Weltpolitik

„Das zwanzigste Jahrhundert kennt kein vergleichbares Verbrechen“

Die Eiszeit zwischen Polen und Russland bringt erstaunliche Geschichtsinterpretationen hervor –

Von ANDREAS VON WESTPHALEN, 22. April 2015 –

Gemeinsam begehen der polnische Premierminister Donald Tusk und der russische Regierungschef Vladimir Putin dem Jahrestag des Massakers von Katyn. Eine erste Annährung zwischen zwei Ländern, die eine sehr schwierige Geschichte verbindet. Diese Annäherung, die Hoffnung auf eine dauerhafte Verbesserung der nachbarschaftlichen Verhältnisse machte, geschah im Jahr 2010. (1)  

Fünf Jahre später herrscht zwischen Polen und Russland Eiszeit. Vladimir Putin ist bei der Gedenkfeier von Katyn nicht anwesend und der polnische Präsident Bronislaw Komorowski macht eine gewagte geschichtliche Aussage. Bezugnehmend auf das Massaker von Katyn, bei dem auf Befehl Stalins 22 000 polnische Kriegsgefangene ermordet wurden, sagt Komorowski: „Das zwanzigste Jahrhundert kennt kein vergleichbares Verbrechen“.(2) Es ist sicherlich sehr delikat, Menschenrechtsverbrechen im Hinblick auf ihre Schwere mit einander zu vergleichen. Noch delikater jedoch, die Behauptung aufzustellen, es gebe „kein vergleichbares Verbrechen“. Leider ist das 20. Jahrhundert bekannterweise sehr reich an unvergleichbaren Gräueltaten, von denen man behaupten könnte, so denn der Zwang zu einem Vergleich bestünde, wie ihn der polnische Präsident anstellt, dass sie „nicht vergleichbar seien“. Der Holocaust wäre ein Beispiel. Die Geschichtsinterpretation Komorowskis, die natürlich an die Adresse Moskaus gerichtet ist, macht sprachlos. Die Webseite der Tagesschau erwähnt die Aussage Komorowskis mit keinem Wort, sondern bemerkt hingegen, dass in Russland das Massaker von Katyn „keine Rolle“ spiele.(3) Eine Begründung für diese Behauptung bleibt der Artikel jedoch schuldig.

Die Befreiung von Auschwitz

Komorowskis historische Bewertung des Massakers von Katyn ist nicht die erste recht eigenwillige Geschichtsinterpretation eines polnischen Spitzenpolitikers, die gegen Russland gerichtet ist. Am 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, war Putin, Präsident jenes Landes, dessen Armee Auschwitz befreite, nicht anwesend, weil er nicht eingeladen wurde. Inwiefern eine offizielle Einladung die Standard-Prozedur war und Putin tatsächlich brüskiert wurde oder nicht, ist eine kaum zu klärende Frage.(4) Eindeutig ist hingegen, dass der 70. Jahrestag der Hintergrund für eine andere  eigenwillige Geschichtsinterpretation aus Polen war. Der polnische Außenminister Grzegorz Schetyna sagte in einem Interview, dass es die „Ukrainische Front und Ukrainer waren, die das Lager befreiten. Ukrainische Soldaten waren an dem Januartag dort und öffneten die Tore des Lagers“.(5) Es ist kaum anzunehmen, dass Schetyna nicht wusste, dass er – insbesondere in der angespannten Lage in der Ukraine – mit dieser Aussage Russland vor den Kopf stossen würde.

Seine Behauptung ist im besten Fall unwissender Unsinn, im schlimmsten Fall eine bewusste Beleidigung mit Hilfe einer Geschichtsverdrehung. Ein simpler Blick ins Geschichtsbuch hätte ausgereicht, um das festzustellen. Die „Ukrainische Front“ bedeutet nicht, dass alle ihre Soldaten Ukrainer waren. Historiker weisen darauf hin, dass diese Bezeichnung schlicht denjenigen Heeresteil benannte, der die Ukraine zurückeroberte und sich deswegen diesen Namen gab.(6)

Der russische Aussenminister Sergej Lawrow antwortete fassungslos: „Ich weiß gar nicht, wie ich das kommentieren soll. Die Rote Armee hat Auschwitz befreit. In ihr haben Russen, Ukrainer, Tschetschenen, Georgier und Tataren gekämpft. Hier mit nationalistischen Gefühlen zu spielen, ist verhöhnend und zynisch.“(7) Aber Schetyna legte noch eine Provokation drauf, wie Andrzej Szeptycki, Ukraine-Experte der Universität Warschau, berichtete: „Schetyna hat seine Mitarbeiter in die Archive geschickt. Sie sollten beweisen, dass der erste sowjetische Panzer, der die Mauer des Konzentrationslagers durchbrach, von einem Ukrainer gesteuert wurde. Das Ganze nimmt operettenhafte Züge an.“(8) Letztes Jahr zeigte sich der polnische Präsident Bronislaw Komorowski bei diesem Eklat um die bizarre Geschichtsdarstellung seines Außenministers auf der diplomatischen Höhe und kommentierte: „Wir wissen und wir erinnern uns daran, dass die meisten Soldaten, die in dieser Region Polens kämpften und das Lager Auschwitz befreiten, Russen waren.“ (9) Ein Jahr später benutzt er selber jedoch eine sehr eigenwillige Geschichtsschreibung.

