Weltpolitik

Aufstrebende und niedergehende ökonomische Mächte: Der Konflikt zwischen USA und China vertieft sich

Von JAMES PETRAS, 20. Dezember 2010 –

Einführung

Werden die verstärkten Konflikte zwischen den USA und China unausweichlich zu einem globalen Flächenbrand führen? Wenn es nach der Vergangenheit geht, so muss die Antwort unumwunden „ja“ lauten. Die zerstörerischsten Kriege des 20. Jahrhunderts waren das Ergebnis der Konfrontation zwischen etablierten imperialistischen Staaten (EIP) und aufstrebenden imperialen Mächten (RIP: Rising Imperial Power). (I) Die Praktiken und die Politik der Ersteren dienten Letzteren als Vorbild.

Englands koloniale Ausbeutung Indiens, seiner Märkte, (Staats-)Schätze, Rohstoffe und Arbeitskräfte diente als Vorlage für Deutschlands Eroberungskrieg gegen Russland. Gleichermaßen diente die koloniale Ausplünderung Südostasiens und der chinesischen Küstenstädte durch Europa und die USA als Modell für Japans Feldzug zur Kolonialisierung und Ausbeutung der Mandschurei, Koreas und des chinesischen Festlands.

In jedem Fall führte der Konflikt zwischen frühzeitig etablierten – aber stagnierenden – und sich später entwickelnden – dynamischen – Imperien zu Weltkriegen, in denen nur durch das Eingreifen einer anderen aufsteigenden imperialen Macht, der Vereinigten Staaten, den  aufstrebenden imperialen Mächten eine Niederlage beigebracht werden konnte. Die USA gingen aus dem Krieg als dominante imperiale Macht hervor, verdrängten die etablierten europäischen Imperialmächte, unterwarfen die  aufstrebenden Imperialmächte Deutschland und Japan und konfrontierten den chinesisch-sowjetischen Block. (2)
Mit dem Niedergang der UdSSR und der Überführung Chinas in ein dynamisches kapitalistisches Land wurde die Bühne bereitet für einen neuen Konflikt zwischen der etablierten imperialen Macht der USA und seinen europäischen Verbündeten auf der einen Seite und China, der neu aufkommenden Weltmacht, auf der anderen Seite.

Das US-Imperium übersät die Welt mit fast 800 Militärbasen (3), multilateralen (NATO) und bilateralen militärischen Bündnissen, mit multinationalen Banken, Investmenthäusern und Industrien in Asien, Lateinamerika, Europa und andernorts und hat eine dominante Position in den selbst geschaffenen internationalen Finanzinstitutionen (Weltbank, Internationaler Währungsfond) inne. China hat das US-Modell des militärisch gesteuerten „Empire Building“ (II) weder übernommen noch herausgefordert.

Sein dynamisches Wachstum wird angetrieben durch seine ökonomische Wettbewerbsfähigkeit, durch Marktbeziehungen, die durch den Staat gelenkt werden, und durch seine Bereitschaft, zu lernen, abzuschauen, Neuerungen einzuführen sowie nach innen und außen zu expandieren und so die US-Marktvorherrschaft in Regionen wie Lateinamerika, dem Mittleren Osten und Asien wie auch in den USA und der Europäischen Union zu ersetzen. (4)

Etablierte Imperialistische Staaten (EIP)

Regionale und weltweite Kriege resultierten, sofern die etablierten imperialistischen Staaten involviert waren, aus den Bemühungen der Aufrechterhaltung der privilegierten Position in etablierten Märkten, Zugang zu Rohstoffen, Ausbeutung der Arbeit durch merkantile, koloniale, bilaterale und multilaterale Abkommen. Häufig verbanden Handelszonen die imperialen mit den abhängigen Ländern und Regionen und schlossen potenzielle Konkurrenten aus. Militärbasen wurden den kontrollierten Wirtschaftszonen übergestülpt. Netzwerke politischer Klienten begünstigten die imperialen Länder.

Angesichts der privilegierten und frühzeitigen Etablierung ihrer imperialen Herrschaftsbereiche porträtieren die etablierten Imperialmächte später aufkommende imperiale Mächte als „Aggressoren“, die den „Frieden“ bedrohen – den Frieden der eigenen hegemonialen Position.
Ebenso wie die etablierten folgten die aufsteigenden Staaten dem Muster militärischer Eroberungen von kolonialisierten und nicht kolonialisierten EIP-Satellitenstaaten und plünderten diese dann aus.(5) Aus Mangel an Netzwerken, Statthaltern und Klienten, über die die etablierten Imperialmächte verfügten, verließen sich die aufstrebenden auf militärische Macht, separatistische Bewegungen und „fünfte Kolonnen“ (lokale Bewegungen, deren Loyalität der aufsteigenden imperialen Macht gehört). Die RIP behaupteten, dass ihr „legitimes“ Streben nach einem Anteil der Weltmacht durch illegale Boykotte des Zugangs zu Rohstoffen und durch ein kolonialistisches merkantiles System abgeschotteter Märkte blockiert werde.(6)

Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums eröffnete Washington kurzzeitig neue Aussichten dahingehend, ein unipolares Imperium ohne Konkurrenten oder Herausforderer zu begründen – eine „Pax Americana“. (8) Diese „Vision“, auf einer oberflächlichen, eindimensionalen Analyse der imperialen militärischen Überlegenheit der USA beruhend, ignoriert verschiedene entscheidende Schwächen:

1.) Der relative Niedergang der ökonomischen Macht der USA im Angesicht einer harten Konkurrenz aus Europa, Japan, den neu industrialisierten Ländern und seit den frühen 1990er Jahren aus China.

2.) Das zerbrechliche Fundament der US-Macht in der „Dritten Welt“ basiert auf höchst verwundbaren Kollaborateuren, deren Ökonomien nicht nachhaltig und außerdem Plünderungen ausgesetzt sind.

3.) Die Deindustrialisierung und Finanzialisierung der US-Wirtschaft führt zu einem Rückgang des Warenhandels und einer wachsenden Abhängigkeit der Einkommen von Finanzdienstleistungen. Die fast komplette Ausweitung der Spekulation im Finanzsektor führte zu großer Volatilität und die Ausplünderung des produktiven Vermögens wird begleitet von einem wachsenden Schuldenberg.

Die rasche militärische Expansion der USA und die Einbeziehung ehemaliger osteuropäischer Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes in die NATO schuf das Bild der USA als unzähmbarem, dynamischem Imperium. Die Ausplünderung und der Transfer von Vermögen aus Russland, Osteuropa und den ehemaligen Sowjetrepubliken hinterließen den Eindruck eines wirtschaftlich dynamischen Imperiums.

