Der Platz des Westens in einer Welt nach dem Verlust seiner Hegemonie
Um die Frage "Wo kann der westliche Block seinen Platz in dieser Welt finden?" ging es in einer Diskussionsrunde des Waldai-Clubs in Russland im Oktober 2025, an der Gábor Stier, Chefredakteur des ungarischen Fachportals #Moszkvatér, teilnahm. Der Artikel ist die redigierte Fassung seiner in Sotschi gehaltenen Rede.
Foto: TheDigitalArtist; Quelle: Pixabay; LizenzDer Westen, wie wir ihn kannten, existiert nicht mehr – stellte Ursula von der Leyen im April dieses Jahres fest. Die Präsidentin der Europäischen Kommission soll dabei jedoch kaum daran gedacht haben, dass das heutige Europa in vielerlei Hinsicht immer mehr an die ehemalige Sowjetunion erinnert. Die liberalen Ideen, die den geopolitischen Westen untermauerten, sind entwertet, die Freiheit ist zunehmend eingeschränkt, autoritäre Tendenzen, Zensur, die Ausgrenzung von Meinungen, die vom Mainstream abweichen, haben zugenommen, und die Sauberkeit von Wahlen ist oft fraglich. Die Führungspersönlichkeiten der Europäischen Union, die mit einer immer tieferen Krise kämpfen, legen heute oft keinen Wert mehr auf den Anschein.
Im Krisenmodus befindet sich auch das auf Ausbeutung basierende Modell des Kapitalismus. Der Westen konnte die ausbeuterische Struktur etwa fünfhundert Jahre lang aufrechterhalten, aber er hat sich nicht darauf vorbereitet, was passiert, wenn die zur Ausbeutung ausersehene Beute sich nicht ergibt. Was passiert, wenn der Sklave aufsteht und geht? Der Zwang zum Wachstum erfordert Gewalt, aber für Kriege braucht man Stärke, und der westliche Block – und insbesondere Europa darin – wird immer schwächer.
Neben den äußeren Umständen, der Entwicklung der globalen Kräfteverhältnisse, hat auch die innere Umgestaltung des Westens maßgeblich zu den gegenwärtigen Zuständen beigetragen. Denken wir nur an die übereilte Umsetzung von ökologischen Zielen und Identitätspolitiken sowie an einen wahrgenommenen Verlust an Führungspersönlichkeiten in der Politik. Es gibt immer weniger charismatische Politiker, dafür aber mehr Vasallen. So überrascht es nicht, dass in der westlichen Politik das Fehlen einer strategischen Vision immer deutlicher zutage tritt.
Die Welt tritt nicht nur wegen des Aufstiegs Chinas, Indiens und anderer Mächte, sondern auch wegen des Zerfalls der westlichen Gemeinschaft selbst in eine Post-West-Ära ein. Die zweite Amtszeit von Präsident Donald Trump beschleunigt dem Anschein nach die Spaltung zwischen den Vereinigten Staaten und ihren wichtigsten Verbündeten.
Der sich im westlichen Block zuspitzende Kulturkampf, der Gegensatz zwischen der Woke-Ideologie und den auf traditionellen Werten basierenden Konservativen, zerstört nicht nur den inneren Zusammenhalt und zwingt zur Seitenwahl, sondern schwächt auch die Stärke des Westens, die sogenannte Soft Power. Auch der technologische Vorsprung schwindet; bei der Künstlichen Intelligenz (KI) beispielsweise liegen die USA und China bereits Kopf an Kopf. Hinzu kommt, dass chinesische Produkte billiger sind. Doch auch Dogmen wie die Absolutierung des freien Wettbewerbs und die Zurückhaltung bei der entschlosseneren Stärkung der Rolle des Staates behindern die Entwicklung und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist der profitorientierte militärisch-industrielle Komplex, der vorrangig seine eigenen finanziellen Ziele verfolgt, statt den nationalen Interessen zu dienen.
