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„Rooms“: Facebooks neuer Chat-Dienst und die Lüge der Anonymität

Von SEBASTIAN RANGE, 26. November 2014 –

Am Dienstag startete Facebook seine für eine anonyme Nutzung ausgelegte Chat-App „Rooms“ auch in Deutschland. In der Anwendung können Nutzer unter beliebigen Namen Chat-Räume anlegen und dort Text-Nachrichten, Bilder und Videos austauschen. Die Idee dahinter sei, seinen Interessen folgen zu können, ohne die eigene Identität preisgeben zu müssen, sagte der zuständige Facebook-Manager Josh Miller. Das soziale Netzwerk verlangt von seinen Teilnehmern, sich unter dem echten Namen anzumelden. Die Rooms-App ist zunächst für Apple-Geräte verfügbar.

In manchen Fällen sei die Anonymität für die Nutzer wichtig, wie etwa in der Gruppe zu Unterstützung bei Depressionen, die mehr als 400 Mitglieder habe, betonte Miller. Bei der Anmeldung zur App reiche es, eine E-Mail-Adresse anzugeben. „Wir wollen nicht wissen, wer Sie sind.“

Facebook und Anonymität, das erscheint wie die Quadratur des Kreises. Glaubt man der Berichterstattung hiesiger Massenmedien, dann ist dem US-Unternehmen mit Rooms genau das gelungen. So heißt es in einer von der Nachrichtenagentur dpa verbreiteten und von vielen Medien unkritisch übernommenen Meldung, die bei der Chat-App anfallenden Informationen würden „nicht mit den Nutzerdaten aus der restlichen Facebook-Welt verknüpft“.

Dabei reicht ein Blick in die Nutzerbedingungen, um zu erkennen, dass es sich bei dieser Darstellung des Konzerns um einen Taschenspielertrick handelt. Dort lässt sich nachlesen, was darunter wirklich zu verstehen ist: „Obwohl Rooms von Facebook betrieben wird, ist es Ihnen nicht gestattet, ihre Nutzerkonten von Facebook und Rooms zu verknüpfen.“ Auf Rooms veröffentliche Informationen würden „niemals“ auf Facebook erscheinen, das gleiche gelte auch umgekehrt. In der Passage heißt es aber auch, dass die bei Rooms anfallenden Informationen „innerhalb der von Facebook geführten Unternehmen und angebotenen Dienste“ ausgetauscht werden können. (a) Der Konzern behält sich demnach ausdrücklich vor, die Daten der vermeintlich anonymen User intern mit denen anderer Dienste des Konzerns,  wie beispielsweise Instagram oder WhatsApp, zu verknüpfen.

Zudem gelten für Rooms dieselben „Datenverwendungsrichtlinien“ wie für Facebook. Ein Auszug daraus verdeutlicht, dass der US-Konzern in der Lage ist, auch die Daten der „anonymen“ User individuell zuordnen zu können: „Wir erhalten Daten von dem oder über den Computer, das Handy oder die anderen Geräten, die du verwendest, um Facebook-Apps zu installieren bzw. auf Facebook zuzugreifen, auch wenn sich mehrere Nutzer über dasselbe Gerät anmelden. Bei diesen Daten kann es sich um Netzwerk- und Kommunikationsdaten, wie deine IP-Adresse, Handynummer und andere Informationen über Dinge wie beispielsweise deinen Internetdienst, dein Betriebssystem, deinen Standort, die Art (einschließlich IDs) des von dir genutzten Geräts oder Browsers oder die von dir besuchten Seiten handeln.“ (b)

Nun ist es weitgehend bekannt, dass Computer und Handys stets eine individuelle, rückverfolgbare Signatur in Form einer IP-Adresse beziehungsweise einer IMEI hinterlassen. Diese Daten werden beispielsweise von Ermittlungsbehörden genutzt, um Straftaten aufzuklären. Eine Telekommunikation, die ihren Teilnehmern vollständige Anonymität auch gegenüber Geheimdiensten gewährt, ist somit schlichtweg ausgeschlossen oder nur unter erheblichem Aufwand möglich – Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte ein Liedchen darüber singen, wenn sie es nicht vorziehen würde, sich zum von Edward Snowden ausgelösten NSA-Skandal  in Schweigen zu hüllen.

Doch zurück zu Facebooks neuem „anonymen“ Chat-Dienst. In dessen Nutzerbedingungen heißt es auch: „Rooms wird ihre wahre Identität anderen  Rooms-Nutzern nicht mitteilen.“ Daraus ergibt sich zweierlei. Zum einen ist der Konzern demnach in der Lage, die wahre Identität der Nutzer festzustellen – sie wird lediglich anderen Nutzern nicht mitgeteilt. Die Anonymität ist folglich als äußerst relativ zu bezeichnen, denn sie bezieht sich nur auf andere Nutzer, während sie gegenüber Facebook nicht gegeben ist. Zum anderen schließt die Klausel die Weitergabe der „wahren Identität“ an Dritte, wie etwa Werbekunden oder auch staatliche Behörden, nicht aus.

Für Geheimdienste, vor allem denen der Vereinigten Staaten, hatte sich Facebook bisher bereits als wahrer Segen in dem Bestreben erwiesen, die Bevölkerung massenhaft ausspähen zu können – schließlich werden die Informationen von den Usern freiwillig ins Netz gestellt und damit den Diensten auf dem Silbertablett serviert.

Doch viele Menschen scheuen sich noch, unter ihrem echten Namen das öffentlich zu thematisieren, was sie tief im Innersten bewegt, und was sie nicht einmal ihnen vertrauten Menschen mitteilen wollen. Diese Hemmungen totaler Offenbarung will Facebook mit Rooms nun überwinden.

Ob „einzigartige Obsession“, „ungewöhnliches Hobby“, „persönliche Finanzen“ oder auch „gesundheitsbezogenen Angelegenheiten“, also all das, was man „oftmals nicht den eigenen Freunden“ anvertraut, könne man jetzt dank Rooms der Welt mitteilen, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens. (c)   

Es erscheint als eine perfide Strategie, derer sich Facebook mit der Rooms-App bedient: Den Beteiligten wird – unter Mithilfe einer unkritischen Medien-Berichterstattung – Anonymität vorgegaukelt, um sie vollständig wie einen gläsernen Menschen durchschauen zu können. Vor dem Hintergrund der engen und vielfältigen Verbindungen, die Facebook zu den Machtzentralen und Geheimdiensten der USA unterhält, ist diese Entwicklung besonders alarmierend.


 

Anmerkungen

(mit dpa)

(a) http://www.rooms.me/privacy

(b) https://www.facebook.com/full_data_use_policy

(c) http://blog.rooms.me/post/100757996670/announcing-rooms

Wissenswertes über die engen Verbindungen der beiden größten privaten Datensammler – Facebook und Google – zu den Machtzentralen und Geheimdiensten der USA erfahren Sie in diesem Hintergrund-Artikel.

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