Weltpolitik

Aufklärung unerwünscht

Ein Geschworenengericht in Missouri hat entschieden, Darren Wilson nicht anzuklagen. Das rassistische US-Klassenjustizsystem und dessen Zusammenspiel mit dem Medienkomplex funktioniert – 

Von SIMON LOIDL, 26. November 2014 – 

Ferguson Zwei Tage nach der Entscheidung eines Geschworenengerichts in Missouri, den Polizeibeamten Darren Wilson nicht wegen der tödlichen Schüsse auf den 18jährigen Michael Brown anzuklagen, protestieren zehntausende Menschen in mehr als 170 US-Städten. Unmittelbar nach der Verlautbarung des Gerichts am Montag Abend (Ortszeit), kam es zu ersten heftigen Protesten in Ferguson.

In der Vorstadt von St. Louis hatte Wilson am Abend des 9. August Michael Brown mit sechs Schüssen getötet. Weshalb, ist bis heute unklar und wird es wohl auch bleiben. Nach Wilsons Darstellung war der Teenager zusammen mit einem Freund mitten auf der Straße gegangen. Auf eine Aufforderung des Polizeibeamten, dies zu unterlassen, habe Brown aggressiv reagiert, den im Wagen sitzenden Polizisten beschimpft und physisch attackiert. Nach einem kurzen Handgemenge, bei dem sich auch ein Schuss gelöst haben soll, ist es Wilson demnach gelungen, aus dem Auto auszusteigen. Brown und dessen Freund sind in unterschiedliche Richtungen davongelaufen, Wilson hat sich auf die Verfolgung von Brown konzentriert. Wenige Sekunden später lag dieser am Boden – von sechs Kugeln aus Wilsons Pistole getroffen. Was in diesen Sekunden passiert ist, darüber gehen die Aussagen auseinander. Während einige Zeugen angaben, Brown sei mit erhobenen Händen erschossen worden, sagte Darren Wilson selbst, Brown habe sich in bedrohlicher Haltung auf den Polizisten zubewegt und dieser habe in Notwehr gehandelt.

Notstand und Nationalgarde

Die zwölfköpfige Geschworenen-Jury kam nun zu dem Schluss, dass es keine ausreichenden Hinweise auf ein Fehlverhalten Darren Wilsons gebe um diesen anzuklagen. Damit ist die Sache für die Behörden erledigt. Angehörige von Michael Brown zeigten sich über die Entscheidung empört und verwiesen auf die engen Verbindungen zwischen dem lokalen Polizeiapparat und Bezirksstaatsanwalt Robert McCulloch. Von einem „symbiotischen Verhältnis“ zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft sprach der Anwalt der Familie Brown, Benjamin Crump, gegenüber den Medien. Der Fall hätte von Beginn an einem Sonderermittler übergeben werden müssen.

Vieles spricht dafür, dass die Behörden das in gewisser Hinsicht ganz ähnlich sehen. Denn auch diese dürften von dem nun erfolgten „Freispruch“ Wilsons ausgegangen sein. Aktivisten aus Ferguson und St. Louis berichteten bereits vor Wochen von einer auffälligen Präsenz von Sicherheitskräften. Fahrzeuge der Bundespolizei waren in den Straßen zu sehen, Polizeihubschrauber zogen ihre Runden. Der Gouverneur von Missouri, Jay Nixon, rief bereits in der Vorwoche den Notstand aus. Am Tag der Jury-Entscheidung über die Anklageerhebung stand ein riesiges Polizeiaufgebot bereit, dessen martialische Präsenz die Proteste sofort in Richtung Eskalation dirigierte. Vor allem sind aber auch – wie bereits während der Proteste im Sommer – erneut Soldaten im Einsatz gegen Demonstranten. Am Dienstag bestellte Nixon weitere 1.500 Nationalgardisten – 700 waren bereits zuvor anwesend.

