Medien

Der 11. September – Focus TV dreht einen Film

Die Wahrheit ist schwer zu ertragen.

Von REGINE NAECKEL, 11. September 2008:

Wie jedes Jahr liefern sich die Medien auch dieses Mal zum Jahrestag der Anschläge von New York und Washington wieder eine Schlacht in Sachen Wahrheitssuche. Das Ergebnis ist in der Regel nicht nur ernüchternd. Vielmehr scheinen sämtliche Berichte dem ehernen Gesetz zu gehorchen, ja nicht von der offiziellen Version abzuweichen.

Dazu werden erst einmal sämtliche Skeptiker in einen Topf mit Spinnern und Sonderlingen gepackt. Doch nun ist vor Kurzem ein aktueller Bericht des NIST (National Institut for Standard and Technology) erschienen, in dem das Institut die ultimativen Erklärungen für den mysteriösen Zusammenbruch des World Trade Center 7 zu liefern vorgibt.

Das WTC 7 stand unweit der beiden Türme. Allerdings war es weder von einem Flugzeug getroffen worden noch hatte es infolge des Einsturzes dieser Bauten nennenswerte Schäden an der Statik genommen. Trotzdem stürzte es am späten Nachmittag des 11. September ein.

Die Suche nach Verschwörungstheoretikern

Dieses Phänomen war auch der Redaktion von Focus TV zu Ohren gekommen, und man ging eilends daran, einen Film für das wöchentliche Magazin (freitags, 23:45 Uhr auf Pro7) zu schustern. Neben dem „dicksten Mann der Welt“ und einer investigativen Recherche über „Pumas Sneakers“ würde sich ein wenig Politik in der Sendung am 12. September ganz gut machen.

Im Internet wurde man schnell fündig, gibt es da doch einen Architekten aus den USA, der behauptet, das WTC 7 müsse gesprengt worden sein, weil es aufgrund seiner Bauart unmöglich nach einem Feuer einstürzen kann. Ae911.truth.org heißt die Seite, Richard Gage der Architekt. Und die findigen Focus-Rechercheure stellten schnell fest, dass unter den internationalen Architekten und Ingenieuren, die sich der Forderung Gages nach einer neuen unabhängigen Untersuchung angeschlossen haben, auch eine Deutsche steht.

Am Dienstagnachmittag (09.09.2008) klingelt das Telefon. „Hier ist Kirsten Moser von Focus TV, haben Sie etwas mit 9/11 zu tun?“ Verdutzte Antwort: „Ja, in gewisser Weise schon. Wie meinen Sie das?“ Kirsten Moser: „Na, ich wollte fragen, ob Sie zu der Organisation der Architekten und Ingenieure gehören?“ Antwort: „Na ja, das ist keine Organisation, aber ich bin auf der Webseite eingetragen und unterstütze deren Bemühungen.“ Erleichterung auf der anderen Seite, man hat offensichtlich einen deutschen Gesprächspartner gefunden. Ein Pluspunkt für die junge Rechercheurin in ihrem harten Alltag: „Es geht um das WTC 7, das ja auf etwas eigentümliche Weise am Nachmittag des 11. September einstürzte. Darüber wollen wir einen Filmbericht in Focus TV machen. Darf ich Ihnen dazu ein paar Fragen stellen?“ „Im Prinzip ja, es kommt ganz darauf an, was Sie berichten wollen.“

„Wir wollen das Thema ganz sachlich angehen, mit Richard Gage in den USA versuchen wir gerade, einen Interviewtermin zu bekommen. Es gibt ja da den neuen NIST-Report, und daran gibt es wohl einige Kritik. Was meinen Sie denn, wie das Haus eingestürzt ist?“ Antwort: „Ich bin kein Hellseher, sondern lasse mich von meinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen in der Beurteilung leiten. Da kann ich nur sagen: Ein Haus kann erst einmal nicht in Fallgeschwindigkeit zu Boden rauschen, ein Hochhaus mit Stahlträgern kann darüber hinaus nicht einfach schmelzen. Alles, was am Nachmittag des 11. September mit dem WTC 7 passiert ist, widerspricht den Gesetzen der Natur – zumindest denen, die wir bis heute kennen und auf denen unsere Wissenschaft beruht. Um Materie in Fallgeschwindigkeit der Erdanziehung gehorchen zu lassen, muss entweder ein Vakuum herrschen oder, wenn andere Materie im Wege ist, muss zusätzliche Energie hinzugefügt werden.“

