Medien

Zukunft ohne Wirklichkeit

KI baut gerade den Journalismus und überhaupt alles, was in die Öffentlichkeit geflutet wird, um. Vier Beobachtungen und fünf Thesen. Von Michael Meyen

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Foto: Alexandra_Koch Quelle: Pixabay Lizenz
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Beobachtung 1

Mathias Döpfner, Chef von Axel Springer, verordnet den Redak­tionen seines Hauses im Herbst 2025 eine Kehrtwende. ChatGPT, KI­-Prüfung aller Inhalte und im Zweifel ein Algorithmus auch da, wo bisher ein Mensch war. Die Zauberformel heißt in diesem Me­dienkonzern Technik plus Stars wie Paul Ronzheimer, ausgestat­tet mit Topverträgen. Auch er selbst, sagt Döpfner dem Bayeri­schen Rundfunk, arbeite heute ganz anders. »Früher habe ich auf Google alles gesucht und gefunden. Das hat sich um 95 Prozent reduziert. Ich benutze jeden Tag, in fast jedem Meeting Perplexity und ChatGPT und Copilot.«

Beobachtung 2

Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung, kündigt nur ein paar Tage später ein Blatt für den ganzen Osten an – mit Able­gern in allen größeren Städten und damit auch mit Lokalbericht­erstattung. Kosten und Aufwand seien überschaubar: jeweils drei bis vier Leute vor Ort und eine KI, die alles findet, was so im Netz steht über Chemnitz, Flöha, Limbach-­Oberfrohna. Der Repor­ter, so lässt sich das deuten, muss gar nicht mehr in den Gemein­ derat. Was dort besprochen und beschlossen wird, sagt ihm ein Algorithmus.

Beobachtung 3

Verlage und ihre Zulieferer im PR-­Bereich suchen Personal, das »prompten« kann, bezahlen das ordentlich und entsorgen gleich­zeitig das, was früher im Zentrum redaktioneller Arbeit stand – Menschen, die rausgehen oder wenigstens zum Telefonhörer greifen, sich mit anderen Menschen unterhalten und dann Bei­träge aus dem machen, was man dabei gehört und gesehen hat. Zu teuer, wird der Belegschaft mitgeteilt. Sagt der KI, was sie machen soll. Wenn ihr das Optimum herauskitzelt, sparen wir drei Kollegen.

Und eine letzte Beobachtung: »Gespräche« mit Algorithmen lassen sich verkaufen – auch und vor allem in der Gegenöffentlich­ keit. Kayvan Soufi­Siavash zum Beispiel hatte von August bis Ok­tober 2025 gleich fünf Auftritte im Format »Apolut fragt. KI ant­wortet«. Fans freuen sich, welche »Wahrheiten« der Interviewer dem System »entlockt«, und feiern sich selbst, weil sie es schon immer wussten und nun auch den letzten denkbaren Gewissheits­ stempel zu haben glauben. Fast folgerichtig gibt es neben solchen Videos schriftliche »Gespräche« im Netz und auf dem Sachbuch­ markt, stets verbunden mit dem Anspruch »Wahrheit«.

These 1: KI ist die Brücke in eine Medienzukunft, die den Mensch verschwinden lässt.

Es ist nicht schwer, diese vier Mosaiksteine zusammenzusetzen. Die Technologien, die spätestens mit dem Start von ChatGPT Ende 2022 im Arbeitsalltag der Bewusstseinsindustrie angekommen sind und damit auch an den Abendbrottischen im Land, krempeln den Maschinenraum um, in dem das entsteht, was wir in der Öffentlich­keit wahrnehmen können. Algorithmen ersetzen den Menschen. Die Frage heißt längst nicht mehr »ob«, sondern »wo noch nicht«.

Meine Universität hat schon vor mehr als zehn Jahren einen Professor für Roboterjournalismus berufen. Möglich war das, weil die Volkswagen­Stiftung der Münchner Ludwig­-Maximilians­-Uni­versität (LMU) ein »Freigeist-Stipendium« spendierte – einen Geldtopf für Forscher, die etwas machen, von dem die anderen noch nicht wissen, dass es wichtig werden wird. Die Stiftung wusste das offenbar sehr wohl und hat einen Professor auf den Weg gebracht, der zunächst von nicht wenigen belächelt wurde, als er Zeitungsleser fragte, ob sie merken, wenn die Sportmeldung nicht von einem Reporter geschrieben wird, und gemessen hat, wie oft das vorkommt. Heute sitzt dieser Kollege auf dem akademischen Olymp und hat noch etliche Jahre vor sich, in denen er das Hohe­lied der neuen Technologien singen kann.

Ich erzähle das aus zwei Gründen. Die Algorithmen sind, das wird in den aktuellen Debatten oft übersehen, in der Branche zum einen viel länger zu Hause als ChatGPT. Was heute unter dem Label KI diskutiert wird, schreibt nur die Trends der letzten an­derthalb Jahrzehnte fort. Einen Zwischenstand hat der Dokumen­ tarfilm Grundrauschen festgehalten – 2016 gedreht in der Zent­ rale der Deutschen Presseagentur (dpa) in Berlin, wo Redakteure vor Bildschirmen sitzen und aus digitalen Welten etwas destillie­ren, was draußen als Wirklichkeit ankommen soll. Der rasende Reporter ist schon in den 2010er Jahren immer häufiger nur noch von Account zu Account gehüpft und hat dabei zwangsläufig die Menschen übersehen, die nicht im Netz sind, und damit einen ganzen Strauß an Sorgen, Nöten und Positionen.

Von diesen Ro­botermenschen, das ist mein zweiter Grund, wird genauso wenig Kritik kommen wie aus einer Wissenschaft, die schon vor Jahren über Zweit­ und Drittmittel korrumpiert wurde. Das heißt auch: Wenn die Gegenöffentlichkeit KI anbetet, ent­fällt das letzte Korrektiv. Dass es dabei um alles geht und um die letzte große Schlacht, hat Daniel Sandmann im Dezember am »Me­dien­-Tresen« vorgeführt. Schon die »Anrede« des Chats, sagt Sand­ mann, macht aus der KI ein »mentales Subjekt«, tarnt so »das Kapital bzw. die Macht, die diese Ware entwickelt und program­miert« hat, und macht uns dadurch »selbst zum Objekt«.

Der Mensch, daran lässt dieser Autor keinen Zweifel, werde im »Gespräch« mit einem Algorithmus zur Simulation und gebe damit nicht nur das auf, was ihn ausmacht, sondern auch die »Möglichkeit zum Widerstand schlechthin«, weil niemand mehr da sei, der auf die Idee kommen könnte, aufstehen zu müssen. Auch jenseits solcher »Interviews« räumt Daniel Sandmann alles ab, was von Medienleuten für KI ins Feld geführt wird.

Bequemlichkeit, Ef­fizienz, Schreibblockaden überwinden. Zitat: Wer der »Aushöh­lung des Menschen und seiner Würde – geht es fundamental nicht darum in dieser Zeit? – entgegentreten möchte, wer diese Aushöh­lung als genuine Zielsetzung der westlichen Zivilisation begreift, dem bleibt nur der Verzicht auf KI und auf alle digitalen Operatio­nen, die Mentales simulierend ersetzen und tilgen.«

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MICHAEL MEYEN ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU München. Veröffentlichungen in der Hintergrund-Reihe »Wissen kompakt«: Cancel Culture (2024), Der dressierte Nachwuchs (2024) und Staatsfunk (2025). Videos: https://www.youtube.com/@Michael_Meyen

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