Polen und Russland: Ein schwieriges Verhältnis

Die beiden Affronts gegen Russland müssen in einem größeren historischen und politischen Kontext gesehen werden. Nicht erst seit des Hitler-Stalin-Paktes und der Aufteilung Polens ist das Verhältnis zwischen den beiden Ländern schwer belastet. Allerdings gab es noch vor wenigen Jahren, wie eingangs angedeutet, sehr vielversprechende Annäherungen.(10) Zum 70. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf Polen lud der polnische Premierminister Donald Tusk Vladimir Putin zu den Gedenkfeierlichkeiten ein.(11) Ein Jahr später gedachten die beiden Politiker gemeinsam dem Massaker von Katyn.(12) 2012 riefen die geistlichen Führer der katholischen Kirche in Polen sowie der russischen Orthodoxie zu einer Versöhnung zwischen den beiden Nationen auf.(13)

Tragischerweise war die Annäherung jedoch vom ersten Tag an durch ein aktuelles Ereignis stark belastet. Ausgerechnet auf dem Flug zur Gedenkfeier des Massakers von Katyn 2010 stürzte die Maschine des damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und Vertretern der politischen und militärischen Elite Polens ab.(14) Manche Polen sprechen vom „Fluch von Katyn“(15), andere jedoch vom „Zweiten Katyn“(16). Noch zwei Jahre nach dem Absturz hielten es 26 Prozent der Polen für möglich, dass der Absturz ein Attentat war und eine polnische Zeitung behauptete Sprengstoffspuren seien im Wrack gefunden worden.(17) Ein polnischer Film vertritt sogar die These, Russland und die neue polnische Regierung steckten hinter dem Absturz.(18)

Weder der russische noch der polnische Untersuchungsbericht belegen ein Fremdeinwirken, doch das ändert den Argwohn nicht. Dieser wird sicherlich auch dadurch angestachelt, dass Russland erst nach vollständigem Abschluss der Untersuchungen bereit ist, das Flugzeugwrack an Polen zu übergeben. (19) Ebenso belastend ist, dass 2012 ein wichtiger Zeuge erhängt aufgefunden wurde (20) und ein polnischer Militärstaatsanwalt sich am Ende einer Pressekonferenz, bei der er verneinte, dass die Staatsanwaltschaft Journalisten überwache, die den Flugzeugabsturz untersuchten, einen Selbstmordversuch beging.(21) Vor wenigen Tagen veröffentlichte die polnische Militärstaatsanwaltschaft die Abschrift des Flugschreibers.(22) Es bleibt abzuwarten, inwiefern dies die Einschätzung vieler Polen ändert.

Neues Selbstbewusstsein

Dass sich das Verhältnis zwischen Polen und Russland seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine, die zwischen den beiden Ländern liegt, deutlich verschlechtert hat, ist nicht überraschend. Polen bildet mit Frankreich und Deutschland das sogenannte „Weimarer Dreieck“, dem die Ausarbeitung des Abkommens „Minsk II“ gelang. (In gewissem Masse hatte vor einigen Jahren noch bezeichnenderweise Russland die Rolle Polens inne, als es sich in der sogenannten „Achse Paris-Berlin-Moskau“ gegen den zweiten Irak-Krieg aussprach). Aber Polen zeigt nicht nur diplomatischen Einsatz, Selbstbewusstsein und Verantwortung, sondern bezieht im eigenen Land eine sehr klare Haltung zum Ukraine-Konflikt.

Im Frühling 2014 kamen die USA und Polen überein, eine gemeinsame Militärübung in Polen auszuweiten (23) und die NATO verstärkte seine militärische Präsenz mit einer schnellen Eingreiftruppe, einer sogenannten „Speerspitze“ (24), die in naher Zukunft ihren Sitz in Stettin haben soll.(25) Polen stellt Freiwilligenbataillone auf (26), rüstet sich mit deutschen Waffen auf (27), und bietet der Ukraine selber Waffen an. (28) Letzter Schritt in der Verschlechterung der Beziehungen dürfte die russische Androhung sein, das polnische Konsulat in Sankt Petersburg wegen Mietrückstandes zwangsräumen zu lassen. (29)

Damit geht die schleichende Konfrontation zwischen beiden Staaten weiter, die nach der Auflösung des Warschauer Paktes eskalierte, als Polen wünschte, unter den NATO-Raketenabwehrschirm zu schlüpfen. Russland empfindet den Schirm bei aller Beteuerung der NATO, dieser sei rein defensiv, als eine Gefahr, weil er das Gleichgewicht der atomaren Bedrohung einseitig außer Kraft setze. Von Russland geforderte Garantien gab es bis heute nicht. (30) Bis 2018 soll ein landgestützte AEGIS-System mit SM-3-Abfangraketen in Polen fertiggestellt werden. (31)

