Medien

Indien im Ausnahmezustand

Der städtische Avatar der Operation Green Hunt –

Von ARUNDHATI ROY, 25. Juni 2010 –

Während die indische Regierung erwägt, die Armee und die Luftwaffe zur Unterdrückung der Rebellion auf dem Lande einzusetzen, geschehen merkwürdige Dinge in den Städten.

Am 2. Juni veranstaltete das Komitee zum Schutz der demokratischen Rechte (CPDR) eine öffentliche Versammlung in Mumbai (Bombay). Die Hauptsprecher waren Gautam Navlakha, Redaktionsberater der Economic and Political Review und ich. Die Presse war stark vertreten. Die Veranstaltung dauerte mehr als drei Stunden. Sie wurde weithin in den Druckmedien und im Fernsehen wiedergegeben. Am 3. Juni haben mehrere Zeitungen, TV-Kanäle und online-Newsportale wie Rediff.com das Ereignis ziemlich korrekt wiedergegeben. Die Times of India (Mumbai-Ausgabe) hatte einen Artikel unter dem Titel ‚Wir brauchen eine Idee, die weder rechts noch links ist‘, und der Artikel der Hindu hatte den Titel „Können wir das Bauxit im Berg lassen?“ Die Aufnahme von der Versammlung liegt auf YouTube. [hier]

Aeundhati Roy
Arundhati Roy: „Vielleicht sollte das indische Volk erklären, dass dieses Land sich in einem Ausnahmezustand befindet.“

Am Tag nach der Versammlung hat der Press Trust of India (PTT) einen unverschämt zusammengekochten Bericht von dem, was ich sagte, gebracht.

Der PTT Bericht wurde zuerst von der Indian Express online am 3. Juni 2010 um 13.35 rausgeschickt. Die Überschrift lautete: „Arundhati unterstützt die Maoisten, fordert die Behörden heraus, sie zu verhaften?“ Hier sind ein paar Auszüge:

„Die Autorin Arundhati Roy hat den bewaffneten Widerstand der Maoisten gerechtfertigt und fordert die Behörden heraus, sie zu verhaften wegen Unterstützung ihrer Sache.“

„Die Naxal-Bewegung konnte nicht anders, als den bewaffneten Kampf führen. Ich unterstütze nicht die Gewalt. Aber ich bin auch absolut gegen die verächtliche politische Analyse, die auf Gräueltaten basiert.“ (?)

„Es mußte eine bewaffnete Bewegung sein. Der Weg Gandhis braucht ein Publikum, das hier fehlt. Die Leute haben lange diskutiert, bevor sie diese Form des Kampfes wählten“, sagt Roy, die dem „Volk von Dantewada“ Ehren bezeigte, nachdem 76 CRPF (militärisch ausgerüstete Polizei) und Polizisten von den Maoisten niedergemäht wurden in einer der blutigsten Attacken.

„Ich stehe auf dieser Seite der Linie. Das ist mir egal … holt mich und werft mich ins Gefängnis, meinte sie.“

Lasst mich mit dem Ende des Berichts beginnen. Die Unterstellung, dass ich „dem Volk von Dandewada“ Ehren bezeigte, nachdem die Maoisten 76 Central Reserve Police Fortce (CRPF) töteten, ist ein Stück echter krimineller Verleumdung. Ich habe es deutlich in einem Interview mit CNN-IBN gesagt, dass ich den Tod der CRPF Männer als tragisch ansähe, und dass ich sie für Bauern in einem Krieg der Reichen gegen die Armen ansähe. Und in Mumbai auf der Versammlung sagte ich, dass ich die hohle Verurteilungsindustrie verachte, die von den Medien geschaffen würde, und dass, je länger der Krieg fortgehe und die Gewalt aufwirbele, desto schwieriger es würde, irgendeine Art Moral aus den Gräueln, die von beiden Seiten begangen würden, zu ziehen, weshalb eine auf Gräueln basierende Analyse sinnlos wäre. Ich sagte auch, dass ich nicht dort war, um  die Tötung von unschuldigen Menschen durch wen auch immer zu rechtfertigen, weder durch Maoisten oder die Regierung, und dass es wichtig wäre zu fragen, was die SRPF mit AK-47ern, 38 INSAS, 7 SLRs, 6 leichten Maschinengewehren, einem Sten-Gewehr und einem 2 Zoll Mörser in indigenen Dörfern tue. Wenn sie dort waren, um Krieg zu führen, dann wird man gezwungen, die Tötung der CRPF Männer durch die Maoisten zu verurteilen und sich auf die Seite der Regierung zu stellen in einem Krieg, den viele von uns nicht billigen.

