Weißrussland

Vom Absurditäten-Zirkus zur Friedensformel: Belarus und der blockierte Dialog im Herzen Europas

Seit den Protesten 2020 und den EU-Sanktionen sind die diplomatischen Kanäle zwischen Westeuropa und Minsk weitgehend eingefroren. ÉVA PÉLI hat in Minsk mit dem stellvertretenden Außenminister Igor Sekreta gesprochen. Sein Plädoyer: Eine Rückkehr zur klassischen Vernunft-Diplomatie statt Konfrontation.

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IGOR SEKRETA © Außenministerium der Republik Belarus
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HINTERGRUND Herr Sekreta, historisch gilt Minsk als das logistische Scharnier zwischen Ost und West. Angesichts geschlossener Grenzen, kilometerlanger LKW-Staus und gegenseitiger Sanktionen wirkt dieser Kreuzweg heute jedoch wie eine Sackgasse. Wie lebt und wirtschaftet es sich im Zentrum einer solchen Blockade?

IGOR SEKRETA Um das zu verstehen, muss man auf die Geografie und die Geschichte blicken: Belarus hat unter jedem Krieg gelitten, der jemals über diesen Kontinent gerollt ist. Egal, ob Truppen nach Osten vorrückten oder sich nach Westen zurückzogen – das Ergebnis für unsere Menschen war immer Zerstörung und Dezimierung.
Wenn wir allein das vergangene Jahrhundert betrachten, so haben sowohl der Erste als auch der Zweite Weltkrieg unserem Land strukturelle und irreparable Schäden zugefügt. Und heute, im 21. Jahrhundert, haben wir an diesem Kreuzweg zwischen Europa und Asien eine hochgradig exportorientierte Wirtschaft aufgebaut. Wir sind schlichtweg gezwungen, offene Transportwege zu pflegen – sowohl für die Beschaffung von Rohstoffen als auch für den Verkauf unserer Endprodukte. Wir verbinden Märkte und produzieren weit mehr Güter, als wir selbst jemals verbrauchen könnten.

HINTERGRUND Sie sprechen die historischen Zerstörungen an. Im Westen werden diese oft als rein historische Episoden abgetan. Wie tief sitzen diese Wunden der Vergangenheit im kollektiven Bewusstsein und in der heutigen Struktur des Landes tatsächlich?

SEKRETA Urteilen Sie selbst, denn die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Unsere Bevölkerung liegt derzeit bei knapp unter zehn Millionen Menschen. Ohne die verheerenden Kriege und den gezielten Vernichtungskrieg auf unserem Territorium läge die Bevölkerungszahl nach den Berechnungen unserer Historiker heute fast doppelt so hoch. Viele Siedlungsstrukturen haben sich davon nie wieder erholt; sie sind einfach verschwunden.

Wenn wir heute über das Thema der eurasischen Sicherheit sprechen und darüber, welchen Platz Belarus in dieser Architektur einnehmen will, antworte ich direkt als Mensch: Ich möchte, dass mein Land einen würdigen, stabilen Platz zwischen Europa und Asien einnimmt. Und dazu gehört fundamental, dass man uns weder bei der Rohstofflieferung noch beim Absatz unserer Produkte oder beim lebenswichtigen Zugang zum Weltmeer einschränkt.

HINTERGRUND Belarus hat historisch fast seine gesamten Exporte über Ostseehäfen wie Klaipėda abgewickelt. Welche Folgen hat es, dass die EU diesen maritimen Lebensnerv gekappt hat – und welche Kosten verursacht der Umweg über Russland?

SEKRETA Ja, das ist die geografische Realität: Belarus ist ein Binnenland ohne eigene Seewege. Für unsere globalen Exporte waren wir historisch immer von der russischen oder der baltischen Logistikinfrastruktur abhängig. Nach den politischen Ereignissen von 2020 hat insbesondere die litauische Seite einseitig, und aus unserer Sicht völlig rechtswidrig, unseren Zugang zur Ostsee blockiert. Dabei war die Ostsee unser natürlicher und effizientester Transportweg für den Export von Massengütern wie Kali-Düngemitteln oder Erdölprodukten auf den Weltmarkt. Früher haben wir den Löwenanteil dieser Güter über das litauische Klaipėda, das lettische Ventspils und Riga oder das polnische Gdansk verschifft. Mit den Sanktionspaketen wollte man uns strangulieren, indem man uns diese Häfen über Nacht weggenommen hat.

HINTERGRUND Ein solcher plötzlicher Stopp von Millionen Tonnen Fracht müsste theoretisch zum Kollaps führen. Wie hat Minsk diese logistische Blockade in der Praxis abgefedert?