Diese Betrachtungsweise ist aus verschiedenen Gründen problematisch. Die Ausplünderung war ein einmaliger Mitnahmeeffekt; sie machte vor allem russische Gangster-Oligarchen reich; und die privatisierten staatlichen Firmen fielen hauptsächlich in die Hände Deutschlands und anderer EU-Staaten. Das US-Imperium, das die Kosten für die Förderung des russischen Niedergangs trug, war nicht der primäre ökonomische Nutznießer – sein Gewinn war vor allem militärischer, ideologischer und symbolischer Natur.

Die verhängnisvollen Langzeitfolgen der postsowjetischen US-Militärsiege hatten ihren Ausgang bereits in den frühen bis mittleren 1990er Jahren, während der Präsidentschaften Bush Seniors und Clintons.
Die US-Invasion in den Irak und die schnelle Zerschlagung Jugoslawiens sorgten für einen enormen Auftrieb des militärisch gesteuerten „Empire Building“. Die raschen militärischen Siege, die anschließende De-facto-Kolonialisierung Nord-Iraks und die Kontrolle über dessen Handel und Budget belebten erneut die Idee, dass die imperiale Vorherrschaft durch die Methode der Kolonialisierung ein machbares historisches Projekt sei.

Anders als vorhergehende RIP vertraute China von Anbeginn auf die Entwicklung der einheimischen Produktivkräfte, errichtet auf dem Fundament der Errungenschaften der chinesischen sozialen Revolution.

Die neue kapitalistische Führung öffnete die Ökonomie nach außen und lud ausländisches Kapital ein, Technologie bereitzustellen, öffnete Überseemärkte und eignete sich kapitalistische betriebswirtschaftliche Fähigkeiten an, während es die Kontrolle über das Finanzsystem und strategische Industriesektoren aufrechterhielt. Wichtig vor allem ist die halb privatisierte Landwirtschaft, die einen Multi-Millionen Überschuss an niedrig bezahlten Arbeitskräften zur verstärkten Ausbeutung in den arbeitsintensiven Montagewerken an der Küste schuf.

Im Kontrast zu früheren RIP intensivierte China zumindest anfangs die Ausbeutung der einheimischen Arbeitskräfte und der Ressourcen, anstatt sich an militärischen Eroberungen im Ausland zu beteiligen und dort Ressourcen auszuplündern und Zwangsarbeiter auszubeuten.

Von Anbeginn wurde der Binnenmarkt zugunsten des Strebens nach Außenmärkten geopfert. Massenkonsum wurde zugunsten der Investitionen, Profite und Vermögen der staatlichen und privaten Eliten zurückgestellt. Rasche und massive Akkumulation vergrößerte die Ungleichheiten und konzentrierte die Macht an der Spitze des neuen staatskapitalistischen, hybriden (zweigeteilten, Anm. Red) Klassensystems. (12)

Im Unterschied zu den vergangenen  etablierten Imperialmächten und den USA heute hat die aufstrebende Macht China die Banken genötigt,  die Industrieproduktion zu finanzieren, vor allem in den Exportsektoren. Im Unterschied zu  etablierten imperialen Staaten wie den USA verzichtet China auf hohe Militärausgaben für Basen im Ausland, koloniale Kriege und kostspielige militärische Besatzungen. Stattdessen sind es seine Güter, die in die Märkte eindringen, inklusive der Märkte der etablierten Imperialmächte.

Die aufstrebenden Imperialstaaten erhöhen den Warenexport, während gleichzeitig das Vordringen von Finanzdienstleitungen – Antriebskraft der EIP – scharf begrenzt wird. Das Resultat war nach einiger Zeit ein Aufblähen des Handelsdefizits der USA nicht nur bezüglich des Handels mit China, sondern auch mit fast hundert anderen Ländern rund um die Welt. Die militärisch und finanziell gesteuerte Vormachtstellung der imperialen Elite hemmte die Entwicklung von Hochtechnologie, mittels derer in die Märkte der RIP eingedrungen und somit das Handelsdefizit verringert werden könnte.

In der Vergangenheit organisierten die etablierten Imperialmächte eine internationale Arbeitsteilung. Im kolonialen Modell exportierten die kolonialisierten Länder Rohstoffe und importierten fertiggestellte Waren aus den etablierten imperialen Staaten. Im frühen Stadium der postkolonialen Periode basierte die internationale Arbeitsteilung auf der Produktion von arbeitsintensiven Gütern in den jungen unabhängigen Ländern gegen Austausch von technologisch weiter fortgeschrittenen Gütern aus den etablierten Imperialstaaten.

Ein „drittes Stadium“ der internationalen Arbeitsteilung wurde von den Ideologen des Finanzkapitals propagiert, in welchem die  etablierten imperialen Mächte Dienstleistungen (finanzielle, technologische, Unterhaltungsdienstleistungen etc.) im Gegenzug für sowohl arbeitsintensive wie auch technisch weiter fortgeschrittene Güter exportieren. Die Ideologen dieses dritten Stadiums der internationalen Arbeitsteilung gingen davon aus, dass die unsichtbaren Gewinne, die sich aus den zurückfließenden Gewinnen des Finanzkapitals speisen, das Außenhandelsdefizit ausgleichen würden.

Unfähig, die Finanzmärkte in Handelsländern wie China zu dominieren, intensiviert das Finanzkapital seine internen und innerimperialen spekulativen Aktivitäten. Das führte zu einem schwindelerregenden Anstieg der fiktiven Ökonomie, ihrem unabwendbaren Kollaps und der Anhäufung von Handelsdefiziten und externen Schulden.

Im Gegensatz dazu erweitert China seinen industriellen Sektor, indem es die Importe von halb gefertigten Erzeugnissen für die Montage, von Technologie zum Aufbau eigener verarbeitender Industrie und von Kapital, welches in mehrheitlich dem Staat gehörenden Fabriken steckt, ausbalanciert mit dem Verkauf von Fertigerzeugnissen in die USA, die EU und den Rest der Welt.

Durch Staatsbanken hält es die Kontrolle über den Finanzsektor aufrecht und reduziert somit den Abfluss von „unsichtbaren Gewinnen“ in die etablierten Imperialstaaten.

Diese engagieren sich in enormen unproduktiven und ineffizienten militärischen Aufwendungen und kostspieligen Kolonialkriegen ohne jegliche „imperiale Einnahmen“. (15) Im Kontrast dazu gibt eine aufstrebende Imperialmacht wie China Hunderte von Milliarden aus, um die einheimische Wirtschaft zum Sprungbrett der Eroberung externer Märkte auszubauen.

Die brutalen imperial-kolonialen Kriege der  „Etablierten“ erschütterten das Leben von Millionen kolonialisierten Menschen, aber auf Kosten der Desakkumulation von Kapital. Wohingegen die aufstrebende  imperiale Macht China im Prozess der Kapitalakkumulation und der erweiterten Reproduktion daheim und auf ausländischen Märkten Hunderte von Millionen von Wanderarbeitern extrem ausbeutet. Anders als in der Vergangenheit sind es die etablierten Imperialstaaten, die sich militärischer Aggression zwecks Aufrechterhaltung der Marktpositionbedienen, während die  „Aufstrebenden“ durch Wettbewerbsfähigkeit ins Ausland expandieren.