Der Rest des PTT Berichts war ein boshaftes, schwachsinniges Mischmasch von dem, was auf dem Treffen gesagt wurde. Meine Meinung über die Maoisten ist klar. Ich habe ausführlich über sie geschrieben.  Auf  der Versammlung sagte ich, dass der Widerstand des Volkes gegen den Landraub der Monopolkapitalisten aus einer Bandbreite von Bewegungen unterschiedlicher Ideologie bestünde, von denen die Maoisten das militanteste Ende wären. Ich sagte, dass die Regierung jede Widerstandsbewegung, jeden Aktivisten  als ‚Maoisten‘ bezeichne, um damit zu rechtfertigen, mit ihnen auf repressive, militärische Weise umgehen zu können. Ich sagte, die Regierung habe die Bedeutung des Wortes ‚Maoist‘ so ausgeweitet, das jeder damit gemeint sei, der nicht mit ihr einer Meinung wäre, jeder, der es wage, über Gerechtigkeit zu reden.

Ich richtete das Augenmerk auf das Volk von Kalinganagar und Jagatsinghpur, das absolut friedliche Proteste durchführten, und dennoch belagert würde, umgeben von  hunderten bewaffneter Polizisten, mit Lathis (lange Knüppel der Polizei) verprügelt und beschossen würde. Ich sagte, dass die örtliche Bevölkerung lange und tief nachgedacht habe, bevor sie sich entschloss, welche Strategie des Widerstands man ergreifen solle. Ich sprach davon, wie die Menschen, die in den Dörfern tief im Wald lebten, nicht auf Ghandianische Formen des Protestes zurückgreifen könnten, weil die friedliche satyagraha eine Form von politischem Theater wäre, das, um effektiv zu sein, eines verständnisvollen Publikums bedürfe, das sie nicht hatten. Ich  fragte, wie Menschen, die bereits am Verhungern waren, in den Hungerstreik treten konnten. Ich habe mit Sicherheit niemals so etwas gesagt wie „es müsste eine bewaffnete Bewegung sein“. (Ich bin nicht sicher, was auf Erden das sein könnte.)

Ich fuhr fort zu sagen, dass alle die verschiedenen Widerstandsbewegungen heute, ohne Rücksicht auf ihre Differenzen, verstünden, dass sie einen gemeinsamen Feind bekämpften, so dass sie alle auf der einen Seite einer Linie wären, und dass ich auf deren Seite wäre. Aber von dieser Seite der Linie, anstatt der Regierung nur Fragen zu stellen, sollten wir uns selbst auch ein paar Fragen stellen. Hier sind meine exakten Worte:

„Ich denke, es ist viel interessanter, den Widerstand, zu dem wir gehören, zu befragen. Ich gehöre auf diese Seite der Linie. Das sage ich ganz deutlich. Mir ist es egal, holt mich, steckt mich ins Gefängnis. Ich gehöre auf diese Seite der Linie. Aber auf dieser Seite der Linie, müssen wir uns umdrehen und unseren Kameraden Fragen stellen.“

Ich sagte dann, dass die Ghandianischen Widerstandsmethoden sich als nicht effektiv erwiesen, Ghandianische Bewegungen wie die Narmada Bachao Andolan doch eine radikale und revolutionäre Vision von ‚Entwicklung‘ hätten, und, obgleich die maoistischen Methoden des Widerstands zwar effektiv wären, ich mich fragte, ob sie die Art von ‚Entwicklung‘, die sie wollten, durchdacht hätten. Abgesehen von der Tatsache, dass sie gegen den Ausverkauf der Regierung an private Unternehmen wären, wäre ihre Bergbaupolitik etwa sehr verschieden von der staatlichen Politik? Würden sie das Bauxit in dem Berg lassen – das wollen nämlich die Leute, die ihre Kader ausmachen – oder würden sie es abbauen, wenn sie an die Macht kämen?

Ich las Pablo Nerudas Gedicht „Standard Oil Company“ zur Illustration, wie alt dieser Kampf ist.

Der PTT-Reporter, der Wert darauf gelegt hatte, die Organisatoren um Erlaubnis zu fragen, eine Aufnahme machen zu dürfen, kann nicht behaupten, dass seine oder ihre Version eine Frage der ‚Fehlinterpretation‘ sei. Es ist eine unverfrorene Fälschung. Überraschenderweise ist der ein-Tage-alte Bericht von mehreren Zeitungen in mehreren Sprachen veröffentlicht und vom Fernsehen am 4. Juni gesendet worden, und viele von deren Berichterstattern hatten das Ereignis korrekt wiedergegeben, und sie wussten offenbar, dass der Bericht falsch war. Die Economic Times schrieb: „Die Publicity-süchtige Arundhati Roy möchte Aung San Su Kyi sein“. Ich bin neugierig – warum wollten die Zeitungen und Fernsehkanäle dieselbe Nachricht zweimal veröffentlichen, einmal die wahre und dann die falsche?

