Weltpolitik

Giftspuren: Türkischer Staatspräsident Turgut Özal könnte ermordet worden sein

Von REDAKTION, 2. November 2012 –

Bei einer Autopsie des vor fast 20 Jahren gestorbenen ehemaligen türkischen Staatspräsidenten Turgut Özal (geb. 1927) sind einem Zeitungsbericht zufolge Hinweise auf eine Vergiftung gefunden worden. Ermittler hätten in sterblichen Überresten verdächtige Spuren von Strychnin festgestellt, berichtete die türkische Zeitung Bugün am Freitag. Für den Bericht gab es keine offizielle Bestätigung.

Eine mit der Untersuchung beauftragte Expertengruppen wollte sich nicht äußern, ob es ein Giftmord war oder nicht. Das Gutachten dazu sei noch nicht fertig, sagte der Präsident des Forensischen Institutes ATK, Haluk Ince, am Freitag verschiedenen TV-Sendern. Das Ergebnis der Untersuchung werde dann der Staatsanwaltschaft in Ankara zugestellt.

Staatsanwälte gehen Hinweisen auf eine mögliche Ermordung des Politikers nach, nachdem Zeugen über verdächtige Umstände des Todes berichtet hatten. Auch Özals Familie geht von einem Mord aus und fordert die Aufklärung möglicher Hintergründe. Özal war im April 1993 gestorben, der Leichnam wurde jedoch damals nicht forensisch untersucht. Als Todesursache sei Herzversagen diagnostiziert worden. Özal war herzkrank gewesen und musste sich bereits 1987 einer Bypass-Operation unterziehen.

Doch es gibt auch Verdachtsmomente, die für eine unnatürliche Todesursache sprechen. Fünf Jahre vor seinem Tod hatte Özal einen Attentatsversuch überlebt. Seit Jahren wird darüber spekuliert, ob rechtsgerichtete Kräfte in der Armee und im Staatsapparat beschlossen haben könnten, „den Präsidenten zu beseitigen, weil er eine Initiative zur Lösung des Kurdenkonflikts vorbereitete“. (1) Schließlich regten Sonderermittler des Präsidialamtes in Ankara die Exhumierung der sterblichen Überreste Özals an, die dann Anfang Oktober im Beisein von Staatsanwälten und Polizisten in Istanbul erfolgte. Teile seiner Leiche waren Medienberichten zufolge weitgehend erhalten.

Nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 war der gelernte Elektroingenieur und in den USA ausgebildete Leiter des Sekretariats der staatlichen Planungskommission als stellvertretender Ministerpräsident in der Regierung von Bülent Ulusu zunächst verantwortlich für Wirtschaft gewesen. Zuvor hatte er außerdem als Berater für Industrie- und Bergbauprojekte bei der Weltbank gearbeitet und war „in leitenden Positionen in verschiedenen Unternehmen des Privatsektors in den Sparten Eisen und Stahl, Automobilindustrie, Banken, Textilien, Lebensmittel und Gießereien tätig. 1977 wurde er in den Verwaltungsrat der Arbeitgebervertretung der metallverarbeitenden Industrie (MESS) und zu dessen Vorsitzendem gewählt“. (1)

Özal war also ein Mann des Industriekapitals, als er den Vorsitz der von ihm im Jahr 1983 gegründeten Mutterlandspartei (ANAP) übernahm, die dem liberalkonservativen Spektrum zugerechnet wird. Die von ihr gestellten Regierungen unter Ministerpräsident Özal (1983 bis 1989) und Mesut Yilmaz (mit mehreren kurzen Amtszeiten in den Jahren zwischen 1991 und 1999) setzten die Privatisierung und die Zurückdrängung des staatlichen Einflusses auf die Wirtschaft durch. Am 14. April 1987 stellte Özal als Regierungschef den Antrag auf Beitritt seines Landes zur Europäischen Union. Von Oktober 1989 bis zu seinem Tod am 17. April 1993 war Turgut Özal Staatspräsident.

Konnte die ANAP in den Jahren nach dem Ende der Herrschaft des Militärs zunächst noch die absolute Mehrheit erreichen, verlor die unter Korruptionsverdacht stehende Partei danach kontinuierlich und am Ende dramatisch an Stimmen. 2002 verpasste sie sogar den Einzug in die türkische Nationalversammlung. Mit nur 5,12 Prozent der Stimmen lag sie unter der in der Türkei geltenden Zehn-Prozent-Hürde.

(mit dpa)

(1) http://derstandard.at/1347492833188/Leiche-des-tuerkischen-Ex-Praesidenten-Oezal-wird-exhumiert

(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Turgut_%C3%96zal

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