Die Ursachen der Krise des Westens ließen sich noch weiter aufzählen, aber das Wesentliche ist, dass die liberale internationalistische Weltordnung, die auf der globalen Führungsrolle Washingtons, der Verbreitung der Demokratie, dem Freihandel und dem Primat internationaler Institutionen (UNO, WTO, NATO) beruhte, nun der Vergangenheit angehört.
Das darauf aufgebaute strategische Modell ist heute nicht mehr tragfähig und hat sich sogar als kontraproduktiv erwiesen. Paradoxerweise hat es einerseits gerade die Hauptkonkurrenten der US-amerikanischen Hegemonie, allen voran China, gestärkt, während es sich Westeuropa unter den Sicherheitsgarantien der USA äußerst bequem gemacht hat. Die komfortable Ära der Hegemonie nach dem Kalten Krieg ist vorbei. An ihre Stelle ist ein viel komplexerer techno-industrieller Wettbewerb getreten, bei dem das wahre Maß der Macht nicht mehr militärische Stärke, sondern Produktionskapazität und technologische Souveränität sind. Die Welt wird in eng verflochtene technologische und wirtschaftliche, zugleich aber lose politische und militärische Regionen zerfallen.
Während des Kalten Krieges präsentierte sich der Westen als eine kohärente geopolitische Entität, die der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten gegenüberstand. In diesem historischen Kontext begründete die Eindämmungs-Doktrin den bis heute existierenden geopolitischen Westen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfiel dieser in einen Rausch des Sieges und wurde ohne einen ebenbürtigen Rivalen zunehmend selbstgefällig, was seinen Niedergang beschleunigte.
In den 1990er Jahren zerfiel diese Gemeinschaft jedoch noch nicht in konkurrierende Blöcke und strebte auch nicht danach, die US-Hegemonie zu untergraben. Im Gegenteil, es herrschte die weit verbreitete, wenngleich naive Erwartung vor, dass die Gemeinschaft der Markt-Demokratien – sprich der Westen – unaufhaltsam expandieren würde. Statt der erwarteten Universalisierung des Westens stiegen jedoch andere Groß- und Regionalmächte auf. Diese forderten zunehmend nicht nur eine Mitsprache bei der Gestaltung globaler Angelegenheiten, sondern stellten mitunter sogar die Grundprinzipien der vom Westen etablierten Ordnung infrage.
Der Westen ist in der Zwischenzeit immer stärker zersplittert, das Vertrauen in transatlantische und andere Allianzen erodiert, und diese Gemeinschaft verschiebt sich spürbar von der geopolitischen und ideologischen Solidarität hin zu einem zivilisatorisch fundierten Konzept. Auch früher stellten zeitweilige Spaltungen und Spannungen die westliche Solidarität auf die Probe, aber keine davon stellte die Einheit des Westens vor eine so ernste Herausforderung wie die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus. Trumps Wende schockierte die engsten Partner der Vereinigten Staaten, und im Frühjahr 2025 hielten nur 28 Prozent der europäischen Befragten die Vereinigten Staaten für einen zuverlässigen Verbündeten, verglichen mit über 75 Prozent ein Jahr zuvor.
Es stellt sich immer dringlicher die Frage, ob man heute überhaupt noch von einem einheitlichen oder kollektiven Westen sprechen kann.
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GÁBOR STIER (Jg. 1961) ist Journalist in Ungarn für Außenpolitik, Analytiker und Publizist. Er ist Gründer und Chefredakteur von #moszkvater, einem Portal über die slawische Welt und den postsowjetischen Raum. Zuvor war er 28 Jahre lang bei der konservativen ungarischen Tageszeitung Magyar Nemzet („Ungarische Nation“) tätig, für die er auch als Moskau-Korrespondent gearbeitet hat. Er schreibt regelmäßig für außenpolitische Fachzeitschriften und ist Autor von The Putin Mystery (2000).