Die „ökonomische Krankheit“ der  „Etablierten“ liegt in der Tendenz, ihre Finanzsektoren zu überfordern und die Politik so auszurichten, dass Industrie und Handel zugunsten spekulativer Aktivitäten, die sich „selbst füttern“ und selbst zerstören, vernachlässigt werden. Im Gegensatz dazu verschieben die aufstrebenden imperialen Staaten Bankkapital von der Finanzierung einheimischer Produktion ins Ausland zur Rohstoffsicherung für die eigene Industrie.

Unterschiede zwischen imperialen Zentren und „Diaspora“

Es bestehen wichtige Unterschiede zwischen vergangenen und gegenwärtigen imperialen Ländern und ihre jeweiligen „Disapora“ im Ausland. In der Vergangenheit diktierten die imperialen Zentren in der Regel die Politik der Kolonien, sicherten sich Söldner, Rekruten und Freiwillige für ihre imperialen Kriege wie auch profitable Erlöse aus Investitionen und günstigen Handelsbeziehungen.

Im Unterschied dazu bezahlt die USA einen milliardenschweren Tribut und unterwirft sich der kriegerischen Politik, wie sie ihr von ihrer vermeintlichen „Kolonie“ Israel als Resultat der zionistischen Machtkonstellation (ZPC-Zionist Power Configuration) auferlegt wird. Wir haben es hier mit dem außergewöhnlichen Umstand zu tun, wie die Diaspora (ZPC) eines ausländischen Staates sowohl die strategischen ökonomischen Interessen (Ölindustrie) als auch die höchsten Feldkommandeure und Geheimdienste des imperialen Zentrums bei der Ausrichtung der Politik gegenüber dem Nahen Osten übertrumpft. (17)

Die neu aufkommenden imperialen Mächte wie China verfügen über keine solche „hegemoniale“ Kolonie. Im Unterschied zu der unloyalen Rolle der ZPC, welche als politisch-militärisches Instrument Israels dient, dient die chinesische Diaspora als wirtschaftlicher Verbündeter des chinesischen Staates. Die Chinesen im Ausland erleichtern es den einheimischen Handelskonzernen, sich in Joint-Ventures inner- und außerhalb Chinas zu engagieren, ohne jedoch die Außenpolitik der Staaten, in denen sie residieren, zu gestalten. Die chinesische Diaspora handelt nicht wie eine „fünfte Kolonne“ gegen die Interessen der Länder, in denen sie residiert. Anders die amerikanischen Zionisten, deren Massenorganisationen all ihre Bemühungen in das gemeinsame Ziel stecken, die US-Politik der israelischen Kolonialpolitik zu unterstellen, um diese besonders stark zu machen.

China hat über 24 Milliarden US-Dollar durch lukrative Investitionen in Iran angelegt und ist dessen Hauptölimporteur. China hat die USA als Hauptimporteur saudischen Öls abgelöst sowie als Haupthandelspartner in Syrien, Sudan und anderen muslimischen Ländern, in denen die von den Zionisten vorangetriebenen Sanktionen die wirtschaftlichen Aktivitäten der USA eliminieren. (19)

Während Chinas nationale und marktbestimmte Politik die Hauptkraft zur Verbesserung der globalen wirtschaftlichen Position Chinas darstellt, kommt die Ausrichtung der USA an den Bedürfnissen einer untergeordneten Kolonialmacht einem großen ökonomischen Verlust gleich.

Von ebenso großer Wichtigkeit ist, dass Chinas Diaspora grundsätzlich an der Ausweitung der wirtschaftlichen Beziehungen interessiert ist, während die israelische Diaspora – die ZPC – grundsätzlich auf die Militarisierung der US-Politik, mitsamt außergewöhnlich kostspieligen und anhaltenden Kriegen, abzielt, die fast jede bedeutende islamisch geprägte Bevölkerung durch eine islamophobe Rhetorik und Hasspropaganda gegen sich aufbringt.

Die Antwort der USA auf den imperialen Verfall: Rette das Imperium, opfere die Nation

Als Reaktion auf seinen Niedergang hat Washington mindestens sechs Strategien entwickelt.

1. Die großformatige und auf einen langen Zeitraum ausgerichtete Reaktion Washingtons auf den Niedergang seiner Position in der Weltwirtschaft und seinen schwindenden politischen Einfluss in verschiedenen Regionen ist, das globale Netzwerk der Militärbasen auszuweiten und zu verstärken. (21)

Das neue Jahrtausend wurde Zeuge einer Reihe von anhaltenden Kriegen. Die Militärinvasionen in Irak und in Afghanistan gipfeln im Bau massiver Militärbasen und der Rekrutierung lokaler Söldnerarmeen und Polizeien.

Während die USA ihre globale Militärpräsenz in Asien und Lateinamerika erweiterten, ersetzte China die USA als Haupthandelspartner Brasiliens, Argentiniens, Perus und Chiles. (23) Während die USA eine riesige Söldnerarmee im Irak finanzieren, wurde China zum größten Exportmarkt für saudisches Öl.

Die globale US-Militärdominanz führte nicht zu einem parallelen bzw. dem entsprechenden Anstieg – oder auch nur der Wiederherstellung – der wirtschaftlichen Macht. Im Gegenteil, die militärische Expansion ging einher mit einem weiteren wirtschaftlichen Abstieg.

2. Die zweite Reaktion des Weißen Hauses auf seinen globalen wirtschaftlichen Niedergang besteht in einer sehr aktiven finanzkräftigen Kampagne zur Schaffung von Satellitenstaaten. Die meisten dieser Bemühungen beinhalten die Finanzierung lokaler Eliten, NGOs, formbarer oppositioneller Politiker und in den USA lebender Ex-Patrioten mit Verbindungen zu Washington und seinen Geheimdienstbehörden.

Die sogenannten „farbigen Revolutionen“ in der Ukraine und in Georgien, die Tulpenrevolution in Kirgisistan, die ethnische Zerteilung Jugoslawiens, die De-facto-Teilung des Irak und die Etablierung einer kurdischen „Republik“, die Förderung von Separatisten im chinesischen Tibet und Uiguristan, von Oligarchen in Ostbolivien und die militärische Aufrüstung Taiwans können als Teil dieser Bemühungen betrachtet werden, die politische Vorherrschaft im Angesicht des globalen wirtschaftlichen Niedergangs auszubauen.