An jenem selben Abend (der 4. Juni) gegen 19 Uhr fuhren zwei Männer auf Motorrädern vor meinem Haus in Delhi vor und begannen, Steine gegen mein Fenster zu schleudern. Ein Stein traf beinahe ein kleines auf der Straße spielendes Kind. Erboste Leute versammelten sich, und die Männer flohen. Wenige Minuten später kam ein Tatra Indica an mit einem Mann, der behauptete, Reporter von Zee TV zu sein, und der mich fragte, ob dies ‚Arundhatis Haus‘ wäre und ob es Ärger gegeben hätte. Das Ganze war offenbar arrangiert, ein arrangierter ‚Volkszorn‘, um unsere Barracuda-ähnlichen TV-Kanäle zu füttern. Zum Glück für mich, lief es an jenem Abend nicht nach ihrem Plan.

Aber es sollte mehr kommen. Am 5. Juni hatte die Dainik Bhaskar in Raipur eine Notiz: „Himmat ho to AC kamra chhod kar jungle ye Arundhati“ (Wenn sie Mut hat, sollte Arundhati ihr Zimmer mit Aircondition verlassen und in den Dschungel kommen), in dem Vishwaranjan, der Generaldirektor der Polizei von Chhattisgarh mich herausforderte, der Polizei gegenüberzutreten, indem ich den Maoisten im Dschungel beitrete. Man stelle sich das vor – der Polizei DGP und ich. Von Mann zu Mann. Um nicht übertroffen zu werden, hat ein Parteiführer der Bharatiya Janata der Presse angekündigt, dass ich an einer öffentlichen Kreuzung niedergeschossen würde, und dass andere Verräter wie ich, das Todesurteil verdienten. (Vielleicht sollte ihr jemand sagen, dass diese Art direkter Aufhetzung zu Gewalt ein Verstoß gegen das Indische Strafgesetz ist.) Mahendra Kharma, Boss der mörderischen ‚Volks’Miliz Salwa Judum, die sich unzähliger Akte von Vergewaltigung und Mord zuschulden kommen ließ, forderte rechtliche Schritte gegen mich. Donnerstag, den 8. Juni, berichtete die Hindi-Tageszeitung Nayi Duniya, dass gegen mich in zwei verschiedenen Polizeistationen in Bhata Pada und Teli Bandha Klagen eingereicht worden seien, von Privatpersonen, die sich gegen meine „offene Unterstützung der Maoisten“ richteten.

Ist dies etwa das, was militärische Geheimdienste psyops (psychologische Operationen) nennen? Oder ist das der urbane Avatar der Operation Green Hunt? Bei der eine Regierungsnachrichtenagentur dem Innenministerium hilft, eine Anklage gegen jene aufzustellen, die sie aus dem Wege räumen will, und Beweise erfindet, wenn sie keine findet? Oder versucht die PTT die bekannteren Leute unter uns dem Lynchmob auszuliefern, damit die Regierung nicht ihren internationalen Ruf verliert, indem sie uns verhaftet oder eliminiert?  Oder ist es nur eine Methode, eine grobe Polarisierung zu erzwingen, eine lächerliche Verblödung der Debatte – wenn du nicht mit uns bist, bist du ein Maoist? Nicht einfach ein Maoist, sondern ein blöder, arroganter, großmäuliger Maoist. Was immer es ist, es ist gefährlich und schamlos, aber nicht neu. Fragt irgendeinen Kashmiri oder irgendeinen jungen Moslem, der als ‚Terrorist‘ verhaftet wurde ohne irgendwelche Beweise außer grundlosen Medienberichten. Fragt Mohammed Afzal, der zum Tode verurteilt wurde, um „das kollektive Bewusstsein der Gesellschaft zu befriedigen“.

Jetzt, wo die Operation Green Hunt begonnen hat, an die Türen von Leuten wie mich zu klopfen, kann man sich vorstellen, was mit Aktivisten und politischen Arbeitern geschieht, die nicht so bekannt sind. Für die Hunderte, die im Gefängnis sind, gefoltert und eliminiert wurden ist der 26. Juni der 35. Jahrestag des Ausnahmezustands. Vielleicht sollte das indische Volk erklären (weil die Regierung es gewiss nicht tut), dass dieses Land sich in einem Ausnahmezustand befindet. (Denkt man nach, fragt man sich, hat er jemals aufgehört?) Diesmal ist die Zensur nicht das einzige Problem. Die  Fabrizierung von Nachrichten ist ein noch ernsteres Problem.


Der Artikel erschien im Original am 12. Juni 2010 unter dem Titel Operation Green Hunt’s urban avatar bei dawn.com.

Übersetzung: Einar Schlereth

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