Kirsten Moser klingt begeistert: „Meinen Sie denn, dass das Haus gesprengt wurde?“ Zurückhaltende Antwort: „Ich meine gar nichts, denn ich spekuliere nicht. Alles was ich weiß: So wie es laut offizieller Version sein soll, kann es nicht gewesen sein. Das wäre wider alle Logik, und davon bin ich kein Freund. Ich möchte deshalb gerne wissen, wodurch das Haus einstürzte und wer dafür verantwortlich ist. Das ist alles.“

Kirsten Moser hat ‚ihre Frau’ offensichtlich gefunden: „Könnten wir denn ein Interview mit Ihnen machen, wir können gleich morgen zu Ihnen kommen?“ „Nö – so einfach ist das nicht! Ich bin nämlich selbst jahrelang beim Fernsehen gewesen und erfahren genug, um zu wissen, dass nicht immer seriös gearbeitet wird. Erst einmal möchte ich von Ihnen hören, welche Gesprächspartner in dem Beitrag zu Wort kommen und wie das gesamte Stück aufgebaut werden soll, dann entscheide ich das.“ Ein etwas betretener Abschied auf der Gegenseite.

Wir haben uns auf Mittwoch vertagt, dann wollte man mir die erwünschten Angaben machen.

Am nächsten Nachmittag klingelt das Telefon, auf dem Display eine Münchner Nummer. Aha, das wird Focus TV sein. Und richtig, doch nun ist nicht mehr Kirsten Moser am Apparat, sondern Frau Voigtländer. Ein Name, der gut zu Focus passt. Aber sie versichert mir, dass sie leider nicht mit dem Kamerahersteller verwandt sei.

Dann hätte sie das, was dann passierte, vielleicht auch nicht nötig:

„Ich wollte einen Interview-Termin mit Ihnen vereinbaren, wir wollten morgen mit dem Filmteam zu Ihnen kommen.“ „Stopp, stopp. Zuerst einmal wollten wir heute darüber sprechen, welche Gesprächspartner noch interviewt werden, und zweitens gibt es von meiner Seite einige Bedingungen.“ „Ach so.“ Pause. Vielleicht dachte sie, ich wollte Geld. Doch mein Wunsch war viel verheerender: „Ich möchte erstens im Vorhinein genau wissen, wer zu Wort kommt, zweitens, wie Sie den Film aufbauen, und dann würde ich trotzdem mein Interview nur unter der Prämisse freigeben, dass ich nach dem Schnitt den gesamten Kommentartext inklusive aller O-Töne zu lesen bekomme.“

„Hmm – ja. Das muss ich erst einmal klären.“ Die forsche Stimme an anderen Ende wird leiser. Mein Einwand, das müsse sie verstehen, ich ließe mich nicht in eine Ecke mit Spinnern stellen und mir nicht von Focus an meiner Reputation flicken, ließ sie wieder etwas geschmeidiger werden. „Nein, nein, wir machen das Ganze ganz sachlich und objektiv. Wir befragen nur Experten und wollen Sie auf keinen Fall in irgendeiner Weise diskreditieren. Ich werde das klären und rufe dann zurück.“

Expertenauswahl à la Focus

Es vergehen keine zehn Minuten, wieder die Münchner Nummer auf dem Display. „Ja – das geht alles in Ordnung. Kein Problem.“ „Das klingt gut. Dann möchte ich also erst mal wissen: Klappt das mit dem Interview mit Richard Gage?“ Frau Voigtländer: „Hm, nein, also das ging nicht. Aber wir haben hier aus Deutschland einen Physiker und einen Sprengmeister.“ Frage: „Und wer ist das? Wie heißen die?“ Frau Voigtländer, die mittlerweile erklärt hatte, sie selbst führe die Interviews, ist wieder ratlos: „Ja, das weiß ich nicht, das recherchieren gerade meine Kollegen.“ „Vielleicht fragen Sie die einfach mal und rufen dann wieder an“.