Das globale Erschaffen von Satellitenstaaten blieb jedoch aus zwei Gründen erfolglos. Die Satelliten haben die Wirtschaft ausgeplündert, die öffentlichen Kassen geleert und die Bevölkerung verarmt, was in einigen Fällen zu ihrem Sturz durch Gewalt oder den Wahlzettel führte. (24) Und zweitens entziehen die Satelliten der US-Staatskasse mehr Geld in Form von Gehältern und Zuwendungen, als dass sie zu den globalen wirtschaftlichen Bestrebungen der USA beisteuern.

Unterdessen führen chinesische Investitionen in Fabriken und der damit einhergehende Bedarf an neuen Materialien und Nahrungsmitteln zu einer größeren und profitableren Präsenz Chinas selbst in den US-Satellitenstaaten. Während US-gestützte Satellitenstaaten in rascher Folge aufsteigen und niederfallen, erfährt Chinas auf dem Markt basierende Präsenz ein beständiges Wachstum.

3. Unter der Führung einer stark militarisierten Elite, inklusive einflussreicher zionistischer Entscheidungsträger, ist Washington unwiederbringlich in Billionen Dollar teure koloniale Eroberungskriege im Nahen Osten und Südasien gezogen Und dies unter der falschen Annahme, dass das „Zeigen von Stärke“ nationalistische und unabhängige Staaten einschüchtern und die ökonomische Präsenz der USA stärken würde.

4. Koloniale Kriege zur Wiederherstellung imperialer Macht wurden kurz nach dem 2. Weltkrieg von den europäischen Mächten vergebens geführt. Ähnlich den USA, intern geschwächt durch die Ausplünderung der produktiven Wirtschaft und den in großem Umfang durch die multinationalen Konzerne durchgeführten Transfer von Kapital und Auslagerung von Arbeitskräften – hauptsächlich nach China und Indien – sind sie in keiner Weise fähig, von dem „Empire Building“ im Ausland zu profitieren.

5. Geheimoperationen wurden zur bevorzugten Methode, um nationalistische, populistische Regime in Lateinamerika, Iran, Libanon und anderswo zu Fall zu bringen. In jedem dieser Fälle versagte Washington darin, ein Satellitenregime zu installieren, was einen Bumerangeffekt zur Folge hatte: die angegriffenen Regierungen radikalisierten ihre Politik, erhielten wachsende Unterstützung und konnten sich fester verankern.

6. Die bedingungslose Unterstützung des rassistischen, militaristischen Kolonialstaates Israel als Hauptverbündeten beim Führen von Kolonialkriegen im Nahen Osten hat faktisch den gegenteiligen Effekt: 1,5 Milliarden Muslime hat man gegen sich aufgebracht, die Unterstützung von ehemaligen Verbündeten (Türkei und Libanon) nimmt ab, und die politische Einflussnahme von Zionisten, die eine „dritte militärische Front“ befürworten – einen Krieg mit dem Iran und seinen zwei Millionen bewaffneten Armeekräften – wurde gestärkt.

US-Strategien zur Untergrabung und Schwächung Chinas als einer aufstrebenden imperialen Macht

Anlässlich der ersten Anzeichen des Potenzials Chinas als globalem Konkurrenten verfolgte Washington in der Hoffnung, eine kolonialistische Beziehung herstellen zu können, eine Strategie der wirtschaftlichen Liberalisierung. Anschließend, nachdem die Liberalisierung nicht zu Chinas Abhängigkeit führte, sondern sogar sein Wachstum beschleunigte, griff Washington verstärkt auf eine Politik der Bestrafung zurück.
Während der 1980er und 1990er Jahre ermutigte Washington China zu einer Politik der „offenen Tür“ gegenüber den Multinationalen Unternehmen (Multi National Corporations, MNC) der USA und stellte Steueranreize für die MNC bereit, damit diese die strategischen Wachstumssektoren Chinas „kolonialisieren“.

In dem Gedanken, dass „freier Handel“ die US-amerikanischen MNCs bei der Eroberung chinesischer Märkte begünstigen würde, förderte Washington erfolgreich Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). Die Strategie versagte: China machte sich die MNCs für die eigene Exportstrategie zu Nutze und eroberte US-Märkte. Es zwang MNCs, Joint Ventures einzugehen, die den Transfer von Technologie nach China beschleunigten und Chinas industriellen Lernprozess, die eigene produktive Leistung zu erhöhen, förderten.

China opferte kurzfristige exzessive Profite an die MNCs im Hinblick auf das langfristige Ziel wachsender Märkte und wachsenden Know-hows sowie der Verbreitung und Intensivierung neuer Produktionsanlagen durch die „Content Rule“ („Ursprungsregel“) (III) wie auch durch Technologie-Transfer. Die Liberalisierung begünstigte den Boom von Chinas Warenexport, während die Wirtschaft an Autonomie gewann und der Produktzyklus verbessert wurde. China erhielt die Zügelung des Finanzsektors aufrecht und blockierte eine Übernahme durch die USA im Finanz- und Immobilienwesen, in Medien und Versicherungen. (27)

In den Anfangsjahren des neuen Jahrtausends realisierte Washington, dass die liberale Strategie, Chinas Aufstieg zur globalen Macht zu blockieren, versagt hatte, und wandte sich zunehmend einer Strategie der Bestrafung zu.

Die USA entwickelten eine detaillierte komplexe und mehrsträngige Strategie, um Chinas Aufstieg zu einer globalen Vormachtstellung zu unterminieren.
Die Strategie beinhaltet wirtschaftliche, politische und militärische Schritte, die Chinas dynamisches Wachstum schwächen und seine Expansion nach außen eindämmen sollen.

Ökonomische Strategien

Im Bestreben, das dynamische Wachstumsmodell zu zerstückeln, verficht Washington die Einmischung in Chinas innerstaatliche Wirtschaftspolitik. Die dabei am häufigsten gestellte Forderung ist, dass China seine Währung zu hoch ansetzt um so seine Wettbewerbsfähigkeit auszuhöhlen und seine dynamische Exportindustrie zu schwächen. (28)

In der Vergangenheit, zwischen 2000 und 2008, erhöhte China den Wechselkurs um 20 Prozent und verdoppelte dennoch seinen Exportüberschuss bezüglich der USA.(29) Es erreichte dies durch gesteigerte Produktivität, Absenkung der Profitrate und verbesserte Qualitätskontrollen. Darüber hinaus ist die Problematik der negativen Handelsbilanz der USA ein chronisches und globales Phänomen – sie haben eine negative Bilanz hinsichtlich über 90 Ländern, inklusive Japan und der EU. (30)

Die vom „Washington-Wall-Street-Komplex“ angeführte Anti-China-Koalition hat mit der Behauptung des Verstoßes gegen Handels- und Investitionsbestimmungen starken Druck auf China ausgeübt, seinen Finanzsektor zu deregulieren, um so dessen Übernahme zu erleichtern. Das Weiße Haus betrachtet den mächtigen Finanzsektor als den einzigen wirklichen Hebel, mit dem die Kommandohöhen der chinesischen Wirtschaft durch Aufkäufe und Fusionen erobert werden können. Die Kampagne verlor angesichts der Finanzkrise 2008-2010, die durch die spekulativen Aktivitäten der Wall Street induziert wurden, an Fahrt.

