, andere Länder wollten vor allem „Transaktionskosten“ senken. Diese Verschiedenartigkeit bremse die Kooperation der BRICS-Staaten. Die infrastrukturelle Grundlage existiere zwar in Teilen, funktioniere aber noch nicht vollständig. Viele angekündigte Instrumente wie gemeinsame Anleihefonds, die digitale Zahlungsplattform „BRICS Bridge“ oder eine Börsenallianz seien noch nicht realisiert worden.