Dasselbe Spiel, Telefon klingelt: „Ja, hier Voigtländer, Focus TV. Also der Sprengmeister, das ist der Hans Kaun aus München, und dann haben wir noch …“ Sie hält nun inne, denn jetzt will sie die Spannung heben: „ … einen Ex-Mossad Agenten“.

Das saß. Die geben sich wirklich Mühe, sollte ich nun wohl denken. „Und der Physiker – wo bleibt der denn?“ „Ja, den haben wir nun doch nicht bekommen“, tönt es kleinlaut in die Leitung.

Also gut. Wer denn der geheimnisvolle Mossad-Agent sei, will ich wissen. Und natürlich steht nun noch die Frage im Raum, wie Frau Voigtländer den Magazin-Beitrag aufbauen will.

„Ja, also – der Mann vom Mossad, das ist der David Schiller. Er wird darüber sprechen, ob die CIA die Anschläge verübt hat, und er sagt ganz klar,  so etwas kann unmöglich die CIA gemacht haben. Na ja, wir wollen dann also erst mal Teile aus dem Film ‚Loose Change’ in den Beitrag schneiden, um mal diese Verschwörungstheorien zu zeigen, was da so alles behauptet wird. Sie kennen doch diese Verschwörungstheorien?“, fragt sie mich. „Ja, die kenne ich. Aber den David Schiller und den Hans Kaun kenne ich nicht. Ich werde das aber umgehend durch eine kleine Internetrecherche nachholen und Sie dann informieren, ob ich zu einem Interview bereit bin“, antworte ich.

Nun ging der Spaß erst richtig los. Ich habe nach Hans Kaun gesucht. Keine Webseite, aber ein Eintrag im Münchner Branchenbuch: „Kaun Hans Auto-Service, Abbrüche und Demontagen, Autohandel und -werkstatt“. Hans Kaun zeigte sich am Telefon auskunftsfreudig. Was er denn nun sei, Autohändler oder Sprengmeister, wollte ich wissen. Ja, er sei Sprengmeister. Aber es gibt eben nicht genug zu sprengen. Alle halbe- oder viertel Jahr, das ernährt nicht seinen Mann. Also hat er noch eine Reparaturwerkstatt für Autos. Aber er hat auch schon mal gesprengt, erklärt er. Unter anderem das Agfa-Haus in München. Na immerhin, denke ich mir. Und Schneidladungen für Sprengungen (Cutter-Charges) kennt er auch. Was er denn zum WTC 7 meint? „Ja, das ist schon komisch, also der Einsturz. Könnte eine Sprengung sein …“, kommt es leise aus dem Hörer, doch atemlos ob seines Mutes fährt er fort, nun ganz laut und deutlich: „Aber die beiden Türme, die wurden nicht gesprengt. Also die sind durch die beiden Flugzeuge eingestürzt.“

Ah ja.

Nun steht der Mossad-Mann „David Schiller“ auf meiner Liste. Da ist das Internet schon besser bestückt. Zuerst einmal findet sich ein netter Artikel im Tagesspiegel vom 20.5.2002 „Was ist so schön am Schießen?“.