Entgegen den Regeln der WTO verhängte Washington protektionistische Maßnahmen in Form von Zollgebühren auf den chinesischen Export von Stahl und Reifen. Der US-Kongress drohte mit einer 40-prozentigen Zollgebühr auf alle chinesischen Exporte in die USA – ein Ruf nach einem Handelskrieg.

Die USA blockierte verschiedene groß angelegte chinesische Investitionen und Übernahmen von Ölgesellschaften, Technologiefirmen und anderen Unternehmen. Im Gegensatz dazu hat China US-amerikanischen MNCs erlaubt, Dutzende Milliarden in zahlreiche Sektoren der chinesischen Wirtschaft zu investieren und Unterverträge abzuschließen.

China als aufsteigende Weltmacht ist zuversichtlich, dass seine dynamische Wirtschaft die US-amerikanischen MNCs für das weitere Wachstum nutzbar machen kann, während die USA angesichts ihrer sich verschlechternden Position Angst vor einer Beschleunigung „chinesischer Übernahmen“ haben. Eine Angst, die von der eigenen ökonomischen Schwäche genährt wird und sich mit der Rhetorik von der „Sicherheitsbedrohung“maskiert.  

Washington hat eine konzertierte internationale Medienkampagne ins Leben gerufen und den IWF und die EU mobilisiert, um Chinas nationales Industriemodell zu schwächen, und gibt der aufsteigenden Weltmacht die Schuld am eigenen Niedergang.

Ziel dabei ist es, Chinas dynamische Expansion ins Ausland einzugrenzen und das Eindringen durch die USA zu erleichtern. Täglich entdecken US-„Experten“ und Ökonomen neue Gründe, um zu predigen, dass China vor einer „unmittelbar bevorstehenden Krise“ stünde:

Die Absicht dabei ist, „formbare“ oder „gefällige“ neoliberale chinesische Funktionäre zu beeinflussen und dazu zu bewegen, ihre Politik zu ändern. Ebenso will man mit diesen „Kritiken“ die US-Eliten aus Politik und Militär, aus dem Geschäfts- und Bankwesen, vereinen und aggressive Schritte gegenüber China rechtfertigen. Grundproblem dieser Experten-Diagnose ist, dass sie wiederholt widerlegt wurde von der Realität des fortdauernden dynamischen Wachstums Chinas; von der Fähigkeit, die Kreditvergabe zu managen und zu kontrollieren und somit das Platzen von Finanz-Blasen zu verhindern; von der – aufgrund von relativ generösen Löhnen und Infrastrukturmaßnahmen, die die Investitionen begleiten – wachsenden positiven Rezeption afrikanischer Gastgeberländer auf neue Investment-Abkommen im Rohstoffsektor.(32)

Strategien, einer etablierten imperialen Macht zu begegnen

Die eindrucksvollste und wirksamste Antwort einer aufsteigenden Wirtschaftsmacht auf die Bemühungen der etablierten imperialen Mächte, ihren Fortschritt zu blockieren, ist, weiterhin zwei- oder dreimal so schnell zu wachsen wie ihr niedergehender Widersacher. Nichts fordert die „Krisen“-Propaganda durch US-„Experten“ mehr heraus, als Berichte, wie beispielsweise der über Chinas 12-prozentiges Wachstum im ersten Quartal 2010, was dem Sechsfachen des erwarteten Wachstums der USA entspricht. (37) Chinas Politik gegenüber den US-Attacken und Drohungen war besonders im ersten Jahrzehnt seines Aufstrebens zum Weltmachtstatus reagierend und defensiv, und nicht aktiv und offensiv.

China tut wenig, um die US-Expansion im Ausland zu behindern, stattdessen – da Washington bei der Selbstzerstörung ganze Arbeit leistet – konzentriert es sich auf die Weiterentwicklung seiner eigenen wirtschaftsbasierten Strategie der gesteigerten Auslandsinvestitionen, dem Ausborgen von Technologie und der Verbesserung seiner Hightech-Industrie.

Am auffälligsten in Asien ist, dass die dynamischsten Länder Washingtons Warnungen von China als „Sicherheitsbedrohung“ ignorieren und ihren Handel und ihre Wirtschaftsbeziehungen zu ihrem Nachbarn ausgeweitet haben. Nach und nach verdrängt Asien die USA als den am schnellsten wachsenden Handelspartner Pekings.

Die Säulen globaler Macht

Wie auch schon die meisten anderen neu aufkommenden Weltmächte vorher strebt China danach, das Fundament für ein nachhaltiges wirtschaftliches Imperium zu legen. Und in diesem Fall: erfolgreich und ohne auf Gewalt oder Eroberungen zurückzugreifen. Diese Strategie beinhaltet eine komplexe Mischung von Maßnahmen im In- und Ausland.

1. Auslandsinvestitionen zur Sicherung strategischer Ressourcen, insbesondere von Energieträgern, Metallen und Nahrungsmitteln. (40)

2. Inlandsinvestitionen in großem Maßstab zum Aufbau von Produktionskapazitäten, der Einführung fortgeschrittener Technologie zur Erhöhung der Wertschöpfung und zur Minderung der Abhängigkeit vom Import gefertigter Teile. Anhaltend hohe Levels an Investitionen werden als notwendig betrachtet, um die Export-Konkurrenzfähigkeit aufrechtzuerhalten.

3. Große Anstrengungen, die Ausbildung der Arbeitskräfte zu verbessern, um die industrielle Vorherrschaft zu erreichen – mit dem Schwerpunkt auf Ingenieuren, Wissenschaftlern und Industriemanagern, und nicht auf Spekulanten, Investment-Bankern und Anwälten. Allerdings werden Chinas Bemühungen, die Bildung der Arbeitskräfte zu verbessern, nicht erfolgreich sein, solange es die 200 bis 300 Millionen Wanderarbeiter, deren Kinder gegenwärtig vom fortgeschrittenen öffentlichen Bildungssystem in den Hauptmetropolen ausgeschlossen sind, nicht anerkennt und integriert. (41)

4. Milliardenschwere Investitionen in Infrastruktur, inklusive Dutzender neuer Flughäfen, Hochgeschwindigkeitsgleise und verbesserter Schifffahrtswege, die die Küstenregionen mit dem Landesinneren verbinden und das industrielle Wachstum fördern. Als Resultat gibt es weniger Migration in Richtung der etablierten Fabrikzentren an der Küste, was in einigen Fällen zur Knappheit von Arbeitskräften führte, was wiederum zu einem signifikanten Anstieg der Löhne und einem geringeren geographischen Ungleichgewicht zwischen den alten und neuen Polen der Entwicklung führte.