In den vergangenen Protestnächten und -tagen wurden bereits dutzende Menschen festgenommen, die Polizei setzte erneut Tränengasgranaten ein, ganze Straßenzüge wurden gesperrt und die dort anwesenden Menschen – inklusive Medienvertretern – vertrieben. Gerechtfertigt wurde der brutale Einsatz gegen die Proteste mit Hinweis auf Gewalt seitens der Demonstranten. So wurden in der Nacht zu Dienstag Autos und Geschäfte in Brand gesetzt und Steine sowie Flaschen auf Einsatzkräfte geworfen. US-Präsident Barack Obama sprach denn auch von „kriminellen Akten“. Es gebe keine Entschuldigung dafür, Autos oder Gebäude anzuzünden, auch wenn er die Gefühle vieler Menschen über die Geschworenen-Entscheidung verstehen könne.

Manipulative Berichterstattung

Einmal mehr zeigt sich, dass die Empörung über Sachbeschädigungen bei Behörden und Medien größer ist als über die Tötung eines Menschen durch Staatsorgane. Die US-Networks überschlagen sich in sensationalistischer Berichterstattung über die Gewalt, in die der ohnmächtige Protest in den vergangenen Tagen umschlug. Die Nase ganz vorne hatte allerdings der Nachrichtensender ABC, der am Dienstag ein Exklusiv-Interview mit dem Todesschützen veröffentlichte. In diesem schildert Darren Wilson seine Sicht der Dinge und beteuert, er würde wieder genau so handeln, wie er es am 9. August getan hat. Die pseudokritischen Fragen des ABC-Journalisten, die es Wilson während des Gesprächs ermöglichen, seine Darstellung zu präzisieren, sind ein Lehrstück manipulativen Journalismus. Der Polizist erzählt, dass Michael Brown die Tür des Polizeiwagens, aus dem Wilson gerade aussteigen wollte, einfach zugeschlagen hat. Die Kamera richtet sich auf den Interviewer, der mit ungläubig-entsetzter Mine fragt: „Er schlug die Tür zu?“ – „Ja“. Danach schildert Wilson die unglaubliche Körperkraft von Michael Brown und dass er sich gefühlt habe wie ein Fünfjähriger, der mit Hulk Hogan ringen würde. Wieder das aufgeregte Gesicht des Journalisten: „Hulk Hogan?“

Am Ende des Gesprächs dann Fragen nach seinen – des Todesschützen – Gefühlen, und was er sich für die Zukunft wünsche. „Ich möchte einfach ein normales Leben führen, das ist alles.“ Und nachdem sich der ABC-Journalist und Darren Wilson darauf geeinigt haben, dass letzterer ein reines Gewissen habe, da er ja „seinen Job richtig gemacht“ habe, endet das Gespräch. Abgesehen von der manipulativen Gesprächsführung ist der Zeitpunkt der Ausstrahlung am Tag nach der Gerichtsentscheidung äußerst provokativ. Im Vorbericht zu dem Interview sieht man zudem einige Bilder von brennenden Autos. Die Botschaft ist klar: Wilson hat gehandelt wie ein US-amerikanischer Polizist zu handeln hat. Michael Brown war ein irrationales Ungetüm, dem lediglich durch Schüsse beizukommen war. Und die Demonstranten sind aus dieser Perspektive verantwortungslose Brandstifter, deren Verhalten völlig unverständlich ist angesichts der Schilderungen des harmlosen jungen Polizisten.

Das perfide an der Jury-Entscheidung ist, dass der Fall Michael Brown nun vorerst nicht  aufgeklärt wird. Ein Prozess gegen Darren Wilson hätte die Möglichkeit geboten, den strukturellen Rassismus in der täglichen Polizeiarbeit in den USA umfassend zu thematisieren. Dabei hätte erneut diskutiert werden können, weshalb lokale Polizeieinheiten mehrheitlich weiß sind, während in ihren Zuständigkeitsbereichen zu zwei Drittel Menschen mit dunkler Hautfarbe wohnen und arbeiten – oder eben auch nicht arbeiten, weil es kaum Jobs gibt. Es hätte der Zusammenhang zwischen Polizeigewalt und sozialen Verhältnissen diskutiert werden können. Und es hätte gefragt werden können, weshalb schwerbewaffnete weiße US-Polizisten im Wochenrhythmus keinen anderen Ausweg im Umgang mit schwarzen Jugendlichen und Kindern sehen, als diese abzuknallen.

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