David Schiller ist Herausgeber des Waffenmagazins „Visier“ (http://www.visier.de/impressum.html), erfährt man da. Und dass er eigentlich Dr. David Th. Schiller heißt. Schiller ist nämlich promovierter Politologe aus Israel. Er war mal in einer Eliteeinheit der israelischen Armee, hat Sondereinsatzkommandos geschult und hält heute manchmal Vorträge bei der Bundeswehr. „Ich kann Ihnen sagen, warum ich Waffen liebe“, sagt er. „Ich bin Jude.“

Und wie sehr er Waffen liebt, daran lässt er in dem Tagesspiegel-Interview keinen Zweifel. Seine absolute Vorliebe gilt den Pumpguns. Vor einigen Jahren, in einer Spezialausgabe der „Visier“ zum Thema Flinten, titelte Schiller mal: „Wer pumpt, hat mehr vom Leben“. „David Schiller ist die Waffenlobby. Das sagt er selbst. Als Waffenlobbyist ist man nicht sehr beliebt, deshalb hat er einen himmelblauen Waffenschein und darf eine scharfe Pistole tragen, (die er „reinrassige Dienstmagd“ nennt). Wenn er vor die Tür geht, und sei es nur zum Spargelessen im Restaurant auf dem verschlafenen Platz schräg gegenüber der Redaktion, trägt er links am Gürtel das Handy und rechts die Waffe“, schreibt der Tagesspiegel über ihn.

Na klasse, ein ausgewiesener 9/11-Experte, den sich Focus-TV da ausgesucht hat.

Gibt man bei Google „David Schiller Terrorismusexperte“ ein, bietet die Suchmaschine immerhin 69 Verweise, auch zu den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, die ihn unter anderem sofort nach dem 11. September 2001 vor die Kamera zerrten. Es herrschte eben Expertenmangel in dieser Zeit. Das hat sogar der Focus in einem Artikel vom 19. November 2001 in der Folge der Anschläge und der „Expertomanie“ feststellen müssen, wenn Carla Palm dort schreibt:

„Experten sind Mangelware seit dem 11. September. Da darf einer gern mal das eine, wenig später das Gegenteil sagen. Kaum eine Talk-Show oder Spezialsendung, die ohne Studiogast auskommt. Welcher Befragte bei welchem Thema kompetent ist – ein Glücksspiel für die Zuschauer und ein hartes Stück Beschaffungsarbeit für die Redaktionen.

Dietmar Ossenberg, Leiter der ZDF-Redaktion für Außenpolitik, müht sich, mit jedem Studiogast intensive Vorgespräche zu führen. „Danach ist schon mal einer durchs Raster gefallen“, so der Mainzer. Wenn die Zeit dafür zu knapp ist, wie nach den Terroranschlägen auf New York, wird improvisiert. Dann spricht, wer gerade verfügbar ist. So parlierte der Israeli David Schiller als „Terrorismusexperte“ im ARD-Magazin „Kontraste“ über extremistische Organisationen. Weitere Facetten, die sein Persönlichkeitsbild abrunden, fallen unter den Tisch. Dass der Studiogast Chefredakteur der Waffenzeitschrift „Visier“ ist und unter dem Pseudonym „Jan Boger“ zahlreiche Bücher über Waffenkunde veröffentlicht hat, erfährt der Zuschauer nicht.“ (http://tiny.cc/vwlph)

Schau an! Vielleicht hätten die eifrigen Focus-TV-Leute einfach mal in ihrem eigenen Archiv nachschauen sollen und nicht die Fehler von vor sieben Jahren wiederholen.

Das traurige Ende vom Lied

Dieses Mal rufe ich in München an, proaktiv nennt man das auf Neudeutsch. „Ich möchte bitte Frau Voigtländer sprechen.“ Ich werde verbunden. „Frau Voigtländer, ich muss Ihnen leider absagen, ich glaube nicht, dass ich in dieser ‚Expertenrunde’ auftreten möchte.“ Ratlosigkeit am anderen Ende. Nun hatten sie sich so viel Mühe gegeben und tatsächlich eine deutsche Ingenieurin für ihre WTC 7-Geschichte gefunden. Und nun das.

Ob ich ihr jemanden anderes empfehlen könnte, also jemanden wie mich, will sie wissen. Nein – das kann ich niemandem guten Gewissens zumuten. Aber das habe ich nicht geantwortet. Ich weiß nicht, ob nun der ganze schöne Plan von Focus-TV geplatzt ist. Freitagabend* bei Pro Sieben wird man es sehen können.

*Freitag, 12. September, 23:45 Uhr

 

 

 

 

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