5. Qualifizierte Arbeitskräfte verdrängen Unqualifizierte, und so wie das dynamische Wachstum die Leiter höherer Wertschöpfungsproduktion hinaufklettert, steigen das Lohnniveau und das soziale Bewusstsein, was in wachsenden Druck resultiert, die klaffenden Klassenungleichheiten zu verringern.

6. Als Resultat wachsenden Drucks von unten, evident in jährlich über 100.000 lokalen Protesten, Streiks und Demonstrationen, hat die Regierung sich zögerlich dahingehend bewegt, die Klassenspannungen teilweise mit Investitionen in soziale Wohlfahrt und höhere Sozialausgaben zu mildern. China verlagert sich weg vom Aufkauf von US-Schatzbriefen hin zu Investitionen in Bildung und Gesundheitswesen in ländlichen Gebieten. Dadurch, dass sich der Staat wieder in die soziale Entwicklung einbringt, anstatt auf die Märkte zu vertrauen, die sich als höchst ineffizient erwiesen haben, wird die ländliche Arbeitskraft für den modernen Produktionsprozess nutzbar gemacht.

Zusammengefasst basieren die Säulen von Chinas Drang zur Weltmacht auf dem Wiederausgleich der Wirtschaft, der Verbesserung der produktiven Basis, dem expandierenden Binnenmarkt, dem fortgesetzten Wachstum und der sozialen Stabilität bei gleichzeitigem erweiterten Zugang zu strategischen Rohstoffen, die für die Produktion essentiell sind.

Chinas Version des „Wiederausgleichs“ der Wirtschaft: Die neuen Widersprüche

Chinas dynamischer „Wiederausgleich des Wachstums“, der die Fundamente für die weitere externe Expansion stärkt, steht vor größeren Gefahren von innen als von außen.

Innerhalb Chinas können verschiedene Änderungen der internen Klassenstruktur die Stabilität des Systems gefährden, so wie es der Fall in anderen etablierten Imperien war. Der große Schub zur Expansion ins Ausland hat ein mächtiges Segment innerhalb der neuen staatlich-privaten herrschenden Klasse geschaffen, welches den Bedarf an der Entwicklung des Binnenmarktes ignoriert, besonders Investitionen in die soziale Entwicklung.

Darüber hinaus weigert sich die gesamte herrschende Klasse und die regierende Elite – trotz Lippenbekenntnissen zum Bedarf an Arbeitsverbesserung, Schaffung eines sozialen Netzes in ländlichen Gegenden  sowie Erweiterung der sozialen Rechte auf Gesundheit und Bildung für Wanderarbeiter – die eigenen Steuerabgaben zu erhöhen und so einen Beitrag zu den oben genannten Projekten zu leisten. Sie widerstehen jeder Umverteilungspolitik und verteidigen ihre Familienprivilegien. Somit schaffen sie Bedingungen für erhöhte Spannungen und Klassenkonflikte.

Ebenso schädlich für die zukünftigen Grundlagen von Chinas externer Expansion ist das Auftauchen einer mächtigen Klasse von Spekulanten, insbesondere im Immobilien- und Bankwesen, sowie lokalen politischen Eliten, die Tendenzen zur Aufblähung der Wirtschaft erzeugen, welche das Finanzsystem bedrohen. (43)

Während das Regime eine Politik einschlägt, die durch die Kontrolle über das Geldwesen und das Finanzsystem in der Lage ist, Luft aus der Spekulations-Blase abzulassen, unternimmt es keine strukturellen Maßnahmen, durch welche dieser Sektor der herrschenden Klasse untergraben werden könnte. Hinzu kommt, dass die Spekulationen im Immobilienwesen die Wohnkosten über das Niveau, das sich viele Arbeiter noch leisten können, hinaus anheben, während die Inflation der Grundstückspreise zu einer willkürlichen Enteignung von Hausbesitzern durch lokale und regionale Funktionäre führt, die mit den Immobilienspekulanten verbunden sind, was Massenunruhen und in einigen Fällen gewalttätige Proteste hervorruft.

USA: Konfrontation nach außen oder Umstrukturierung im Innern?

Die USA haben neben China ein Handelsdefizit bezüglich mindestens 91 anderer Länder. Das zeigt, dass das Problem in der Struktur der US-Ökonomie liegt. Alle Strafmaßnahmen, durch die Chinas Exporte in die USA eingeschränkt werden sollen, erhöhen nur Washingtons Defizit gegenüber den anderen Export-Konkurrenten.

Außerdem können „Dritte Welt“-Länder chinesische Produkte re-exportieren, was die USA in die wenig beneidenswerte Lage bringt, auf globaler Ebene Handelskriege zu führen. Oder sie akzeptiert das Faktum, dass eine vom Finanzwesen geführte Ökonomie in der heutigen Weltwirtschaft nicht wettbewerbsfähig ist.

Chinas Entscheidung, seine Handelsüberschusse schrittweise umzulenken – weg vom Erwerb von US-Schatzbriefen hin zu produktiveren Investitionen zur Entwicklung seines „Hinterlandes“ und zu strategischen Auslandsprojekten im Rohstoff- und Energiesektor – wird schließlich den US-Fiskus zur Anhebung des Zinssatzes zwingen, um eine Flucht weg vom Dollar in großem Maßstab zu vermeiden. Das Anheben der Zinsrate könnte Währungshändler begünstigen, aber auch jede Erholung der USA schwächen oder das Land sogar in die Depression zurückwerfen. Nichts schwächt ein globales Imperium mehr, als wenn es seine Auslandsinvestitionen zurückführen und Auslandskredite einschränken muss, um eine abgleitende Wirtschaft zu stärken.

Das Verfolgen protektionistischer Maßnahmen wird schwere negative Auswirkungen auf US-amerikanische MNCs in China haben, denn der Hauptteil ihrer Produkte wird in die US-Märkte exportiert: Washington wird sich ins eigene Fleisch schneiden. Außerdem könnte ein Handelskrieg überschwappen und US-Automobilkonzerne in Mitleidenschaft ziehen, die für den chinesischen Markt produzieren. General Motors und Ford realisieren in China wesentlich mehr Profite als in den USA, wo sie in den roten Zahlen stehen. (44)

Ein US-Handelskrieg wird anfangs negative Auswirkungen auf China haben, bis es sich anpasst und Nutzen aus dem Potenzial der 400 Millionen Konsumenten des gewaltigen Binnenlandes zieht.

In der neuen konkurrenzbetonten, multipolaren Weltordnung, können die USA nicht erfolgreich den alten Weg einschlagen, einer aufsteigenden imperialen Macht den Zugang zu strategischen Ressourcen durch kolonialistisch diktierte Boykotte zu verweigern. Selbst in Ländern unter US-Besatzung, wie dem Irak und Afghanistan, kann das Weiße Haus nicht verhindern, dass China lukrative Investitions- und Handelsabkommen abschließt. In Ländern im Einflussbereich der USA, wie Taiwan, Südkorea und Japan, übersteigt die Wachstumsrate der Investitionen und des Handels mit China bei Weitem die der USA.

