Medien

Staats- und Milieumedien

Das journalistische Feld sortiert sich neu und lässt dabei Begriffe wie Mainstream oder Alternativmedien obsolet werden. VON MICHAEL MEYEN

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Michael Meyen
Quelle: Tilo Gräser, Mehr Infos

Manchmal helfen die Kollegen. „Wie viel Regierungsgeld ist gesund?“, fragte Ole Skambraks in der Berliner Zeitung, als ich gerade nach einem Einstieg für diesen Text gesucht habe. Skambraks hat mit Österreich angefangen, wo die neue Koalition deutlich weniger Anzeigen kauft und deshalb für Entlassungen und „Mediensterben“ verantwortlich gemacht wird. Auch für Deutschland nennt Skambraks Zahlen – sowie Ross und Reiter. Ich will das hier nicht wiederholen. Wenn in manchen Jahren dreistellige Millionensummen an Medienkonzerne gehen und damit in aller Regel an ultrareiche Familien, dann ist das als Signal zu lesen. Der Staat und seine Träger geben sich immer weniger Mühe, die Abhängigkeit von Funk und Presse zu verschleiern.

Weg von den Zahlen des Tages und den Aufgeregtheiten, die sich darum ranken: Die deutsche Medienlandschaft erlebt gerade ein Beben, das unseren Blick auf Journalismus und Öffentlichkeit verändert. Auf der einen Seite sehen wir Sprachrohre des Staates und auf der anderen Milieumedien. Vorbei die Zeit, in der Redaktionen auf Objektivität, Neutralität, Unabhängigkeit schwören und Forscher wie ich mühsam erklären müssen, warum am Ende
trotzdem immer die Konzern-Parteien-Koalition gewinnt.

Vorbei auch das Rumeiern bei den Begriffen. Qualitätspresse, Leitmedien oder Mainstream hier, Alternativmedien, freie oder neue Medien dort. Richtig zufrieden war ich damit nie. „Staatsmedien“ trifft es zwar auch nicht ganz, weil westliche Staaten in aller Regel auf Medienbesitz verzichten, um sich von Russland, Uganda oder der DDR abgrenzen und in Rankings zur Medienfreiheit punkten zu können, die wundersamerweise genau das zum Kriterium machen. Abzüge überall da, wo der Staat, Politiker oder Parteien selbst Medien betreiben. Der Westen hat einfach behauptet, nichts mit der Medienrealität zu tun zu haben, und den Leuten das von klein auf eingetrichtert. Dieser Schleier kann jetzt fallen, weil eine kritische Masse nicht mehr an die Mär von der vierten Gewalt glaubt.

Staats- und Milieumedien: Die einen geben Themen, Sprachregeln und Moral vor – das, was ich kennen und oft auch öffentlich vertreten muss, wenn ich mich jenseits von Freunden, Familie, Blase nicht isolieren oder gar in die Schatzkammern des Steuerstaates will – über Projektanträge, Förderungen jeder Art, feste Haushaltsplätze. Die anderen helfen mir, mit dem Anpassungsdruck klarzukommen. Konkret: Tagesschau, Süddeutsche und Lokalblatt sagen uns, was die anderen wissen und für so real halten, dass sie Verhalten und Entscheidungen daran ausrichten. In den Maskenmonaten hat das jeder Leser von Tichy, Achgut oder Rubikon spätestens dann bemerkt, wenn er oben ohne in den Supermarkt ging. Diese Portale wiederum haben ihn gerettet, wenn er nach Hause kam. Ich bin nicht allein und auch nicht verrückt. Milieumedien bringen Gleichge- sinnte zusammen und sorgen so für Zugehörigkeit, für Stabilität, für Identität.

Definitionsmacht

Noch einmal anders: Nur bei den Staatsmedien können und müssen wir unterstellen, dass alle registriert haben, was dort gemeldet wurde. Staatsmedien füllen das, was Niklas Luhmann „Gedächtnis der Gesellschaft“ genannt hat. Das Zitat stammt aus den 1990ern, als man noch „Massenmedien“ sagen konnte, ohne zwischen Staat und Milieu unterscheiden zu müssen. Bei Luhmann gibt es Massenmedien nur, weil wir so etwas wie ein Gedächtnis für alle brauchen. Einen Schatz an Gemeinsamkeiten, auf den wir selbst dann zurückgreifen können, wenn wir unser Gegenüber noch nie gesehen haben. Niklas Luhmann sagt, dass das „System Massenmedien“ Information „so breit“ streue, „dass man im nächsten Moment unterstellen muss, dass sie allen bekannt ist (oder dass es mit Ansehensverlust verbunden wäre und daher nicht zugegeben wird, wenn sie nicht bekannt war)“. Auf diese Weise entstehe eine „zweite, nicht konsenspflichtige Realität“ – ein „Hintergrundwissen“, von dem man bei jeder Kommunikation ausgehen könne. Der Satz, mit dem er sein Buch eingeleitet hat, gehört heute zur Allgemeinbildung: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“

Bei Kontrafunk, Multipolar und Co. funktioniert das nicht. Milieumedien bleiben zunächst im Milieu. Ich kann und darf nicht unterstellen, dass meine Nachbarn diesen Text lesen. Selbst wenn sie es tun, werden sie es vielleicht sogar abstreiten, weil ihnen die Staatsmedien sagen, was von der Zeitschrift Hintergrund zu halten ist. Lies das nicht – auch dann nicht, wenn du das Blatt am Hauptbahnhof gekauft hast. Rede zumindest nicht darüber, wenn dir etwas an deinem Gegenüber liegt. Diese Definitionsmacht ist verlockend für alle, die etwas zu verlieren haben und über die Ressourcen verfügen, die man zur Verteidigung braucht – Ministerien, Parteien, Konzerne, die Ultrareichen und ihre Stiftungen, Geheimdienste. Man installiert und pflegt Brückenköpfe in den Redaktionen, leistet sich „Faktenchecker“ wie Correctiv und inszeniert im Zweifel auch Ereignisse, über die dann exklusiv berichtet werden kann – ganz so, wie es Edward Bernays schon vor gut hundert Jahren in seinem Standardwerk über „Propaganda“ empfohlen hat.

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MICHAEL MEYEN ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Veröffentlichungen in der Hintergrund-Reihe „Wissen kompakt“: Cancel Culture (2024), Der dressierte Nachwuchs (2024) und Staatsfunk (2025). Videos: https://www.youtube.com/@Michael_Meyen

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