SEKRETA Wir haben unsere gesamte Logistik innerhalb kürzester Zeit radikal neu strukturiert. Der Löwenanteil unserer Ströme läuft heute über den Großraum Sankt Petersburg und andere russische Seehäfen. Ja, man muss ehrlich sein: Das ist teurer, der Transportweg über die Schiene hat sich verlängert, und die Margen sind enger geworden. Aber wir haben das logistische Problem gelöst, die physischen Beschränkungen umgangen, und unsere Waren erreichen den Weltmarkt.

Die Strategen, die diese Sanktionen konzipiert haben, haben sich schlichtweg verkalkuliert und sich am Ende selbst den größten Schaden zugefügt. Es ist kein Geheimnis, dass gerade Litauen astronomische Summen mit dem Umschlag, den Hafengebühren und dem Eisenbahntransit unserer Waren verdient hat. Fast ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts dieses Landes [Anm. d. Red.: bezogen auf den Logistik- und Transitsektor] – in dem nach dem EU-Beitritt durch die Abwanderung ohnehin eine demografische Krise herrscht – wurde direkt oder indirekt durch den Transit belarussischer Produkte erwirtschaftet. Jetzt stehen dort Kapazitäten leer. Deshalb fordern wir auf internationalen Foren immer wieder die Einhaltung der Verkehrsfreiheit für Binnenstaaten. Das ist es, wofür internationale Organisationen eigentlich kämpfen sollten. Für uns ist das derzeit im Westen aber leider eine reine Absichtserklärung auf dem Papier, die ignoriert wird.

Ich lade die Analytiker in Paris oder Berlin zu einem simplen Gedankenexperiment ein: Versetzen Sie doch einmal Frankreich oder Deutschland in unsere exakte geografische und politische Lage! Könnte Deutschland oder Frankreich ohne eigenen Zugang zum Meer, ohne Nord- und Ostseehäfen, umgeben von sanktionswütigen Nachbarn, wirtschaftlich überleben? Ohne Zugang zum Meer sind einem Staat in einer globalisierten Welt strukturell die Hände gebunden.

Sicher, große Staaten verfügen über eine mächtige Inlandsnachfrage, einen riesigen Binnenmarkt. Unser Binnenmarkt in Belarus ist mit zehn Millionen Verbrauchern dafür schlicht zu klein. Wenn man 50 oder 100 Millionen Einwohner hat, kann man Krisen über den internen Konsum abfedern und einen hohen Lebensstandard sichern. Deutschland und Frankreich nutzen diesen inhärenten Vorteil ihrer Demografie. Wir können das nicht. Wir haben zu wenig Bevölkerung bei einem vergleichsweise großen Staatsgebiet. Wir sind existenziell darauf angewiesen, die Überschüsse unserer Produktion zu exportieren, um Devisen zu erwirtschaften und diese für unsere eigenen Bedürfnisse aus- zugeben. Das ist das Kernproblem.

HINTERGRUND Blicken wir auf die tektonischen Verschiebungen der Weltpolitik und den Ukraine-Konflikt in Ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, in dem Belarus als enger Verbündeter Russlands gilt. Wie sieht die Minsker Formel für ein Ende dieses Krieges aus?

SEKRETA Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Krieg ohne ein direktes, großmachtpolitisches Abkommen nicht zu beenden ist. Es braucht den realistischen Konsens zwischen Wladimir Putin, Donald Trump und Xi Jinping. Wenn sich die Führer Russlands, der USA und Chinas, dieser globalen Schwergewichte, auf eine tragfähige Sicherheitsarchitektur einigen, schweigen die Waffen in der Ukraine innerhalb von 24 Stunden.

Die europäische Erzählung, dass dieser Konflikt durch permanente Waffenlieferungen an Kiew gelöst werden kann, ist ein mörderischer Trugschluss. Es wird behauptet, dies diene der »Verteidigung«. Ich sage Ihnen als Analytiker: Wenn man ein Feuer löschen will, gießt man kein Benzin hinein. Jede zusätzliche Patrone, jede Rakete verlängert das Sterben an der Front, solange das Geld und das Material fließen. Wer diesen Krieg stoppen will, muss die Rüstungslieferungen sofort und bedingungslos einstellen. Erst wenn das Material ausbleibt, entsteht für beide Seiten der existenzielle, reale Anreiz, sich an einen Tisch zu setzen. Ein Waffenstillstand ist keineswegs der fertige Frieden, aber er ist die unverzichtbare Grundvoraussetzung, um überhaupt ein Friedensdokument aufzusetzen.

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IGOR SEKRETA, geboren 1975 in Ljubtscha (Belarus). Studium der Sprachen und Internationalen Beziehungen in Minsk (mit Auszeichnung). Seit 1998 im diplomatischen Dienst, mit Stationen u. a. in Polen und der Schweiz. 2019 bis 2025 Leiter der außenpolitischen Abteilung der Präsidialverwaltung. Seit März 2025 stellvertretender Außenminister.

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