Ohne eine umfangreiche, einseitige militärische Blockade können die USA Chinas Aufstieg zu einem Akteur der Weltwirtschaft nicht eindämmen.

Übergang vom Imperium zur Republik?

Angesichts eines nachweislichen Niedergangs der US-Wirtschaft, muss die herrschende Elite anerkennen, dass ihr Imperium nicht zukunftsfähig ist (geschweige denn wünschenswert). Um ihre Konten auszugleichen, können die USA ihre Exporte nach China und ihren Anteil am Welthandel nur steigern, wenn sie tiefgreifende politische und ökonomische Veränderungen vornehmen.

Nichts Geringeres als eine politische und ökonomische Revolution kann den Niedergang der USA umkehren. Der Schlüssel dazu liegt in der Wieder-Ausbalancierung der US-Wirtschaft, nicht mehr finanzgesteuert, sondern industriell zentriert: Aber eine solche Verlagerung erfordert Klassenkampf gegen die etablierte Macht an der Wall Street und in Washington. (45) Der gegenwärtige produzierende Sektor der USA zeigt keinerlei Appetit auf solche historischen Veränderungen. Bis jetzt kauften sich Finanzinstitutionen bei den Produzenten ein oder kauften diese ganz auf: sie haben ihren eindeutigen Charakter als produktiver Sektor verloren.

Der Transfer von Billionen Dollar in Militärausgaben für koloniale Kriege könnte mühelos den Wandel zurück in eine zivile Wirtschaft finanzieren, die Qualitätsgüter für den lokalen und ausländischen Konsum produziert. Militärbasen durch Handelsvertretungen zu ersetzen, könnte den Zufluss (an Kapital, Anm. Red.) in die USA steigern und den Abfluss ins Ausland verringern.

Konfiszierende Steuern für Millionäre / Milliardäre und ein festgeschriebenes Maximum aller Einkommen über eine Million Dollar können die Sozialsysteme und ein umfassendes öffentliches Gesundheitssystem finanzieren. Der Übergang von einem Imperium zu einer Republik bedarf eines fundierten Wiederausgleichs sozialer Macht und einer tiefgehenden Restrukturierung der US-Wirtschaft. Nur dann werden die USA in der Lage sein, mit China in der Weltwirtschaft zu konkurrieren.

Schlussfolgerung

Wie schon in der Vergangenheit sucht eine niedergehende imperiale Macht, die mit tiefgreifenden inneren Ungleichgewichten konfrontiert ist, mit einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit im Warenhandel und einer zu großen Abhängigkeit von Finanzaktivitäten, nach politischer Vergeltung, militärischen Allianzen und Handelsrestriktionen, um ihren Niedergang zu verlangsamen. (49) Propaganda, das Schüren chauvinistischer Emotionen, indem die neu aufsteigende imperiale Macht zum Sündenbock erklärt wird, das Schmieden militärischer Allianzen zur „Einkreisung“ Chinas, all dies wird überhaupt keine Auswirkungen haben.

Sie haben China nicht daran gehindert, die wirtschaftlichen Verbindungen zu all seinen Nachbarn auszubauen. Es gibt keine Aussichten, dass sich dies in naher Zukunft ändern wird. China wird weiter mit zweistelligem Wachstum vorpreschen. Die USA werden sich weiterhin in chronischer Stagnation suhlen, nicht endende Kriege führen und verstärkt auf das Instrument politischer Subversion zurückgreifen und separatistische Regime fördern, die in absehbarer Weise kollabieren oder gestürzt werden. Im Unterschied zu etablierten Kolonialmächten früherer Perioden können die USA China den Zugang zu strategischen Rohstoffen nicht verweigern, wie es der Fall mit Japan war. Wir leben in einer postkolonialen Welt, in der die große Mehrheit der Regime Handel mit demjenigen betreiben wird, der den Marktpreis bezahlt.

Wenn die US-Elite gegenwärtig ratlos ist, wie sie Chinas Aufstieg zur Weltmacht eindämmen kann, so ist die Masse der US-Arbeiter ratlos, wie sie von einem militärisch gesteuerten Imperium zu einer produktiven Republik kommen können. Der ökonomische Verfall und die etablierten politischen und sozialen Eliten haben es vermocht, die Unzufriedenheit wirksam zu entpolitisieren; systematische ökonomische Krisen wurden umgewandelt in private, individuelle Schwächen. Auf lange Sicht muss es zum Zusammenbruch kommen.

Je länger es dauert, desto gewaltsamer wird die Wiedergeburt der Republik verlaufen. Imperien sterben nicht friedfertig; noch werden Finanzeliten, eingebettet in außergewöhnlichen Reichtum und Macht, ihre privilegierte Position friedlich aufgeben. Nur die Zeit wird zeigen, wie lange das amerikanische Volk diese Zustände ertragen wird.


(I) EIP = Established Imperial Power, RIP = Rising Imperial Power

(II) „Empire Building“ meint das Erschaffen eines Imperiums

(III) Unter der „Ursprungsregel“ („Content Rule“ oder auch „Rule of Origin“) versteht man, dass eine produzierte Ware einen bestimmten Anteil von Materialien enthalten muss, die nicht importiert sind, sondern lokal produziert wurden. In Freihandelszonen müssen Güter, die von Zöllen ausgenommen sind, einen bestimmten Anteil an Produkten aus den Ländern enthalten, die Mitglied der Freihandelszone sind.


Der Artikel erschien in deutscher Übersetzung zuerst in Hintergrund, Heft 3 / 2010, im Original erschien er unter dem Titel Rising and Declining Economic Powers: The Sino-US Conflict Deepens.

Der Autor: James Petras, geb. 1937 in Boston, ist emeritierter Professor für Soziologie der Saint Mary’s University in Halifax, Kanada. Er publiziert über politische Fragen Lateinamerikas und des Mittleren Ostens und veröffentlichte mehrere Bücher zum Einfluss der Israel-Lobby in den USA.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Ian Kershaw, Hitler: 1936-1945 Vol. 2 (London: 2008) According to the eminent scholar Frederick Clairmont “For Hitler, India was a model of a predatory colonial empire, ‘The Soviet Union will be our India’ he jubilantly declaimed”. “Operation Sea Lion: Looking Back” letter to colleague at the Sorbonne, April 2010.