Bedenklicher Zeitpunkt für Eklat

Die Lage zwischen Polen und Russland ist sehr angespannt und es ist schwierig, den historischen Vergleich von Präsident Komorowski nich als einen wohlkalkulierten außenpolitischer Eklat zu werten. Die Sowjetunion hat durch Hitlers Ostfeldzug zwischen 20 und 47 Millionen Menschen verloren. Mehr als die Hälfte davon Zivilisten. Allein durch die deutsche Blockade Leningrads, deren geplantes Ziel nicht die Erzwingung der Kapitulation, sondern das konsequente Aushungern der Stadt war, starben mehr als eine Millionen Menschen. Desweiteren starben mehr als drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener. Allein zwei Millionen verhungerten zum Großteil bereits 1941.

Es ist nachvollziehbar, dass Katyn für Polen ein schweres Trauma darstellt, für das die Sowjetunion erst unter Michail Gorbatschov die Verantwortung übernahm, und dass Polen ein tiefes Misstrauen gegenüber Russland hegt. Ebenso ist es aber sehr verständlich, dass Russland angesichts der unvorstellbaren Opferzahlen des Zweiten Weltkrieges höchst empfindlich auf die äusserst bedenklichen Geschichtsinterpretationen über Auschwitz und Katyn reagieren. In Zeiten schwelenden Konflikts sieht so definitiv kein Annäherungsversuch aus. Von westlichen Politikern oder größeren Medien gab es bisher leider keine Reaktion auf die Geschichtsverzerrung von Katyn.


 

Anmerkungen

1 http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-massaker-von-katyn-annaeherung-ueber-graebern-1.22095
2 http://www.president.pl/en/news/news/art,805,president-tributes-katyn-massacre.html
    http://www.thenews.pl/1/9/Artykul/202425,Poland-commemorates-75th-anniversary-of-Katyn-massacre
    https://www.jungewelt.de/2015/04-04/057.php
3 http://www.tagesschau.de/ausland/katyn-gedenken-101.html
4 http://www.heise.de/tp/artikel/43/43967/1.html
5 http://www.polskieradio.pl/13/53/Artykul/1357818,Rozmowa-dnia-Grzegorz-Schetyna
http://www.deutschlandfunk.de/polen-gedenkfeier-in-auschwitz-ohne-putin.795.de.html?dram:article_id=309739
http://www.deutschlandfunk.de/polen-gedenkfeier-in-auschwitz-ohne-putin.795.de.html?dram:article_id=309739
http://www.deutschlandfunk.de/polen-gedenkfeier-in-auschwitz-ohne-putin.795.de.html?dram:article_id=309739
9 http://www.heise.de/tp/artikel/43/43967/1.html
10 http://www.heise.de/tp/artikel/44/44466/1.html
11 http://www.heise.de/tp/artikel/31/31057/1.html
12 http://www.heise.de/tp/news/Das-gemeinsame-Leid-verbindet-uns-1990521.html
13 http://www.heise.de/tp/news/Umstrittene-Annaeherung-2006516.html
14 http://www.heise.de/tp/artikel/32/32424/1.html
15 http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/polen-und-der-fluch-von-katyn-1.5422919
16 http://www.fr-online.de/politik/lech-kaczynski-eine-frage-des-glaubens,1472596,30388076.html
17 http://www.zeit.de/2012/46/Polen-Kaczynski-Verschwoerung/komplettansicht
18 http://www.heise.de/tp/news/General-mit-0-6-Promille-2026367.html
19 http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-04/smolensk-polen-flugzeugunglueck-blackbox
20 http://www.welt.de/politik/ausland/article110397784/War-Lech-Kaczynskis-Tod-doch-ein-Attentat.html
21 http://www.bbc.com/news/world-europe-16494609
22 http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-04/smolensk-polen-flugzeugunglueck-blackbox
23 http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-konflikt-usa-weiten-manoever-in-polen-aus-a-957762.html
24  http://www.faz.net/aktuell/politik/manoever-mit-der-bundeswehr-die-nato-testet-ihre-speerspitze-13529746.html
25  http://www.jfcbs.nato.int/jfcbrunssum/operations/nato-response-force/nato-response-force-nrf-fact-sheet.aspx
26  http://www.heise.de/tp/artikel/44/44128/1.html
27  https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/2014/06-19/039.php
28 http://www.handelsblatt.com/politik/international/annaeherung-an-den-westen-polen-bietet-ukraine-waffen-an/11133096.html
29 http://www.heise.de/tp/artikel/44/44427/1.html
30  http://www.handelsblatt.com/politik/international/raketenabwehr-in-europa-russland-haelt-schnelle-einigung-fuer-moeglich/4074408.html
31  www.militarytimes.com/article/20140419/NEWS08/304190029/Navy-s-European-missile-sites-move-forward     http://www.heise.de/tp/artikel/41/41562/1.html

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