(2) Gabriel Kolko The Politics of War (New York: Pantheon 1990)

(3) Chalmers Johnson, Nemesis: The Last Days of the American Republic (New York:  Metropolitan Books 2007)

(4) James Petras “The US and China: One Side is Losing, the Other is Winning” and “US and China:  Provoking the Creditor, Hugging the Holyman” petras.lahaine.org

(5) Herbert Bix  Hirohito and the Making of Modern Japan  (New York:  Harper Collins 2000)

(6) Edward Miller Bankrupting the Enemy:  The US Financial Siege of Japan before Pearl Harbor (Annapolis MD: United States Naval Institute Press 2007) esp. Ch. 6 “Birth of the Embargo Strategy”, Ch. 7 “Export Controls”, Ch. 10 “Japan’s Vulnerabilities: Strategic Resources”.

(7) James Petras and Morris Morley “The Imperial State” in James Petras et al Class, State and Power in the Third World (Montclair:  Allenheld and Osmun 1981)

(8) Defense Strategy for the 1990’s  published later as Defense Planning Guidance (draft 1992)

(9) Diana Johnstone, Fools Crusade: Yugoslavia, NATO and Western Delusions (Monthly Review:  NY  2002).

(10)The neo-conservative manifests is emblematic of this rising power elite see The Project for the New American Century (Information Clearance House) September 2000.

(11) On Israeli aligned US officials promoting the Iraq war see James Petras, The Power of Israel in the United States (Atlanta:  Clarity Press 2006).

(12) China’s kin-class ruling class has produced several hundred billionaires and probably the worst inequalities in Asia.  See the Financial Times (FT) March 30, 2010, p. 9.

(13) China’s promotion and the growth of new high tech industries has led to tighter controls on foreign tech multi-nationals, FT February 22, 2010, p. 2.  China has replaced the US as the biggest manufacturer of wind turbines and producer of “clean coal”, FT Special Report on Energy March 29, 2010.  On China’s increasing control of its economy see FT April 8, 2010, p. 9.

(14) Almost in every issue of the Financial Times there is at least one article blaming China for “global imbalances”.  See FT March 31, 2010, p. 3, FT April 6, 2010, p. 3 and p. 8.

(15) The US military budget has more than doubled over the past ten years, reaching one trillion dollars of which 70% is current expenditures in ongoing wars and preparation for new wars, the rest for pensions and other payments for past wars.

(16) Both in the case of Kenya and what was previously called Rhodesia (Zimbabwe), British imperial officials facing prolonged resistance agreed to an independence which included generous compensation for property losses to settlers.

(17) See Petras Power of Israel in the United States op cit; Zionism, Militarism and the Decline of the US Power (Atlanta:  Clarity Press 2008.)

(18) This is especially the case where the Zionist power configuration in the government has promoted sanctions against Iran, Syria and earlier against Iraq.  China has moved in with a 5 billion dollar investment in Iranian gas fields, one among many new investments, Global Research, March 8, 2010.

(19) By 2010 China, as well as India to a growing extent, was replacing the US as the main importer of Saudi oil. FT February 22, 2010, p. 4.

(20) Per capita Israel has the biggest armed forces, the most fighter planes and nuclear bombs in the world. Next to the US it has invaded more countries than all the rest of the Middle East countries combined.

(21) Chalmers Johnson, The Sorrows of Empire (Owl Books, New York 2005).

(22) Beginning with President Clinton (2000) and continuing through to Obama, the US has poured over 6 billion dollars into Colombia, backing the military, secret police and death squads.  The US has over a thousand military advisers and contract mercenaries operating in Colombia.  The military agreements with Brazil and the rest of Latin America are on a vastly lesser scale of intrusion.

(23) China’s displacement of the US as the dominant trading partner in major Latin American markets received only a tiny fraction of the attention that any visit by a prominent Israeli official.

(24) US clients were overthrown in Kyrgystan (2010), defeated electorally in the Ukraine (2009) and confronted by mass opposition after a disastrous military adventure in Georgia.

(25) James Petras, “US – Venezuela Relations:  Imperialism and Revolution”  petras.lahaine.org  January 5, 2010.

(26) See “China Mobile Group axes Google” FT  March 25, 2010, p. 1; FT February 22, 2010, p. 2.

(27) Congressional Research Services, “China’s Holdings of US Securities:  Implications for the US Economy” July 30, 2009.

(28) FT April 6, 2010, p. 8.  Provides an account of the US Senate’s blame China with charges of “currency manipulation”.

(29) Yang Yao “Renmibi Adjusted will not cure trade imbalances” FT April 12, 2010.

(30) Stephan Roach “Blaming China will not solve America’s Problems” FT March 30, 2010, p. 11.

(31) A typical report on “bubble fears” is in the FT February 22, 2010.  Two months later China had “cooled off” the bubble by forcing bank lending down by 43% in the first quarter.  Al Jazeera, April 15, 2010.

(32) Contrary to the charges of neglecting its domestic market, it is growing 15% over the past year. China’s imports are growing faster than their exports. See Jim O’Neill “Tough Talk on China ignore Economic Reality”, FT April 1, 2010, p. 9.

(33) FT April 12, 2010, p. 3.

(34) “Obama to press Hu on Teheran Sanctions”, FT April 13, 2010, p. 3

(35) At a G20 meeting the US circulated a letter condemning China but only five countries signed it. (The FT headline was deceptive). “G20 attack China on exchange rate”, FT March 31, 2010, p. 3.

(36) China is steaming ahead on clean energy, over taking the US during 2009 to become the leading investor in renewable energy technologies, a 79% rise in installed capacity in 5 years.  BBC News, March 26, 2010.

(37) FT April 12, 2010, p. 22. Growth projections based on first quarter of 2010.

(38) Al Jazeera, March 12, 2010.

(39) China Daily, March 24, 2010 for differences between US and Chinese approach to Afghanistan.

(40) The dynamic push to secure raw materials is illustrated by massive investments in iron mines in Russia and Africa, FT April 13, 2010, p. 17.

(41) Al Jazeera March 5, 2010.

(42) US-China trade now represents only 12% of total Chinese trade. FT March 30, 2010, p. 11.

(43) FT April 24/25 2010, p. 1. “Shanghai plans to equal New York as a global financial centre by 2020”.

(44) FT April 13, 2010, p. 19.

(45) “China vows to tackle the social divide” Al Jazeera March 5, 2010.

(46) For a similar call to “rebalance” the British economy from finance to manufacturing see Ken Coults and Robert Rowthorne U.K.: Either a Large Trade Surplus or Grim Prospects for Profits and the Fiscal Deficit cited in the FT April 14, 2010, p. 11.

(47) By a margin of over 300 to 10 US Congress people signed a letter scripted by the pro Israel AIPAC backing Israel and demanding Obama retracts his “pressure” on Israel to desist from seizing Palestinian property.  See FT April 24/25 2010, p. 3.

(48) Waikeung Tam, “Privatizing Health Care in China:  Problems and Reforms.”  Journal of Contemporary Asia Vol 40(1), Feb. 2010, p. 63-81.

(49) “US tightens missile-shield encirclement of China and Russia.”  Global Research, March 4, 2010.

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